Wer schießt? Kahrs oder Ronaldo?

– Na, Kleiner, was möchtest du denn werden, wenn du mal groß bist? Weltraumpilot oder Christiano Ronaldo?
– Oh, ich möchte Krankenpfleger werden oder Sanitäter oder Arzt oder Politiker.
– Ohje, also Samariter? Und Politiker zählst du auch dazu?
– Ja, wollen die denn nicht auch den Menschen etwas Gutes tun und setzen sich mit aller Kraft dafür ein?
–  Naja, ich bin da nicht so sicher. Aber schlag dir zunächst einmal das mit dem Krankenpfleger oder Sanitäter aus dem Kopf. Du willst ja wohl später mal im Rentenalter nicht so arm sein, dass du nicht weißt, wie du deine Miete bezahlen sollst. Arzt oder Politiker ist schon besser, wenn du im Alter nicht auf der Straße sitzen, sondern einen dicken Sportwagen fahren und eine Luxusvilla besitzen willst mit vielen Säulen und eine Yacht, auf der man Bunga Bunga spielen kann. Aber als Arzt … Wenn du als Arzt dich um Leidende kümmern willst, z.B. in Gebieten, wo Krieg oder Seuchen herrschen, kann es sein, dass du schon tot bist, bevor du den Menschen richtig helfen konntest. Das kann dir als Schönheitschirurg, möglichst mit deiner eigenen Klinik, natürlich nicht passieren. Aber wunderbar kann es auch der Politiker haben![htsP anchor_text = „Weiterlesen“] Da bist du jeden Tag im Fernsehen und in der Bild-Zeitung zu sehen, wenn du so ein Söder, Schröder, Dobrindt, Trump oder Berlusconi bist. Das ist eine feine Sache. Ja, man muss Ehrgeiz haben, man muss sich Ziele setzen für die Menschen: Sie sollen dich bewundern, neidisch sein. Nur nicht so ein grauer Alltagsmensch! Es ist deprimierend, wenn du so ein Joschka bist und ganz allein dich für ungemein wichtig hältst. Verdammt nochmal, die ganze Welt muss dein Genie bewundern. Das Spieglein, Spieglein an der Wand, das sind die Medien. Und so ein Joschka hätte nicht viel Aufmerksamkeit erhalten, wenn er nicht ständig umher gerannt wäre und mit der sanften Stimme des Überlegenen allen erzählt hätte, dass er ein toller Kerl wäre, obwohl er doch nur 1,70 m misst und etwas dicklich von Statur ist und deshalb trotz fünf Ehen ganz und gar nicht der Schönste im ganzen Land. Oder der Gerhard mag sich die dickste Zigarre in den breiten Mund stecken und eine sonore Stimme haben, aber er singt eben doch nicht so schön wie Caruso oder die Callas. Sein Bild auf der Titelseite der „Bunten“ – da ist man wer.
– Ich dachte, Politiker müssen etwas Gutes wollen für die Menschen, nicht nur für sich.
– Klar, man muss als Politiker schon irgendwie für irgendwas sein: Der Gerhard hat sich zunächst bei den Jusos gegen die Macht des Kapitals engagiert (darüber hat er sich später halb totgelacht), aber dann doch lieber –  wie der Christian Lindner – für die Wirtschaftsunternehmen . Und der Joschka war mal wütender Linker gegen Atomkraft, dann aber lieber Lobbyist für RWE, Siemens, BMW. Das war auf jeden Fall lukrativ.
Einen Standpunkt haben – das kommt teuer und ist etwas für halbwüchsige Idealisten. Man kann auch einfach nur für die Interessen einer mächtigen Clique, Schicht, Klasse eintreten. Laut Warren Buffett – das ist einer der reichsten Männer der Welt – befinden wir uns ja im Klassenkampf ((„Es herrscht Klassenkampf, meine Klasse gewinnt, aber das sollte sie nicht.“)), und da kann man sich mehr oder minder heimlich oder auch ganz offen wie z.B. der CDU-Abgeordnete Michael Fuchs als Präsident des Bundesverbandes des deutschen Groß- und Außenhandels für die Sieger in diesem Kampf einsetzen. Das ist normalerweise nicht ganz unprofitabel; so sind z.B. auch Rüstungsfirmen wie Rheinmetall zwar für den Iealisten ein Horror, aber gerade deshalb sehr spendabel. Das kannst du den SPD-Abgeordneten Johannes Kahrs fragen – jaja, Kahrs, den Burschenschaftler vom rechten Seeheimer Kreis, dem auch unser Finanzminister angehört.
Im Grunde geht es ja nur um eines im Leben: Kohle machen. Du wirst es schon noch schnell lernen. Wenn man aber so wie viele Politiker in Afrika oder Lateinamerika ganz offen nur die Vervielfachung seines Vermögens als einziges Ziel verfolgt, so gewinnt man damit keine Anhänger, dann muss man zur Gewalt greifen, man braucht Waffen und Soldaten. Man sollte es daher nicht an die große Glocke hängen, dass man sich nur für sich selbst interessiert.Im Gegenteil ist äußerste Vorsicht geboten, sonst kommt es ans Licht. Gerade jetzt erfährt man von der rechten Lega Nord in Italien: Es fehlen 49 Millionen aus der Parteikasse, und man weiß, dass die „Family“ – ein Ordner mit dieser Aufschrift fand sich im Safe des Schatzmeisters der Partei – des Vorsitzenden Umberto Bossi sie wie einen Bankomaten nutzte. Nun soll er ins Gefängnis. Papa Umberto war dabei gar nicht nur egoistisch, denn er sorgte ja für die ganze Familie. So bezahlte er u.a. immerhin 77 000 € aus der Parteikasse für die Urkunde eines erfolgreichen Betriebswirtschaftsstudiums seines Sohnes an einer albanischen Universität in Tirana, die dieser nie besucht hat. Dafür hätte er sich auch ein Kraftfahrzeug der gehobenen Klasse kaufen können. Es war aber ziemlich blöde, dass sein Chauffeur von alldem wusste und ihn deshalb anzeigen konnte.
– Hör auf! Ist schon gut! Ich werde doch einfach lieber Ronaldo. Da müssen mir alle den Ball geben, und ich muss ihn nur häufig ins Tor schießen. Ansonsten tue ich alles nur für Ronaldo, also mich. Abends mache ich es mir gemütlich, zähle mein Geld und überlege, wie ich es ausgeben kann. Und wenn ich den Verein wechseln will, dann wechsle ich den Verein, und zwar ganz offen. Und niemand verlangt von mir irgendeinen Standpunkt.[/htsP]