Sprachliche Avantgarde

Muss man immer nur über Themen schreiben, wie Gott und die Globalisierung? Sollte man nicht auch einmal praktische Fragen des Alltags, wie die der Berufswahl, behandeln? Warum wird z.B. jemand Journalist? Weil er gern schreibt, die Sprache liebt? Oder weil er Wahrnehmungen, die für ihn Bedeutung haben, gerne weitergeben will, also weil er engagiert ist? Nun ist Tucholsky ja schon länger tot – könnte es also die Sprache sein? Da muss man (ver)zweifeln.
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Das Verhältnis zur Sprache scheint bei einer zunehmenden Anzahl von Journalisten zumindest angespannt zu sein. Sie ähneln den Prominenten, die sich vor einer gefüllten Bücherwand filmen lassen, bei denen man aber argwöhnt, dass die Bücher dort vornehmlich als Dekoration dienen. Sie sind dann nach Format und Farbe geordnet; auch Namen, z.B. Goethe, können etwas hermachen, wenn die Gesamtausgabe mit schönen Lederrücken versehen ist. Es soll ja auch Sammlungen von leeren, am Regal befestigten Bucheinbänden geben, die man als solche komplett kaufen kann, so wie es in den Anfangszeiten des Handys, als diese noch relativ teuer waren, Attrappen gab, mit denen man im Restaurant weltgewandt in einiger Lautstärke Margaret Thatcher (“Hi, Maggie!”) Ratschläge über Maßnahmen zur Deregulierung der Märkte machte. Und es soll ja auch Germanistikstudenten geben, die nie ein Originalwerk gelesen haben, aber mit ihren Kenntnissen der Sekundärliteratur auftrumpfen.
Wenn dann auch noch im Deutschunterricht unter dem Tisch das Handy mit den Spielen in Betrieb war, sind das allerdings auch wirklich keine günstigen Voraussetzungen für einen differenzierten und korrekten Umgang mit der Sprache. Dass es sich um einen bewussten Kampf gegen die Grammatik handelt, eine Art Klassenkampf, in dem endlich der restringierte Code der Unterschicht im Sinne Samuel Bernsteins aufgewertet werden soll, ist völlig unwahrscheinlich, denn es zeigt sich eben immer der Hang zur kostbaren, dekorativen Formulierung, bei der es dann zum Scheitern kommt. So wird z.B. in den Nachrichten die überkommene Wendung mit der selten gewordenen Präposition „wider“ verwendet, aber sie entgleist zu „wider besseren Wissens“. Aber selbst Präpositionen , die nie der Nähe zum Genitiv verdächtig waren, wie z.B. “gegenüber”, werden von völlig verunsicherten journalistischen Sprachakrobaten nun mit diesem verbunden. Bastian Sick hätte sich gefreut, welch ungeahnten Aufschwung der Genitiv nimmt, wie er Dativ und Akkusativ verdrängt; bald haben sich alle Probleme mit der deutschen Grammatik, die den fremdsprachigen Deutschlernenden so ärgern, aufgelöst: Es gibt nur noch den Genitiv. Allerdings darf eine gegenläufige Tendenz nicht unerwähnt bleiben: Das Genitivobjekt, das jedem Sprachliebhaber gerade aufgrund seiner Seltenheit so sehr ans Herz gewachsen ist, wird geschändet: „den Toten gedenken“. Hätte man da nicht lieber auf des Gedenkens ganz verzichten sollen? (Es hätte – auch sprachlich – Alternativen gegeben.) Denn schließlich kostet ja schon das Denken (ohne Ge-) dem (!) Menschen (laut Duden erlaubt) viel Anstrengung.
Diese Beispiele müssen genügen,[ref]Auf weitere Beispiele und Quellenangaben muss verzichtet werden, da das Ganze sonst zu prätentiös wirken könnte: Hier kann keine wissenschaftliche, durch Statistiken gestützte Arbeit stehen. Aber die Beispiele stammen alle aus Nachrichtensendungen oder -texten und sind durchaus typisch, wie der aufmerksame Seher, Hörer oder Leser sicher erkennen wird.[/ref] denn das Ganze könnte ohnehin als eine abseitige Sprachklauberei erscheinen.
Zugegeben: Die Sprache wandelt sich. – Was anfänglich eine Art Verlotterung, Schlampigkeit war, wird irgendwann als korrekt akzeptiert.
Aber müssen Journalisten hier die Vorreiter sein?
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