Nackte Ekstase in der Fashion-Szene

Den Namen Fritz-Eberhard Edelgurt-Ceinture kennt heute jedes Kind. Das war nicht immer so. Lange Jahre, ja Jahrzehnte hat Edelgurt-Ceinture als Schneider mit großem handwerklichen Geschick bunte, elegant geschnittene Hosen, Hemden, Kleider, Röcke, Anzüge entworfen. Mit mal recht ordentlichem, mal geringem kommerziellen Erfolg. Er hatte eine treue Kundschaft, konnte davon leben, aber das war es nicht, was er sich als Lebensziel gesetzt hatte. Der große Durchbruch wollte sich partout nicht einstellen. Er kämpfte gegen seine Anfälle von Depression, bis er endlich erkannte, dass er die eingefahrenen Bahnen verlassen musste. So entwickelte er eine Kleidung, die auf Farbe und Schnitt verzichtete, ließ seine Models in verwaschenen und zerrissenen Lumpen auftreten, die auf raffinierte Weise dem Körper nur gleichsam angeklebt wurden. Die Medien berichteten erstmals hingerissen von dem neuen Stil: Der Schneider war tot, der Couturier war geboren. Endlich konnte er sich sogar einen PR-Agenten, Ernst Wiechert, leisten, der ihm riet, seinen Weg konsequent weiterzugehen, und ihm auch dadurch half, dass er, obwohl sich Edelgurt-Ceinture “gegen Interpretationen seines Werks immer heftig gewehrt“ hatte, für die Öffentlichkeit das Werk auslegte, das so manchem bis dahin fremd geblieben war.
So wird sich hoffentlich auch der einfache Geist betören lassen, wenn er die folgenden Erklärungen liest:[dropdown_box]
Da ihn (Edelgurt-Ceinture) nach seinen Aussagen schließlich „Farben und eben auch Formen nie interessiert“ haben und seine “Distanzierung von Farbe und Form als den hypothetischen Grundvoraussetzungen seiner Kunst eine überraschende Schlüssigkeit“ aufweist, es ihm „ausschließlich um die Emotionen“ geht, die seine Werke auszulösen vermögen, „konnte er sich ganz”, so legt Wiechert schlüssig dar, “auf Farbtöne konzentrieren“. Er ist „der Mann, der die Farben befreite“. So „trennen sich die verwendeten Farbtöne voneinander, das Gemisch spaltet sich in klare Einzelfarben, die sich zu geschlossenen Flächen zusammenziehen“. Die Ränder der Farbfelder „diffundieren stets weich in die Umgebung hinein, ihre Flächen aber sind nicht kompakt versiegelt, sie scheinen zu atmen , sie vibrieren sanft und zeugen von subkutanem Leben. Es ist als würden farbliche Individuen, die auf eine individuelle Form verzichten, sanft“ darüber “schweben”. Überraschende emotionale Wirkungen ergeben sich dadurch, dass er „die befreiten Farben aufeinanderprallen ließ“, „einzig einem sinnlichen Impuls folgend, die gefundenen Farbindivíduen wie Gewichte übereinander postierte“. So schuf er, wie Wiechert uns allen verdeutlicht, ein System, „das nun nichts mehr bedeuten wollte, aber für alles stehen konnte.“ Die Werke „bekommen eine fast magische Kraft“, so dass sich der Raum zwischen Werk und Betrachtern so mit Spannung auflädt, dass dazu kommende Besucher Scheu haben dazwischenzutreten“.
Genauso ist es!
Obwohl diese Aussagen den Erfolg der Kunst von Edelgurt-Ceinture in einer Weise erklären, wie es besser kaum vorstellbar ist, soll hinzugefügt werden, was im Grunde schon jeder weiß: Am Ende interessierte ihn nur noch die Farbe des menschlichen Körpers, so dass erst die Nacktheit seiner auf der Straße aufgelesenen Modelle die schlüssige Entwicklung dieses großartigen Couturiers auf ihren Höhepunkt gelangen
ließ.[ref]Robert Altman wurde durch ihn für seinen Film “Prêt à Porter” inspiriert.[/ref]

P.S. Die Zitate wurden entnommen aus „Der Mann, der die Farben befreite“ über den Maler Mark Rothko in der Süddeutschen Zeitung vom 9.12.14 von Gottfried Knapp. Rothko hat uns, wie wir erfahren dürfen, viel Existenzielles zu sagen und vermag uns in eine Art religiöser Ekstase zu versetzen. Welch unheimliche Emotionen, welch “magische Kraft”, welch “kinetisches Erlebnis” von Rothkos konturlos einfarbigen Bildern ausgeht, belegt allein schon die Tatsache, dass er für sein letztes Bild die Farbe Rot wählte, genauer gesagt, dass er “auf einer hellrot grundierten Leinwand zwei aggressive (!) rote Farbflächen, die sich aus der Ebene herzuwölben scheinen, so aufeinanderfallen lässt, dass man sich als Betrachter wie von einem Blutstrom bedrängt fühlt” – ein uns allen mehr oder minder vertrautes Gefühl – und der sensible Betrachter “unwillkürlich einen Schritt zurücktritt”, so dass es nicht verwundert, wenn man erfährt, dass der Maler kurz nach Vollendung des blutroten Bildes sich das Leben nahm – ob blutig oder nicht, erfährt man leider nicht.[/dropdown_box]

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