Zum Goldmann drängt, am Goldmann hängt

– Ach, seht doch nur!
– Wo?
– Na, da!
– Aaahhh!
– Da auch!
– Oh ja! Aaahhh!
– Da auch!
– Ist’s möglich? Wie kann das sein?
– Sie ist eben fast überall und hängt über allem. Sie erleuchtet die Welt mit güldenem Strahl.
– Oh, jetzt schwebt sie – oder ist sie ein Er? – in ihrem dezent dunkelblauen Zweireiher über uns, und – ich kann es nicht glauben – sie schwingt ihren Zauberstab und überstäubt einige Menschen in dezent dunkelblauen Zweireihern mit goldenem Licht, nein, es ist Gold, wahrhaftig mit purem Gold! Aber, aber … die anderen Menschen verlieren plötzlich alle Farbe, werden grau und gelb, gehen gebückt und strecken ihre Hände aus gegen die Goldenen, als könnten sie das Leuchten des Goldes nicht ertragen.
– Jo, ei verbibbsch nomma, so ae Fee – ähem, entschuldige das Sächsisch – eine Fee kann ja mit ihrem Zauberstab schließlich nicht alle glücklich machen. Das musst du doch verstehen. Auch ihre Energie ist begrenzt. Sie kann sich auf einige wenige konzentrieren. Alles andere bringt ja keinen Gewinn, verstehst du. Ihre bzw. seine – es ist ein männlicher Fee – Reputation rührt ja auch daher, dass er nur Menschen mit einer goldenen Basis, eben die in den dezent dunkelblauen Zweireihern, vergoldet. Die grauen dagegen trifft dann eben nur der Abglanz und macht sie gelb – vor Neid. Aber gleichviel, der Fee versteht etwas vom Gold, man nennt ihn deshalb auch einen Goldmann Sachs.
– Ei verbibbsch nomma. Ach, sieh nur!
– Wo? Was?
– Na, da auf dem Schoß von diesem Lindner, unserem neuen Finanzminister. [htsP anchor_text = “Weiterlesen”] Oder heißt er Schröder? Schmidt, glaube ich. Oder? Nein, Scholz. Ach, ja, Scholz. Da sitzt der Goldmann.
– Ja, den hat der Scholz zu seinem Staatssekretär gemacht. Einen Investmentbänker, er nennt sich Jörg Kukies.
– Aber kann das denn sein? Gehört der Scholz denn auch zu der Klasse der dezent dunkelblauen Zweireiher?
– Ach, was Klasse! Den Begriff haben die Scholzes dieser Welt gerade gemeinsam als unmodern abgeschafft. Denn heute kann ja jeder mit etwas Fleiß, z.B. beim Tellerwaschen, schrittweise zu den oberen Zehntausend aufsteigen: Hartz IV, Hartz V, Hartz VI, Hartz VII, Hartz VIII Hartz IX … Hartz (M) … Klassendenken ist überholt. Nein, Scholz ist, wie jeder sehen kann, ein einfacher Mensch, und daher braucht er den immensen Sachverstand eines Investmentbänkers: Kuki denkt – für ihn! So ein Kukies hat gelernt, wie man das große Geld schützt und vermehrt. Das kann doch nur für alle gut sein – also irgendwie. Kukies wird ihm „helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen“ ((Ulrich Schäfer Süddeutsche Zeitung 21.3.18)).
– Ach, wer hätte das gedacht. Ganz wunderbar, geradezu märchenhaft, diese Harmonie! Wie alle selbstlos alles tun, wenn es nur „der Sache“ dient. Das ist ganz große Grogroko!
Aaahhh, da fliegt er im dezent dunkelblauen Zweireiher mit seinem güldenen Zauberstab und einem strahlenden Lächeln! Welch ein Glanz verblendet, welch großer Anblick schröcket mich!
Kukies heißt er also?[/htsP]

Donnerwetter, so ein Hoeness!

“Donnerwetter, so ein Hoeness!” wird man wahrscheinlich in Zukunft voller Anerkennung sagen. Mal so ein paar Millionen verzocken – einen Hoeness-Fan stachelt das auf zu totaler „Sulidarität“. So einfach die Millionen zum Fenster hinauswerfen zu können, das ist ein Traum – fast so schön wie die Stories von den Stars und Adligen in „Gala“, „Tina“, „Bella“, „Laura“, „Lisa“, „Petra“ „Grazia“, „Neuer Welt“, „Neuem Blatt“ und „Neuer Post“. Die „wolves of Wallstreet“, so hört man, jubeln vor Vergnügen, wenn sie in Scorseses Film sehen, wie man die ,Dummen’ übers Ohr haut und anschließend im Geld badet, von dem man grundsätzlich nie, nie, nie genug haben kann. Ein häusliches Schwimmbad mit den Börsen-Motiven Bulle und Bär auf dem Boden – Donnerwetter, Hoeness! Wir Schwimmbadlosen möchten aber doch auch so gerne jubeln, uns zumindest einbilden, wir lebten in derselben Welt wie all die Hoenesse! Daher sind wir, die kleinen Leute, nicht kleinlich bei Steuersünden der Großen! Kann ja jedem mal passieren, oder? Wir tappen jedenfalls nicht in die ,typisch deutsche'[ref]Politikwissenschaftler Klaus Schroeder natürlich in der “Welt” 27.4.13[/ref] “Sozialneid-Falle”. Dagegen sind wir BILD-Leser zum Glück gefeit! “Diese übertriebene moralische Empörung” findet aber nicht nur der kleine Mann, sondern auch die große und gewichtige Frau Barbara Schöneberger “lächerlich” und meint: “Man muss sich überlegen, ob man nicht die Steuergesetze ändert.”[dropdown_box]
Schlau musst du sein, dann neigen sich dir die Götter zu. Wenn z.B. Alexander Dibelius, Deutschland-Chef von Goldmann Sachs, „einer der reichsten Banker des Kontinents“ (SZ) in seiner Steuererklärung zu seinen Gunsten Dollar und Rubel verwechselt hat, statt 500 000€ nur 19 000€ Gehalt aus Russland-Geschäften angibt, dann schnalzen nicht nur die Wölfe mit der Zunge: “Donnerwetter, so ein Hoeness!”
Patrick Lindner, Freddy Quinn, Verena Poth, Boris Becker, Michael Ballack – Donnerwetter! Und dann dieser Andreas Schmid vom VIP Medienfonds: 203 Millionen Euro hinterzogene Steuern. Hut ab! Das soll ihm mal jemand nachmachen! Donnerwetter, so ein Hoeness!
Paul Krugman, der nicht im Verdacht steht, ein Linksradikaler zu sein, konstatiert nicht nur („The Undeserving Rich“) den Klassenkampf von oben, sondern setzt sich auch mit der Argumentation der – amerikanischen (?) – Rechten auseinander, nach der der Reichtum verdient sei und die Armut im Grunde auf einem intellektuellen und charakterlichen Defizit der Armen beruhe. Die Reichen seien eben aufgrund besserer Charaktereigenschaften („prudent, clean and sober“) und entsprechendem Einsatz – nein: nicht Einsatz an der Börse – zu ihrem vielen Geld gekommen. Krugman glaubt – wie kommt er darauf? -, das sei ein Mythos.[/dropdown_box]