Neues Format für Günter Jauch: Wer wird Heuchelkönig?

Seine Talkrunde vom Sonntag gibt Günter Jauch auf; er hat eingesehen, dass sie überholt ist, und fühlt sich ziemlich genervt, denn es ist zwar die Position der Regierung personell immer in ausreichendem Maße vertreten, aber meist ist da trotzdem auch jemand, der dauernd widerspricht. Seine neue Sendung ist der alten nicht unähnlich. Das Personal bleibt das gleiche; es gibt wieder die Runde mit Politikern und dem volkstümlichen Jauch. Aber – das ist neu – am Ende wird der größte Heuchler gekürt und bekommt eine Million vom IWF. Einige Politiker, denen ihre Popularität nicht genügt, üben schon: Jean Claude Juncker, Martin Schulz und natürlich auch der allseits überaus beliebte Sigmar Gabriel. Und wie nicht anders zu erwarten, sehen wir eine phantastische Performance von allen. Momentan haben sie aber auch – bei der Auseinandersetzung mit der griechischen Regierung – hervorragende Trainingsmöglichkeiten.[dropdown_box] So klagen sie nicht nur erschütternd, sondern weinen fast, weil sie von Tsipras und der griechischen Regierung menschlich so tief enttäuscht, so übel hintergangen wurden. Auch andere Kandidaten geben ihr Bestes: Man weiß gar nicht so recht, was man glauben soll: Zittern sie vor Erschütterung oder in ohnmächtigem Zorn. Sie machen das super! Eine Mischung aus Bud Spencer und der unvergessenen tränenreichen Maria Schell. Wären sie doch nur persönlich anwesend, wie gerne würde man ihnen Trost spenden, sie in die Arme nehmen und ihnen den Kopf streicheln. Und ganz doll hauen möchte man die bösen Griechen!
Da hätten die netten Politiker den Griechen doch tatsächlich 35 Milliarden Euro angeboten, um die griechische Wirtschaft anzukurbeln, und es seien weder Lohn- noch Rentenkürzungen verlangt worden. So sehe, wir erfahren es hautnah, eben Solidarität aus, Humanität über alle ideologischen Unterschiede hinweg – auch gegenüber dem Klassenfeind, den Kommunisten, wie Volker Kauder die Syriza und wohl auch Sarah Wagenknecht nennt! Nein, ihr Lieben, das war “kein stupides Sparpaket” (Juncker). Nein, selbstverständlich nicht. Wer käme denn auf eine solche Idee: stupides Sparpaket?! Ein Sparpaket, das weiß jeder Deutsche, kann nie stupide sein. Wir können uns nichts Schöneres ausmalen als eine schwarze Null. Man kann sich in ihren Anblick versenken, Kraft schöpfen aus diesem runden, harmonischen Gebilde.
Aber diese griechischen Rentner versteht man nicht, die man zwar – naja – durch Erpressung, aber doch letztlich zum Guten der ganzen Welt in Verzweiflung stürzt, indem man den Griechen zeigt, was man mit ihnen machen kann, wenn sie nicht gehorchen und die Sparmaßnahmen akzeptieren. Im Gegenteil, wenn die das Spardiktat nicht akzeptieren wollen, dann ist das Erpressung! Hallo, welch toller Einfall! Bewundernswürdig! Und wenn die mageren Gestalten, die ja nicht einmal mehr richtig gehen können mit ihren Krückstöcken, wenn die verzweifelt genug sind, werden sie sich vom Bösen ab- und dem Guten zuwenden.
Haha, es sei doch völlig unverständlich, was diese ,schrillen’ Kommunisten treiben: Es seien weder Lohn- noch Rentenkürzungen verlangt worden. Klar, man weiß: diese Griechen haben einen sozialen Fimmel; nur nicht die Armen noch ärmer machen. Aber die Kandidaten zeigen sich ja tolerant bis zur Selbstverleugnung und kommen den Griechen entgegen, wo sie nur können, und zwar gegen ihre auf wirtschaftlichen Sachverstand gegründete Überzeugung. Also, den Gesundheitsbeitrag für Renten von 4 auf 6% anzuheben, nachdem die Rentenseit Beginn der Rettungspakete sieben Mal gekürzt wurden, die sog. solidarische Unterstützung (EKAS) phasenweise einzustellen und damit die Renten weiter zu kürzen sowie die Mindestrente bis 2021 einzufrieren – das sind doch Bagatellen! Da soll sich der Tsipras mit seinen Wahlversprechen mal nicht so haben.
Und der überragende Sachverstand der Schäubles, von dem ein Varoufakis nur träumen kann, sagt ihnen und natürlich auch dem begeisterten Publikum, dass die für den Tourismus und die Binnennachfrage wichtige Tourismusbranche künftig mit dem höchsten Mehrwertsteuersatz von 23% (anstatt 13%) belastet werden sollte. Das werde den Fremdenverkehr, Griechenlands wichtigste Einnahmequelle, ankurbeln und so den Schuldendienst erleichtern. Ein Mordsspaß! Und dass die wunderbaren 35 Milliarden eigentlich nur die förderfähigen Zuschüsse umfassen, die Griechenland in den Jahren 2014 bis 2020 aus dem Strukturfördertopf der Europäischen Kommission abrufen könnte – und zwar wie andere Länder auch -, das ist zwar kein Zugeständnis, das beim Verhandlungs,partner’ Euphorie auslösen könnte, aber irgendwie großzügig hört es sich doch an, obwohl die Griechen bekanntlich an Geldmangel leiden und deshalb die notwendige Cofinanzierung für den Abruf dieser 35 Milliarden ohnehin nicht zahlen können. Ach, ihr Füchse!
“Wie müssen jetzt deutlich machen, wer die Verantwortung trägt für die Entwicklung. Es ist nicht das Versagen der EU.” (Elmar Brok) Juchuh! Nur Kommunisten nehmen schmutzige Wörter in den Mund, wie “Umschuldung” oder “Schuldenschnitt”. (Naja, Frau Lagarde und sogar Herr Steinbrück tun das schon mal. Aber das sind vielleicht Kryptokommunisten, die irgendwann aus dem Untergrund hervorbrechen werden, um alles zu zerstören.) Nein, ein Schuldenschnitt, das wäre allenfalls mit einer konservativen Regierung nach Syriza möglich, sei sie auch noch so korrupt. Denn damit käme Griechenland wieder auf die Beine, könnte womöglich Teile seiner Schulden zurückzahlen. Vor allem müsse man aber die Dinge eben weitsichtig, globalpolitisch betrachten: Wenn die Rettung unter einer linken Regierung geschähe … In Spanien wartet schon die Podemos darauf, die “nachweislich hochkorrupte PP”[“Süddeutsche”7.7.15[/ref] des momentanen Premiers Rajoy (24% Arbeitslosigkeit) abzulösen.
Ach nein, wie traurig sei es doch, was diese griechischen Kommunisten mit ihrem Volk anstellen. Aber Rettung sei in Sicht! Jetzt kriegen sie erstmal ein ordentliches Sparprogramm!
Wer wird Heuchelkönig? Es geht um Millionen. Demnächst im Programm.[/dropdown_box]

Krank? Krank!

Zwar haben wir uns bisher über den inflationär und häufig schief angewandten politischen Kampfbegriff „Populismus“ mokiert[ref]Populismus: Rolle des BND unbewiesen vom 16.6.15[/ref], aber nachdem wir uns kundig gemacht haben, was scharfsinnige Journalisten unter „Populismus“ verstehen, wagen wir es endlich auch, Politiker als Populisten anzuprangern. Da nicht zu übersehen ist, dass Griechenland sich „ohne Schuldenschnitt auf den unausweichlichen Bankrott“ zu bewegt, nennt es Wofgang Münchau [ref]Associate Editor und Kolumnist der “Financial Times”sowie Mitbegründer und einstiger Co-Chefredakteur der deutschen Ausgabe, Autor mehrerer Bücher zur internationalen Finanzkrise[/ref] eine „Lebenslüge“ bzw. „die größte Lebenslüge des 21. Jahrhunderts“, wenn die Deutschen weiter an die Rückzahlung der gesamten griechischen Schulden glauben. Ist es nun eine Lebenslüge oder ein Betrug an den Wählern, denen man vorher weisgemacht hatte, dass der deutsche Steuerzahler keinen Cent an die Griechen verlieren würde? Sind Schäuble, Merkel und Co etwa schmierige Populisten? „Die griechische Regierung kann zwar noch weitere Haushaltseinsparungen vornehmen, braucht aber unbedingt einen expliziten Schuldenschnitt, damit das funktioniert,“ stellt Münchau fest.[dropdown_box]
Das Verhalten der deutschen Regierung sei irrational: „Wenn sich die Insolvenz des Kreditnehmers abzeichnet, dann handelt der Kreditgeber rational, wenn er auf einen Teil des Geldes verzichtet und so die Insolvenz und damit den Totalausfall seiner Forderung vermeidet.“ – „Aus deutscher Sicht gibt es zwei Lösungen der Griechenland-Krise. Entweder verlieren wir die ganzen 80 Milliarden Euro an Griechenland-Krediten. Oder wir verlieren nur einen Teil davon. Es ist die offizielle Position der Bundesregierung, dass sie unbedingt alles verlieren will.“
Unglaublich ist, wie die gesamten Medien immer wieder einhellig den Griechen Tricksereien unterstellen und sich kringelig lachen über den “Spaßhansel” Varoufakis (Martin Schulz). Münchau meint hingegen dazu: „Die Griechen spielen mit offenen Karten. Das ist es ja gerade, was die Verhandlungspartner so irritiert. Die Griechen sagten im Februar: keinen Deal ohne Schuldenschnitt. Und sie sagen genau dasselbe auch jetzt noch. So wie einst Martin Luther stehen sie da und können nicht anders.“ Und was entgegnet dem der Schäubele? “Unerfreuliche Situationen werden durch Wiederholung nicht erfreulicher.” Und durch solche Kommentare werden sie sogar noch unerfreulicher. Es wäre immer die “gleiche Leier”. Ja, ja, ja! So ist es. So ist es. So ist es.
Aber immerhin wagt auch die Kolumnistin Carolin Emcke in der “Süddeutschen” (20.6.15) zu schreiben: Sie könne nicht begreifen, “wie diejenigen, die etwas von Wirtschaft verstehen, bei der Kreditvergabe annehmen konnten, Griechenland würde einen Primärüberschuss von 4,5% erwirtschaften können”, und man müssen kein Wirtschaftsnobelpreisträger sein wie Joseph Stiglitz oder Paul Krugman, die die Politik der Troika für das griechische Elend verantwortlich machen, “um zu bezweifeln, dass allein die Senkung von Lohnkosten und eine strikte Spar- und Reformpolitik” aus der griechischen Misere führen könne: “Wenn sogar ich kalkulieren kann, dass ein Schuldenberg von mittlerweile 300 Milliarden Euro nicht abzutragen ist”, so meint sie, “warum steht das Eingeständnis, dass das Geld schlicht weg ist, nicht am Anfang aller Gespräche? Warum bleibt ein Schuldenschnitt oder eine Umschuldung tabu?” Und auch sie fragt sich, “ob ausreichend Rationalität unterstellt werden kann”. – “Wohlgemerkt, es ist unstrittig, dass ein Schuldenschnitt über kurz oder lang unvermeidlich ist. Die Gläubiger bestehen also wider besseres Wissen auf der formellen Anerkennung einer tatsächlich untragbaren Schuldenlast. Bis vor Kurzem beharrten sie sogar auf der buchstäblich fantastischen Forderung eines Primärüberschusses von mehr als vier Prozent.”, so Jürgen Habermas[ref]Süddeutsche Zeitung 23.6.15[/ref]. Hat die griechische Regierung ganz Unrecht, von “Terrorismus” zu sprechen?
Oder sollten wir es schmierigen Populismus nennen,

wenn die Politiker verbreiten, dass den Griechen es versäumen, die Steuereinnahmen zu effektivieren, obwohl laut OECD große Fortschritte bei der Finanzverwaltung erzielt wurden, die Bemessungsgrundlagen der Steuern verbreitert wurde, Vorschriften intensiviert wurden – so ein internes Papier aus Schäubles Ministerium – , zudem die Staatseinnahmen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung – so auch der ,Wirtschaftsweise’ Peter Bofinger – so stark (deutlich höher als in Deutschland) gestiegen sind, und Griechenland im europäischen Vergleich Durchschnitt ist[ref]Es ist ungeheuer ärgerlich, dass die Regierung es bisher immer noch nicht geschafft hat, die Reichen ausreichend bei den Steuern zu belasten. Sie hat aber die offenbar uneffektiv arbeitende Steuerverwaltung stark ausdünnen müssen.[/ref],

wenn sie verbreiten, dass die griechische Regierung nichts gegen den aufgeblähten Verwaltungsapparat täte, obwohl es prozentual weniger Beamte gibt als in Dänemark, Schweden, Luxemburg, Frankreich, und ignorieren, dass die Regierung die Beamtenschaft in den letzten Jahren halbiert hat und dass die von Tsipras – Skandal! – wieder eingestellten Beamte nur 9000 von 220 000 waren, und zwar solche, die ohne Rechtsgrundlage entlassen worden waren,

wenn sie verbreiten, dass die Regierung reformunwillig sei, obwohl laut Ranking der OECD sie mehr Reformfortschritte bewirkt hat als die Krisenstaaten Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Irland, so dass Marcel Fratzscher, Professor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, urteilt, dass das Reformprogramm eigentlich gut sei[ref]Nebulös erscheint hier, dass die Regierung die Verteidigungsausgaben nicht, wie vom Kreditgeber gefordert um 400 Millionen, sondern nur um 200 Millionen kürzen wollte. Möglicherweise ist hier der rechte Koalitionspartner schuld, der das Verteidigungsministerium leitet.[/ref]

wenn sie verbreiten, dass die Sparpolitik schließlich in den anderen Krisenländern, wie Irland und Portugal erfolgreich gewesen sei, obwohl es fragwürdig ist, ob man es als Erfolg werten kann, wenn sich in Portugal die Zahl der Mindestlohnempfänger seit 2006 verdreifacht hat, die Arbeitslosigkeit fast 30% beträgt, die Verschuldung von 96,2% des BIP im Jahre 2012 auf 129% im Jahre 2014 gestiegen ist, dass Irlands BIP zwar erheblich gewachsen ist, man aber in dieser Rechnung berücksichtigen müsste, wie wie tief zuvor der Absturz war – “Selbst eine tote Katze schnellt nach oben, lässt man sie nur hoch genug fallen”[ref]Tom McDonnell vom Nebin Economic Research Institute[/ref], dass jeder sechste Arbeitnehmer unter der Armutsgrenze lebt und dass sich die Arbeitskonditionen immer mehr verschlechtert haben, z.B. durch die “zero hour contracts”, die die Arbeitenden zwar verpflichtet, ihren Firmen täglich, werktags wie an Wochenenden, zur Verfügung zu stehen, aber nur 15 Stunden pro Woche garantiert werden,

wenn sie behaupten, dass ein Schuldenschnitt dem deutschen Steuerzahler nicht zuzumuten sei, und ihm verschweigen, dass Deutschland nach den Verbrechen der Nazizeit ein Schuldenschnitt zugestanden worden ist, ohne den es nie wieder auf die Beine gekommen wäre?

Statt dessen fordern die europäischen “Partner, die Griechen sollten doch – verdammt noch mal – genauso unsozial handeln wie sie selbst und eine Mehrwertsteuer von 23% (!) einführen. Matteo Renzis Aussage zur Flüchtlingspolitik lässt sich gut verallgemeinern: “Wenn dies eure Idee von Europa ist, dann könnt ihr sie behalten.”
Da protzen die schwarzen Nullen, die Schäubels, Waigels, Merkels, Gabriels, Ekels usw., arrogant mit angeblicher Sachkenntnis, zeigen sich gleichgültig gegenüber “denen, die ihre Arbeit verloren haben, deren Wohnungen zwangsgeräumt wurden, die über keine Krankenversicherung mehr verfügen – als seien dies lediglich ökonomische Verwerfungen” (C. Emcke), ohne “dass wir eine total andere Politik einschlagen sollten” (Juncker), werfen den Griechen Erpressung vor, obwohl sie selbst sie erpressen und es mit ihrem Gerede geschafft haben, Griechenland noch weiter in Bedrängnis zu bringen, weil die Griechen aus Angst ihre Konten räumen, und nennen als Motiv ihres Handelns doch tatsächlich “Solidarität” mit Griechenland (Juncker) statt Solidarität mit den Banken, denen sie ja in Wirklichkeit fast alles zugeschanzt haben. Wenn das ihre Idee von humanitärer Solidarität ist …
Ist es Ignoranz (mangelnde Rationalität) als Ergebnis einer verfehlten Bildungspolitik, ist es die typische psychische Politiker-Erkrankung (Unfähigkeit zur Empathie, Neigung zum Selbstbetrug oder zur Heuchelei)? Oder sind diese Politiker beides, sowohl dumm als auch krank? Oder ist es doch nur ein schlaues politisches Kalkül: Wenn Merkel und Co weiter auf harten Maßnahmen bestehen und Griechenland an den Rand des Bankrotts treiben oder Tsipras zu unsozialen Maßnahmen zwingen, so erzeugen sie damit eine Angst, die die Wähler auch in anderen Ländern von linken Gruppierungen fernhalten soll – ohne Rücksicht auf das Leiden, das sie verursachen.[ref]Albrecht Müller auf den “Nachdenkseiten”: “Die neue griechische Regierung darf keinen Erfolg haben. Eine links bestimmte Regierung darf in Europa keinen Erfolg haben, um jegliche Lust auf eine ähnliche Entscheidung und Entwicklung in anderen Ländern von vornherein und rund um abzutöten. Deshalb haben wir im Januar auch schon prognostiziert, dass die damalige Troika alias Institutionen und die einzelnen Regierungen die neue Regierung Griechenlands und damit auch das ganze griechische Volk am ausgestreckten Arm verhungern lassen wird.”[/ref]
Und die ehemaligen Sozialdemokraten in der SPD[ref]Georg Schramms Rentner August, der, seitdem er denken kann, in der SPD ist, sprach von seiner Arbeitsgruppe „Sozialdemokraten in der SPD“.[/ref] unter Gabriel, was sagen sie dazu? Oh, lieber nichts, aus Angst, dass die Wähler den bestrafen, der ihm seine Lebenslüge zu zerstören droht? Auch krank? Auch Populisten? Überzeugungstäter? Überschrift im Wirtschaftsteil der „Süddeutschen“: „Gabriel, der Neoliberale“. [/dropdown_box]

Absurdes Drama in Berlin: Freiwillige Betrugsopfer

Der berüchtigt investigativen Abgrundkontrollstelle wurde der folgende Brief zugespielt, über dessen Adressaten allerdings leider nichts bekannt ist außer dem Vornamen.

Lieber Wolfgang,
es kann ja nicht ganz falsch sein, wenn es doch schon die Römer festgestellt haben: mundus vult decipi ergo decipiatur vincit qui patitur– zu deutsch: die Welt will betrogen sein, also nichts wie ran! Wir, die wir ja nicht ganz naiv sind, handeln entsprechend – nicht erst seit Konrad Adenauer. Und wenn, wie momentan nicht nur die Regierung oder das Schwabenländle, ja nicht nur Deutschland, sondern unser ganzes System bedroht wird, dann muss natürlich jedes Mittel recht sein. Denn auf keinen Fall darf Unruhe die schwäbische Hausfrau ergreifen und vom Kehren fernhalten; man darf ihr unter keinen Umständen verraten, was alle wissen, dass nämlich die Griechen die Schulden nie zurückzahlen können. Vielmehr heißt es, ihr weiterhin um jeden Preis einzureden, dass die faulen und betrügerischen Griechen – „Würden Sie bei so einem, der nicht mal eine Krawatte trägt, wie dem Tsipras einen Gebrauchtwagen kaufen?“ – ihre Schulden gefälligst auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen haben, und dass sie, wenn sie es etwa nicht tun oder nicht können, aufs schwerste bestraft gehören. Auch wenn sie alle im Schuldturm verhungern, so geschieht es ihnen recht![dropdown_box]
Wir wissen: Es geht um alles. Machen wir so einer antikapitalistische eingestellten Regierung irgendwelche Zugeständnisse, bricht möglicherweise das ganze System zusammen. Deshalb können wir gar nicht anders, als den Herrn Häberle und die Frau Schäuble zu betrügen, und müssen die Griechen für die gute Sache, Privatisierungen, Abbau des sozialen Sicherungssystems, notfalls in den Abgrund stürzen, bis sie endlich zur Vernunft kommen und verzweifelt nach einem neuen Papadopoulos oder der alten Clique, den Freunden von Goldman-Sachs, schreien. Denen können bzw. müssen wir dann endlich das verdammte Geld in den Rachen schieben, damit sie die breite Zustimmung des Volkes erhalten und alles wieder seine Ordnung hat.
Eines müssen wir angesichts dieser historisch bedeutsamen Situation jedoch mit größter Dankbarkeit feststellen. Das alles wäre ja so gar nicht möglich gewesen ohne unseren Gabi, den Sigmar, der um alles in der Welt möchte, dass er durch seinen vertraulichen Umgang mit der Wirtschaft für alle, auch die FDP-Freunde, wählbar ist und er so womöglich sogar die 25% Zustimmung zur SPD bewahren kann. So sehen wir mit großer Freude, dass nicht nur unsere Freunde die BILD-Leser betrogen sein wollen, sondern auch diejenigen, die wir von nun an mit jedem Recht unsere Genossen nennen dürfen.
In Freundschaft
Dein Achaz Alban Freiherr von und zu Söder-Kotzau[/dropdown_box]

Unglaubliche Wühlarbeit der Populisten!

Er schreibt für die Wirtschaftsredaktion der „Süddeutschen“. Daher muss Nikolaus Piper – da kann man ganz sicher sein – , einer von denen sein, die nicht das geringste Verständnis für die „Linkspopulisten von Syriza“ – ach, wieder dies wunderbare Schimpfwort – haben; sondern er muss – da kann man ganz sicher sein – zu den Menschen mit ungeheuer viel Sachverstand zählen, zu den „Experten – ob sie nun als ,Troika’ firmieren oder nicht“ (ha,ha!). Daher weiß er auch, was die Syriza fälschlich als „neoliberal“ verdammt, nämlich den „Staatshaushalt sanieren“, „die Verwaltung reformieren“ (!), „Angestellte entlassen und Firmen privatisieren” – alles Dinge, die Syriza als ,neoliberal’ verdammt hat.“ Ach, welche Freude, einem Experten lauschen zu dürfen!
Überdies hat der Sachverstand von Nikolaus Piper erkannt und spricht sogar aus, was die Öffentlichkeit sonst lieber nicht so laut zu Gehör bekommen sollte: Die Erpressung[ref]Diese Formulierung verwenden die ehemaligen Minister der griechischen Regierung Koutroumanis und Manitakis.[/ref] durch die “Experten” von der Troika, „ob sie nun als ,Troika’ firmieren oder nicht“ (ha, ha!) rührt aus der Angst vor der Ausbreitung einer – populistischen! – Bewegung her, die sich nicht nur krawattenlos auf Motorrädern bewegt (ha,ha!), sondern – und nun wird es ganz, ganz ernst – den real existierenden Kapitalismus kritisch sieht: „Für die Europäer lohnt es sich, den Griechen entgegenzukommen, was Stil und Flexibilität betrifft. Aber die Grenzen dafür sind eng. Auch in anderen Staaten gibt es populistische Parteien nach dem Modell Syriza; am stärksten ist die spanische Bewegung ,Podemos’.“
Ja, du lieber Nikolaus, die bring uns lieber nicht ins Haus!
NilpferdEs kommt aber noch schlimmer: Da beschert uns Infratest dimap eine wirklich unglaubliche Umfrage, über die die „Süddeutsche“ unter der Überschrift “Linksradikales Deutschland“ berichtet und die die Experten erst recht das Fürchten lehren könnte. Danach haben es die Populisten von der BILD-Zeitung mit ihrer populistischen Wühlarbeit – wer sonst könnte es gewesen sein? – doch tatsächlich fertig gebracht, dass nach Meinung jedes Dritten in Deutschland der Kapitalismus zwangsläufig zu Armut und Hunger führe und – nach Meinung von 61% – nicht der Wähler, sondern die Wirtschaft das Sagen habe.

Ich hör’ auf einmal keine Uhr mehr schlagen,
urplötzlich ist es grausig still.
Am Himmel bleicht der letzte Stern dahin,
und vor den Fenstern fängt es an zu tagen.
Es springt die Angst aus allen Gegenständen.
Sie wird zum Ekel, fad und unerträglich,
und eine kahle, grenzenlose Leere
grinst mir entgegen aus den Zimmerwänden.[ref]Oskar Maria Graf[/ref]