Victor ist traurig

Sei freigebig und öffne dein Herz, so denkt doch jeder halbwegs anständige Rittersmann. Und es lässt ihn nicht kalt, wenn er wie der heilige Martin im Winter am Wegesrand auf einen „armen, unbekleideten Mann“ stößt. Auch wenn es kalt ist und er selbst außer seinem Opinel Taschenmesser mit Kohlenstoffstahlklinge nur seinen Mantel zur Verfügung hat – seine Bedienstete hatte am Abend seine frisch gewaschene Unterwäsche mal wieder an einem ihm unbekannten Ort versteckt -, so zögert ein Martin keine zwei Sekunden, zieht sein Opinel Taschenmesser mit Kohlenstoffstahlklinge aus der Scheide und trennt seinen Mantel geschickt in zwei etwa gleich große Hälften, deren eine Hälfte er der nun auch wie Martin etwas komisch gekleideten Zufallsbekanntschaft zukommen lässt. Da Geben seliger ist denn Nehmen, kann sich indes der Ritterliche freuen, als sofort nach seiner heroischen Tat ein größeres Ensemble von Blechbläsern in ein ohrenbetäubendes Triumphgetute ausbricht und ihm unversehens Flügel wachsen, auch wenn der nächste Hemdenkauf wegen der rückwärtigen Ausbuchtung problematisch sein dürfte.
Eine ähnlich schöne und vor allem laute Ehrenbekundung hatte sich auch der noch nicht ganz so heilige Viktor Orbán gewünscht. Er ließ zwar nicht irgendeinem Wegelagerer, der womöglich nicht einmal der der alles übertragenden ungarischen Rasse angehörte, die Hälfte seines dunklen Anzugs zukommen, unter dem er übrigens sexy Unterwäsche der Marke Bresciani trug. Aber er machte den kurz vor dem Bankrott stehenden Klempner Lorinc Mészàros, seinen Freund aus Jugendtagen in der kleinen Stadt Felcsût, mittels Regierungsaufträgen binnen zehn Jahren zum reichsten Mann Ungarns (geschätzte 1,2 Milliarden Dollar) – auch wenn der dankbare Mészàros neben Orbán noch Gott als Quelle seines Reichtums erwähnt. Orbáns gottgefällige Großzügigkeit beschränkte sich nicht auf einen einzigen Bedürftigen, sondern umfasste auch die Baustofffirma Dolomit seines Vaters und die Firma Elio seines Schwiegersohns Istvá Tiborz. Man versteht, dass nach solchen guten Taten, die ja quantitativ die des Heiligen Martin in jeder Hinsicht übertrafen, Victrors Enttäuschung riesig war, als Triumphgetute und Flügel ausblieben. Statt dessen nörgeln Olaf (Europäisches Amt für Betrugsbekämpfung) und Transparency International Ungarn, weil sie den Wegelagerern die überaus großzügigen, wenn auch z.T. aus EU Subventionen stammenden Almosen nicht gönnen. Das macht den Victor traurig. Da hilft es auch nur wenig, dass seine Landsleute ihm ganz, ganz viele Fahnen schenkten und seine Freunde von der Europäischen Volkspartei ihm die Philipp Amthor Medaille mit goldenem Band verleihen wollen.
(Bild: Elekes Andor – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=87177950)

Lied der Ungarn

Lied der Ungarn
(wie Zarah zu Csardas-Klängen zu singen)

Ach, Viktor, Viktor Orban,
wie gern sind wir dir untertan
Es ist ja ganz gleich,
Wen wir lieben
Und wer uns das Herz einmal bricht.
Wir glauben und hoffen und denken,
Dass einmal ein Wunder geschieht,
Doch wenn wir uns dann verschenken
Ist es das alte Lied.
Und darum wollen wir dir gehören,
dir Treue und Liebe schwören,
Wenn wir auch fühlen, es muss ja Lüge sein,
Wir belügen uns gern und sind dein.

SOS, Babylon!

Es ist das reinste Babylon: sprachliche Verwirrung allenthalben!
Da hat Sahra Wagenknecht doch tatsächlich gesagt: “Wer sein Gastrecht missbraucht, der hat sein Gastrecht eben auch verwirkt.” Sie hat nicht gesagt, dass die Genfer Flüchtlingskonvention nicht mehr gelten sollte. Aber die “Parteilinke” Wagenknecht hat damit laut Thomas Denkler [ref]”Süddeutsche”14.2.16[/ref] die “Gemäßigten” gegen sich aufgebracht, obwohl Jan van Aken kritisierte, dass Wagenknechts Aussage  “keine linke Position” sei.
Probleme!!
Vielleicht weiß Andreas B. Scheuer, Generalsekretär der CSU, Verehrer des ungarischen Ministerpräsidenten Orban und Fachmann in Fragen des Populismus, ob die Aussage des tschechischen Präsidenten Milos Zeman, dass die Asylsuchenden ihre Frauen steinigen, aufgrund der stark verallgemeinernden Form als richtig oder/und populistisch anzusehen ist.  Auf die Antwort dieser extrem gebündelten Kompetenz – Anfreas B. Scheuer ist schließlich einer der drei Weisen des Bayernlandes[ref]Wir neigen dazu, die These, nach der sogar sieben Weise in Bayern existieren sollen, als übertrieben abzulehnen.[/ref] – dürfen wir gespannt sein.[dropdown_box] “Natürlich gibt man es nicht gerne zu, aber es ist eine Tatsache, dass alle Terroristen letztlich Migranten sind”, sagt Victor Orbán[ref]Die Welt 24.11.15[/ref]. Also sind alle Migranten letztlich Terroristen? Peng!
Sag mir, wo die Gräber sind.
Blumen wehen im Sommerwind.
Wann wird man je verstehen?
Wann wird man je verstehen?
Ach, Marlene, wahrscheinlich nie werden wir verstehen, was “populistisch” ist.
Ein anderer Beleg für die um sich greifende Sprachverwirrung:  Wir lesen vom “neoliberalen Flügel der Labour-Partei”, obwohl diese Formulierung doch nur auf einem Missverständnis beruhen kann. Arbeiterpartei als Interessenvertreter des Großkapitals? Aber dieses Versehen wird nicht aufgeklärt; es gibt eben keine Korrekturleser bei den Medien mehr. Und wenn jemand behaupten würde, dass es neben Gabi von Dohnanyi sogar in der SPD eine Menge Neoliberale gebe, dann muss man ihm erwidern: Das kann nicht sein, denn wenn die SPD die CDU wäre, dann hätte sie nicht nur ewig 25% Wähler oder weniger. Aber es wäre ja ohnehin absurd, anzunehmen, dass die CDU die SPD sei und die SPD die CDU. Dann kannst du dich ja gleich bei Erwin in der Psychiatrie anmelden.
A propos Babylon: Für den, der sie noch nicht kennt, der berühmte Redeauszug Edmund Stoibers:
“Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München … mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen … am … am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug. Zehn Minuten. Schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an, wenn Sie in Heathrow in London oder sonst wo, meine sehr … äh, Charles de Gaulle in Frankreich oder in … in … in Rom.
Wenn Sie sich mal die Entfernungen anschauen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen, dann werden Sie feststellen, dass zehn Minuten Sie jederzeit locker in Frankfurt brauchen, um ihr Gate zu finden. Wenn Sie vom Flug … vom … vom Hauptbahnhof starten – Sie steigen in den Hauptbahnhof ein, Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in … an den Flughafen Franz Josef Strauß.
Dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in München. Das bedeutet natürlich, dass der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern … an die bayerischen Städte heranwächst, weil das ja klar ist, weil auf dem Hauptbahnhof viele Linien aus Bayern zusammenlaufen.”
https://www.youtube.com/watch?v=f7TboWvVERU[/dropdown_box]

Hoffnung

Es war deprimierend: Man hörte nur Schreckliches von dem faschistoiden Orban-Regime in Ungarn. Doch nun gibt es einen Hoffnungsschimmer: DPA und AFP zitieren den Chefredakteur Szabolcs Kisberk, den der rechtsextremen Jobbik-Partei nahestehenden Fernsehsenders N1TV mit der Aussage, Gewalt gegen Menschen sei “inakzeptabel”, “auch wenn es sich um Flüchtlinge handelt”.