Verurteilen ist immer gut

Finden Sie es gut, wenn ein Selbstmordattentäter sich in die Luft sprengt, um möglichst viele Menschen, alte und junge, Frauen und Männer, Kinder, Säuglinge, weißer, schwarzer, roter, gelber oder grüner Hautfarbe, Atheisten, Deisten, Katholiken, Protestanten, Moslems, Juden, Hindus, Menschen, die gerade für das Abendessen einkaufen waren oder zum Friseur gehen wollten usw. usw., mit sich in den Tod zu reißen, die ihm nie etwas getan haben und nur zufällig gerade an dem Ort sind, den er sich für sein Attentat ausgesucht hat?
Nein? Nein! Schrecklich! Es ist schon extrem böse. Und wir sind sicher, dass er dafür im Jenseits, wenn es es gibt, weder auf diverse Jungfrauen noch ersatzweise auf diverse Fruchtkörbe als Lohn rechnen kann, sondern in der Hölle schmoren muss. Die ihm dort blühenden Folterungen auszumalen überlassen wir Hieronymus Bosch.
So, nun wird es aber Zeit; die Politiker haben es bereits hinter sich gebracht:
Auch wir verurteilen an dieser Stelle solche Attentate aufs entschiedenste,
auch wenn es wahrscheinlich weder bei den Opfern noch bei den Tätern etwas bewirkt. Verurteilen ist immer gut. Leider steht schon jetzt fest:
Ins Fernsehen kommen wir damit nie.
Es ist ein Jammer!
Aber da Verurteilen ja nun immer gut ist und wir uns deshalb – auch vor dem Fernseher – dazu verpflichtet sehen, ist es uns wichtig, zu sagen, dass wir in unserer entschiedensten Verurteilung – im Gegensatz zu den professionellen, staatsmännischen bzw. staatsfrauischen Verurteilern –  darauf verzichten, sie stereotyp „feige“ zu nennen.  Ist Feigheit eigentlich etwas besonders Fieses? Und waren sie “feige”?
Ob sie mutig handeln, sei dahingestellt, wenn sie so sicher glauben, mit ihrem eigenen Tod im nächsten Augenblick bei den leckeren Jungfrauen zu landen, auch wenn es in Wirklichkeit nur leckere Fruchtkörbe sind.
Aber obwohl es leider niemanden interessiert, wenn wir oder die Staatsmänner bzw. Staatsfrauen die Attentate auf das entschiedenste verurteilen, und das Ganze – und folglich auch dieser Beitrag – eigentlich nicht der Rede wert ist, möchten wir trotzdem darum bitten, dass sich die offiziellen Verurteiler für künftige Verurteilungen mal für wenige Minuten mit ein paar Schriftstellern und Sprachwissenschaftlern zusammensetzen und gemeinsam nach einem passenden Attribut als Ersatz für “feige” suchen. Oder ist die Formulierung fest vorgeschrieben, so dass jeder, der sie nicht benutzt, mit Amtsenthebung rechnen muss?

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