Opfer nicht nur unter den Dachdeckern! Neues von der Sprachfront

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
So hat es Jakob van Hoddis einst kommen sehen. Es ist ein blutiger Kampf. Es geht um Leben und Tod, wie Sebastian Sick vor wenigen Jahren feststellte: „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.“

Süßer Genitiv

Sick sah in seinem gleichnamigen Werk den mörderischen Dativ kurz vor dem endgültigen Sieg und suchte den einst heiß geliebten und verehrten, nun aber nur noch bedauernswerten Genitiv vor dessen Ausmerzung zu bewahren. Sein verdienstvolles Werk löste bei Gebildeten – und vor allem auch bei Ungebildeten –  Empörung aus. Bürger aus allen Schichten des deutschen Volkes schlossen sich zu Kampfbünden zusammen und zielten in eiserner Front mit Bomben und Granaten unbarmherzig auf jeden noch so unscheinbaren, bis dahin arglos in seiner scheinbaren Korrektheit ruhenden Dativ. So verhalfen sie  – heureka! – des Genitivs zu einer nie dagewesenen Stärke. Er wurde vergöttert und ist nun allgegenwärtig. Denn in des Zweifelsfalls greifen die sprachlich Ungebildeten – und davon gibt es dank des permissiv-seichten Schulwesens Unzählige – nun nur noch zu des Genitivs.
Der Genitiv hat in seines mörderischen Kampfes gegen  des Dativs (ja, auch des Akkusativs!)  einen nie dagewesenen Siegeszug angetreten:

Dreckiger Dativ

Es heißt nun, so kann man der Medien entnehmen – „entgegen des Willens“ und „gegenüber des Hauses“; ja, er vernichtet sogar den Akkusativ in festen Wendungen, wenn man in den Medien hört: „wider besseren Wissens“. Alle -tive, Nomina-, Da-, Akkusa-, versinken in des Sodoms und Gomorras. Es Seiner bleibt nur einer eines: des Genitivs.

 

Sehr feucht

Ganz klar: Stalin ist sein großes Vorbild. Leider war der Stalin Josef kein Ungar. Aber Franco, Hitler und Mussolini? – Nein, waren wohl auch keine Ungarn. Der Chefin der faschistischen Fratelli d’Italia schrieb Orban vor kurzem, sie hätten eine „gemeinsame Weltanschauung“. Immerhin! Aber dann lässt er einen seiner Brüsseler Beauftragten behaupten, der Fraktionsvorsitzenden der EVP Manfred Weber (CSU) sei jemand, der mit Methoden der Gestapo und des stalinistischen Geheimdienstes arbeiten würde. Und – soll man es glauben? – er wollte damit nicht etwa dessen Fähigkeiten rühmen. Sieht er Stalin und Hitler nun doch eher kritisch? Nein, anscheinend wollte er Weber beschimpfen lassen. weil dieser Orbans „illiberale Demokratie“ als undemokratisch kritisiert hatte. Man kann verstehen, dass Orban das missfallen muss, denn wie alle Großen dieser Welt. ob sie nun Trump, Bolsonaro, Erdogan oder sonstwie heißen, liebt er nur sich selbst – das aber – holla! – heftig! Und man kann das politische System, das der große Victor in Ungarn geschaffen hat, zwar illiberal nennen – er tut es ja selbst – , weil es die Freiheit unterdrückt, aber es ist nun mal selbstverständlich eine Demokratie – er nennt es ja selbst so – , eine Demokratie so wie auch die Demokratien der Volksdemokratien Demokratien waren. Nein, wirklich, auf diesen schmucken Namen mag er nicht verzichten.

Da er aber nun mal ein sehr sensibler Charakter ist, verträgt sich sein Stolz nicht mit Kritik, überhaupt nicht. Das hätten seine Freunde von der EVP in Brüssel wissen müssen: Sein Ego ist riesig. Orban verfolgt konsequent nur seine eigenen Interessen, ob er nun mittels Korruption für sich und die Seinen sorgt oder in der EU nach eigenem Bekenntnis nur auf eines aus ist: Geld aus der EU einzustreichen. Und natürlich imponiert das! Es muss vor allem auch den Freunden von der CSU und der CDU imponieren, ob sie nun Löbel, Nüsslein, Fischer, Strenz oder Amthor heißen. Da hätte auch ein Franz-Josef Strauß den Hut gezogen. (Strauß ist bekanntlich unter dem Münchner Flughafen begraben, damit er im Notfall der Justiz schnell entkommen kann, die zu seinen Lebenszeichen manchmal sich recht unabhängig gebärdete.)
Orban stammt, was vielen nicht bekannt ist, von den sagenumwobenen transsilvanischen Fledermäusen ab. Nachts wachsen sich seine Ohren

Dieses Foto wurde wiederholt als Fake kritisiert. Es zeigt aber die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

zu großen Flügeln aus und er fliegt – aufgrund seiner Körpergewichts und der Verbindung der Flügel mit dem Kopf eher plump – auf der Suche nach Blut und Geld – bis beim ersten Sonnenstrahl seine Flügel wieder zu Ohren schrumpfen und er die Gestalt eines Stammtischpolitikers annimmt. Das ist keine Fake-News, sondern wirklich wahre Wirklichkeit.
Die Bewunderung der CSU für ihn war lange ungebrochen; die Söder und Seehofer usw. hatten ja den ungarischen Faschisten von der Fidesz-Partei zu ihren Klausur-Tagungen eingeladen. Und er war sehr gerne gekommen; man war quasi unter sich und einer Menge Humpen – dazu Blasmusik, wie sie das Volkstum liebt. Und Orban beglückwünschte jüngst Armin Laschet zur Wahl zum CDU-Vorsitzenden und rühmte die „traditionsreiche Verbindung“ beider Parteien und ihre „auf gegenseitigem Respekt basierende Zusammenarbeit“. Zwar gibt es sogar in der CSU den einen oder anderen unbayrisch nüchternen Politiker, wie den Europapolitiker Markus Ferber, dem die „antisemitischen Einschläge” in Orbans Rhetorik, wie er sagt, „große Sorgen” bereiten,und der auf diese Weise den nötigen Respekt vermissen lässt. Aber des großen Orbans große Wahlsiege zeigten doch, so Seehofer, „dass Konsequenz honoriert wird”. Er habe „Kurs gehalten, das schätzt die Bevölkerung”. Stoiber und Seehofer beglückwünschten ihn daher auch ausdrücklich zu seinen Wahlsiegen: „Nichts ist eine stärkere Bestätigung als der Erfolg an der Wahlurne.”
Denn: Ja, ja, das weiß ja jeder – der Wähler ist nicht dumm. Braucht er auch nicht zu sein in Ungarn, wenn alle Medien den Führer preisen und der Führer sich die Justiz gefügig gemacht hat.
Aber es war dann irgendwann nicht mehr so leicht für CDU und CSU, den Kollegen Orban zu stützen, obwohl er doch nach ihrer Meinung die Ideen Konrad Adenauers und Helmut Kohls vertreten hatte. Denn Delegationen aus 14 Ländern waren so unklug. den Rauswurf von Fidez aus der Fraktion der Konservativen im EU-Parlament zu fordern – wegen des illiberalen Systems. EVP-Teile, z.B. aus Skandinavien und Benelux, sollen gar gedroht haben, dass sie die EVP verlassen würden, wenn nicht gegen die Faschisten von Fidesz vorgegangen werde. Welch schreckliches Dilemma! Der Rauswurf dieses Veteranen von Adenauers und Kohls Gedankengut würde die EVP Redezeit und Geld kosten. Und von Geld, das weiß der deutsche Wähler, der ja nicht dumm ist, verstehen Merz, Amthor, Nüsslein usw. usw. bekanntlich viel, sehr viel. Es hieß daher behutsam und vorausschauend zu handeln. So hatten die schlauen deutschen Christdemokraten eine geheime Abstimmung über den Rauswurf der Fidez lange verhindert. Angeblich taten sie es, weil sie erst in Deutschland den Parteitag mit der Wahl des neuen Vorsitzenden abwarten wollten. Inzwischen haben sie einen Vorsitzenden, doch das Politikgenie Armin Laschet ist sehr, sehr weitblickend : Es müsse „Ungarn an Europa gebunden“ werden. Die Mitgliedschaft sei ja suspendiert, und es gebe „keinen Anlass, daran etwas zu verändern“. Hart wie Kruppstahl! Man nennt ihn auch den stählernen Laschet. Nein. halt, das hat er bestimmt nicht so gern – wegen Stalin. Also den bleiernen Laschet.
Man hätte wie gesagt auch in CSU-Kreisen wissen müssen, dass Orban Widerspruch oder Kritik, wie sie einige EVP-Politiker zu äußern wagten, nun mal gar nicht vertragen kann, weshalb er ja auch in Ungarn dafür gesorgt hat, dass nur noch Orban freundlich gesinnte Medien existieren, was jeden echten Stammtischpolitiker aus CSU oder AfD eigentlich mit tiefem Neid erfüllt.
Doch nun spricht Weber von einem „traurigen Tag“. Und der arme Markus Söder rafft sich zu einem Schlusswort auf, weil er nicht mehr anders kann: “Reisende soll man nicht aufhalten.” Auch er hat seinen Stolz. Plötzlich hat er erkannt: “Es geht um unsere Glaubwürdigkeit.”
Die Tränen kullern ihm auf den neu erworbenen Anzug, denn Orbans Fidesz steht nicht mehr auf derselben Grundlage “wie Konrad Adenauer und Helmut Kohl“ – und natürlich Franz-Josef Strauß. Was ist um Himmels willen geschehen?  Orban (=Fidesz) hat beschlossen, dass er als stolzer Czardasfürst einen Rauswurf bzw. eine weitere Suspendierung nicht tolerieren kann, und verlässt deshalb von sich aus die EVP.
Schreie des Entsetzens, Heulen und Zähneklappern bei seinen Freunden von der CDU/CSU! Es geht ja um Geld! Oje, oje, was wird aus der EVP ohne Orban? Doch nun  haben anscheinend die Laschet und Söder sowie Frau Merkel nicht umhin gekonnt, dem angedrohten Verfahren gegen Fidesz zuzustimmen. Denn wenn die anderen EVP Mitglieder die Fraktion verlassen würden, wäre das ja auch gar nicht schön.
Nun ist es also geschehen, und sie heulen im Chor, „Gestapo-Weber“, Laschet, Söder. Welch ein Jammern! Auch Österreichs Sebastian Kurz weint, der bis zuletzt die Suspendierung seines bewunderten Freundes verhindern wollte und dagegen stimmen ließ. Sogar Orban ist zutiefst durchfeuchtet; er schäumt und vergießt heimlich Tränen der Wut.
Heulen und Tränenbäche – sehr feucht!

Mehr, mehr, mehr!

„Oahh! Ich will mehr, mehr“, rief König Midas, und der Riese Nimmersatt grölte: „Ich will aber noch mehr!“ Und des Fischers hübsche Frau riss die Tür von ihrem „Pisspott“ auf und jubelte: „Oh, du herrlich gewachsener Riese, dich liebe ich, dich will ich heiraten und keinen anderen lieben – allenfalls noch den Midas, obwohl der eine Zahnlücke,  abstehende Ohren und eine schiefe Nase hat.“
Wenn der kleine Fußballer Messi 104 Millionen Dollar im Jahr verdient, hat er zwar sein Auskommen, aber wenn er dann erfährt, dass der Fußballer Ronaldo angeblich sogar auf 105 Millionen kommt, dann nörgelt er und neigt zur Depression. Denn er leidet an sich schon Qualen, weil er gar nicht weiß, wohin mit dem vielen Geld – mit Blattgold überzogene Steaks schmecken, wie er erfahren musste, auch nicht besser – , aber dass dieser Ronaldo noch eine Million mehr einnimmt als er, lässt sein Herz bluten. Er schießt kaum noch Tore – allenfalls den einen oder anderen Elfmeter. Die nichts ahnende Öffentlichkeit rätselt dann über seine Krise. Und Messi bleibt nur noch eines: das Sofa seines teuren Psychiaters – er kostet fast doppelt soviel wie der von Ronaldo.

Dagobert Lindner

Wenn Christian Lindner und die Seinen mit sorgengefalteter Stirn für Big Money, das zumeist ohnehin kaum Steuern bezahlt, Steuersenkungen verlangen unter dem Vorwand, dass die großen Unternehmen dann die vermehrten Einnahmen in vermehrte Produktion investieren, weil sie einfach gar nicht mehr wissen, wohin sie sonst mit dem vielen Geld sollen, freut das die großen Unternehmen, denn Steuersenkungen vermehren das Geld auf ihren Konten.

Die Wirtschaftsführer, die meist weniger sensibel sind als Fußballer, blicken dann selbstverliebt in den Spiegel, grunzen vor Wohlbehagen und spekulieren vergnügt auf den Finanzmärkten, auf dass Macht und Ansehen ins Unermessliche steigen.
Dafür, dass das so bleibt, kämpfen unermüdlich Christian Lindner und sein Verein, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM):  Gehirnwäsche ist das Mittel der Wahl: immer und  immer wieder nur die gleiche Forderung nach Steuersenkungen.
Steuern sind ja bekanntlich böse, weil sie den Menschen nicht Geld geben, sondern wegnehmen, um mit diesem Geld  Schulen, Krankenhäuser (?), Straßen, Wasserleitungen usw., leider auch Panzer,  zu bauen. Eigentlich sollte ja – das wissen neben Lindner auch die US-Republikaner – gar nicht der Steuerzahler solche Sachen finanzieren, sondern nach Gutdünken und Laune die Großunternehmen mit ihren Spenden, die sie aus dem durch die Steuersenkungen ersparten Kapital leicht finanzieren können, sie aber trotzdem als Wohltäter erscheinen lassen..
Jedenfalls will Big Money More Money und stellt darum gerne auch Lindner und INSM Geld zur Verfügung, damit sie ihnen helfen, noch mehr Geld anzuhäufen. So schaltet z.B. die INSM gerade in den Printmedien ganzseitige Werbung für Steuersenkungen. Geld spielt dabei keine Rolle. Sie wissen ja ohnehin nicht, wohin damit.
Denn selbst die Banken wollen ihr Geld nicht, sondern verlangen Strafzinsen dafür. Zum Investieren haben sie aber trotz billigem Geld einfach keine Lust, dann schon lieber mit dem Geld aus den Steuersenkungen ein paar renommierte Kunstwerke erwerben und damit ordentlich protzen. Mit so einem Kunstwerk erscheint nämlich selbst der Waffenhändler, wie z.B. einst Emil Georg Bührle1, kultiviert.)

Der bleiche Geselle

„Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe“, schreibt Heine in seinem Gedicht über den Doppelgänger. Allerdings handelt es sich bei ihm nicht um eine dissoziative Identitätsstörung. Er betrachtet nur entsetzt das Bild, das er als unglücklicher Liebhaber seiner Cousine Amalie abgibt: „Du Doppelgänger! du bleicher Geselle!“
Das ist bei Dr. Jekyll anders, der aus den Konventionen bürgerlichen Anstands ausbricht, um als Mr Hyde seinen asozialen Trieben nachzugeben. Die beiden Gestalten seiner gespaltenen Persönlichkeit existieren neben einander. Aber Dr. Jekyll weiß von seiner Doppelexistenz als Mr. Hyde. Solche Hellsichtigkeit ist aufgrund von Verdrängungen wohl eher selten. Rudolf Höss, der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, lebte in einer Idylle, in der der von ihm betriebene Massenmord nur als eine – nun ja zugegeben – unschöne Nebenerscheinung wahrgenommen wurde. So hatte er es weiter gemütlich am Kamin.
Und nun zu Ralf Wiegand.
– Wer ist das? Muss ich den kennen? Hat er auch Menschen umgebracht?
– Nein, er bringt keine Menschen um. Er ist auch kein Sadist, der zusammen mit Florian Silbereisen und den Wildacker Herzbuben seine Hörer durch grässlich primitive Schlager in den Wahnsinn treibt oder sie in ihrem Wahnsinnn bestärkt. Er interessiert nur, weil er eine milde Form der dissoziativen Persönlichkeitsstörung zeigt, aber eine, die sehr verbreitet ist, besonders unter Journalisten.
Bei Ralf Wiegand gibt es, wie z.B. sein Kommentar in der „Süddeutschen Zeitung“ („Sprengstoff“ 9.2.21 S.4) zeigt, die eine Persönlichkeit – wir wollen sie Ralf nennen – die dank gesundem Menschenverstand die Realität wahrnimmt und dank gut ausgebildetem Urteilsvermögen den Maßstab anlegt von dem, was recht bzw. gerecht sein sollte.


Ralf erkennt, dass es das „Gerechtigkeitsempfinden der Menschen“ – und anscheinend auch seines – berührt, wenn der Staat einerseits von den Durchschnittsbürgern Steuern „abkassiert“, „die Grundsteuer fürs Häuschen im Grünen, die Erbschaftssteuer auf Omas Erspartes, Einkommenssteuer, Mehrwertsteuer“, aber das große Geld, die Gewinne der Multimilliarden-Konzerne, durch deren Auszug in Steueroasen kaum beschneidet. Diese haben nämlich „die legale Steuervermeidung perfektioniert“. Klarsichtig stellt Ralf fest: „Im Prinzip sind die Abgaben an den Fiskus ein Akt der ganz großen Solidarität einer Gemeinschaft, die sich durch Geben und Nehmen gegenseitig unterstützt.“ Seltsamerweise kennzeichnet er diesen Gedanken als „romantisch“: „So romantisch können Steuern sein.“ Er weist auch darauf hin, dass „die Bürger die Bildung, das Gesundheitswesen, die Verwaltung“ usw. finanzieren und dass „die reichen Konzerne der Welt“ davon profitieren, immer reicher werden, ohne dass ein Teil der riesigen Gewinne „in Form von Steuern, die allen dienen“, zurückkommt. Und er sieht auch: „Das Geld, das in Steueroasen lagert (…), fehlt woanders.“ Es sollen nach Schätzung von Experten bereits 2014 sieben Billionen Dollar gewesen sein. Daraus entstehe bei den Bürgern das Gefühl: „Wir hier unten, die da oben.“ Sie sind empört; auch Ralf ist empört und fordert, dass sich die Dinge ändern müssen.
Aber dann: Empörung? Hier schrillen die Alarmglocken bei der zweiten Persönlichkeit, die wir aufgrund ihrer Nähe zu den Konventionen Herr Wiegand nennen wollen. Herr Wiegand ist Journalist und arbeitet zwar nicht bei der „Frankfurter Allgemeinen“, der „Welt“ oder gar der BILD, aber immerhin bei der seriösen, bürgerlich liberalen „Süddeutschen“!

Ralf und Wiegand

Herrn Wiegand ergreift plötzlich die Angst vor Ralf. Denn Herr Wiegand folgert: „Verschwörungstheorien, wonach sich eine globale Elite mit Billigung der Staaten bereichert, speisen sich aus dieser Wut. Sie nehmen jeden noch so abstrakten Anlass (!) als Beweis: Steueroasen sind immer für die anderen – und die Gelackmeierten“ sind wir. Tja, was sind denn das für Menschen, die nach einem noch so abstrakten Anlass suchen, um zu beweisen, dass nur die Reichen die Steueroasen nutzen, Besser wäre es, wenn die Gelackmeierten es ihnen gleichtun könnten? Aber da das momentan ja nicht geht. müssen wir alle wie Herr Wiegand alarmiert sein, denn: „Jeder Populist kann daraus sozialen Sprengstoff mixen.“
Hui, pfui, hier drohen ja schreckliche Gefahren: Verschwörer, fiese Populisten lauern überall im Untergrund, um irgendwann daraus hervorzustürmen und die von Ralf erkannten Tatsachen für ihre – finsteren – Zwecke zu missbrauchen. Diese unheimlichen Gestalten wollen die ungleiche Gesellschaft nicht – wie? völkisch? – zusammenführen, wie es sich gehört, sondern sie sprengen (!), womöglich gar einen unseligen Klassenkampf herbeiführen.
Oh je, oh weh, Herrn Wiegand wird da auf einmal ganz heiß, und Schweißtropfen rinnen über Augen und Nase. Ganz außer sich blickt er nun auf diesen unheimlichen Ralf und Herr Wiegand fragt sich, d.h. Herrn Wiegand, voll Grausen angesichts von möglicherweise durch Ralf hervorgerufenen Verschwörungstheorien und Populismus: „Um Himmels willen, was ist mir da unterlaufen? Wer hat das geschrieben? Nein, nein, nicht ich, der ,bleiche Geselle’, das war nicht ich!“

Pilawa Bundeskanzler?

„Und einmal die Zeitung, bitte.“
„Welche hätten Sie den gern?“
„ ???? Na, Bild!!!“

Wie weit kann man es bringen, wenn man nicht zu abgehoben intellektuell, sondern geistig eher anspruchslos ist?
Amerika hat es gezeigt: Reagan und Trump wurden Präsidenten. Und Marjorie Taylor Greene, eine schnieke Blondine, Inhaberin eines Fitnessstudios, hat bei den letzten Wahlen immerhin einen Sitz im Repräsentantenhaus erobert, indem die Anhängerin von QAnon die Schulamokläufe als bloße Inszenierungen von Waffengegnern entlarvte, als Ursache der Waldbrände in Kalifornien Laserstrahlen aus dem All ausmachte, woran auch die jüdische Bankiersfamilie Rothschild – hört! hört! – nicht ganz unschuldig gewesen sein soll, und sie weiß auch aus sicherer Quelle, dass die „satanische“ Hillary Clinton ein Mädchen getötet und verstümmelt hat. Natürlich engagiert sie sich dafür, dass Nancy Pelosi und Barack Obama unbedingt hingerichtet werden sollten. Ob sie sich damit durchsetzt? Die Republikaner nominieren sie für einen Sitz im Ausschuss für Bildung. 1
Naja, wir in Deutschland hatten einen Hitler und haben einen Höcke, letzterer immerhin Oberstudienrat und Geschichtslehrer. Das Beispiel Höcke zeigt, dass auch in Deutschland Menschen mit geistigen Schranken nicht ausgegrenzt werden, sondern es sogar im Bildungswesen weit bringen und als Volksvertreter ins Parlament einziehen können.
Ob es Marjorie Taylor Greene je zu einem Ministeramt, z.B. zur Bildungsministerin, bringt, falls es so etwas in den USA gibt, kann nur die Zukunft zeigen. Auch ob Höcke Merkel und Scholz hinrichten will und kann, ist ungewiss. Dazu müsste er zunächst einmal „Führer“ werden. Aber kann er das mit seiner bisher wenig knackigen Frisur? (Da war der Hitler aber ganz anders geschniegelt, und Reagan und Trump hatten tolle Friseure oder Perücken, und sie waren immer perfekt geschminkt.) Daran muss der Höcke noch arbeiten.
Aber wir haben ja andere, die den Reagan machen können. Wie wäre es z.B. mit einer Barbara Schöneberger oder einem Pilawa? Wie hat Atze Schröder neulich im Prominentenquiz über Pilawa gesagt? „Bei dir hat man den Eindruck, dass du immer attraktiver wirst. Du siehst echt toll aus.“ Der Wähler ist nicht dumm, wie jeder Politiker gerne wiederholt. Und was kann der Wähler mehr wollen? Zudem haben wir die BILD wie Amerika seine Fox News. Die CDU, die immerhin einst in Hamburg die Schlagersängerin Vicky Leandros – sieht gut aus und kann singen – zur Kultursenatorin machen wollte, hätte so mit Pilawa alle Chancen. Der kleine dicke Laschet und der kahlköpfige (!) Scholz trotz all seinem Charme hätten gegen so einen keine Chance.