Sprachblüten

Ach, Christoph Gurk,
Sie haben es nicht leicht. Eigentlich wollten Sie ja Sport studieren. Aber man hat Sie offenbar gezwungen, Journalist zu werden. Und da haben wir das Malheur: Nun ist nicht der Sportsfreund, sondern die deutsche Sprache Ihr Gegenpart. Und zum Entsetzen vieler, die sich dieser Sprache bedienen wollen, unterscheidet sie tatsächlich neben dem Nominativ (Werfall) noch Akkusativ (Wenfall), Dativ (Wemfall) und Genitiv (Wesfall). (Oh je, man schaut schon so kaum durch! Wenn es da auch noch den Ablativ und den Vokativ gäbe!) Das ist zugegeben sehr verwirrend. Und da haben Sie nun irgendwann etwas gelesen mit der seltenen Präposition (Verhältniswort) „wider“ und in der Redewendung gefolgt von dem Nomen (Substantiv, Hauptwort, Dingwort) „Wissen“: „wider besseres Wissen“. Aus dem Zusammenhang ergab sich, dass „wider“ soviel hieß wie „gegen“. Nur hieß es eben nicht „gegen“, sondern etwas altertümlich „wider“. Aber es hat Sie mächtig verunsichert: „wider besseres Wissen“? Das war wahrscheinlich der Dativ oder doch der Akkusativ? Oder wegen des „s“ am Ende von „besseres“ doch eher der Genitiv?


Aber es gab ja den Trend, den Genitiv auszurotten („der Toten gedenken“ – das hört hört sich ja – hihi – total ulkig an), und die Gegenbewegung „Rettet den Genitiv!“ Und deren verunsicherte, aber um so aggressivere Anhänger sehen nicht mehr Freund noch Feind, weder Dativ noch Akkusativ; sie kennen nur noch einen – vaterländischen – Genitiv! Und so schreiben auch Sie „wider allen besseren Wissens“ (Süddeutsche 13.5.20. S.7) Aber Blindheit schützt vor Unrecht nicht: Die Präposition „wider“ ist kurz vor dem Aussterben1; es ist unser aller moralische Pflicht, sie zu bewahren, und zwar in ihrer reizenden, mit ein wenig Patina versehenen Ursprünglichkeit – den Akkusativ regierend.
Ach, Christoph Gurk, haben Sie Mitleid, retten Sie die Nicht-Genitive, den Dativ und den Akkusativ. Auch sie möchten leben. Der Sprachgott wird es Ihrer Ihnen vergelten („Sie dafür belohnen“). Er wird es Ihnen danken, wenn dank Ihrer Ihnen die deutsche Sprachflora weiter wider allen Misslichkeiten herrlich vielfältige Blüten treibt.
Mit diesem Wunsch und überhaupt allen (ohne Ausnahme) guten Wünschen
Gerd Busch