Ungemein

Die meisten Autoren von Rezensionen sind offenbar selbst Künstler. Sie mögen dies allerdings nicht lauthals verkünden, sondern tun dies auf ganz verschämte Weise durch ihre ungemeine Sprachakrobatik. So ist dann in so einer Rezension einer Theateraufführung nicht von Psychologie die Rede, sondern von – hoho, hoho! – „Kernspintomografie“, und Alliterationen werden ungemein gerne genommen, am besten antithetisch oder gar (besonders tiefsinnig!) paradox: „wehmutswitziger Abend“, „Brust raus, Blues rein“. Wenn dann auch noch Stilebenen konkurrieren, salopp von „Chuzpe“ die Rede ist, aber auch in französischer Bildungssprache von „wie zu Tableaux vivants arrangierten Figuren“ oder wenn es heißt, dass Kernspintomografie“ mit „starke[r] Konzentration und enorm formwillige[r] Konsequenz“ – na, welches Verb folgt nun? – „durchgezogen wird“, dann müsste der Leser „tunlichst“ in eksatischer Verzückung ungemein zu sabbern beginnen. Die Formulierung in der exemplarischen Rezension von Christine Dössel aus der SZ1 vom 6.4.13, spricht aber nicht von Sabbern, sondern befindet nur, dass die erwähnte „enorm formwillige Konsequenz“ „doch sehr bezwingend“ sei. Von diesem den Leser – nicht wahr? – einbeziehenden Plauderstil wird wieder schnell auf Rilke-Niveau heraufgeschnellt: „Der Sommer war sehr groß?“ – nein: „Jeder ist in Winzigkeiten berührend groß.“ oder auf Brentano/Eichendorff: „Steht mit ihrem E-Bass da und singt so wehmütig schön, dass man seufzen möcht’.“

Ein eigenes Kunstwerk sind die ungemein ,erhellenden‘ Vergleiche: Die Schauspieler sind „einfach blitzgenau“, „hinreißend in ihrem leuchtenden Beisichsein“, und einzelne gar stechen (!!!) „leuchtraketenartig heraus“. Das ist wahrhaftig aufklärerisch im eigentlichen Sinne.
Ob man einer solchen Rezensentin – der Name Dössel tut hier nun aber wirklich auch gar nichts zur Sache – ein vernünftiges Urteil über eine Inszenierung zutrauen kann, ist eine ganz andere Frage. Aber eines steht fest: „wehe, wenn sie ihre Blicke schleudert, dann besteht höchste Frostgefahr.“

1Brust raus, Blues rein – Tschechow-Kernspintomografie „Onkel Wanja“, wehmutswitzig in den Münchner Kammerspielen

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