Wo das Denken ist

„Denn wo das Denken ist, kann nichts anderes stattfinden.“ (Joseph Beuys)
Der Tyrann Geßler schenkt Wilhelm Tell das Leben, wenn dieser seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schießt.
Ja, was ist denn das? Was soll denn das nun schon wieder bedeuten? Wie muss ich das denn verstehen? Was hat sich der Schiller bloß dabei gedacht? Warum stellt Geßler dem Tell nicht die Aufgabe, auf dem vereisten Greyerzersee einen doppelten oder dreifachen Rittberger fehlerfrei und mit einer 6,0 für den künstlerischen Ausdruck hinzulegen? Oder wenn es unbedingt etwas sein soll, was Tells Sohn in Gefahr bringen soll, warum lässt er ihn nicht dessen linkes Ohrläppchen durchbohren, so dass er dort bei Erfolg einen großen modischen Ohrring mit dem Wappen Geßlers einhängen könnte?
Da kommt man ins Grübeln und kommt dann gar nicht wieder heraus aus dem Grübeln. Was sich der Künstler bloß dabei schon wieder gedacht hat, weiß man nicht, denn er hat es nicht dazugeschrieben. Und da man Schiller aufgrund seines Ablebens leider auch nicht mehr interviewen kann, hilft dem Forscher bei solchen schwierigen und zutiefst beunruhigenden Problemen einzig ein Blick in die Biographie, weil die nämlich sofort alles erklärt, was sonst ewig ein Rätsel bliebe. So würde der kunstaffine Grübler in diesem Fall erfahren, dass der Schiller ja in seiner Schreibtischschublade stets einen weich fauligen Apfel aufbewahrte, dessen Duft er einatmete. Und schon fällt es dem Forscher wie Schuppen von den Augen: Aha! Na, klar!
Bei Joseph Beuys ist es genauso.[htsP anchor_text = „Weiterlesen“] Woher diese ungewöhnliche Vorliebe für Filz und Fett? Nur wegen der Alliteration? Nein, das wäre zu kurz gedacht. Die Biographie erklärt wieder einmal alles.
Er war ja – so sagen alle – als Kampfflieger im Dienste des Führers bei der Eroberung des Ostens ebendort abgestürzt, und irgendwelche tatarischen Naturburschen haben ihn mit Filz und Fett vor dem Erfrieren gerettet. Aha! Na, klar! Da verstehen wir dann natürlich: seinen Kampf gegen den Rationalismus, seinen Hang zur Esoterik, seine Nähe zu Altnazis ((Karl Fastabend Boys Sekretär hatte für ihn in den 70er Jahren fast alle Texte formuliert, er war ein Nazi der ersten Stunde, SA-Mann, SS-Mann. Beuys Mitstreiter Johannes Stüttgen veröffentlichte nationalrevolutionäre Texte in einem rechtsextremen Verlag.)) und seine Kandidatur für eine mehr als nationalistische Partei, seine „Born“ und „Boden“ Rhetorik, seine Teilnahme – noch in den 70er Jahren – an Kameradschaftstreffen von Stuka-Fliegern. Der Absturz im Dienste des Gröfaz hat ihn tief erschüttert – im doppelten Sinne des Wortes. Ja, er hat ihn sogar, wie es sich für ein Genie gehört, nahe an den Wahnsinn gebracht, so dass er sich einbildete, er habe Naturwissenschaften studiert. Aber wie jeder sofort erkennt, war ihm dies natürlich völlig unmöglich. Es mag sein, dass er neidisch auf alle jene blickte, die über die Gabe des Denkens verfügten, aber die Naturwissenschaften waren für jemanden, der den Rationalismus bekämpft, ein kommunistisch rot leuchtendes Tuch.
Doch die Biographie verrät uns noch mehr: Seine unsanfte Landung verleitete ihn dazu, den Aufprall überall wiederzufinden: „Die abendländische Wissenschaft“, so sagt Beuys in seinem wunderbaren Deutsch, „hat es erbracht (…) sich an der Materie zu stoßen.“
Er machte aus der Not, nämlich den durch die Erschütterung verursachten dauerhaften Hirnschäden, eine Tugend und lehnte fortan Klarheit und zwingende Logik auch in der Verwendung wissenschaftlicher Begriffe ab. Da darf dann auch einmal das Kaninchen ein Hase sein, weil er gerne das geläufige Fruchtbarkeitssymbol „Hase“ als „Symbol für die Reinkarnation“ mit weiterem Tiefsinn versehen möchte und zur Begründung (ach, ach! weh!) – hier begibt er sich auf schwankenden Boden, in dem er dann auch ohne weiteres versinkt – anführt, dass der Hase ja in enger Verbindung mit dem Mutterboden stünde, weil er darin „Gänge und Höhlen“ bauen würde. Diese Begründung hat in Hasen- und Kaninchenkreisen für große Heiterkeit gesorgt.
Ob es sich bei dem Apfel auf dem Kopf des jungen Walter Tell um einen Boskoop oder einen leckeren Herbstprinzen handelte, ist nicht bekannt; auch über den Reifegrad des Apfels erfährt man nichts. Jedenfalls war es – so sagen die Quellen – ein weicher Apfel und keine weiche Birne.
Aber jeder Versuch, eine weiche Birne mit dem Pfeil scharfer Rationalität zu treffen und zu zerschneiden, endet zwangsläufig in einem abstoßenden bräunlichen Matsch.
Da wir mit Hilfe der Biographie erklären können, dass der junge Boys (hoho!) aufgrund seines Erlebnisses mit den menschenfreundlichen Tataren Filz und Fett lieben lernte, verstehen wir auch, dass er die Materialien für sich zum Symbol für sein Überleben und die Kraft der Natur erhob, auch wenn es natürlich demjenigen, der nicht von Tataren mit Hilfe von Filz und Fett gerettet (gefettet!!) wurde, eine solche Überhöhung dieser Materialien verständlicherweise etwas kurios vorkommen wird. Der Schamane Beuys  versucht nun dieser möglichen Skepsis dadurch zu begegnen, dass er (oh je! halt ein!) messerscharf analysiert : „Das Fett nimmt den Weg von einer chaotischen zerstreuten, energieungerichteten Form zu einer Form.“ Da Beuys – wir wollen ihn hier Wahnfried nennen –  mit der Vernunft auf dem Kriegsfuß stand, ist das natürlich Poésie pure. Gut, es kann ja sein, dass da so ein Fett „einen Weg nimmt“, wenn es flüssig ist. Kann sein. Mit Skepsis begegnen wir jedoch der Behauptung, dass sein Weg von einer speziellen Form zu einer unspeziellen Form führt. Vollends problematisch erscheint uns, dass das Fett wunderschön „energieungerichtet“ und auch zerstreut sein soll, gerade auch wenn wir nicht selbst zerstreut sind. Endlich kommt aber auch noch der große Auftritt des Fettes: „Dann tritt es auf in der berühmten Fettecke, die jetzt den menschlichen Körper in einer Gegend anschneidet, wo gewisse emotionale Kräfte zu Hause sind.“ Dass das Fett den menschlichen Körper anschneidet, und gar an einer Stelle, wo gewisse (?) emotionale Kräfte zu Hause (!) sind, die nun nicht nur zutiefst verletzt werden, sondern höchstwahrscheinlich auch noch ihr Zuhause verlieren werden, ist schon ganz schön erschütternd. Obwohl … das blutige Bild nachzuvollziehen erfordert eine mächtige Vorstellungskraft und ein schwaches, weil ungesundes Volksempfinden könnte es glattweg für Birnenmus halten. Aber Wahnfried Beuys sagt ja: „Da wo das Denken sich betätigt, bin ich nicht konfrontiert mit einer Sache.“ Sachlich ist eben etwas anderes. Sachlich mochte Beuys gar nicht.
Da sind übrigens noch so andere Sachen, die unseren heftigen Widerspruch herausfordern:
Beuys glaubt: „Der Mensch ist gar kein Erdenwesen.“ Hoppla! Naja.
Aber was um Himmels willen sollen wir davon halten, dass Beuys sagt: Der Mensch ist praktisch (!) ein Bienenschwarm“. Das kann man doch so nicht stehen lassen. Jedenfalls erkläre ich für mich: Ich bin praktisch gar  kein Bienenschwarm. Wirklich nicht.
Ob Beuys einer war, weiß ich nicht, aber
ich glaube, dass er nicht mal eine einzige Biene war und selbstverständlich auch kein Hase in irgendeinem unterirdischen Bauwerk.
Beuys meint auch, Sinn des Denkens sei es, „die Materie zu erweichen“. Ob ihm das wohl gelungen ist? Selbst bei Uri Geller war schließlich alles nur Trickserei.
Wenn Beuys allerdings lehrt, dass Fett und Honig Wärme und Kälte verkörpern bzw. das Chaotisch-Willensmäßige, die Polarität von Natur und Geist, dann heißt es endlich einmal zugeben: klare Sache! Genau! Und dem ist absolut nichts hinzuzufügen![/htsP]

Fromme Einfalt, hehre Kunst

Es ist schon schwierig, ein Kunstwerk als solches zu erkennen. Wenn es älter ist, gibt es gar kein Problem. Ein nackter Mensch aus Stein – klar, das ist Kunst. Würde eine Putzfrau nie wegwerfen – schon wegen des Gewichts. Oder ein lächelnde junge Frau auf einer Leinwand mit Rahmen – kein Problem für den Hausmeister. Ein gezeichnetes Häschen oder zwei betende Hände, an einer Wand hängend – kein Mitglied des SPD-Ortsvereins Leverkusen-Alkenrath würde auf die Idee kommen, sie zu entsorgen. Bekanntlich war das nicht so einfach bei einer mit Heftpflaster und Mullbinden versehenen Badewanne oder der berühmten Fettecke (Joseph Beuys: „Johannes, jetzt mache ich dir endlich deine Fettecke.“), 5 kg Butter unterhalb der Raumdecke angebracht, obwohl die Menge hätte zu denken geben sollen. Aber das Problem ist ja heutzutage, dass man dem Gegenstand nichts anmerkt: Das Kunstwerk kann alles sein, z.B. ein lebendiges Häschen[ref]Manchmal ist das Häschen allerdings mit erstaunlichen Fähigkeiten ausgestattet: „der weiße Hase, der von einer Fettecke zu einer anderen weiter entfernten Fettecke läuft, unterhält den Fluss der Revolution“[/ref], ein Bürstchen, die rätselhaft lächelnde Lebensgefährtin des Künstlers, Nacktschnecken, Butter, heißer Wind, Zahnpasta … Geht man zu Eröffnung einer Ausstellung von Gegenwartskunst, so entschärft sich das Problem meist dadurch, dass sich ein Preisschild in der Nähe des Werks befindet oder dass ein sensibler Mensch dem Bürstchen einen tieferen Sinn unterstellt: „Beuys hat sehr einfache Materialien verwendet und in einen ungewöhnlichen Zusammenhang gestellt: einen Besen, ein Bürstchen, ein Stückchen Ton, eine Kordel, oder Fett und Filz. Man muss viel darüber nachdenken, warum er die Dinge auf diese Weise zusammengeführt hat. Bei Beuys findet man die Nachdenklichkeit des am Niederrhein aufgewachsenen ländlichen Menschen verdichtet zu einer meditativen Qualität, auf die man sich einlassen muss. Das braucht Zeit, die viele nicht aufwenden wollen …“ (Franz Joseph van der Grinten)
Schön und gut, oder auch überhaupt nicht schön und gar nicht gut; das Problem mit der meditativen Qualität können wir – auch wenn wir gerne mal nachdenken – wegen Zeitmangels hier nicht lösen.
Aber …[dropdown_box]
wenn wir wüssten, dass ein bestimmter Mensch ein Künstler ist, dann wüssten wir auch, dass – fast? – alles, was er absondert, Kunst ist. Leider muss man hier mit Heinrich von Kleist ganz klar sagen: „Ach!“[ref]Das unscheinbare Wörtchen „Ach“ gehört bekanntlich zu den zentralen Bestandteilen des Kleist’schen Werkes. Siehe László Földényis Essay über das ,Ach‘ bei Kleist[/ref] Denn das Problem wird tatsächlich nicht kleiner. Es muss nämlich nicht jeder, der hirnlos daherredet[ref]Beuys bekannte: „Ich denke sowieso nur mit dem Knie.“[/ref], deshalb ein Künstler sein. Li Yinhe, eine chinesische Künstlerin aus Peking, hat einen Aufsatz überschrieben: „Wie man Arbeit vermeidet und lieber Kunstwerke schafft.“ Die Jünger dieses Lebenskonzepts waren Thomas Mann, wie wir aus seinen Werken wissen, sehr vertraut. Aber er sah sie als lebensflüchtige („Stelle dir vor, an der ganzen linken Seite sind alle Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonderbar.“) „Hochstapler“, Scharlatane, die unfähig und faul vor den Anforderungen des Lebens in ein scheinhaftes Dasein entfliehen, in dem aus einem armen „WBürstchen“ alles werden kann. Joseph Beuys‘ Definition: „Künstler sind Arschlöcher.“ erscheint wenig zielführend. Denn Arschlöcher sind nicht unbedingt Künstler. Und auch Beuys‘ These, nach der jeder Mensch ein Künstler sei, hilft uns im Grunde nicht weiter.[ref]Der Mensch „ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt. Da, wo er seine Fähigkeiten entfaltet, ist er Künstler.“[/ref] Gibt es denn nicht ein untrügliches Erkennungszeichen des wahren Künstlers, eine Art Kainsmal?
Beuys Wir neigen zur Antwort: ja. Seit Joseph Beuys wissen wir: Ein echter Künstler trägt über den beiden angewachsenen Ohren einen angewachsenen Hut. Und wenn dem Laien der Hut nicht sichtbar ist, dann ist es eine biologische Fehlentwicklung, weil der Hut zwar vorhanden ist, aber dem Laien verborgen. Wenn der Laie dann aber viel nachdenkt und zu einer meditativen Qualität gelangt, dann ist er fähig auch da den Hut zu sehen, wo er nicht vorhanden ist.
Foto: CC BY-Sa 3.0 Rainer Rappmann fiu-verlag.com (Natürlich ist keiner der Bärtigen, sondern der Hütige der Künstler.)[/dropdown_box]