Der Listenreiche!

In Brasiliens besten Kreisen herrscht unverhohlen große Freude, obwohl noch gar kein Karneval ist. Denn ihr korrupter Präsident Temer – ein mitgeschnittenes Telefonat ist u.a. ein eindeutiger Beweis für seine Korruptheit  – hat erfolgreich verhindert, dass der Staatsanwalt ihn vor Gericht bringen kann. Dafür hätte eine Mehrheit der Abgeordneten des Parlaments, das auch als durch und durch korrupt gilt, die Anklage billigen müssen. „So flossen in den letzten Tagen umgerechnet eine Milliarde Euro an Abgeordnete, die gelobten, für Temer zu stimmen.“ ((Tagesspiegel 3.8.17)) Auch die Unternehmer waren vermutlich wieder spendabel. Sie lieben und lenken Temer, den Listenreichen, aus vollen Herzen und Taschen. Wohin man blickt, Gewinn, Gewinn, Win, Win und nochmal Win – wenn man nur nicht überall hinblickt. Wirtschaft fördern, Sozialausgaben kürzen: Die FDP blickt neidisch nach Brasilien. Natürlich muss es auch Verlierer geben. Nicht erst von Robert Mercer, amerikanischem Milliardär  und Förderer von Trump und Bannon, wissen wir: Armut ist eine Schwäche, die nicht auch noch mit Almosen aus Steuergeld unterstützt werden darf. ((Thorsten Denkler Süddeutsche Zeitung 21.8.17)) Man ahnt, wer die fünf Prozent sind, die Temers Politik zustimmen. ((Könnten es die Vertreter wirtschaftlichen Sachverstandes mit ihrem Engagement für die – wirtschaftliche – Freiheit sein?))  Nachdem Temer, auch genannt der Teppichhändler, diesmal mit Geld nichts erreicht zu haben scheint, beantragte er beim Obersten Gerichtshof wegen der Ermittlungen gegen ihn und angeblicher Parteilichkeit die Suspendierung des Staatsanwalts. Der Staatsanwalt aber ist ein sehr schlechter Verlierer, da er weitere Anklagen gegen Temer vorbereitet. Das kann nun aber natürlich Temer nicht dulden. Eilig traf sich Temer, da die Amtszeit des Staatsanwalts ja schon im September endet, mit seiner Stellvertreterin, allerdings in direktem Gespräch – ganz ohne Telefon. Ach, zu gerne wüsste man, was er von ihr wollte. Aber das verrät er nicht. Der Mann ist eben ein Fuchs!

Brasilien, nun mach schon!

Was haben wir uns gefreut, als in Brasilien Michel Temer putschte, indem er Dilma Roussef in einem zugegeben dubiosen Amtsenthebungsverfahren absetzte und an ihre Stelle trat: Olympisches Gold im Klassenkampf!
Zwar wussten wir, dass er und seine Leute reichlich korrupt waren – so musste er sechs seiner Minister in den ersten Monaten wegen Korruptionsvorwürfen entlassen und er selbst wird auch von einem wegen Korruption verurteilten Bauunternehmer schwer belastet -; zwar wird er momentan von weniger als zehn Prozent der Bevölkerung unterstützt, aber das alles wiegt wenig angesichts seiner wirtschaftsfreundlichen Reformansätze (Haushaltsbremse auf Kosten der Bildungs-, Gesundheits- und Sicherheitssysteme, also auf Kosten der Armen[ref]Ein Berater der UNO soll von einer “Verletzung der Menschenrechte” gesprochen haben. Ts, ts![/ref]), die das Land wieder für Spekulanten bzw. Investoren interessant machen sollen. Wenn sich bisher die Krise leider nur verschärft (Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um 0,8% gesunken)hat, so besagt das überhaupt nichts, weil laut dem neoliberalen Naturgesetz sich am Ende todsicher alles zum Guten wenden wird.

Sie fragen – wir antworten

– Wie konnte es passieren, dass das brasilianische Parlament gegen die Präsidentin Dilma Roussef mit großer Mehrheit ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet hat, obwohl doch Roussef durch eine Mehrheit an die Regierung gekommen ist und diejenigen, die das Verfahren gegen sie in Gang gesetzt haben, also Temer und Cunha, offensichtlich korrupt sind und einer ihrer Anführer, der Abgeordnete Jair Bolzonaro, potenzieller Präsidentschaftskandidat, sogar genüsslich lächelnd den ehemals unter der Diktatur Verantwortlichen für die Folterung Roussefs rühmt?
– Die Antwort ist in diesem Fall leicht: Sechzig Prozent der Abgeordneten, die 28 Parteien angehören[ref]70% der Wähler erinnern sich  nicht, welcher Partei der gewählte Kandidat angehört, was verständlich ist, da die meisten Parteien kein anderes Ziel als die eigenen Karrieren verfolgen. Gewählt wurde u.a. auch mit 1,3 Millionen Stimmen Francisco Oliveira Silva, ein Clown,der mit der Parole antrat: Was tut ein Abgeordneter? Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht, aber wählt mich, dann erzähle ich es euch. [/ref], stehen unter Korruptionsverdacht. Und die Aufrührerischen aus dem rechten Lager verfügen über viel, viel Geld.
– Oh, glückliche Bundesrepublik?!
– Ja, wahrscheinlich.

– Warum hat der ukrainische Präsident und Schokoladenkönig Poroschenko seine Schokoladenfabriken nicht, wie bei der Kandidatur versprochen, mit dem Amtsantritt verkauft?
–  Dumme Frage. Er war doch nun Präsident.
– Und warum haben sie ihn überhaupt gewählt, obwohl ihm doch sein Hang zum rücksichtslosen Geldscheffeln ins Gesicht geschrieben steht?
– Die Wähler erliegen immer wieder dem Irrglauben, dass, wer so schlau für sich Reichtum schaffen konnte, das Gleiche auch für alle anderen tun wird. Sie ignorieren, dass es ihm doch gerade darum geht, mehr Geld zu haben als alle anderen, die soziale Rangordnung zu zementieren.
– Das wäre ja Klassendenken. Die Klassen sind doch aber abgeschafft?!
– Ach, so?

– Ist es nicht unglaublich, dass die Krankenhäuser ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Menschen unnötige Operationen durchführen, nur um Geld zu verdienen?
– Nein.

– Angeblich haben 86% der Schwarzen bei den Vorwahlen in den USA für Clinton gestimmt[ref]In der Bronx erhielt Clinton 39% Stimmen mehr als Sanders.[/ref] und auch ein übermäßig hoher Anteil der Latinos. Haben denn wenigstens die Rothäute für Sanders gestimmt?
– Hoffentlich. Das könnte ein wenig trösten, doch darüber ist nichts bekannt.

– „Rotary vereint Persönlichkeiten aus allen Kontinenten, Kulturen und Berufen, um weltweit Dienst an der Gemeinschaft zu leisten.“ So steht es auf ihrer Website. Sie verfolgen eine „gemeinsame Vision“: „Sie wollen denen zur Seite stehen, die sich nicht selbst helfen können.“ Wieso haben sie dann Offshorekonten?
– Nun ist aber Schluss mit der Fragerei. Ihre Fragen sind alle so negativ. Das hält ja kein Mensch aus. Wollen wir nicht lieber an etwas Schönes denken, z.B. Paris, den Frühling, die Liebe … Singt es nicht schon in Ihrem Inneren? „Meine kleine ‘erz macht tick-tack für die Liebe, Meine kleine ‘erz macht tick-tack für l’amour …“
(https://www.youtube.com/watch?v=EDSkQy1ZXvI)