Margot Honecker oder Hannelore Kohl?

Manche meinen, das Feuilleton diene ausschließlich der Demonstration, wie man mit hohlen Phrasen ein absolutes Nichts ausdrücken kann. Das ist jedoch ein allzu kritisches Urteil. Manchmal stellt es seinen Leser auch vor Fragen essenzieller Bedeutung, von deren bedrängender Existenz er ohne das Feuilleton keine Ahnung hatte. So berichtet die verdienstvolle Feuilletonistin Suzan Vabazadeh von der „Süddeutschen Zeitung“ mit ihrem unheimlichen Gespür für Probleme, die wir Menschen gerne verdrängen, die aber gerade deswegen um so dringender ans Tageslicht gezerrt werden müssen, von der „amerikanischen Wissenschaftlerin Kristen Ghodsee“ und deren Frage, ob „Frauen im Sozialismus besseren Sex hatten“. Die Wissenschaftlerin Ghodsee, soviel sei verraten, vertritt die These, dass der Sozialismus in diesem Bereich überlegen gewesen sei, worauf aber die unglaubliche Suzan Vabazadeh dem verunsicherten Leser ihre Frage entgegenschleudert: „Kann der Kapitalismus das auf sich sitzen lassen?“
Wie diese Frage beantwortet werden muss, wissen wir momentan noch nicht, weil der Artikel immerhin eine ganze Seite beansprucht und wir uns deshalb dessen Lektüre ((Süddeutsche Zeitung 22.12.18)) für einen Moment länger währender Muße aufbewahren wollen.

Alles verstehen …

Autisten, so heißt es, verstehen keine Aussagen im übertragenen Sinn. Und umgekehrt?
Kommt ein sehr höflicher Regenwurm in den Laden des überaus gebildeten (Akademiker!) Altspechts, nimmt seinen sommerlich hellen Strohhut ab, zerrt ein Blatt Papier aus der Hosentasche, wirft einen flüchtigen Blick auf das Gekrickel, und nachdem er den Altspecht mit den Worten „Guten Tag, Herr Altspecht“ gegrüßt hat, fragt er ihn in drängendem Ton: „Haben Sie ein Werk, in dem die Zerbrechlichkeit der Zeit durchscheint?“ Und fügt dann hastig hinzu: „Ein solches hätte ich nämlich gern, wenn es nicht allzu viel kostet.“
Darauf guckt ihn der Altspecht zunächst ca 30 Sekunden in stummer Verwunderung an und erwidert dann: „Sagen Sie mal, haben Sie nicht alle Tassen im Schrank, Sie …  Wurm?!“
Und nun zu den hermeneutischen Problemen, die diese Erzählung auftut: Wofür stehen z.B. die Tassen? Und haben die Protagonisten ein Verhältnis zu bzw. mit einander? Und wo ist überhaupt der verdammte Subtext? Ja, können wir Menschen uns überhaupt noch verständigen? Oder sind wir schon in Babelsberg?