Ich seh’ etwas, was du nicht siehst!

Thomas Mann hat in „Felix Krull“ dem Künstler als einem Menschen, der den Anstrengungen des bürgerlichen Lebens entkommen will und sich deshalb der Welt des schönen Scheins zuwendet, ein Denkmal gesetzt. Tatsächlich braucht heute der „Künstler“, der sich ohne Arbeit Geld bzw. die Aura eines „Künstlers“ verschaffen will, weniger als je zuvor: Er braucht ja nur eine Idee. Er muss spektakulär etwas tun, besser: tun lassen, dem man eine „Aussage“ entnehmen kann. Wenn die richtigen Leute die Aussage erkennen oder zu erkennen vermeinen und freudig erregt darüber berichten, hat er bereits gewonnen.
Des Künstlers Boran Burchhardts Idee ist es, im eher ärmlichen Hamburger Stadtteil Veddel die 300 m² umfassende Vorderseite eine Wohnblocks mit Blattgold zu verkleiden. Die Idee gefiel der Kunstkommission der Hamburger Kulturbehörde so sehr, dass sie bereit war, sie zu finanzieren..
Doch was ist die Aussage? Bettina Steinbrügge, Leiterin des Hamburger Kunstvereins, meint, dass Gold ja sonst eher in repräsentativen Gegenden zum Einsatz komme – „das dreht er um. Das ist ‘ne Aussage.“ Aha. Danke. Aber sollen wir dieser „Aussage“ entnehmen, dass es in ärmeren Stadtteilen zu wenig vergoldete Häuser gibt und dass es zukünftig in den ärmeren Viertel genau so viele vergoldete Häuser geben sollte wie in den reicheren Vierteln, z.B. dem vornehmen Hochkamp, wo man bei mittäglichem Sonnenschein, von den vielen vergoldeten Häusern geblendet, ständig gegen Laternenpfähle prallt? Oder sollen wir ihr vielleicht entnehmen, dass Geld ( in diesem Fall 85000 €) in ärmeren Vierteln lieber für die Vergoldung von Häusern als für soziale Projekte ausgegeben werden sollte? Man kommt – wohl der Absicht des Künstlers entsprechend – ins Grübeln.
Hier zeigt sich eben doch eine gewisse Vieldeutigkeit, die ja häufig als ein Kennzeichen des Kunstwerks angesehen wird.

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