Gefährliche Linie

Die Meldung lautete: Die israelische Arbeiterpartei Awoda “suspendiert die Beziehungen” zu Jeremy Corbyn von der Labour Party
Was fangen Journalisten damit an?
Dieser Schritt sei von “hoher Symbolkraft”, meinen Alexandra Föderl-Schmid und Cathrin Kahlweit meinen zu müssen ((Süddeutsche Zeitung. 12.4.18)).
Hoch symbolisch wofür? Natürlich für den – unterschwelligen? – Antisemitismus Corbyns.
Corbyn habe, so Avi Gabbay, der Vorsitzende von Awoda, die „gefährliche Linie zwischen legitimer Kritik an der israelischen Politik und Antisemitismus überschritten“.
Ach, kann es das wirklich geben: legitime Kritik an der israelischen Politik? Gibt es tatsächlich so eine Linie, die Kritik an Netanjahus Politik von Antisemitismus unterscheidet? ((Wir leben schließlich auch schon in der ständigen Furcht, dass uns Spott über die Frisur von Donald Trump als Antiamerikanismus ausgelegt wird.)) Wann ist es “gefährlich”? Es kommt ja immer wieder vor, dass jemand in einem friedlichen Zusammenleben von Palästinensern und Israelis die Garantie für die Zukunft der Einwohner Israels sieht, dann aber erkennen muss, dass die Sorge um das Schicksal der Juden in Israel leider Antisemitismus war. Wie bzw. wo hat Corbyn diese gefährliche Linie überschritten?[htsP anchor_text = “Weiterlesen”]
Er hatte sich für ein Rückkehrrecht der vertriebenen Palästinenser ausgesprochen. Das verurteilt der Vorsitzende der Awoda als antisemitisch mit – laut dem Artikel – der Begründung, dass hier “Regierung und Opposition in Israel auf einer Linie sind”. Jeder muss hier natürlich wie die beiden Journalistendamen einsehen: Das ist ein exzellentes Argument.
Aber Corbyn macht es noch schlimmer: Außerdem habe er an einem Pessach-Abendessen bei der linken jüdischen Organisation Jewdas teilgenommen, der nach Aussage des allein selig machenden Gabbay Juden sch…egal sind. Solche nichtjüdische Juden gibt es? Unglaublich. Wahrscheinlich Intellektuelle?! Nach Meinung der Nazis ist es ja ein Kennzeichen der Juden, bei denen es aufgrund ihrer Isolierung immer besonders viele Intellektuelle gab, dass sie – pfui! – glauben, unbedingt immer alles kritisieren zu müssen.
In ihrer Erregung zitieren die beiden ausgewachsenen Journalistinnen auch aus einem Kommentar der Haaretz die höchst bedeutsame Aussage: „Niemand hat uns zu sagen, wer gute Juden sind. Nicht einmal Juden.“ Darüber lohnt es sich nachzudenken. Laaange!
Und genauso schön zitieren sie noch einmal Gabbay: Seine Entscheidung, die Beziehungen zu Corbyn zu suspendieren, „habe außerdem mit dem Holocaust-Gedenktag zu tun.“ Ach so! Na, das muss  man verstehen. Bloß wie? Hilfe!
Immerhin bemerken die beiden investigativen Journalistinnen: „Der Streit in der Partei reicht tiefer.“ Denn Corbyn wird vorgeworfen, „traditionelle, ins bügerliche Lager reichende Teile der Partei hinausdrängen und sozialistischen Vertretern den Weg in Partei- und Wahlämter ebnen zu wollen.“ An dieser Stelle entfährt uns ein dreifaches: Aha, aha, aha! Und das Trapsen der Nachtigall wird zum dröhnenden Stampfen. Zumal die beiden Journalistinnen sofort auch den Zusammenhang herstellen: Cobyrn gilt ,als scharfer Kritiker der israelischen Politik’. Gefährlich![/htsP]

Keine Ahnung

Seit Jeremy Corbyn an der Spitze von Labour steht, ist sie mit mehr als einer halben Million Mitgliedern die größte Partei Europas. Unter Blair war die Partei von den Konservativen „kaum unterscheidbar“[ref]Christian Zaschke in den „Süddeutschen Zeitung vom 29.9.16. S.3[/ref]. Laut ,sämtlichen Umfragen’ hat sie keine Chance, die Wahlen zu gewinnen. So stellt Christian Zaschke in der „Süddeutschen Zeitung“ die ,alte Frage’: „Ist es wichtiger, an seinen Idealen festzuhalten oder wählbar zu sein?“
Gute Frage?
Auch eine Frage: Hat man noch eine Wahl, wenn die Parteien ,kaum unterscheidbar’ sind?
Überflüssig dagegen die Frage: Warum sind die Wahlen für Labour, sobald sie sich von den Rechten unterscheidet, laut ,sämtlichen Umfragen’ nicht zu gewinnen?
Einfach keine Ahnung?

Lustig im Dunkeln

Und Gott sprach: Es werde Licht! Aber anscheinend war der Schalter kaputt.
DunkelArmer Björn Finke! Er sieht nichts und steht da mit offenem Mund (in der “Süddeutschen vom 4.8.15): Auf der Suche nach einem neuen Parteivorsitzenden liegt bei den Mitgliedern von Labour in Groß-Britannien Jeremy Corbyn vorne, ein Kandidat, im Vergleich zu dem die anderen Kandidaten “wie glatte Karrierepolitiker ohne Überzeugungen” wirken. Diese sind mäßige “gemäßigte Politiker”. Amüsiert ob dieser Naivität berichtet der Journalist, dass die Konservativen sogar ihre Leute auffordern, bei Labour einzutreten und ihn zu wählen. Denn die britischen Thatchers und Camerons und auch die deutschen Gabriels und anscheinend auch Björn Finke glauben, dass ein Kandidat mit linkem Profil keine Chance habe. Er hat ja keine Freunde bei der Wirtschaft, muss gegen die von ihr unterhaltenen Medien, gegen Daily Mail oder BILD, kämpfen. Wen interessiert in solchem Umfeld eine argumentative Auseinandersetzung? Der Wähler ist ja bekanntlich nicht so blöd, wie man glaubt. Also bleibt nur eines: möglichst profillos bleiben, dann bringt man es vielleicht auf 24%, gar 25% Wählerstimmen. Auch wenn immer mehr Wähler zu Hause bleiben. Wie kann man also jemanden mit Überzeugungen aufstellen wollen? Lustig!
Auch Stefan Ulrich sieht kein Licht. Er erzählt (ebenfalls in der SZ), wie in Italien – “nur eine Alltagsszene” – in einem Turiner Lokal Frau Merkel auf dem Bildschirm erscheint und mehrere Leute aufschreien: “Schaltet den Fernseher aus! Wir können die Merkel nicht mehr sehen!”[dropdown_box] Stefan Ulrich findet das offenbar befremdend, zumal Deutschland doch vor Schäubel-Merkels Attacken gegen Griechenland (gegen die griechische linke Regierung?) hoch angesehen war. Doch jetzt “blühen” laut Stefan Ulrich die “Vorurteile”. Er zitiert einen Hausmeister, der “in einem von Pinien beschatteten Wohnblock” eines “wohlhabenden römischen” Stadtviertels” arbeitet und daher Verständnis für die Schäubel-Merkels hat: “Viele Italiener hassen Deutschland, weil es Griechenland so unter Druck setzt.” Entsetzt berichtet Stefan Ulrich: Selbst “linksliberale Zeitungen werfen Deutschland vor, Griechenland gedemütigt zu haben.” Hoffnung zieht er aus dem Erlebnis, dass die Fernsehbilder, in denen ein deutsches Schiff im Mittelmeer Flüchtlinge aufnimmt, Rührung auslöst. Das hatte man den Deutschen nicht mehr zugetraut.
Auch über Spanien muss er Unschönes berichten: “Viele Spanier werten die Einigung im Griechenland-Streit als deutsches Diktat.” Von Frankreich heißt es, so Hans Stark, Politikprofessor an der Sorbonne: “Die Leute erwarten, dass sich das reiche Deutschland heute verhält wie das reiche Amerika in den Fünfzigerjahren. Es sollte den ärmeren Europäern solidarisch helfen und Europa als Konjunkturlokomotive führen. Die heutige deutsche Haushaltspolitik ist das Gegenteil davon.” Diese Leute nehmen einfach nicht zur Kenntnis, was Martin Schulz ihnen vorhält, dass Europa und damit auch Deutschland den Banken Hunderte Milliarden Euro bereitgestellt habe. “Aber wahrgenommen werden wir als kalte und hartherzige Menschen.” Schrecklich: überall Vorurteile, und deshalb meint Stefan Ulrich – ganz liberaler Vertreter der Meinungsfreiheit: “Man muss das nicht gerecht finden oder gar fair.” Ja, da sind wir wirklich ratlos: Wie kommen diese Menschen denn nur zu ihren so schrecklich blühenden Vorurteilen? “Wie konnte die Stimmung derart kippen gegen Berlin?” Immerhin eine Erklärung hat Stefan Ulrich: Schuld sind – na, wer? Richtig: populistische Gruppen, die “lauthals antideutsche Klischees verbreiten”.
Nichts zu machen: Schalter kaputt. Elektriker anscheinend im Urlaub.[/dropdown_box]