Kunstverständige BILD-Leser

Die BILD-Zeitung? Hoho! Unterschätzt mir nicht ihre Leser, nur weil sie häufig wie biedere Analphabeten aussehen. Es kann ja nicht jeder ein Markus Söder sein. Sie sind gebildet, und zwar universal! Und das bezieht – klar! – sich auf alles, alles Böse (den Trucker, der die Tramperin Sophia getötet haben soll), alles Runde (das makellose Hinterteil des Models Doutzen Krues (88-62-88) und alles Schöne (Intim-Waxing “Mein Anlass für eine erotische Verschönerung war der schnuckelige neue Nachbar mit den verwuschelten Haaren und dem Schlafzimmer-Blick.”)!
Sie interessieren sich daher nicht nur für Sophia Thomalla beim Nackt-Schach, sondern auch für – der Atem stockt – Kunst. Am schönsten wäre natürlich ein dreidimensionales Foto der nackten Schach-Sophia als Kunstobjekt, mit interesselosem Wohlgefallen betrachtet, und zwar gründlich (“jeder Zentimeter ein optischer Genuss“). Aber der BILD-Leser begnügt sich, wenn es sein muss, auch mit einem Kunstwerk, das nicht Sophia heißt, wenn es denn von einem echten Genie stammt, z.B. von Julian Schnabel („geniales Multitalent, als Künstler vertreten in den wichtigsten Museen der Welt“) . Das Genie, der Julian, hat – vermutlich mit nichts an, d.h. nur mit einem Malerkittel bekleidet, unter dem es aber absolut (!) nichts (weder Höschen noch BH) trug, ein Foto, das zwar nicht eine dreidimensionale Doutzen (88-62-88) oder Sophia, aber immerhin das Brandenburger Tor (20-65-11) (enthält Kranz aus sagenhaften 90 Eicheln!) mit jubelnder Menge am Tag der Wiedervereinigung zeigt, für alle BILD-Leser vaterländisch expressiv in ein fantastisches Rosa getaucht, die jubelnden Massen mit jubelnd leuchtendem Blau übermalt und dann sogar noch mit ca 25  Tupfern in der Lieblingsfarbe aller BILD-Leser, nämlich Himbeersahneeis, versehen. Als krönende Zugabe findet sich sowas wie ein riesenhafter Vogel, wohl so eine Art Phoenix, dieser in der sommerlich erfrischend anmutenden Farbe von Engelblaueis (mhmh!). Der farblose Himmel wird durchzogen von einigen erdbeereisroten Streifen, die wie riesige Scheinwerfer wirken und last, but not least von einem feuerwerkartig explodierenden grauen Wuselwasel. Mann!!  „Man spürt“, sagt der geniale Künstler, „dass da etwas Kosmisches passiert.“ Oh, jaaa! Kosmisch! Und das ist noch untertrieben. Dazu ein Titel, der in seinem Witz an Paul Klee erinnert: „Happy Thursday“.
So muss der kunstverständige BILD-Leser das Werk einfach lieben. (Sicherheitshalber haben wir trotzdem noch den ganz entzückenden runden Busen einer Nackt-Schach-Spielerin eingefügt.)

Scheeerrrz! Oder doch ernst?

In der Hoffnung, dass sie ein wenig Heiterkeit erzeugen, sind im Folgenden Jeff Koons Deutungen seiner – und im Fall des Weißbiers auch fremder – Werke wiedergegeben. Zu denken, dass sie satirisch gemeint sind und das Geschwätz des Kunstmarktes parodieren, liegt nahe angesichts der vielen prätentiösen Aussagen von unfreiwilliger Komik auf dem Kunstmarkt.
Da Jeff Koons als Aktienhändler begonnen hat, fragen sich kritische Geister zuweilen, ob er nur ein „opportunistischer Marketingkünstler sei, der Ego-Fetische und Statuskrücken für Plutokraten und zwielichtige Oligarchen produziert“. Da wäre es eigentlich doch wohl eher kontraproduktiv, wenn er sich über sich selbst oder den Kunstbetrieb, von dem er so großartig profitiert, lustig machte. Es sei denn, er kann sich auf die Hörigkeit blinder Kunstspekulanten (43.460.000 € für seinen Balloon Dog (Orange)) verlassen. Jedenfalls entbehren Koons Werke, so z.B. seine – teils monumentalen – Wauwis, wie sein majestätischer Pudel (http://www.jeffkoons.com/artwork/made-in-heaven/poodle), die lustigen Yorkshire Terrier (http://www.jeffkoons.com/artwork/made-in-heaven/yorkshire-terriers), sein knuffiger Bobtail (http://www.jeffkoons.com/artwork/made-in-heaven/bob-tail)  oder die drei Puppies (http://www.jeffkoons.com/artwork/made-in-heaven/three-puppies) , nicht einer – wenn auch eher einfachen –  Ironie.
Also: Scherz oder doch tiefere Bedeutung?
In beiden Fällen hoffentlich erheiternd:

Für die Luxusmarke Louis Vuitton (Koons: „Meine Werke sind anti-elitär, massenkompatibel und demokratisch.“) hat er Taschen entworfen, die Reproduktionen alter Meister zeigen, von Rubens’ Tigerjagd bis zu Leonardos Mona Lisa.
Dazu jedoch zunächst eine allgemeine Deutung zum Wesen und zur Funktion seiner Kunst:
„In meinem Werk sollen Werte aufscheinen, an die ich glaube und denen ich eine Zukunft wünsche. Diese Werte sind meine Gegenbilder zur politischen Realität. Sie haben die Kraft die Welt zu verändern. Nichts wirkt stärker, als mit Aufrichtigkeit konfrontiert zu werden. Deshalb hat die Kunst am meisten Kraft, die am wahrhaftigsten ist.“
Koons sagt zum tieferen Sinn seiner Taschenarbeit für Louis Vuitton:
„Indem diese Handtaschen Meisterwerke der Kunstgeschichte aus dem Museum herausholen und auf die Straße tragen, werden sie selbst zur Kunst. Wer mit einer dieser Taschen unterwegs ist, wird für seine Mitmenschen zu einem Katalysator metaphysischer Meditationen.“

Zum Bilderzyklus „Baby und Eimer“: „Wenn ich an Postkartenständern vorbeilief, spürte ich meine Empfänglichkeit für Fotos mit Babys, die in Eimern sitzen. Der Eimer war ein Symbol für Gebärmutter, Taufbecken, Rettungsboot.“                                  [htsP anchor_text=”Weiterlesen”]

Ein Foto von sich, nackt im verspiegelten Kraftraum seines Studios, deutet er gar auf zwei Ebenen, wobei die zweite Ebene – oder ist es doch die erste? –  leider als solche bis zur Unkenntlichkeit durchsichtig bleibt:
Das Foto „hat zwei metaphorische Ebenen. Zum einen trainiere ich jeden Werktag gegen zwölf Uhr eine Stunde lang in meinem Gym. Zum anderen erscheint mir die Schwerstarbeit an Gewichten wie ein Sinnbild für mein Leben als Künstler. Es vergeht keine Minute, ohne dass ich an eine leere Leinwand denken muss.“

In seinem Projekt „Train“ – mit dem Titel “Seehofer” wusste er leider nichts anzufangen – soll eine 21 m lange Replik einer schwarzen Dampflokomotive von 1943 kopfüber (!) an einem 51 m (!) hohen, rot gelb gestrichenen (!) (?) Kran hängen. Der Clou: Sie soll auch funktionieren, und zwar zunächst Druck aufbauen – dafür statt 8 Stunden nur 30 Minuten (!!!!!) brauchen. „Dann ertönt eine Glocke, man hört das Tschu-Tschu der Zylinder, Dampfwolken quellen aus dem Schornstein und die Räder setzen sich in Bewegung.” Bimbam, tschutschu, tschuuuh! Bis dahin alles  – ja, mei, Grrruumpfn! – christlich-sozial. Doch nun: ” Nach 2 1/2 Minuten kommt es zum Orgasmus. Der Lärm der Zylinder erreicht den Höhepunkt, die Räder drehen sich so schnell, als hätte die Lok ihre Höchstgeschwindigkeit von 100 Meilen pro Stunde erreicht. Nach dem Orgasmus läuft das Schauspiel in gleicher Geschwindigkeit rückwärts. Die Räder drehen sich langsamer und langsamer, bis schließlich aus dem Schornstein eine letzte Dampfwolke kommt.”  (Lucky Strike?)
Train ist  – “jeder wird sich darin auf Anhieb erkennen” – „ein Sinnbild der menschlichen Existenz vom ersten bis zum letzten Atemzug.”

Und zuletzt noch Jeff Koons’ ebenfalls bayernaffine Deutung des Weißbiers: „Weißbier zu trinken ist für mich ein romantisches und bewusstseinserweiterndes Erlebnis. Das Fortpflanzungsaroma der Hefe, die Sinnlichkeit der aufsteigenden Kohlensäurebläschen, die kompakte Textur des Schaumes, das ästhetische Zusammenspiel von Gelb und Weiß … Wenn ich es trinke, fühle ich mich biologisch und spirituell mit dem Leben vereint.“
Oans, zwoa, g’suffa!
(Zitate aus Süddeutsche Zeitung Magazin 11.5.17
Fotos: Wikipedia Commons Tiia Monto und wmpearl CC0 1.0) [/htsP]

Hokuspokus

Oh, ihr Bildungsbürger, seid ihr denn total bescheuert? Ihr meint, euch über den gewöhnlichen Alltag zu erheben, über diese ganzen Alltagsprobleme, in denen fast immer nur von Geld die Rede ist, und davon, wer mehr hat oder weniger, ihr wollt euch etwas “Höherem” zuwenden. Und dann opfert ihr einige eurer Mußestunden auf dem Altar der “Kunst”, d.h., ihr geht in eine Ausstellung oder zu einem Event zeitgenössischer Künstler. Ach, warum, zum Teufel? Was wollt ihr da? Ihr strebt nach der vom Alltag irgendwie geschiedenen Aura der Kunst? Und wie blöde seid ihr eigentlich, nicht zu merken, dass ihr wieder nur auf einem Basar gelandet seid!
Ja, was ist denn heutzutage überhaupt Kunst? Der Galerist Simon de Pury zitiert Andy Warhol: Kunst ist alles, womit man durchkommt. Und er sagt über sich, den “Experten” bzw. Anlageberater: „Kunden erwarten von mir, meine Urteile mit bedeutsam klingenden Begriffen zu begründen. Deshalb ist es notwendig, einen bestimmten Jargon zu beherrschen. Aber im Grunde ist alles Hokuspokus.“
Es ist ja eigentlich seit dem Dadaismus keineswegs mehr originell, die eigenen Exkremente auszustellen. Was einst spaßige Provokation war, ist heute, sollte man meinen, nur noch albern. Trotzdem wurde die Merda d’artista – der Italiener Piero Manzoni hatte 1961 seine Scheiße in 90 Weißblechdosen verschlossen – zu einer „Ikone des Ikonoklasmus“ (hihi!), und eine seiner Dosen erzielte bei Sotheby’s immerhin 124 000€. Ein Liebhaberstück?! Der Galerist äußert sich über die Marktchancen dieser Geldanlage: „Würde ich eine Dose geschenkt bekommen, wäre ich glücklich, sie einzulagern und in zwanzig Jahren zu sehen, welchen Marktpreis sie hat.“[htsP anchor_text=Weiterlesen] Und er stellt fest: „Es gehört zur Faszination des Kunstmarktes zu beobachten, wie brutal und irrational sich der vorherrschende Geschmack wandelt.“ In der Tat, faszinierend!
Und wie wandelt man als Händler den vorherrschenden Geschmack? „Wenn ich auf Instagram ein Foto eines Kunstwerks veröffentliche, gibt es bei Käufern eine Schwarmreaktion, und der Marktwert des Künstlers geht nach oben.“ Und er fügt die Anekdote an, dass er auf Instagram ein Foto der ,coolen’ Bartheke eines Restaurants namens Novikov mit dem Titel #novikov veröffentlicht habe und als Reaktion eine Menge Leute fragten, wo sie einen Novikov kaufen könnten. ((alle Zitate: Süddeutsche Magazin 31.3.17))
Also los, ihr Bildungsbürger oder Kunstspekulanten, wenn’s denn sein soll: Auf zur Kunstbörse! Man kann sich ja gar nicht genug bilden. Für den Betuchten winken als Lohn außergewöhnliche Gewinne, auch wenn natürlich der Handel mit künstlerischen Exkrementen  jeder Art langfristig ein gewisses Risiko birgt und in die Hose gehen kann. Das wäre dann natürlich einfach nur Scheiße. Aber es funktioniert mit dem richtigen Hokuspokus: Gold aus Scheiße, auch wenn man zuletzt vielleicht doch nicht mal Porzellan in den Händen hält.[/htsP]