Pipikram

Der Psychologe kennt es: Der Bettnässer pisst ins Bett, weil er Aufmerksamkeit, Liebe möchte. Wenn man ihm böse ist, pisst er nur noch mehr.
Inzwischen ist es in der Theaterszene schwer, solcherart Aufmerksamkeit zu gewinnen. „Das Publikum von heute ist erfahrener, abgebrühter: Wo nackte Haut oder Kopulationshandlungen auf der Bühne vor einigen Jahrzehnten noch für Empörung sorgten, erntet man heutzutage bestenfalls ein leicht genervtes Augenrollen. (…) Ach ja, Analverkehr – gab es das nicht schon in der letzten Inszenierung? Blutströme, Amputationen – alles schon dagewesen,“ kommentiert Agnieszka Zagozdzon beim NDR und bezieht sich ausdrücklich auch auf die Staatsoper Hannover. So ist heutzutage ein Regisseur, der Aufmerksamkeit möchte, echt gefordert. Daher baute Kay Voges in seiner Inszenierung des „Freischütz“ an der Hannoveraner Staatsoper in die Projektion von vielen Filmclips auch – welch wunderbarer Einfall – eine Kastration mit einer Heckenschere ein, „in Zeitlupe, mit Blutfontäne und aus verschiedenen Blickwinkeln wiederholt“ (A. Zagozdzon). Man muss sich eben heutzutage wirklich anstrengen, um dem abgebrühten Theaterpublikum die großen Emotionen abzuringen. Nicht ,zielführend’ sind da Fragen wie: „Wo ist da für mich als Zuschauerin (…) der künstlerische Erkenntniswert? Wo die Verbindung zur Handlung der Oper ,Freischütz’?“ (A. Zagozdzon)
Erfolgreich war Herr Voges bei der hannoverischen CDU-Fraktion, der er ein Dankesschreiben senden müsste. Sie empört sich über den „unerträglichen Kulturverlust“, bemängelt den fehlenden erzieherischen Wert für die Jugend und fordert den Kulturdezernenten zum Eingreifen auf.
Großartig! Da reibt sich Herr Voges vergnügt die Hände: Beim nächsten Mal pisst er nicht nur ins Bett, sondern legt ein großes Stück Scheiße dazu – und hofft auf die CDU.

Übrigens zur Rechtfertigung seiner Inszenierung sagt Herr Voges das, was man heute so sagt: „Wir machen im Theater keine Vergangenheits-Heraufbeschwörung, sondern teilen Gegenwart.”
Die Rezensentin Mounia Meiborg schreibt in der SZ (23.12.15):„Warum sollte das Theater nur die Realität abbilden, und noch dazu die bekannte?“ Whow!
Da das Feuilleton der SZ immer auf der Höhe der neuesten Mode in der Kulturszene ist, darf man diese Aussage vielleicht als Indiz deuten für einen Modewechsel?

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