Oh, weh! Böhmermann lässt das Abendland untergehen

Heil dir, der du, erhabener Sultan Osman Recep Tayyip (Erdogan), throhnst in einem prächtig protzigen Palast, gebaut und eingerichtet mit armselig kleinbürgerlich kitschigem Pomp, einem Stilgemisch aus chinesischer Halbmoderne und europäischem Rokoko und totalitär stalinistischem bzw. faschistischem Baustil. Auch wenn man in deinem Äußeren das Göttliche gänzlich vermisst, so herrschst du doch als ein wahrer Zeus, wirfst Blitze gegen alle, die dich nicht anbeten, und strafst mit Tod oder Kerker alle, die es wagen, sich gegen deine Allmacht aufzulehnen.
Nun erfahren wir von einem Böhmermann, der nicht als Türke in dem dir gehörigen Lande lebt und daher nicht von dir geschlachtet werden kann, dass dieser aus Wut über deine Selbstherrlickeit dir die Schmach antat, dich mit Worten tief herabzuwürdigen und dich so mitten ins Herz zu treffen. (Da Böhmermann als Nicht-Sultan die Kampfmittel Tod und Kerker verwehrt sind, verblieb ihm nur die verbale Schmähung.)
Und wir erfahren auch von einem renommierten Strafverteidiger namens Gerhard Strate, der offenbar extrem kurzsichtig ist und allergisch gegen alles, was aus einer vermeintlich oder wirklich ,linken Ecke’ kommt. Um eine juristische Einschätzung von Böhmermanns Schmährede gebeten, schmäht er Böhmermann, „dem es schon in jungen Jahren geglückt ist, sich reichlich an den zwangsweise erhobenen Beitragsgeldern der öffentlichen Medien zu laben.“ Solches böhmermännisches Laben an unserem Geld muss man selbstverständlich unbedingt verhindern, am besten indem das öffentlich rechtliche Fernsehen linke Kritik aus dem Programm verbannt. Es ist zum Verzweifeln: „Dieter Hildebrandt ist tot. Nun haben wir die Böhmermanns.“[dropdown_box] Böhmermann in seiner „Hybris“ sei dem „Irrtum“ erlegen, „ein Genie und als solcher unantastbar zu sein“. Es verwechsle der „offensichtlich in seiner Pubertät stecken gebliebene Satiriker“ „chronisch Humor mit Beleidigung“. Er habe – anders als Erdogan? – „das Prinzip der Menschenverachtung tief verinnerlicht“. Seine Satire rege „den Menschen im Ergebnis nicht zu vertieftem Nachdenken an“. Das könnte bei Strate tatsächlich der Fall gewesen sein.
Immerhin zeigt Strate an einer Stelle seiner Polemik Nachdenklichkeit, indem er laiut überlegt: „Ob Böhmermann sich je gefragt hat, wie hilfreich der größte Teil seiner Hervorbringungen <hier meidet Strate das Wort „Machwerke“ – bravo!> für den Erhalt der politischen Kultur ist?“ Nun, diese Frage beantworten wir gerne: Ja. Zwar mag man über den Witz sowohl der „Extradry“ Satire, auf die Erdogan zunächst mit Zensur reagieren wollte, als auch über Böhmermanns Gedicht, das auf Erdogans Reaktion reagierte, unterschiedlicher Meinung sein, aber als Reaktion auf ein politisches Verhalten eines autoritären Staatsführers hat es zum ,Nachdenken angeregt’, wenn auch vielleicht bei Strate nicht in der von diesem erwünschten „vertieften“ Form.
Was für ein überragender Humorbolzen Strate ist und dass er daher gerade im ,Fall Böhmermann’ der juristische Experte sein muss, zeigt er, wenn er sich darüber belustigt, dass sich „der erfolgsverwöhnte Fernsehmann“ „beleidigt“ gezeigt habe, weil er von Twitter zu dem zehnjährigen Geburtstag keine Schokoladentorte bekommen habe. „Erst der Hashtag #backenfuerboehmi konnte den Geschmähten umstimmen.“ Man erkennt sofort: Gerhard Strate ist Experte für Satire und Ironie.
Aber ganz, ganz ernst nehmen muss man seine Warnung: „Der Medienhype um ihn zeigt unsere Gesellschaft in einem Zustand geistiger und moralischer Verwahrlosung. Sie macht uns irgendwann unfähig, den Feinden des Abendlandes entschieden entgegenzutreten.“

Unser Dank geht an die Redaktion des „Hamburger Abendblatts“[ref]14.4.16] für diesen erhellenden Beitrag einer bewundernswerten Koryphäe des Rechts.[/dropdown_box]

Ein Gedanke zu „Oh, weh! Böhmermann lässt das Abendland untergehen

  1. Oja fein, dass die ätzenden rötlichen Socken sich gern selbst aus und den zwangsabgabefinanzierten Sendern katapultieren, wenn sie nicht wie beim wdr 5 (seit Jahresbeginn mit neuem flotten Sendeschema: schön viel Fußball, doofe Selbstbespiegelungsthemen, vielsagend vorgefilterte Informationen) unkommentiert von den alten Sendeplätzen abserviert wurden – wie Peter Zudeik mit seinem samstäglichen Wochenrückblick oder Thomas Hackenberg aus diversen Feuilletonnischen, wo er mit sanfter Ironie erfreute, oder Cardegianinnis doppelbödige Notizen aus der Vielkinderfamilie. Nö. Dafür gibt’s jetzt unfassbar seichte komödiantische Dialöglein am Samstagvormitttag und platte affirmative “Glossen” morgens um acht , die ja! keinem wehtun dürfen, also keinem LEISTUNGSTRÄGER. So welche mögen sich freilich auf immerimmerdar an öffentlichen Fleischtrögen laben und mästen und dicke rote Pausbacken bekommen bitte.

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