Sehr melancholische Betrachtung zu Onkel Dagobert und RTL

Die Werbefuzzis würden sicher von sich sagen: „Wir sind doch nicht blöd.“ Und damit hätten sie zumindest teilweise Recht. Sie müssen schon schlau sein, wenn sie die Adressaten ihrer Botschaften zum Kauf von etwas bringen wollen, was diese von sich aus eigentlich gar nicht haben wollen. Und sie sind gezwungen, schlau zu sein, weil ihre Werbeversuche viel Geld kosten und sie ihren Job verlören, wenn sie nicht gut über die Adressaten ihrer Botschaft unterrichtet wären.
Nun zeigt sich in der Werbung ein Trend, der bedenklich stimmt: Da sind Staubkörner als böse kleine Lebewesen unterwegs, die ihre ganze Energie ausschließlich darauf richten, uns zu schaden. Und es gibt auf der anderen Seite die süßen kleinen mit Schwertern bewaffneten Lebewesen aus dem zauberhaften Land der Chemie, die mutig und unbeirrt für uns gegen Karies, Parodontose, Oskar Lafontaine usw. kämpfen. [dropdown_box]
So sieht unsere Welt aus – in der Werbung, und so erscheint sie wohl dem – infantilen – BILD-Leser verständlich. Offenbar haben BILD und RTL beim Verbraucher eine schreckliche geistige Regression bewirkt. Leider sind solche Menschen an Aufklärung nicht interessiert; sonst hätte man ihnen erklären können: Onkel Dagobert reibt sich die Hände – er kann angesichts dieser absoluten Ahnungslosigkeit von Typen wie Franz Gans ohne Sorgen in seinem Geld baden. (Achtung, aufklärerischer Hinweis: Onkel Dagobert ist tatsächlich nur eine Comicfigur. Es gibt ihn nicht wirklich, auch wenn uns in der Realität durchaus Menschen begegnen können, die ihm ähnlich sind. Die Ähnlichkeit besteht nicht in erster Linie im Aussehen. Das ist auch bei Franz Gans nur manchmal der Fall.) Die bösen Panzerknacker haben so keine Chance. (Achtung: Die Panzerknacker sind nur Comicfiguren. Es gibt sie nicht wirklich. Es gab einmal hinter dem Eisernen Vorhang die Kommunisten, die die Dagoberts eingeschüchtert und dadurch milde gestimmt hatten. Aber das ist schon so lange her, dass sich kaum jemand erinnern kann. Jetzt gibt es nur noch einige Mahner wie den – eigentlich konservativen – Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, die auf eine für alle schädliche Entwicklung zur Ungleichheit, letztlich einen Klassenkampf von oben, hinweisen.) Eine übrigens sonst nicht weiter erwähnenswerte – auch wenn Jakob Augstein vom „Freitag“ hier widersprechen würde – Schrift trägt den optimistischen Titel: „Der kommende Aufstand“. Und der Soziologe Ulrich Beck spricht angesichts der Macht und einseitigen Bevorzugung des Kapitals zum Nachteil der Bürger sowie fehlender Korrekturversuche der Regierungen in einem Beitrag des Fernsehmagazins Monitor von einer „vorrevolutionären Situation“.
Oh, Mann!
A propos Regression: Der Psychoanalytiker Tilmann Moser führt den Erfolg von Angela Merkel (SZ 5.8.13. S.2) darauf zurück, dass ihre Anhänger in sie “mit fast kindlicher Hingabe” ihre Bedürfnisse projizieren nach einer “schützenden und versorgenden”, Geborgenheit vermittelnden Mutti: “Sie ist für viele Gemüter, aber auch für viele kalt kalkulierende Interessengruppen, zum tröstenden und beruhigenden Urbild geworden […].” Gleiche Sicht beim Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz: “Ich glaube, die meisten Menschen haben eine Muttersehnsucht, wollen sich das aber nicht eingestehen. Das ist ein wichtiger Grund für ihren Wahlerfolg. Eine Mutter kann man nicht abwählen. Und man richtet die unerfüllt gebliebenen frühen Bedürfnisse wie Sicherheit und Geborgenheit auf sie, ohne sich dessen bewusst zu sein.” (SZ 31.19.13 S.25)
Oh, Mann, oh, Mann! [/dropdown_box]

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