Gescheit

Claus Hulverscheidt vom Wirtschaftsflügel der SZ nennt es „Selbstkasteiung“ (Süddeutsche Zeitung 26.6.19) , wenn in den USA 19 Multimillionäre die Einführung von Steuern auf Spitzenvermögen fordern, während diese selbst die Steuer als notwendigen Beitrag zu mehr politischer und sozialer Stabilität sehen.

Donnerwetter, das hat uns gefallen

Investigativer Journalismus, das macht einen Teil der Wertschätzung eines Blattes wie der “Süddeutschen” aus. Wie sie diesmal wieder aufdeckt, worauf wir nie von alleine gekommen wären, das hat große Klasse. Als „Stimmen der Unvernunft“(Schlagzeile) sieht Nicolas Richter auf Seite 1 der „Süddeutschen“ (30.1.16) sowohl Donald Trump als auch Bernie Sanders. Nanu? Das haut einen um. Er setzt sie doch tatsächlich gleich! Wir dachten, gegensätzlicher könnten zwei Kandidaten nicht sein: ein ultrarechter Blödmann und erstmals so etwas wie ein Sozialdemokrat. Doch Nicolaus Richter deckt auf: Weil nämlich beide als Männer gelten, die sagen, was sie denken, die also „ehrlich zu sein scheinen“. Ach, dann sind sie beide wahrscheinlich gleich unehrlich. Der Sanders ist bloßer Schein. Nichts dahinter. Ja, das haben wir so noch nicht gesehen. Was waren wir naiv! Trump bemängele “Schwäche und Inkompetenz in Washington, Sanders die wirtschaftliche Ungleichheit“. Ach so! Das ist ja wirklich fast das Gleiche. Dass einem das nicht sofort aufgefallen ist! „Mehr noch aber verbindet den Geschäftsmann und den US Senator, dass sie als unbestechlich gelten. Trump, weil er Milliardär ist, Sanders weil er das große Geld verachtet.“ Ja, Donnerwetter, auf diese Verbindung muss man erst einmal kommen. Die Gegensätzlichkeit ist in Wirklichkeit Übereinstimmung. Oho, welche Erleuchtung! Danke! Sollten sie sich etwa auch äußerlich kaum unterscheiden? Dazu aber leider kein Wort. Hingegen kritisiert Herr Richter angesichts der „Verzückung über den grantigen (auch das noch!) Großvater Sanders, dass kaum jemand (außer Nicolaus Richter) die Frage zu stellen scheint, wer all seine Wohltaten bezahlen soll“. Das ist ja immer so: Alle Linken wollen immer etwas Unbezahlbares.[ref] Deshalb setzte er bereits in einem anderen Artikel (19.1.16) die “seriöse, moderate Clinton” gegen Sanders ab, der also wohl, weil er den verhängnisvollen Einfluss des Großen Geldes auf die Politik mindern und die staatlichen Leistungen aufstocken will, als unseriös und radikal zu gelten hat. Ähnlich süffisant Claus Hulverscheidt (13.2.16), der die Amerikaner gleich empfänglich sieht für die “Tiraden des Donald Trump und die Schalmeiengesänge des Bernie Sanders, obwohl er vorher richtig festgestellt hatte, dass die Kaufkraft der US-Haushalte auf dem Stand von vor 60 Jahren ist und sich die die Gehaltsschere immer weiter geöffnet hat und Ausbildungskosten kaum noch zu tragen sind.[/ref] Zum Glück gibt es jedoch intelligente Menschen, Realisten, wie z.B. Schäuble, die Koch Brüder oder den lieben guten Nicolaus Richter, die das, ohne auch nur hinzuschauen, sofort durchschauen. Im Übrigen: Sollen die blöden Amis doch weiterhin, zwischen rechten Demokraten (Hillary Clinton) und ultrarechten Republikanern wählen dürfen. Das ist schließlich gutes altes Brauchtum. Das ist die Demokratie, wie man sie sich wünscht und wie wir sie ähnlich ja auch von zu Hause kaum anders kennen.
Uns bleibt nur staunend zu bewundern: Wer so kritisch zu schreiben versteht, hat es verdient, in einer Seriosität beanspruchenden deutschen Tageszeitung den Aufmacher zu verfassen.

Ein Essay unter dem Dächlein der Weisheit

Der Essay (seltener das Essay; Plural: Essays), auch: Essai, ist eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. So lautet die Definition bei Wikipedia, und daran ist eigentlich nichts auszusetzen.
In der “Süddeutschen” gibt es den “Samstagsessay”, den zuletzt (23.1.16) Claus Hulverscheidt mit dem Titel “Es lebe das Vorurteil” geschrieben hat. Darin vertritt er die Meinung, dass “TTIP Verschwörungs- und Untergangsszenarien geboren hatte, die dem jahrzehntelangen Geraune über die Hintergründe des Kennedy-Attentats in nichts nachstehen”. Denn: “Von einer Aushöhlung der Demokratie (…) kann genausowenig  die Rede sein wie von der befürchteten Durchlöcherung von Umwelt-, Sozial- und Verbraucherschutzstandards.” Schon ein Blick nämlich in das veröffentlichte 6000 Seiten umfassende TTP, das Claus Hulverscheidt in seiner ohnehin knapp bemessenen Freizeit genau studiert hat, auch wenn er uns fast alle seine Erkenntnisse vorenthält, zeige beispielsweise: “Alle Eingaben (an die “so heftig umstrittenen Schiedsgerichte”) und Beschlüsse müssen veröffentlicht, alle Anhörungen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zudem darf jedwede Organisation, die sich berufen fühlt, bei Gericht Stellungnahmen einreichen.”
Das macht uns frohgemut, und deshalb wollen wir singen: Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag, danke, lieber Claus Hulverscheidt, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag. Danke!
Aber “ehrabschneidend sind die aggressiven Pauschalvorwürfe vieler selbsternannter Globalisierungskritiker.” Oha! Bruder Caterpillar! Globalisierung ist nämlich “schlicht das Zusammenwachsen der Menschheit”. Sie hat “Hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit”, indem ,der kleine Mann’ den “Wohlstand” nicht mehr wie früher den anderen vorenthält”. Außerdem: “Was anderes ist es als Globalisierung, wenn ein Berliner Jugendlicher beim Internetdienst YouTube das Video eines amerikanischen Popstars anschaut?” Den Kritikern geht es “in ihrem mittlerweile oft stark ritualisierten Protest” nämlich “längst nicht mehr um einen konkreten Handelsvertrag”, sondern um “eine Generalabrechnung mit ,denen da oben'”, und natürlich leben sie ihren “wütenden Antiamerikanismus” aus. “Nutznießer dieses schalen Gemischs sind Rattenfänger am rechten wie am linken Rand des politischen Spektrums, die den ungestümen Zorn der Menschen missbrauchen und instrumentalisieren.” [dropdown_box]
Sein sarkastischer Ausruf: “Es lebe das Vorurteil!” zeugt von Claus Hulverscheidts tiefer Verzweiflung. Der Skandal um die Abgaswerte von VW in den USA, so meint er, hätte den Kritikern doch zeigen müssen, dass die Umweltauflagen in den USA sogar vielfach strenger sind als in Europa!  – Nun gut, er müsste wohl zugeben, dass die strengen Auflagen nur bei den weniger als 3 Prozent Dieselfahrzeugen[ref]in Europa 55 Prozent[/ref] gelten, nicht so bei den Benzinern, die im Schnitt 30 Prozent CO2 im Jahre 2010 bzw. 25 Prozent im Jahre 2015 mehr ausstoßen dürfen als die europäischen
Pkws.[ref]vgl. SZ 17.10.10 und 25.1.13[/ref]
Und – hört! hört! – Human Rights Watch habe gelobt, dass TTIP den Rechtlosen “in Vietnam oder Brunei bald mehr Rechte und einen besseren Arbeitsschutz” gewähren werde, aber auch “weitergehendere (!) Veränderungen gefordert”. “So sollte Kritik aussehen, gerade in einer lärmenden, mit Vor- und Pauschalurteilen überfrachteten Welt: differenziert, konkret, konstruktiv”, schreibt Claus Hulverscheidt.
Lieber (?) Claus Hulverscheidt, es ist phantastisch, wie Sie geistreich und differenziert gegen die Vorurteile zu Felde ziehen. Bei Ihnen zeigt sich eben die biblische Wahrheit:
“Wohl dem, der der Weisheit immer weiter nachforscht und schleicht ihr nach, wo sie hingeht, und guckt zu ihrem Fenster hinein und horcht an der Tür, sucht Herberge nahe bei ihrem Hause und richtet an ihrer Wand seine Hütte auf. Er bringt seine Kinder auch unter ihr Dächlein und bleibt unter ihrer Laube. Darunter wird er vor der Hitze beschirmt und ist ihm eine herrliche Wohnung.” (Sirach 14, 22-27) [/dropdown_box]

Och nöö, nä?

Hat der EU-Währungskommissar Moscovici doch tatsächlich ein Papier seiner französischen Sozialisten mit unterzeichnet, in denen sie eine gemeinsame Haftung der EU für einen Teil der Staatsschulden in Europa, eine „geschmeidigere“ Auslegung des Stabilitätspaktes und die Herausrechnung von Investitionen aus dem dem Budgetdefizit fordern. Dieser unglaubliche Rückfall in finstere unorthodoxe Denkweisen verträgt sich nun aber gar nicht mit der „Pflicht“ als EU-Währungskommissar, meinen Claus Hulverscheidt in der SZ und der Chef der CDU/CSU Fraktion im EU-Parlament.
Von „Pflicht“ zu reden trifft es wohl nicht ganz. Aber wie wär’s mit typisch sozialdemokratischer „Schizophrenie“?

Kraft der Argumente

Absolut phantastische Leistung: Claus Hulverscheidt ist Schäuble. Toll! In der SZ berichtet er zwar am 18.4.15 und 20.4.15 einerseits über Zuhörer in den USA, die Varoufakis nach einem Vortrag „ergriffen“ versicherten: „Hier in Washington haben Sie ein Heimspiel.“ Aber dann versucht er doch richtig Stimmung zu machen, wenn er über den „Wettbewerb um die Gunst der Weltgemeinschaft“ schreibt: Unser Finanzminister versuche es “mit der Kraft der Argumente“, indem er auf den verordneten Maßnahmen gegenüber Griechenland bestehe. Doch wo bleibt die Kraft der Argumente? Seltsamerweise „überzeugt“ er „die meisten seiner Zuhörer“ damit nicht; sie halten die Kraft der Argumente angeblich zwar für „akademisch richtig“, aber für “politisch engstirnig.“ Varoufakis dagegen nutze die Skepsis, die Schäuble hinterlassen hat, geradezu perfide „für einen fulminanten Konter: Kein Land, so sagt er, habe seinen Haushalt so radikal saniert wie Griechenland mit bestürzendem Ergebnis.“ Dabei hätte Varoufakis doch auch so scharfsinnige Argumente vorbringen müssen wie Schäuble. Aber nein, da seine Argumente sowieso nur kraftlos wären, verzichtet der Wirtschaftsprofessor (Ha ha!) auf jede Vernunft. Dann sagt der Narr auch noch, dass er nur Auflagen akzeptieren wolle, die sinnvoll seien, und zerstört damit selbstverständlich „alle Hoffnung auf baldige Fortschritte“. Wie man sich denken kann, hat der Schäuble da “mehrfach Mühe, seine Zunge in Zaum zu halten”. Eine Spitzenleistung, lieber Claus Hulverscheidt, – entschuldigen Sie die direkte Anrede, aber es geht einfach mit mir durch – ist aber der Schluss Ihres Artikels. Wie Sie da den eitlen Geck durchschauen: Phantastisch! “Am Samstagvormittag schlendert (ja, genau, wie der schon immer geht!) der Minister durch die große Eingangshalle des IWF Hauptgebäudes an der Washingtoner Pennsylvania Avenue (ha! er schlendert, und das an dieser Adresse! Eingangshalle des IWF Hauptgebäudes an der Washingtoner Pennsylvania Avenue), umringt von einer ganzen Traube (nicht einer halben, sondern einer ganzen – man glaubt’s nicht!) zumeist weiblicher Bewunderer. (Nachtigall, ich hör dir trapsen!) Gleiche mehrere der Damen (welch köstliche Ironie!) halten ihr Handy in die Höhe, um sich selbst (nicht nur sich, sondern auch noch sich selbst!) mit Varoufakis zu fotografieren. (Unerhört! Hulverscheidt, alter Knabe, Sie waren doch auch da. Die ,Damen’ hätten sich gefälligst mit Ihnen fotografieren lassen wollen müssen!!) Der Minister nimmt die Frauen in den Arm (das allein ist an sich schon unerhört, aber es kommt noch schlimmer) – und lächelt cool.”