Herr Wolf und die abendländischen Werte

– Das hat sie nun davon! Habe ich es nicht schon immer gesagt? Das hätte Rotkäppchen nicht tun sollen. Mit dem Margaux Premier Grand Cru Classé und der Sacher-Torte ganz allein zur Großmutter zu gehen! Hätte sie wenigstens ein Taxi genommen! Man kennt ihn doch den bösen Wolf …
– Ach, du meine Güte! „Man kennt ihn“, wenn ich das schon höre! Oh, ihr heiß geliebten Vorurteile! Und: „der böse Wolf“! Weder Herr Wolf noch sonst ein Wolf ist böse!
– Mag ja sein. Aber wenn er Kuchen und Wein riecht …
– Papperlapapp – du verzeihst mir den Ausdruck! Herr Wolf, ich kenne ihn gut – er geht zum selben Italiener „Da Mario“ – warst du da nicht auch schon einmal essen? Ah, dieser herrliche Primitivo, den sie da zu den Scampi alla Santa Madalena  servieren …
– Nun hör mal! Dass er sie überfallen hat, wirst du doch wohl nicht leugnen!
– Tja, was kann er dafür? Sie hat ihn herausgefordert. Unsere Gesellschaft ist nun halt mal so. Hätte er können, wie er wollte, dann hätte – da bin ich ganz sicher – er ihr noch eine Torta al cioccolato morbide  dazu spendiert, dem leckeren Lämmchen. Nicht wahr, Herr Lindner? Sie sind unserem Gespräch gefolgt?[dropdown_box]
– Ja, guten Abend, die Herren. Ach, Sie wissen ja, ich bin Kaufmann durch und durch, und als solcher vertrete ich eben unsere abendländischen Werte. Aber das heißt auch – da will ich gar kein Blatt vor den Mund nehmen, nicht wahr: Man muss zur Not mal den Schwächlingen mit dem Hammer eines auf den Schädel geben dürfen. Sonst bringt das ja alles überhaupt keinen Spaß.[ref]Der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann behauptet, es gebe in Führungspositionen den “dominanten Typ: Der hat Freude an Hierarchiekämpfen. Und weil sein Motiv Dominanz ist, ist er nicht zimperlich beim Austeilen. In seiner Extremform ist dieser Boss-Typ ein Sadist”. (“Süddeutsche” vom 2812.15)[/ref] Hammer oder Amboss! So lautet das Gesetz des Lebens. Meine Devise: Hart wie Kruppstahl, nicht wahr! Und was die abendländischen Werte angeht, so ist meine Philosophie: Erst wenn alle menschlichen Werte ehrlich und offen vom kaufmännischen Weltbild aus gewertet werden, dann werden die Kaufleut ihren Höhepunkt erreicht haben.[ref]Herr Lindner zitiert hier Herrn Schmitz aus Ödon von Horvaths Der ewige Spießer[/ref]
Na ja, und was dieses Mädchen, die Mareike, angeht, die ist ja die reinste Provokation. Ich spreche jetzt nicht von ihrem roten Mützchen mit dem „Che“-Bild darauf. Man kennt es, dies Revoluzzertum der zu kurz Gekommenen.[ref]Laut einer Studie der Stanford University (Stéphane Côté, Julian House) steigert die Ungleichheit bei Privilegierten den Egoismus. Sie gibt ihnen das Gefühl, dass sie etwas Besonderes sind und sie daher ihre privilegierte Stellung ebenso sehr verdient haben wie die Zukurzgekommen ihre unterprivilegierte Stellung.[/ref]  Naja, sie ist ja eigentlich nicht zu kurz gekommen. Haha. Nein, diese Bluse und die eng geschnittene Hose! Eu, jeujeu! Da darf sie sich doch wirklich nicht wundern. Ich werde ihr beim nächsten Mal anbieten, sie in meinem Porsche zu ihrer Großmutter zu fahren, der von mir hochverehrten Frau Krimhild Grima Edle von Grimburg zu Grimberg, die übrigens vor kurzem aus gesundheitlichen Gründen ihr Mandat als Freiheitliche im Europäischen Parlament niedergelegt hat. Ich meine, die Frau war kein Weichei, die hatte noch Klasse! Freie Fahrt den Abgaswerten! Freie Überholfahrbahnen nur für SUVs der Luxusklasse![ref]Auch die Narzissten mit ihrer Liebe zur Dominanz und vielfach auch zum Risiko finden sich laut Hoffmann (s.o.) in den Führungspositionen.[/ref] Steuerfreiheit für die Leistungsträger! Solche Sachen eben! Übrigens wenn Sie sie sehen, grüßen Sie sie ganz herzlich von mir!
– Herr Lindner, das war ein toller Vortrag. Sie sollten in Talkshows auftreten.
– Bitte unterbrechen Sie mich nicht dauernd.
– Aber Herr Lindner, wir sind doch gar nicht in einer Talkshow.
Zurück zu unserer Frage: Ist der Herr Wolf bzw. ist der Mensch böse oder gut?
– n’Abend!
– Bitte unterbrechen Sie mich nicht dauernd. Man wird doch wohl noch unbequeme Wahrheiten aussprechen dürfen.
– Herr Lindner! Noch einmal: Wir sind in keiner Talkshow, sondern beim Bier in der “Goldenen Krone”!
n’ Abend, Mareike, na, lässt du dich auch mal wieder blicken? Sag mal, wo ist denn deine Guevaramütze geblieben? Und so schick? Makeup, Lippenstift, Lidschatten, lange Wimpern und plötzlich langes blondes Haar!
– Ach, das mit Che, das waren doch Kindereien. Ich bin jetzt in der FDP und kandidiere als Spitzenkandidatin im Saarland. Oma Grimi hat uns etwas Geld zukommen lassen, damit wir zu Leistungsträgern werden und die deutsche Wirtschaft ankurbeln. Mit dem Geld gründe ich mit Wölfie – German Mut! – eine Kette von Boutiquen für den Kunden, der das Besondere im obersten Preissegment sucht, Spitzenweine, feinste Pâtisserie und so.
Sie haben Wölfie übrigens sogar zum Spitzenkandidaten der CDU von Baden-Württemberg gewählt. Von wegen böser Wolf!
– Sag ich doch![/dropdown_box]

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