Proust, nicht Pust. Ein Poesiekurs

Das ist Maria Rilke.

Das ist Rainer Rilke.

Das ist Proust.

Das ist Pust.

Es ist hohe Zeit, dass der Bildungsbürger endlich lernt, was außer Rainer und Maria Rilke noch wahre Poesie ist, und dadurch befähigt wird, zwischen Pust und Proust zu unterscheiden.
Einige wenige Beispiele aus Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ((Frankfurt a.M. 1979. Bd 2. S.885 ff. „A la recherche du temps perdu. A l’ombre des jeunes filles en fleur. 2e partie. Gallimard 1919. p.91)) sollen uns als Muster dienen, wie wir Banales mit dem Glitzerzauber der Poesie verbrämen können.
So beschreibt Marcel, das erzählende Ich, z.B. das offenbar hurtige Verspeisen zweier wohlschmeckender Seezungen durch ihn und seine Großmutter sowie vor allem die Reste dieses Mahles, die auf dem Teller verbliebenen Gräten, in folgender Weise:
„(…)während (…) wir aus einer ledernen Kalebasse einige goldene Tropfen Zitrone auf zwei Seezungen verteilten, die bald auf unseren Tellern nur den Federbusch ihrer Gräten, wie eine Feder gekräuselt und wie eine Zither tönend übrig ließen” („das flatternde, gleich einer Feder gelockte und wie eine Zither summende Gerüst der Gräten“ – so lautet die Übersetzung von Eva Rechel-Mertens).
Der Fisch wurde im Hotel Central in Balbec offenbar unter Hinzufügung weniger Tropfen Zitronensaft verspeist. Damit dieses Detail nicht banal erscheint, ist hier bereits wichtig die Erwähnung der besonderen Art des den Zitronensaft bergenden Gefäßes, das zunächst einmal keinesfalls nur eine einfache, die Phantasie kaum beschäftigende Flasche sein darf, sondern eine Kalebasse (“gourde de cuir”), dann aber auch die Farbe des Zitronensaftes, die nicht etwa nur unansehnlich milchig hell sein darf, sondern auf den nicht nur die Farbe der Fruchtschale übertragen wird, sondern der auch durch das Steigern von „gelb“ zu „gold“ zu einer edlen Kredenz gerät. Wahrhaft meisterlich ist jedoch die Poetisierung der abgenagten Essensreste, also der auf dem Teller verbliebenen Fischgräten des Plattfisches, die einerseits zum Bild eines kriegerischen Kopfschmucks (panache – Federbusch auf einem Helm) – Krieg der Seezunge? –  zusammengefügt werden, andererseits aber eine Zartheit bewahren, die einer gekräuselten Feder gleicht, und – sich schließlich sogar in Musik verwandelt, zum Singen gebracht wird. Unfassbarer Zauber der Poesie! Das alles geschieht einem einfachen Teller Gräten, den der Kellner zum Glück für den Leser bis dahin abzuräumen versäumt hat. ((tandis que (…) de la gourde de cuir d’un citron, nous répandions quelques gouttes d’or sur deux soles qui bientôt laissèrent dans nos assiettes le panache de leurs arêtes, frisé comme une plume et sonore comme une cithare ))[htsP anchor_text = “Weiterlesen”]
Und dann das Meer, der blanke Hans. Man weiß, das ist viel, ja sehr viel Salzwasser, oftmals heftig bewegt, dann auch wieder nur monoton eine Welle nach der anderen an das Ufer brandend. Insgesamt immer wieder ganz schön beeindruckend, so dass Ausrufe wie: „Schön, die Natur!“ oder: „Ach, schau mal, diese unendliche Weite!“ wie von selbst den staunend geöffneten Mündern entfahren. Insofern ist das Meer also an sich schon ein poetischer Gegenstand. Und so muss sein Anblick natürlich auch ein poetisches Gemüt wie Marcel verzücken. „Welche Freude, das blanke Meer zu sehen!“ ruft er aus ((quelle joie (…) de voir (…) la mer nue)), und er stellt dann einen Vergleich an, auf den wir nie gekommen wären und der das Ganze – schwups! – in ein ungewöhnliches, sehr poetisches Licht taucht: „Die Wellen warfen sich eine nach der anderen auf wie Trampolinspringer“. ((„et de suivre des yeux les flots qui s’élançaient l’un après l’autre comme des sauteurs sur un tremplin“)) Haben Sie das sportliche Bild vor Augen? Schön!!
Da das Meereswasser stark salzhaltig ist – man sollte lieber nicht zuviel davon verschlucken! – schäumt es, wenn es bewegt wird, an vielen Stellen, was seinem Betrachter die adlige Metapher von den „Schaumkronen“ in den Mund legt. Marcel nun schweift von der See ins Gebirge, spricht von Schneegipfeln ((„sommets neígeux de ses vagues“)), ein Bild, das ihm aber nicht edel genug erscheint, so dass er die Wellen zugleich aus hier und da durchscheinendem und glänzendem Smaragd ((„en pierre d’émeraude çà et là polie et translucide“)) bestehen lässt: ein kostbares Nass! Damit darf reine Poesie sich aber immer noch nicht begnügen: Die schneeigen Smaragdwellen lassen ihre Hänge auslaufen, und zwar sich vollendend mit sanfter Heftigkeit und einem Stirnrunzel wie das eines Löwen ((„lesquelles avec une placide violence et un froncement léonin laissaient s’accomplir et dévaler l’écoulement de leurs pentes“)). Na, etwas verwirrend ist das schon, aber irgendwie doch ganz wunderbar. Stirnrunzelnder Löwe, Schnee, Smaragd, sanfte Gewalt! Holla! Darauf kommt wahrlich nicht jeder.
Es heißt weiterhin von diesen Meereshügeln bzw. Wellen bzw. Smaragden, dass sie tanzen und dass sie, bevor sie tanzend zurückkehren ((„ces collines de la mer qui, avant de revenir vers nous en dansant“)), in der Ferne bläulich verschwommen schimmern, wie die Gletscher, die man auf dem Hintergrund früher toskanischer Gemälde sieht ((„dans un lointain transparent, vaporeux et bleuâtre comme ces glaciers qu’on voit au fond des tableaux des primitifs toscans“)). Herrlich! Mit einem einzigen Sprung bei den Gletschern und in der Toskana! Sollte jemand mit den Gletscherhintergründen früher toskanischer Gemälde nicht so vertraut sein, kann er die Möglichkeit zur Fortbildung ergreifen und entsprechende Literatur studieren, wird dann aber garantiert das Meer mit quasi erleuchteten Augen wahrnehmen.
Manchmal, so erfährt der Leser weiter, war das Meer von einem zarten Grün. Mit einer so banalen Aussage, das vermutet der Dichter mit Recht, kann kein Leser zufrieden sein. Wenn er sich genauer vorstellen möchte, wie zart das Grün war, dann muss seine Phantasie vom Dichter schon ein wenig gekitzelt werden: Es ist das zarte Grün, das ihm von den Almen vertraut sein müsste, wenn sich dort nämlich in den Bergen die Sonne hier und da wie ein Riese ausbreitet, der mit fröhlich ungleichen Sprüngen die Hänge hinabspringt. Hat der Leser dieses zarte Grün vor Augen und ist dann mit fröhlich ungleichen Sprüngen von der Alm wieder im Meer gelandet, so hat er jedoch vielleicht noch immer keine so vollkommene Vorstellung von dem zarten Grün, wie es der Dichter sich wünscht. Und so erhält er weitere  Informationen und erfährt, dass das zarte Grün ein solches ist, das weniger von der Bodenfeuchtigkeit als vielmehr von der fließenden Beweglichkeit des Lichtes bewahrt wird ((„D’autres fois, c’était tout près de moi que le soleil riait sur ces flots d’un vert aussi tendre que celui que conserve aux prairies alpestres (dans les montagnes où le soleil s’étale çà et là comme un géant qui en descendrait gaiement, par bonds inégaux, les pentes) moins l’humidité du sol que la liquide mobilité de la lumière.“)). Da fällt es ihm natürlich wie Schuppen von den Augen!
Es ist eben ein wahrhaft exquisites Meeresgrün!
Marcels Naturerlebnis ist so poetisch fein gefiltert, dass er sich angesichts des Sonnenlichts, das „in diesem Augenblick“ das Meer “aufflammen” ließ wie einen (kostbaren!) “Topaz” und zugleich (?) gären, blond und milchig wie Bier und schäumend wie Milch ((„ en ce moment brûlait la mer comme une topaze, la faisait fermenter, devenir blonde et laiteuse comme de la bière, écumante comme du lait“)) werden ließ – sie sitzen im Speisesaal, daher wohl die Vergleiche mit flüssigen Nahrungsmitteln -, zwangsläufig fragen muss, ob Baudelaires „Sonne, die auf dem Meer erstrahlt“, nicht die gleiche sei wie die von ihm wahrgenommene und insofern wiederum auch ganz verschieden sei von dem „schlichten Abendschein, der wie ein goldener zitternder Pfeil an der Oberfläche steckenblieb“ ((„je me demandais si son «soleil rayonnant sur la mer» ce n’était pas — bien différent du rayon du soir, simple et superficiel comme un trait doré et tremblant — celui qui en ce moment brûlait la mer“)).
Das fragt sich Marcel, und diese Frage nagt auch am Leser wie ein zartgrüner hungriger Papagei aus Aitutaki. Da die Antwort sich aber wie ein schwarzer Granat, von amarantrosanen Langusten umtanzt, auf dem unergründlichen Meeresboden wiegt, hin und her gerissen von der zarten Gewalt Walzer tanzender Wellen, sehen wir mit löwenhaftem Stirnrunzeln an dieser Stelle nur einen goldenen zitternden Pfeil an der Oberfläche.[/htsP]