Gift und Gold

„Hi, hi, hiii!“, lachte die Königin, obwohl sie in Wirklichkeit gar keine Hexe war, sondern nur einfach die Größte, Schönste, Beste sein wollte. Am Ende aber hatte sie sich ganz schön verbrannt, denn sie musste sich in glühenden Pantoffeln zu Tode tanzen. Das war die Strafe dafür, dass sie, wie man getrost sagen kann, nicht wenig boshaft war. Nicht nur, dass sie ihre Tochter schlachten lassen wollte, nein, sie wollte auch noch deren Lunge und Leber „mit Salz“ gekocht essen. Dabei war sie dann allerdings einer Täuschung aufgesessen, denn was ihr so hervorragend schmeckte („beim nächsten Mal vielleicht noch ein Teelöffelchen Majoran hinzufügen?“), waren nicht die Innereien Sneewittchens, sondern gehörte ursprünglich einem jungen Wildschwein. Bekannt ist, dass Sneewittchen bei zwergenwüchsigen Goldgräbern Unterschlupf fand, die jedoch bei aller Wertschätzung der schönen jungen Frau – „ei, du mein Gott, ei, du mein Gott, was ist das <Sneewittchen> schön!“ – auch den Wert des Goldes und der Arbeit kannten und darum eine in ihren Augen angemessene Abgeltung der Miete in Form von 24 Stunden weiblicher Sklavenarbeit (kochen, nähen, betten, waschen, stricken, fegen usw. usw.) verlangten.
Doch dann traf die Königin fast der Schlag. Denn mit Hilfe eines märchenhaften gerade neu entwickelten Geräts, das sie dank ihrem Reichtum bereits erwerben konnte, obwohl es für ihre Untertanen noch nicht auf dem Markt war, hatte sie Zugriff auf die Daten anderer Menschen, eben auch ihrer Tochter, und musste erfahren, dass ihre Tochter noch lebte, und zwar in Siebenbürgen Siebenbergen, und das konnte, wie jeder, also auch sie, wusste, nur bedeuten, dass sie  bei den dort allein ansässigen zwergenwüchsigen Goldminenbesitzern untergekommen war.
Nun kommen wir zur bedeutsamen Wende der Geschichte, wo auch das am Anfang der Erzählung schon vorweggenommene „Hi, hi, hiii!“ seinen Platz haben könnte.[dropdown_box] Die Königin machte sich Gedanken und hatte – nach einem ebenso unrühmlichen Würgeversuch – schließlich den brillanten Einfall, dass Gift die ungleich bessere Alternative wäre gegenüber dem blutigen Mord, der bei Entdeckung ihrem öffentlichen Ansehen schaden konnte, besonders bei den Medien, die sie noch nicht aufgekauft hatte. Das war, wie gesagt, ein großer Fortschritt, auch wenn das „Hi, hi, hiii!“ immer noch zu vorschnell war, weil das Gift, rein äußerlich angewandt – bekanntlich steckte sie ihrer Tochter einen vergifteten Kamm in die Kopfhaut –, nicht tief genug eindrang und es so den zwergenwüchsigen Minenbesitzern möglich war, den Kamm zu entfernen und damit die Giftzufuhr auf ein so geringes Maß zu reduzieren, dass bis auf einen schnell vorübergehenden Hautausschlag die Wirkung ausblieb.
Mittels ihres teuflischen Geräts erfuhr sie leider quasi sofort vom Misserfolg ihres Unterfangens. Aber was man nun auch immer moralisch gegen die Königin einwenden mag, sie war nicht auf den Kopf gefallen, so dass jetzt das „Hi, hi, hiii!“ endlich seinen besten Platz in unserer Erzählung erhalten darf. Sie gelangte nämlich zur Erkenntnis, dass das Gift innerlich verabreicht werden musste, um seine volle Wirkung zu tun. Sie hatte die glänzende Idee, es zukünftig mit vergiftetem Obst zu versuchen. Ihr Fehler war nur, dass sie die Dosis zu hoch angesetzt hatte. Seine Wirkung setzte demgemäß zu früh ein, und Sneewittchen fiel um, als der Apfelbissen noch im Halsbereich saß und bevor sich das tödliche Gift im gesamten Körper verbreiten konnte. Wie wir alle wissen, konnte das Mädchen, als sich der „garstige Apfelgrütz“ durch einen Zufall aus dem Hals entfernt hatte, hochvergnügt zum ihr zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten, aber sofort sympathischen Prinzen eilen und diesen auf der Stelle heiraten. Eine Geschichte mit unerwartetem Happy End, wenigstens was Sneewittchen anbetrifft.
Doch nun erzählen wir die Geschichte vom Herrscher des heiligen Bergs Montesanto. Der wollte alles Gold der Welt besitzen, und daher verkaufte er gegen viel, viel Geld Glyphosat, mit dem man Getreide, Obst und Gemüse so vergiften konnte, dass viele Schädlinge, d.h. Insekten und Unkräuter, tot umfielen und wie im Märchen sofort neue an ihre Stelle traten, die gegen das Gift resistent waren und nach neuen zusätzliche Giften verlangten. Es war die reinste Goldmine. Und so vergiftete und vergiftete er munter weiter, bis langsam auch die Menschen vergiftet wurden, die das Brot aus dem Getreide, das Obst und das Gemüse aßen und das Wasser tranken, in das das Gift eingedrungen war. Aber da die Dosen so fein dosiert waren, merkten sie es nicht. „Hi,hi, hiii!“, rief Monsanto. Und er tat recht so. Denn zwar fand sich das Gift in den Ausscheidungen der Menschen und in der Muttermilch, zwar litten Tiere, bei denen sich das Gift nachweisen ließ, an Missbildungen, aber es blieb letztlich eine unsichtbare Gefahr – so wie die radioaktiven Strahlen. Diese Gefahr konnte man herrlich (be-)streiten. Wenn die Weltgesundheitsorganisation WHO vor der Krebsgefahr („wahrscheinlich“)[ref]in einem Papier vom 20.3.15 der IARC, International Agency for Research on Cancer, von 17 internationalen Toxikologen einstimmig[/ref] warnt, dann schiebt man dem Bundesamt für Risikobewertung widersprechende Studien unter[ref]Es hat 92 „Studien“ angesehen, von denen allerdings allein 14 Leserbriefe (!) von zumeist Monsanto-Mitarbeitern (Realsatire) waren.[/ref]. Und wenn zu viele Menschen vom Gift Krebs bekommen, kann man ja immer auf andere Ursachen verweisen oder zur Not irgendwann noch seine Einschätzung korrigieren. [ref]Jedenfalls sieht das BfR die Lage nicht dramatisch, denn es fällt schwer, den ursächlichen Zusammenhang zweifelsfrei (s.o. „wahrscheinlich“) nachzuweisen.[/ref] Leider ist ein Herr bzw. eine Frau Monsanto schwer zu fassen. Sonst würden wir sie oder ihn gerne einladen, doch ein paar Gläschen Glyphosat auf unser Wohl zu trinken. Ob danach noch ein Tänzchen in glühenden Pantoffeln angebracht ist, könnte man dann ja noch sehen.[/dropdown_box]

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