Margot Honecker oder Hannelore Kohl?

Manche meinen, das Feuilleton diene ausschließlich der Demonstration, wie man mit hohlen Phrasen ein absolutes Nichts ausdrücken kann. Das ist jedoch ein allzu kritisches Urteil. Manchmal stellt es seinen Leser auch vor Fragen essenzieller Bedeutung, von deren bedrängender Existenz er ohne das Feuilleton keine Ahnung hatte. So berichtet die verdienstvolle Feuilletonistin Suzan Vabazadeh von der „Süddeutschen Zeitung“ mit ihrem unheimlichen Gespür für Probleme, die wir Menschen gerne verdrängen, die aber gerade deswegen um so dringender ans Tageslicht gezerrt werden müssen, von der „amerikanischen Wissenschaftlerin Kristen Ghodsee“ und deren Frage, ob „Frauen im Sozialismus besseren Sex hatten“. Die Wissenschaftlerin Ghodsee, soviel sei verraten, vertritt die These, dass der Sozialismus in diesem Bereich überlegen gewesen sei, worauf aber die unglaubliche Suzan Vabazadeh dem verunsicherten Leser ihre Frage entgegenschleudert: „Kann der Kapitalismus das auf sich sitzen lassen?“
Wie diese Frage beantwortet werden muss, wissen wir momentan noch nicht, weil der Artikel immerhin eine ganze Seite beansprucht und wir uns deshalb dessen Lektüre1 für einen Moment länger währender Muße aufbewahren wollen.

  1. Süddeutsche Zeitung 22.12.18 []

Sorgenfrei

Lieber Friedrich Merz!
Dass du dir laut FAZ ein Ministeramt zutraust („Ich traue mir ein Ministeramt zu.“), daran haben wir keine Sekunde gezweifelt. Du traust dir sicher noch viel viel mehr zu. Auch wir trauen dir allerhand zu. Aber dein ,Angebot‘, „wirklich mit ganzer Kraft in die Politik zu gehen“ und dafür doch tatsächlich deine bisherige so überaus erfolgreiche berufliche Tätigkeit aufzugeben, solltest du dir noch einmal gut überlegen. Ist es nicht etwas vorschnell, dass du so selbstlos im Dienste der Gemeinschaft auf deine Millioneneinkünfte zu verzichten bereit bist, die du aufgrund deiner außerordentlichen intellektuellen Fähigkeiten, deines unglaublichen Fleißes und ein wenig natürlich auch wegen deiner guten Beziehungen zu den führenden Kräften in der Regierung erhalten hast? Ach was, du meinst voller Gottvertrauen, Blackrock und die anderen Wirtschaftsunternehmen, für die du tätig warst, würden dir beistehen und dafür sorgen, dass deine Entscheidung dich nicht plötzlich arm macht, weil sich ja dein Einfluss auf die Entscheidungen der Regierung noch steigern würde und du endlich „an geeigneter Stelle“ dafür sorgen könntest, dass noch mehr „wirtschaftsliberale Inhalte“ eingebracht werden? Ach, du heiliger Bimbam! Na, dann!

Die Armen

Ach, was ist denn Armut?
Es war einmal ein Mädchen, das wollte „gut und gerne leben“, aber es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.
Klarer Fall: Armut! Das würde sogar Christian „Porsche“ Lindner so nennen.
Aber was ist mit dem Mädchen, das ein Kämmerchen hat, darin zu wohnen, mit einem Bettchen, darin zu schlafen, und sogar mehrere Textilchen von Kik, dfarin in die Schule zu gehen? Ist es auch arm?
Es besteht nicht wie beim Mädchen mit den Schwefelhölzchen die Gefahr, dass es erfrieren könnte. Aber das Inkassounternehmen bedrängt die Mutter, weil die Tochter mehrmals am Schulessen teilgenommen hat, obwohl die Mutter es abgemeldet hatte, weil sie es nicht bezahlen kann. Die Mutter mag auch nicht so recht mit dem Kind schimpfen: „Pfui! Schäm dich gefälligst!“ Nicht nur das Kind, auch die Mutter mag nicht offen aussprechen, dass sie so wenig Geld hat, also – sprechen wir es aus – arm ist. Sie schämt sich.
Armut ist relativ. Wenn Bernd einen Euro mehr hat als Björn, dann ist Bernd reicher und Björn ärmer. Da kann Björn noch so reich sein.
Erwin arbeitet viel und gewissenhaft und bekommt dafür aber so wenig Geld, dass er noch einen zweiten Job benötigt, um Miete, Heizung, Strom, Kleidung, Essen usw. bezahlen zu können. Aber er geht nicht umher und tönt überall, dass er wenig Geld hat.

AFDP

Ich heiße Emil Angermeier, bin 57 Jahre alt und im Baugewerbe tätig – als Maurer. Und ich kann nur eines sagen: Leute, so geht es nicht weiter. Echt nicht! Diese Sch…abgrundkontrollstelle macht sich lustig über die AfD und den kleinen Mann, der sie wählt. Was soll das?! Gut, ich bin nur 1,65 m groß, aber bin ich deshalb doof? Weil ich irgendwie – ich weiß auch nicht – wütend bin über diesen Haufen abgehobener Politiker, ob sie nun Gabriel, Schröder oder Schäuble heißen. Die kümmern sich nämlich einen Scheißdreck um Emil Angermeier, oder? Nein, nein, ich höre euch schon: Es gibt ja auch noch die Linke. Ach, kommt mir nicht mit den Linken, weil das ja rote Socken sind. Die wollen uns doch bloß an den Iwan ausliefern.
Schuld sind die da oben. Deshalb können die mit mir auch nicht mehr rechnen. Ich wähle die AfD. Die schützt nämlich den kleinen Mann – vor den Ausländern und so. Ja, auch so eine wie Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, Tochter vom Huno – nein, nicht Kuno, sondern Huno!!! – Herzog von Oldenburg und dessen Frau Felicitas geb. Gräfin Schwerin von Krosigk, Enkelin von Lutz Graf Schwerin von Krosigk, immerhin Hitlers Finanzminister. (Der wurde vom Ausland  in Nürnberg als Kriegsverbrecher zu zehn Jahren Haft verurteilt. Das ist auch so eine Geschichte: Die deutschen Gerichte wären da viel vorsichtiger gewesen.) Gut, zugegegeben, die Störchin, immerhin so eine Art Durchlaucht, ist auch eine von oben, aber das ist eben ’ne Lady, eine Frau, aber ein Mensch wie ich und du, ob sie nun Eilika heißt oder Amelie. Die setzt sich für den Mann von der Straße ein. Sie hat z.B. mit dem Verein „Allianz für den Rechtsstaat“ für die Rückgabe von Ländereien gekämpft, die die Russen im Osten dem deutschen Landadel nach 1945 genommen hatten. Da ging es doch schon los. Die Sssowjötz, wie der Adenauer sie immer genannt hat, was geht denn die unser deutscher Adel an! Uns nehmen sie die Schlösser weg, und dann besaufen sie sich da mit ihrem Wodka und werfen ihre Gläser auf die schönen Tapeten, und der Deutsche muss die Scherben zusammenkehren. Adel, das heißt doch edel. Das gibt es ja schon teilweise in dem Namen drin: Edler von Kotzenbüll oder so. Mal ehrlich, das klingt doch ganz anders als Wladimir Rasputin oder so.

  1. Fakt ist, der DGB sagt: Nur Reiche können sich einen armen Staat leisten. Nur wer einen Swimmingpool im Garten hat, braucht kein öffentliches Schwimmbad. Wer täglich zur Arbeit muss, der braucht intakte Straßen und guten Nahverkehr. Wer in soziale Not gerät, braucht einen starken Sozialstaat. Ungerechte Marktergebnisse brauchen steuerliche Korrektur. Die öffentliche Hand muss all das zugunsten der Bürgerinnen und Bürger leisten können und dafür die Reichen stärker zur Kasse bitten. []
  2. Strategiepapier der AfD warnt: „Bei ( …) Wirtschafts- und Sozialpolitik muss sehr sorgfältig darauf geachtet werden, dass sich die Anhängerschaft der AfD nicht auseinanderdividiert. (…) Zudem müssen Positionen, die der politische Gegner als ‚neoliberal‘ ausschlachten kann, gut argumentiert und unter Marketinggesichtspunkten aufbereitet werden.“ []

Von Weicheiern und harten Nüssen

Als bei einem TV-Duell in Brasilien Flavio Bolsonaro, der Sohn des heutigen Präsidenten, in Ohnmacht fiel, leistete eine Ärztin, die für die Kommunisten kandidierte, Nothilfe, bis sein Vater dem entsetzt Einhalt gebot: Kommunisten dürfen seinen Sohn nicht anrühren.
Dagegen hat der SPD-Politiker Serdar Yüksel einen AfD-Politiker, der einen Herzstillstand hatte, nicht nur wiederbelebt, sondern will ihn auch noch im Krankenhaus besuchen. (Süddeutsche Zeitung 2.11.18)
Der arme AfDler konnte sich nicht wehren. Aber wo war sein Papa?