Honigschlecken

Zunächst ein Beitrag zur vereinfachten politischen Bildung: Es lassen sich grundsätzlich zwei politische Gruppierungen unterscheiden, und zwar durch ihr Verhältnis zum gesellschaftlichen Reichtum. Die einen wollen alles, was sie haben, unbedingt behalten und noch den Rest dazu bekommen. Denn sie müssen das ja, wie sie überzeugt sind,  irgendwie verdient haben. Das sind die Konservativen. Die anderen haben von Vati und Mutti gelernt, dass man abgeben muss, und wollen, dass die, die enorm viel haben, denen, die wenig oder nichts haben, etwas abgeben sollten. Das sind die Sozialen oder Sozialisten.
Dann gibt es noch welche, die nur so tun, als wollten sie den Habenichtsen helfen, obwohl es ihnen in Wahrheit nur um die Macht für die eigene Gruppe geht. Sie werden gewöhnlich als Rechtsextreme eingeordnet. In der Vergangenheit nannten sie sich z.B. (national)sozialistische Arbeiterpartei, obwohl sie weder sozialistisch noch Arbeiterpartei waren, sondern ein Haufen brutaler Verbrecher. Manchmal nehmen sie auch, wie der französische Front national, eine Reihe sozialer Forderungen in ihr Programm auf, weil sie damit Anhänger gewinnen wollen. Aber meistens appellieren sie ausschließlich an die asozialen Gefühle der Menschen, die sich gerne, wenn sie schon in der realen Gesellschaft ziemlich weit unten stehen, wenigstens gegenüber irgendwelchen anderen Gruppen überlegen fühlen wollen, seien diese anderen Gruppen nun anders durch die Farbe ihrer Haut, Augen, Haare, die Form ihrer Nase oder Ohren, die seltsame Sprechweise, die ungewöhnliche (“Unmöglich!”) Kleidung oder besondere Tischsitten (“Können die sich nicht ordentlich hinsetzen?”).[dropdown_box] Da die Rechtsextremen unter völliger Ausschaltung des Verstandes an das aggressive Bauchgefühl appellieren, sind sie besonders gefährlich; man weiß eigentlich nicht, wie man mit ihnen reden soll. Helfen würde wohl allein, dass man ihren Anhängern die durch ihre unterprivilegierte Stellung hervorgerufenen Minderwertigkeitsgefühle nimmt, also ihre soziale Stellung verbessert, so dass sie nicht mehr dauernd nach Gruppen suchen müssen, die sie nieder treten können. Das kommt aber für die Konservativen überhaupt nicht in Frage.
Nun ist es aber eine auf Anhieb unverständliche Tatsache, dass die Unterprivilegierten generell nicht diejenigen wählen, die ihre soziale Stellung verbessern wollen, sondern die Konservativen und die rechtsextremen Dumpfwesen, die z.T., wie in Deutschland die AfD, nicht einmal versuchen so zu tun, als läge ihnen etwas daran, die Stellung der Minderprivilegierten zu verbessern. Sie wählen vielmehr die Klassenkämpfer der oberen Zehntausend wie Cameron, Berlusconi, Rajoy usw. Das lässt einen immer wieder staunen, auch wenn man bedenkt, dass die Konversativen mittels der in ihrem Besitz befindlichen  Medien eine Orwell’sche Gehirnwäsche betreiben und ihre Wähler in einem „Paralleluniversum“ leben, wie Paul Krugman über die Anhänger Trumps schreibt[ref]„Wenn ein ganzen Tag Fox News oder sonst ein ultrakonservativer Sender läuft, dann leben Sie irgendwann in einem Paralleluniversum.“[/ref]. Wir stehen vor einem scheinbar unlösbaren Rätsel, und daher sollte uns jeder, auch etwas abseitige Hinweis willkommen sein, der das Verhalten dieser Wähler erklären könnte. Da es rational nicht zu erklären ist, muss man wohl die Psychologie heranziehen.

Auf der Suche nach dem Unerklärlichen soll daher zum Schluss noch eine kleine – deprimierende – Geschichte erzählt werden, bei der man sich fragen kann, ob man sie zur  Erklärung für das seltsame Verhalten heranziehen kann.
Es war einmal … Nein, das müssen wir streichen, denn es handelt sich – das ist übrigens eine Schwäche der Erzählung – um eine wahre Geschichte, mitten aus dem Dorfleben gegriffen.
Es war einmal
In einem Dorf an der Nordsee lebte einst Herr G. ziemlich friedlich, bis sein Nachbar sein Haus und Grundstück an einen fremden Prinzen, nein, an einen Versicherungsmakler, doppelt befahrzeugt mit Mercedes und Porsche, verkaufte. Wie man aufgrund der Motorisierung befürchten musste, handelte es sich nicht um ein sozial besonders begabtes Wesen. Tatsächlich begann der sozial minder Begabte nach einiger Zeit zu bemäkeln, was ihm an der Grenze zu seinem neu erworbenen Grundstück alles nicht gefiel. Da er ein Freund der Epistolographie war und es wohl auch aus seinem Geschäftsleben so gewohnt war, teilte er seine Wünsche nicht in nachbarschaftlichem Gespräch mit, sondern bevorzugte die geschliffene schriftliche Form: “Sehr geehrter … wir müssen leider feststellen … andernfalls sehen wir uns gezwungen … wenn Sie nicht bis zum …” , was die Befürchtungen in Hinblick auf seine Person leider bestätigte.
Ob seiner offensichtlichen Zugehörigkeit zu einer höheren Klasse erregte jedoch das sagenhaft verporschte Wesen mit seinen sozialen Defiziten im Dorf so große Bewunderung, dass man geschmeichelt seine Nähe suchte.(“Irgendwas muss ihn ja auszeichnen, wenn er das alles verdient hat.”) Im einzelnen zeigte sich, dass dabei allerdings eine gewisse soziale Differenzierung innerhalb des dörflichen Sozialgefüges entstand. So wurde dann z.B. das traditionelle gemeinsame Geburtstagskaffeetrinken bei Frau K. aufgeteilt in solches mit Herrn und Frau Porsche und eines mit “den anderen”, was leider bei “den anderen” eine gewisse soziale Verunsicherung bzw. Enttäuschung bewirkte, weil “die anderen” das Verhalten von Frau K. ihnen gegenüber als diskriminierend empfanden, als eine soziale Herabstufung. Ob das allerdings ihrer Liebe zum schneidigen Porschefahrer wirklich dauerhaft Abbruch tut? Kaffee und Kuchen schmecken gut, aber am liebsten hätten sie doch den in der Sonne glänzenden Porsche abgeleckt.[/dropdown_box]