Vorzeigbarer Edelkäse?

Ist er – wie Gerhard Hauptmann – gar ein Goethe? Oder vielleicht doch nur ein ganz ganz kleines Wölfchen (Biermann)? Man könnte ihn den Theo Waigl der deutschen Literatur nennen, zumindest was die Augenbrauen betrifft, allerdings wäre er vielleicht doch lieber in der AfD. Der beim Schreiben zum Kitsch und beim Denken zum Minimalismus neigende Martin Walser hatte, in seiner Eitelkeit gekränkt, einst mit dem Roman „Tod eines Kritikers“ ein „übles“ (Ruth Klüger), weil antisemitisch wirkendes (Jan-Phlipp Reemtsma) Buch geschrieben und sich in seiner Rede zum Friedenspreis über die “Moralkeule” beschwert, die die Deutschen wegen der Verbrechen im Hitler-Nazi-Reich niederknute. Trotzdem kommt die Literaturkritikerin Iris Radisch „aus dem Staunen nicht heraus“,[htsP anchor_text = “Weiterlesen”] als Walser in einem von ihr belauschten Gespräch Walsers mit seinem Sohn Jakob Augstein ((Die Zeit 29.11.17)) den Nazismus als gar nicht so übel kennzeichnet: Er sieht die Hitlerjugend als „Fortsetzung der Wandergruppen der zwanziger Jahre, keine Spur von Nazi, im Gegenteil ,reine Gesangsstunden’“, und er empfindet seine Wehrmachtszeit als Gebirgsjäger als „wunderbar“, in der man nachts auf den Berghütten „das weiße Licht der Stille’ genoss“ (so spricht wahrlich nur ein ganz dichter Dichter). Der rüde Befehlston der der Wehrmacht ließ sich mit edler Stefan-George-Lektüre (!) bekämpfen. Der massenhafte Eintritt der Deutschen in die Nazi-Partei erklärt sich dadurch, dass man den Bankrott der Wirtschaft abwenden wollte. Überhaupt treffe die Schuld am Nazismus das Diktat von Versailles.
Typisch Walser: Am Schluss erfährt man, seine Einsamkeit – nanu? – komme „aus der ,Unvorzeigbarkeit’ der tiefsten Wahrheit eines Menschen“. An dieser Stelle ist sowohl ein aha! als auch ein oha! angebracht. Ja, wir können nicht anders als Donnerschlag! rufen, denn das ist wahrhaft tiefst!
Solch verschimmelten Stinkekäse könnte man unaufgeregt entsorgen; doch Frau Radisch kann das nicht, denn sie hält Walser für Edelkäse, nämlich für „den vielleicht bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegsliteratur“.
Arme Frau Radisch, da muss es sie natürlich hart treffen.[/htsP]

Herbstliche Erkenntnis

Hörst du das liebliche Röhren des Hirsches
und das Tosen der fallenden Blätter?
Siehst du die Nüsse des fleißigen Eichhorns,
wie er sie eilends vergräbt?
Spürst du die sterbende Mücke,
wie sie trauernd noch einmal
das Blut dir des Armes aussaugt?
Ja, siehst und hörst und spürst du all das?
Dann hast du im Grunde des Herzens erkannt:
Warte nur balde: Es nahet der Herbst!

Dieses Gedicht ist nicht von Martin Walser. Martin Walser ist ein Künstler; denn er trägt meist einen großen Hut. [ref]Vgl. Beitrag “Fromme Einfalt, hehre Kunst” vom 17. 6.15[/ref]

Ein Ständchen
Liebe Zeitung Du bist jung,
ganz egal wie alt Du bist,
Du hast den lokalen Schwung,
der riecht nie nach Medienmist.
Ich darf Dir gratulieren,
weil wir uns längstens kennen.
Lass mich zum Geburtstagstanz Dich führen,
Ich will Dich Meine Zeitung nennen.

Dieses Gedicht ist von Martin Walser. Martin Walser ist ein Künstler; denn er trägt meist einen großen Hut.[ref]Er hat es als Leserbrief der “Süddeutschen” zum Jubiläum geschickt.[/ref]