Rrrrrraus!!!

Hier piept’s doch

„Horch!“
Ja? Was ist denn?
„Von fern ein leiser Harfenton!“
Ach! eine Harfe? Oder mehr so ein Piepsen?
„Frühling, ja, du bist’s; dich hab’ ich vernommen.“
Ach, der Herr Lenz harpft schon wieder? Naja, wir haben ja auch schon April – da kann ihm schon mal der eine oder andere Ton entweichen. Und sonst?
„Nicht nur die Bäume schlagen aus; der April, er flieht dahin, es droht der Mai bzw. die May bzw. der Brexit.“

Farage, Bannon und Johnson

Stop! Das verstehe ich nicht. Da haben uns die Briten in der EU zum Verzweifeln gebracht, indem sie uns ständig mit unzähligen Sonderwünschen und Vetos zur Rettung ihres Thatcher-Kapitalismus behelligt haben. Uff, haben wie geschnauft, wie kann man die loswerden? Dann, hosianna!, sie wollen plötzlich selbst raus.
Good Bye! Auf Nimmer-Wiedersehen! Sollen sie ihren Sch… doch alleine machen auf ihrer Insel. Wir haben auch ohne sie noch genug Ärger mit all den schrecklichen Orbans, Kaczyńskis, Salvinis … Die sollen sie am besten gleich mitnehmen!
Die Tories in Groß-Britannien sind weit nach rechts gerückt, unterwandert von faschistoiden Nationalisten. Es geht nämlich nur um nackten Nationalismus.

Huhuuuu – rrrah?

Sie sind alle soooo traurig. Huhuuuu! Die Briten wollen nicht mehr zur EU gehören.
Hört auf mit dem albernen Geflenne. Sie haben doch nie wirklich dazugehört. Ewige diese Quengelei und dann noch und noch eine Extrawurst – verbunden mit der Drohung: Sonst gehen wir!
Hurrrah! Sie sind raus!
Allerdings, was machen wir mit den anderen Egoisten, den Ungarn, den Polen, den Balten?

Oh je, die Börse weint!

Alle sind traurig; die Börse weint:
Die Börse weint – können wir jubeln? Rrrrraus!! Sie sind raus! Die ewig quengelnden neoliberalen Hooligans von der Insel sind raus! Lasst sie weiter über die Wellen herrschen. Das Meer ist viel zu salzig, als dass die gefräßigen und durstigen Briten es ganz austrinken könnten!
Warum das Geheule? Werden die Briten all das, was sie aus Deutschland importierten, jetzt selbst produzieren?
Das Bankenzentrum Frankfurt freut sich. Die Frankfurter fürchten dagegen Auswirkungen auf dem Wohnungsmarkt, wenn jetzt lauter nette zahlungskräftige Börsianer von London nach Frankfurt wechseln wollen. Büroraum ist ausreichend vorhanden. Wohnraum könnte allerdings teuer werden. Dafür erhält Frankfurt durch den Zulauf junger, ehrgeiziger, weltgewandter Bänker ein noch schöneres Flair. Dass Geld nicht stinkt, versteht sich. Es sind die Menschen mit dem Geld, die oftmals stinken. Aber sie haben genug Geld, um sich Eau de Cologne zu kaufen.
Die Börse weint – können wir jubeln? Ach, dass sich nur niemand einbildet, die Kontrolle der internationalen Finanzmärkte hätte jetzt eine Chance. Da gibt es ja noch Luxemburg und … und … . Wer will sie denn ernsthaft?
Blöd, dass die Fremdenfeindlichkeit vorherrschendes Motiv für den Entscheid war. Nun müssen die englischen Nationalisten, die potenziellen („no, never, never!“) Sklaven der „Polacken“, ihre Unionjackkleider aus dem Wahlkampf beschmutzen und selbst ihren schmerzenden Rücken beugen, um die Früchte des Feldes zu ernten. Dann mal los, ihr freien Briten! Frisch ans Werk für frische Früchte!
Die Börse weint – können wir jubeln? Wenn sich jetzt, wie angedroht, die EU-freundlichen Schotten von den Engländern trennen und in der EU bleiben, würde sich dort vielleicht das Übergewicht der Neoliberalen etwas vermindern?!
Aber dann weint ja Schäuble. Er ist so schon schwer geschockt, dass er nun ohne seinen Kampfgenossen Cameron auskommen muss, weil der den Briten zu wenig thatcheresk war. Dabei waren sie ihrem Kumpel in der EU doch so entgegengekommen mit all den Sonderregeln für die Briten. Wären die Briten in der EU geblieben, hätten sie noch mehr davon gefordert und bekommen, was auch die anderen Egoisten in dieser wunderbaren ,Gemeinschaft’ zu noch mehr Forderungen an den Selbstbedienungsladen motiviert hätte. Am Ende hätte der Euxit gestanden, der Austritt der EU aus der EU.

Ach, Mensch!

Wenn da so ‘ne Oma mit dem Fahrrad umgekippt ist und nun hilflos auf der Straße liegt und ihre Einkaufstasche neben ihr auf dem Boden mit herausgefallenem, gut gefülltem Portemonnaie liegt und du gerade zufällig vorbei kommst und vorher gerade überlegt hattest, wohin du mit deiner Familie in den Ferien fahren sollst, ohne dass es zu teuer werden darf, dann gebietet es doch die Vernunft, ja, es ist geradezu deine Pflicht gegenüber der Familie, die Gelegenheit, die dir das Schicksal bietet, zu ergreifen. Oder meinst du, es wird dir im Jenseits gelohnt, dass du das Geld liegen lässt?
Oder wenn einer besiegt am Boden liegt, das zeigen uns die Hooligans bei der Fußball EM, dann ist das eine herrliche Gelegenheit, ihm auf den Kopf und in den Bauch zu treten. Das wissen auch Politiker wie Herr Schäuble.
Die Pflicht gebietet es den Politikern, auf moralische Gefühlsduselei zu verzichten und alles Geld, das ihnen die EU bietet, zu kassieren, ohne Rücksicht auf irgendwelche versprochenen Gegenleistungen. Und wenn einige Politiker im Interesse der Gemeinschaft die Steuerschlupflöcher verstopfen wollen, von denen einige andere Länder gerade deswegen profitieren, weil sie mit ihren gewährten Steuervorteilen die anderen unterbieten und auf deren Kosten Geld verdienen, dann ist es die Pflicht von Luxemburg, Irland o.ä., ihr Veto einzulegen. Sonst könnten die Shareholder bzw. die Wähler klagen.
Der Brexit ,droht’; die Briten sind nämlich nur die Opfer. Die armen müssen immer nur zahlen. Da zählt es kaum, dass sie mit ihrem Veto alles verhindert haben, was in irgendeiner Weise die Finanzindustrie einschränken könnte, weil das ja ihrem Finanzplatz London geschadet hätte, mit dem sie soviel Geld verdienen.
Es gibt Menschen, die sich mit Mitmenschen solidarisieren, sich aufopfern für sie, ihnen in ihrer Not beistehen, ja ihre Bestimmung, ihren Lebenszweck darin finden. Und es gibt Menschen, die das bewundern. Aber würden sie so jemanden als Politiker wählen?!
Ein solches humanes Verhalten zu fordern ist weltfremd. Das tut aber Heribert Prantl, der bei den Rechts“populisten“ „die Missachtung der Humanitas” beklagt, “die sich auf der Anerkennung der Würde des Menschen gründet, ohne Unterschied von Herkunft, Rasse und Religion“. Die ,Rechtspopulisten’ eine „ein hedonistischer , nationaler Egoismus“.[ref]Süddeutsche Zeitung 18.6.16[/ref]
Was hat er denn nur gegen Egoismus? Sollen wir alle Rupert Neudecks sein?
Die Antwort überlassen wir dem Schutzmann aus Franz Kafkas Erzählung:
„Gib’s auf, gib’s auf“, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.