Ha, Kunst! Ja, „Ha-Kunst“.

Es gibt Dinge, die ereignen sich, stehen, hängen oder liegen in Räumen, vor denen ein Schild verkündet: Kunst. Da weiß man, wenn man da etwas wahrnimmt: Das muss Kunst sein. Oft wäre man sonst vielleicht nie auf die Idee gekommen. Aber das ist es ja gerade: Man nimmt wenig wahr, erkennt aber eine Idee. Und dann sagt man: Ha, Kunst! Deshalb wollen wir diese Art Kunst „Ha-Kunst“ nennen.
Wei Wei, der chinesische Tausendsassa, stellt gerade begeistert einen Palästinenser aus, der kleine Spielzeugautos gebaut hat. Er hat sie – alle Achtung! – selbst, und zwar technisch perfekt, gebaut, nicht etwa im Kaufhaus erworben! Es wäre aber ohnehin völlig falsch, achtlos daran vorbeizugehen. Denn man erfährt, dass diese Autos solchen nachgebildet sind, wie sie von den Israelis verwendet werden, die damit den Palestinänsern Böses tun. Wenn man das weiß, …! Ha! Es ist nicht das materielle Werk – das kann man vergessen – , sondern die Idee! Ha, Kunst! Man muss also geradezu das Materielle ausblenden, sonst verkennt man das „Werk“ und verirrt sich ins Banale.
Die trotz ihrer 90 Jahre der Kunst gegenüber aufgeschlossene ehemalige Zahnärztin, die aufgrund ihres Fehlverhaltens gegenüber der „Ha-Kunst“ mitsamt dem „Werk“ und seinem Schöpfer, einem gewissen Arthur Köpcke, einige Bekanntheit erlangte, hatte das Materielle nicht ausgeblendet und das Werk nicht auf eine Idee reduziert. Köpcke hatte das Abbild eines überdimensionalen Kreuzworträtsels geschaffen, das aber zur allgemeinen Verblüffung der Besucher der Räume, vor denen ein Schild verkündet: „Kunst“, keine Anweisungen enthielt, was wo als des Rätsels Lösung einzusetzen wäre, sondern nur die Aufforderung: „Insert words“ (auf Englisch wegen des internationalen Anspruchs des Werkes). Die Zahnärztin war des Englischen mächtig und begann, der Aufforderung Folge zu leisten. Das hätte sie nicht dürfen. Die Polizei musste ermitteln, weil die kunstaffine Zahnärztin verkannt hatte, dass der Künstler seine Aufforderung wegen der fehlenden konkreten Anweisungen vermutlich – man kann ihn nicht fragen, weil er schon 1977 verstorben ist – für wenig reizvoll, ja geradezu für absurd hielt. Und so hätte die alte Dame sich sagen müssen: Ha, da die konkreten Anweisungen für dieses Kreuzworträtsel fehlen, darum ist es nicht etwa nur ein etwas sonderbares Kreuzworträtsel, sondern („Ha!“) existiert als Kreuzworträtsel gar nicht („Ignorieren!!!“), sie ,sieht’ nämlich sich nur etwas bloß Ideellem gegenüber, also „Ha, Kunst“.[ref]Ihr Anwalt ist allerdings der Meinung, dass sie sich „durch die belebende Weiterverarbeitung“ ein eigenes Urheberrecht an dem Werk erworben habe: „Sie hat, dem Willen des ursprünglichen Schöpfers folgend, auf dem gleichen künstlerischen Niveau des Herrn Köpcke weiter geschöpft.“ [/ref] Als sie nach dem Besuch der Ausstellung mit ihrter Freundin im Kunstcafé vor ihrem Kännchen Kaffee und dem Stück Apfelkuchen mit Sahne saß, hat sie sich mehrmals versichert, dass sie sich im Raum eines Cafés befand und nicht in Kunsträumen, dass also der Apfelkuchen nicht etwa nur eine Idee war – dann aber hat sie kräftig zugelangt.

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