Nieder mit der Vernunft!

Wenn sich die Modewellen zum Tsunami auftürmen, gibt es kaum mehr ein Entrinnen, zumal der Mensch dazu neigt, den Verzicht auf den anstrengenden Gebrauch der Vernunft als Erlösung zu empfinden. Wie ist es sonst zu erklären, wenn „ viel Wildes und Wirres geraunt“ (Ulrich Seidler “Berliner Tageszeitung”), wenn etwas „bedeutungsschwanger und Weniges bedeutend“ durch den Raum wabert (Wolfgang Behrens “Nachtkritik”), wenn man „Nebel“ sieht, „der sich Mühe gibt, mysteriös zu wabern und auf alle Fälle bestialisch stinkt“ (Jan Küveler „Welt”) – aber die Kritiker trotzdem die Theateraufführung von Hebbels „Judith“ in der Berliner Volksbühne loben? Viele Zuschauer tun so, „als durchblickten sie des Meisters tiefste Absicht“ (Ulrich Seidler). Das konnten sie schließlich zumindest an einer Stelle, als ein lebendes Kamel die Bühne betrat: „Der Assoziationsraum ist schon klar: Wüste, Syrien, Orient.“ (Peter Laudenbach) Klare Sache! Auch wenn der wunderbar banale Scherz des “Regie-Wüstlings” folgt, dass jemand fragt: ,Hasse ma ne Camel?, es war eben  – ganz klar – der „Altmeister“ am Werk.
„Altmeister“ Frank Castorf hat auch Peter Laudenbach („Süddeutsche“ 22.1.16) so beeindruckt, dass er erschrickt. Denn der “Altmeister” ist ein „erschreckend belesener Regie-Wüstling“. Nicht erschreckt ihn dessen „anti-aufklärerisches Gift“, die Ablehnung der „vernünftigen, rational kalkulierenden Unsitte der westliche Aufklärung“. Heil dir, du Altmeister![dropdown_box] Überhaupt sehen sich Herr Laudenbach und seine Kollegen gerne Inszenierungen von Altmeister Castorf an aufgrund einer „Neigung zum sadomasochistischen Theatergenuss“. 4 ½ Stunden dürfen sie ihm frönen. „Exkremente ,mischen sich mit Blut’“. Das ist altes Theaterbrauchtum – davon kann man nie genug bekommen.  Aber ganz klar, auch der Tiefsinn ist vorhanden: „Nur nebenbei wird darüber philosophiert, ob Metaphysik vielleicht doch wichtiger sei als die Kenntnis der vielen möglichen Kopulationsstellungen.“ Na, das nennt man mal ,spannendes’ Philosophieren: Das Ergebnis dieses Philosophieren bleibt offen; wenigstens ist der Rezension nichts darüber zu  entnehmen. Schade, wenn wir schon nicht dabei sein konnten. Peter Laudenbach jedenfalls ist offenbar ein sehr aufgeschlossener junger Mann sein; das kann man seinem Urteil über des “Altmeisters” neuestes Werk entnehmen: „Welch ein abgefuckter, düsterer, großartiger Abend!“
Übrigens die “Wüstlinge” Frau Petry und Frau Storch von der AfD fänden es nicht schlecht, wenn auf Migranten, Männer, Frauen, Kinder, geschossen würde. Hauptsache, sie belästigen uns nicht, indem sie zu uns kommen. Welch “wildes Denken”, welch düstere, abgefuckte Idee! Großartig!
P.S. Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, den Leuten ihre Neigung zu sadomasochistischem Theatergenuss zu lassen, das Feuilleton zu ignorieren und zukünftig keine Silbe mehr darüber zu verlieren. Aber der Hang zum Antiaufklärerischen fordert nun einmal unwiderstehlich unseren – in diesem Fall offenbar wirklich sadomasochistischen – Trieb zur Kritik heraus.[/dropdown_box]

Hat dieser Lessing etwa total daneben gelegen?

Sie nennen es Kritik.
Auf der Suche nach der Urteilsfähigkeit bauen sich allerdings meist erhebliche Hindernisse auf, so dass ein Verzicht auf die Lektüre von Rezensionen im Feuilleton meist einen Zuwachs an Lebensqualität bewirkt – zumal häufig nicht das Werk, sondern die Eitelkeit des Kritikers im Mittelpunkt steht. Und dieser möchte zur Wahrung seiner Reputation sich möglichst nicht gegen etwas stellen, was gerade angesagt ist. Das gilt, wie bereits in anderen Beiträgen mehrmals bemerkt, besonders für Theaterkritiker. Aber da das Feuilleton nun einmal der Zeitung beiliegt, tut man, was man nicht sollte, und streift mit dem Blick manchmal über den einen oder anderen Artikel, z.B. über Peter Laudenbachs Kritik zu Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Lessings „Nathan“ in der „Süddeutschen“ (1.9.15).
Da erscheint es zunächst erfrischend, wenn Laudenbach kritisch urteilt: „Kriegenburg, ein Konditor des Regie-Theaters, feilt liebevoll am Stil seiner kindlichen Putzigkeit.“ Und: „Scherze mit ans Ohr gehaltenen Hupen und wasserspritzenden Luftbefeuchtern sorgen für Kindergeburtstagsatmosphäre.“ Und er fragt sich, „ob es wirklich nötig ist, dass der reiche Kaufmann Nathan, wenn er vom Geldverleihen und Zinseszins spricht, sich gierig und genießerisch die Hände reibt wie in einer antisemitischen Karikatur.“
Nun ist es gewiss so, dass die Form dieses Dramas von Lessing eine ansprechende Aufführung erschwert, weil es so sehr auf Belehrung angelegt ist und auch das Rührende des ,edlen Menschentums’, wie es einst die Darstellung Nathans durch Ernst Deutsch verkörperte, heute ein wenig angestaubt erscheinen mag. Zudem führt das Stück den Zuschauern tatsächlich eine Utopie vor, eine, wie Laudenbach es nennt, „Wunschfantasie“. Nicht das vorgeführte Böse, sondern das Gute soll beeindrucken. Man weiß aber, wie viel leichter es fällt, einen Bösewicht, das Böse, darzustellen als einen menschlichen Engel, die Verkörperungs des Guten.
So macht sich auch Laudenbach Gedanken zum Stück und zu einer möglichen Aufführungspraxis, denn Kriegenburg will ja auch unbedingt mit dem Gewohnten brechen. Bei seiner Suche nach etwas, was an dem alten Drama eine Aufführung erschweren könnte bzw. nach etwas, was neu zu entdecken wäre, kommt allerdings schreckliche Verwirrung nicht nur über Kriegenburg, sondern auch über Peter Laudenbach, so wie einst einst über Ajax, als er einen Widder für Odysseus hielt. (Ajax tötete sich übrigens aus Scham, als er seinen Irrtum erkannt hattte.)[dropdown_box]
Laudenbach nennt das Drama etwas abschätzig „harmonieselig“, weil die Utopie am Ende fast alle ,harmonisch’ vereint. Aber muss ein Drama, das eine Utopie, „Wunschfantasie“, vorführt, nicht so – unrealistisch – enden? Es geht, wie er ja selbst schreibt, nicht um ein Abbild der Wirklichkeit. „Lessing scheint, zumindest an der Handlungsoberfläche des Stücks, Religionsfrieden für eine Frage des guten Willens und der menschenfreundlichen Vernunft zu halten.“ Ja, warum soll das falsch sein? Dass die Verbreitung menschenfreundlicher Vernunft utopisch erscheint, spricht nicht dagegen[ref]Gleicher Vorwurf  von Egbert Tholl in der “Süddeutschen” vom 8.3.16 anlässlich einer Inszenierung in Zürich: “Da fordert einer drei Religionen auf, sich durch gutes und wahres (?) Handeln zu bewähren, und schon wird alles gut.” In der Züricher Aufführung hatte die Regisseurin übrigens den geistreichen Einfall, den fanatischen Tempelherrn in einen Nato-Kampfanzug zu stecken. Das ist nett; so nimmt sie dem Zuschauer das Urteil ab.[/ref].
Die folgenden Aussagen Peter Laudenbachs scheinen gegen die Ansicht Lessings argumentieren zu wollen: Die besagte „menschenfreundliche Vernunft“ könne nämlich, so Laudenbach, keinen Religionsfrieden stiften; das zu denken wäre „naiv: Die Mörder beispielsweise des Islamischen Staates tun das, was sie tun, ja nicht aus Versehen und weil sie es nicht besser wüssten.“ Nun fragt sich hier der verärgerte Leser: Wer um Himmels willen, Lessing oder sonst jemand, hat unterstellt, dass nur „aus Versehen“ gemordet würde? Und was meint der Schreiber damit, dass die IS-Mörder – offenbar im Gegensatz zu dem, was Lessing annimmt – morden, obwohl sie ,es besser wussten’? (Zunehmende Verärgerung des Lesers: Was, zum Teufel, wussten sie besser?) Er fährt fort: „Sondern weil sie genau (!!!) das (???) wollen.“ Mit „genau das“, obwohl der Bezug von „genau das“ ungenau bleibt, meint Peter Laudenbach offenbar mörderische „Gewalt“ und die Freude daran. „Mit ,allseitigen Umarmungen’ dürfte man ihr kaum beikommen.“ Dem kann man nur zustimmen. Nur fragt sich der inzwischen schon wütende Leser : Wer um Himmels willen, Lessing oder sonst jemand, hat das unterstellt? „Das (!!!) ist (hier verzichtet er auf das Wort „genau“) das Problem allzu treuherziger „Nathan“-Inszenierungen“. Problem erfasst. Aha. Ach, so? So, so. Aha. Weiter so![/dropdown_box]