Misslungenes Ende

Man könnte eine Fabel schreiben, natürlich mit Wölfen und Löwen und Füchsen und Lämmern und Eseln statt mit Menschen als Figuren, aber handelnd von einem Herrscher und seinem Diener, deren einziges Streben es war, sich und die Ihren mit Macht und Reichtum zu versorgen. Sie würde erzählen, wie der Diener, der von seinem Herrn mit Gold und einem diamantenbesetzten Säbel beschenkt wurde, diesem so dienstbar war, dass er vor keiner Grausamkeit zurückschreckte, vielmehr alle, die gegen die Ungerechtigkeit aufbegehren wollten, ohne jedes Mitleid einsperrte, tötete oder grausam misshandelte. Sie würde dann davon handeln, wie es den Untertanen jedoch eines Tages so elend ging, dass sie nicht anders mehr konnten, als sich zusammenzutun und den Herrscher und seinen Diener anzugreifen, und wie es ihnen, da sich alle einig und sie daher ganz viele waren, gelang, die Macht zu brechen, den Herrscher einzusperren und dem Diener seinen rotgefärbten Säbel zu nehmen, und wie sie schließlich einen der Ihren zum neuen Herrscher wählten.[dropdown_box] Im Fortgang der Geschichte kommt es dann zu einer bedeutsamen Wendung, denn viele der Untertanen fühlten sich von ihrem neuen Herrscher betrogen, weil er ihnen vorschreiben wollte, wie sie zu leben hätten, welche Kleidung sie anzulegen hätten und welche Länge der Bart eines Mannes haben dürfe. Auch waren sie sehr unglücklich, weil sie noch weniger zu essen hatten als in der Vergangenheit. Da sie sich aber nicht mehr einig waren und sich daher zu schwach fühlten und keinen Rat wussten, wie sie den neuen Herrscher wieder los werden konnten, erinnerten sie sich, mit welcher Gewalt einst der Diener des alten Herrschers mit unliebsamen Personen fertig geworden war, und baten ihn, seinen diamantenbesetzten Säbel, den sie ihm genommen und in einem Schrank verschlossen hatten, wieder an sich zu nehmen und ihn zu benutzen, um dem neuen Herrscher seine Macht zu entwinden, was der Diener auch bereitwillig, ja sogar mit allergrößtem Vergnügen tat. Nun käme der entscheidende Teil der Erzählung, die Pointe, auf die alles Vorhergegangene hinsteuern und die dem Leser das fabula docet suggerieren sollte: Schließlich wandten die Untertanen sich nämlich an den Diener mit seinem erneut rotgefärbten diamantenbesetzten Säbel und forderten ihn auf, er möge doch bitte den Säbel nun wieder … , worauf der Diener lächelte und …
Ach, hören wir lieber auf. Was wäre das für eine miserable Fabel! Wo bliebe die Pointe, das Ende enthielte keine Überraschung, es wäre nur deprimierend. Armes Ägypten![/dropdown_box]

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