Abgründig

Ja, ja, der Schäubele!

Er blickt hinauf in Himmels Au’n,
Wo Heldengeister niederschau’n,
Und schwört mit stolzer Kampfeslust:
Wir alle wollen Hüter sein,
Und nieder mit der Brut,
von Anarchisten und Trotzkisten,
nichts anderes sind sie alle, alle,
ob Keynsianer oder andere Kommunisten!
Ob Krugman oder Jeffrey Sachs
und weiß der Teufel wie sie sonst noch heißen!
So lang ein Tropfen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht,
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
verteidigt er das Euroland.

Ein deutscher Held im Dienst der Banken des deutschen Steuerzahlers!
Aber da schießt diese schreckliche Sarah Wagenknecht wieder aus dem Hinterhalt und schreibt doch tatsächlich:
„Die deutschen Steuerzahler glauben, dass sie außerordentlich großzügig gegenüber Griechenland gewesen sind … tatsächlich haben sich die deutschen Steuerzahler nicht gegenüber Griechenland großzügig gezeigt, sonder gegenüber ihren eigenen Banken.“
Glaubt man’s? Was ist denn nun schon wieder in dieses Weib gefahren?! In der Manier geht es noch weiter:
„So ist Griechenland gezwungen worden, das erste Hilfspaket von 100 Milliarden Euro im Jahr 2010 nicht für sich selber zu verwenden, sondern damit seine Schulden gegenüber den Banken abzulösen, vor allem gegenüber deutschen und französischen Banken. Auf ähnliche Weise wurde Griechenland gezwungen, das zweite Hilfspaket dafür zu verwenden, seine ausländischen Gläubiger zu bedienen. … Jetzt wird Griechenland ein drittes Hilfspaket erhalten, aber erneut wird es verwendet, um die Gläubiger zu bedienen: den IWF, die EZB, den europäischen Rettungsfonds EFSF und andere. Und es wird dazu verwendet, um Geld in notleidende Banken zu stecken. Ja, die deutschen Steuerzahler waren großzügig – aber nur zu den Banken und anderen Institutionen, die Griechenland Geld geliehen haben; nicht aber zum griechischen Volk.“
Wie bitte? Das war gar nicht Sarah Wagenknecht, die das geschrieben hat? Das hat dieser Jeffrey Sachs geschrieben (SZ 1.8.15)? Dieser amerikanische Wolf im Schafspelz? Ach, du meine Güte, was will der denn bloß wieder von uns?[dropdown_box]
Da haben wir BILD-Leser und andere Angehörige des großen Schwarms uns doch gerade moralisch über die faulen und korrupten Griechen entrüstet, da bagatellisiert er unseren äußerst moralischen Standpunkt: „Keine Frage: Griechenland hat sich zu hoch verschuldet; es hat darin versagt, die Vetternwirtschaft und Korruption zu bekämpfen“ Aber: „Wir dürfen Gesellschaften nicht an den Rand des Zusammenbruchs bringen, auch wenn sie selbst für ihre hohen Schulden verantwortlich sind.“ Die südamerikanischen Pleiteländer, die leichtsinnig gewirtschaftet hatten wie die Griechen, das Nazideutschland, das man kaum als moralische Instanz bewundern konnte, sie mussten mit einem Schuldenschnitt wieder in die Spur gebracht werden. Als man es nicht tat, wie in der Weimarer Republik oder in Russland 1992, hatte das schlimme Folgen. „Deutschland kann Griechenland eine Lektion erteilen und verlangen, all das umzusetzen, was Deutschland fordert; aber Griechenland wird zusammenbrechen, wenn es gezwungen wird, seine Schulden weiter in voller Höhe zu bedienen und seine Staatsausgaben entsprechend zu kürzen. … Solch eine Politik wird am Ende dazu führen, dass sich in Griechenland keine demokratische gewählte Regierung mehr als ein paar Monate halten kann. Der eingeschlagene Weg wird ins Desaster führen.“
Ein deutscher Finanzminister blickt hinauf in Himmels Auen.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
Ja, da sah der Bursche nicht.
Lieber nicht![/dropdown_box]

Jupi Jupi Jupije, Griechenland ade!

Wir verkaufen unser Oma ihr klein Häuschen,
Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen,
Und die erste und die zweite Hypothek.

– Ja, geht das denn so einfach?
– Kein Problem. Wir erklären die Oma für dement – schließlich fährt sie bekanntlich im Hühnerstall Motorrad – , daher nicht geschäftsfähig, und schon läuft der Laden.
– A propos Laden, das klein Häuschen war doch tatsächlich eine Villa mit eingelagertem exklusivem Edelpelzhandel.
– Haha, ja, ja, das wirft ordentlich was ab. Und mal ganz klar gesagt: Die Alte konnte mit Geld nicht umgehen. Allein die Personalkosten!!
– Aber, aber … es war doch ihre Altersvorsorge.
– Nur keine Sentimentalitäten. Sie kriegt im Heim ihr eigenes Zimmer, jede Menge ihrer geliebten Pfefferminzdrops, und so profitieren letztlich alle davon. Genau das, meine Liebe, ist Solidarität.

– Und was hat das mit Griechenland zu tun?
– Na, kommst du nicht selbst darauf? Da haben wir es doch auch so gemacht. Die Griechen hatten ihre lukrativen Flughäfen, mit denen ihr Staat Einnahmen hatte.
Dann haben wir sie entmündigt, haben sie die Flughäfen eiligst privatisieren lassen, so dass wir sie unter Preis kaufen konnten. Und so machen wir es immer weiter mit allem, was irgendwie Gewinn bringt. Denn unser hoher wirtschaftlicher Sachverstand sagt uns: Was keinen Gewinn bringt, das kaufen wir auch nicht. Und wenn sie die 50 Milliarden voll haben, was sie angesichts der Schleuderpreise kaum schaffen werden, und wirklich nichts, aber auch gar nichts mehr da ist, dann …
Dann sehen wir zu, wie der Varoufakis nur noch im Hühnerstall Motorrad fahren kann.

Ach, wie sie schwärmen!

Stare„Leicht ist es nicht, die Geduld zu bewahren, schon gar nicht, wenn man das Gefühl hat, dass es wirklich genug ist“, schreibt Alexander Mühlauer in der “Süddeutschen Zeitung” voller Verständnis für die Unterhändler der EU und EZB, die „großzügig“ Geld zuschießen und überhaupt so lieb sind zu den Griechen.
Leicht ist es nicht, die Geduld zu bewahren, schon gar nicht wenn man das Gefühl hat, dass es wirklich genug ist. Der Himmel ist dunkel von den Schwärmen; sie folgen lustvoll einer dem anderen. Ach, wie fühlen sie sich herrlich aufgehoben im Schwarm.
Herrn Theveßen, dem stellvertretenden Chefredakteur beim ZDF, kann man es nicht vorwerfen. Er hat so Karriere gemacht und will weiter vorankommen[ref]http://m.heute.de/ZDF/zdfportal/xml/object/39249506[/ref]. So biedert er sich im Kommentar des „heute-journals“ mit hochtrabend formuliertem[ref]War anscheinend auf dem Gymnasium, hatte Latein![/ref], aber ignorantem Geschwätz an: Tsipras sei die „institutionalisierte Verantwortungslosigkeit“. Merkel müsse „ihr Ansehen, ihre auctoritas“ (hört! hört!) riskieren, sie müsse Schäuble stützen mit seinem Eintreten für einen zeitweiligen Grexit. Denn die Griechen halten sich ja nicht an Regeln, und das ist nun mal ganz, ganz schlimm. Regeln sind immer gut, auch wenn sie schlecht sind. Die Regeln der Gläubiger schreiben vor, wie die Griechen ihre Zahlungsbilanz und ihren Haushalt ins Lot zu bringen, welchen Haushaltsüberschuss sie zu erzielen, welche Sozialausgaben sie zu mindern oder zu streichen, wie sie ihre Staatsverwaltung einzurichten, ihr Steuersystem umzuformen, ihr Wirtschaftssystem anzukurbeln haben. Regeln, die ein Land “in ein Protektorat auf Zeit verwandeln”[ref]Cerstin Gammelin in der “Süddeutschen” 15.7.15[/ref]: alles akkurat geregelt! Den Erfolg solch wundervoller Regeln unter Tsipras Vorgängern ignorieren wir.[ref]Die Erfolgsquote des IWF ist laut einer Untersuchung der UNCTAD „An Analysis of IMF Condiotionality“ ohnehin generell sehr gering.[/ref]
Na ja, wegen solcher Aussagen hat der Theveßen ja seinen Posten bekommen, oder warum?
Aber die anderen alle … [dropdown_box]
Ihr ewiges Gerede über die bösen Griechen: „An der Eskalation trägt diese schrille Regierung deren Protagonisten ganz links oder ganz rechts stehen, die Hauptschuld.“[ref]Kurt Kister Süddeutsche Zeitung 29.6.15[/ref] Mal wird sie als stur beschimpft, weil sie immer das Gleiche, nämlich Restrukturieren der Schulden, fordert, mal als wankelmütig, weil sie sich der Erpressung zu entziehen sucht, aber eben doch nicht so handeln kann, wie sie es für richtig erachtet.
Unseriös sind nur die, die keine Krawatte tragen.
Paul Krugman trägt zwar eine Krawatte,Klugman aber vielleicht ist sie zu extravagant. Kein Vergleich mit der von Wolfgang BosbachBosbach2 oder gar von Wolfgang Schäuble!Schäuble2[ref]Fotos: Bosbach Laurence Chaperon CC BY-Sa 3.0 de, Schäuble Armin Kübelbeck CC BY-SA 3.0[/ref] Krugman nämlich ist ein „notorischer Quälgeist“[ref]SZ 10.7.15[/ref], der sich an einer „Hasskampagne“ gegen Deutschland beteiligt und „täglich Gift und Galle gegen Merkels vermeintlichen Sparwahn spuckt“[ref]Nikolaus Piper “Süddeutsche” vom 14.7.15[/ref]; den Text einer Oper zitierend wird er als „blasiert, anmaßend, besserwisserisch“ beschimpft.[ref]Seinen Artikel in der Süddeutschen vom 14.7.15 hat Nikolaus Piper überschrieben mit “Der Aktivist. Paul Krugman, ein Ökonom mit klaren Feindbildern”. Man könnte ihn allerdings auch überschreiben mit “Nikolaus Piper, der Aktivist mit klaren Feindbildern”.[/ref] Warum?
Er ist Amerikaner, Wirtschaftsnobelpreisträger – an der Krawatte allein kann es doch nicht liegen? Fährt er Motorrad? Nein, allerdings fährt er Fahrrad. (Er hat sich gerade auf eine mehrtägige Fahrradtour begeben.) Seine Meinung über die verfehlte Griechenland-Politik der EU teilt er mit „praktisch der gesamten Zunft“ der amerikanischen Volkswirtschaftler, wie u.a. dem früheren Chefökonom der Weltbank Joseph Stiglitz, dem Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen (über Griechenlandauflagen: “toxische Mischung aus Antibiotika und Rattengift”) oder dem ehemaligen Chefökonomen des IWF Kenneth Rogoff. „Für sie muss zunächst Wachstum da sein, notfalls auch solches, das vom Staat auf Pump finanziert ist. Erst dann – und nur dann – kann die Sanierung des Haushalts gelingen, ohne dass es zunächst zu einem massiven Konjunktureinbruch und Massenarbeitslosigkeit kommt.“[ref]ebd.[/ref] Aber dagegen steht doch die schwäbische Hausfrau! Für einen Schwarmjournalisten stellt sich die Frage: Wie kann man die Ehre der schwäbischen Hausfrau retten und den reputierten Wissenschaftler ins Unrecht setzen angesichts der Fakten, d.h. jahrelanger Rezessionen, Jugendarbeitslosigkeitsquoten von 50%, dem Anwachsen des Schuldenbergs in Griechenland? Die Lösung: Indem man ,weise’ relativiert: „Wer recht hat in dem Streit, ist eine Glaubensfrage.“[ref]ebd.[/ref] Aha, endlich Schluss mit Wissenschaft und empirischen Belegen! Ein auch bei der BILD-Zeitung beliebtes Mittel ist zudem, dass man die Position der Gegenseite, also Krugmans, entstellt: „Was immer auch passieren mag, neue Schulden, niedrigere Zinsen und höhere Staatsausgaben sind immer richtig. Sparpolitik oder Austerität ist immer falsch.“[ref]Nikolaus Piper in der “Süddeutschen“ 14.7.15[/ref] Ganz schlimm auch, dass dieser total verblendete Krugman doch tatsächlich den Gläubigern „reine Rachsucht“ unterstellt, auch wenn diese mit maliziösem Lächeln verkünden, dass das von Tsipras zuletzt akzeptierte Angebot schlechter war als das vor dem Referendum. Das hat der Tsipras sich selbst zuzuschreiben. Haha. Da haben sie es ihm aber gezeigt. Rachsucht? I wo! Zwar verweigern sie Griechenland die 7 Milliarden Nothilfe, die es bräuchte, um in der Lage zu sein, innerhalb einer Woche die die Forderungen des EZB und des IWF zu begleichen, und hindern sie letztlich daran, die Auflagen zu erfüllen, zu denen sie das Land gezwungen haben. Nein, um Himmels willen, das ist nicht Rache, sondern ganz simpel europäische Solidarität. Wahrhaftig, ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Als sich dann auch noch Jeffrey Sachs und Thomas Piketty mit einem offenen Brief an Frau Merkel einmischen, darf ihnen Andrian Kreye vorhalten: „Mit dem Einstieg in die politische Arena beraubt sich die Wissenschaft ihrer stärksten politischen Waffe: des wissenschaftlichen Arguments.“ Die Wissenschaft solle sich wie der Journalismus „bewusst am Rande halten, um eine neutrale Instanz zu bleiben.“[ref]„Süddeutsche“ 10.7.15[/ref] Huch?!
Ach ja, die Medien – die neutrale Instanz. So muss es sein, so wird es sein, so ist es!
Besinnungslos haben sie auf Varoufakis eingeprügelt. Aber nach seinem Rücktritt darf Ulrich Schäfer in der Süddeutschen [ref]7.7.15[/ref] immerhin schreiben „Was von Varoufakis bleibt“: Er habe „die richtigen Fragen aufgeworfen, die richtigen Themen angesprochen“: Sie betreffen “das Design der europäischen Krisenpolitik, die Verteilung der sozialen Lasten, einen Schuldenschnitt und das Problem, dass man eine labile Wirtschaft abwürgt, wenn man zu sehr spart.“ Die griechische Wirtschaft war „sehr labil“, als das Land in Not geriet; „sie war viel schwächer als die Wirtschaft in Portugal oder Irland“. „Zu Recht hat Varoufakis kritisiert, dass die Einschnitte, die die Vorgänger-Regierungen auf Druck der Troika umgesetzt haben, viel zu sehr die Armen, die Schwachen getroffen haben und dass die Milliarden aus dem Hilfsprogramm am Ende auf Umwegen vor allem bei den Banken gelandet sind.“[ref]Auch mit seiner Kritik an Varoufakis hat er Recht: Er hätte sich bemühen müssen, weniger arrogant zu erscheinen, und er hat seine Forderungen nach stärkerer Besteuerung der Reichen und nach Einsparungen beim Militär nicht durchgesetzt. Wie weit zudem die Bekämpfung der Korruption gediehen war, bleibt unklar. Aber auch der von Bofinger vorgeschlagene Lastenausgleich wäre eine gute Sache gewesen.[/ref] Eine Leserin bezeichnet die nachträgliche Würdigung als „Feigenblatt“ und schreibt mit bitterem Sarkasmus: „Bravo, nach monatelangen Verunglimpfungen ohne jede inhaltliche Auseinandersetzung, darf nun einmal geschrieben werden, was der Mann eigentlich wollte und dass er in vielem recht hat.“
Jürgen Habermas: „Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei (…) Arm in Arm mit der politischen Klasse”.[/dropdown_box]

Verlässt Elmar Brok die CDU?

Immerhin ist er der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament und war daher häufig im Fernsehen zu der Griechenland-Krise befragt worden. Dann plötzlich kam von ihm die Forderung: „Wir müssen jetzt deutlich machen, wer die Verantwortung trägt für die Entwicklung.“ Alarm bei Schäubel, Merkel, Waigel, Gabriel, Ekel und Co: Welcher Teufel reitet Elmar Brok? Will er zu den Grünen oder gar den Linken wechseln?
Dann große Erleichterung: “Es war nicht das Versagen der EU.“
Wessen dann? Spannend!