Florian Silbereisen meets Heilige Cäcilie

Vier junge Brüder, Heavy Metal Fans, meinen, ey, sie müssten mal so eine Veranstaltung mit Karl Moik besuchen und die Typen so richtig aufmischen. Aber als sie die Location betreten, beginnt Florian Silbereisen, der eigentlich aufgrund von Erkrankung gar nicht auftreten kann, so bezaubernd schön zu singen, dass sie wie von Sinnen auf den Boden fallen und nicht wieder aufstehen wollen. Deshalb werden sie mit sanfter Gewalt aus dem Saal geführt, und als sie nicht aufhören, begeistert „Links a Madl, rechts a Madl“ zu brüllen, sperrt man sie in in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Anstalt.
Später stellt sich zur nicht geringen allgemeinen Verwunderung heraus, dass Florian Silberstein bei Karl Moik gar nicht gesungen hatte, weil er gerade gestorben war.
Als die Mutter der vier Rowdies sie in der Anstalt besucht, sitzen diese, wie offenbar jeden Tag, in stummer Verehrung vor einem signierten Porträt Karl Moiks. Sie erfährt, dass die Brüder regelmäßig um Mitternacht mit Stimmen, die jeden Musikfreund abstoßen, „Links a Madl, rechts a Madl“ singen. Als die Mutter später den Konzertveranstalter besucht, teilt er ihr mit, dass Karl Moik, dem man alles zutraut und deshalb auch, dass er das Wiedergängertum des Florian Silbereisen bewirkt habe, aufgrund des wunderbaren Geschehens von ihren Söhnen als Heiliger verehrt wird. Da wird auch die Mutter vom Heavy Metal Fan zur bekennenden Anhängerin der Volksmusik.[dropdown_box]
Zugegeben, bei Kleist klingt das alles in „Die heilige Cäcilie oder Die Macht der Musik“ viel edler. Natürlich kannte der arme Kleist weder Florian Silbereisen noch Heavy Metal. Darum ging es bei ihm um gewaltbereite, vermummte protestantische Bilderstürmer, fromme und liebe katholische Nonnen, und das im wahrsten Sinne umwerfende Musikstück heißt nicht „Links a Madl, rechts a Madl“, sondern ist „eine uralte von einem unbekannten Meister herrührende, italienische Messe“, die Location ein der heiligen Cäcilie gewidmetes Kloster, und Florian heißt Antonia. Aber es zieht auch bei Kleist eine gerade gestorbene Wiedergängerin eine musikalische Show ab, die nicht nur die Bilderstürmer verrückt macht und zu überaus frommen jungen Leuten bekehrt, sondern zuletzt auch ihre Mutter endlich zur reaktionären Katholikin werden lässt.
Natürlich finden sich bei Kleist auch erzählerische Details sowie Belehrungen und sprachliche Feinheiten, wie sie in der knappen Wiedergabe des Inhalts der aktualisierten Fassung fehlen müssen. So tritt die „Kapellmeisterin“ Antonia Silbereisen nicht einfach mit ihrem Werk auf, sondern wegen der Erkrankung dieses Dirigenten-Stars, die allein die Aufführung zu leiten versteht, sind die Musikerinnen in großer Bedrängnis, „dergestalt, dass das Kloster auch, wegen Aufführung eines schicklichen Musikwerks, in der lebhaftesten Verlegenheit war.“ Whow, man kann sich die lebhafteste Verlegenheit angesichts de Mangels eine schicklichen Werkes verdammt gut vorstellen. Denn schließlich handelt es sich „bei der vorhabenden Musik“ um eine solche, die wegen ihrer „besondern Heiligkeit“ die größten Wirkungen hervorgebracht hatte, und an deren Aufführung nun wegen des Fehlens der Direktionsführung durch die einzige befähigte Nonne wirklich „in keiner Weise zu denken sei“.
Wir erfahren auch von den Künsten der musikalischen Nonnen, dass sie ihre Musik„oft mit einer Präzision, einem Verstand und einer Empfindung, die man in männlichen Orchestern (vielleicht wegen der weiblichen Geschlechtsart dieser geheimnisvollen Kunst) vermisst“, aufführen. Es sind diese realistischen Details, die die Lektüre weit über die oben ausgeführte Inhaltsangabe erheben, z.B. auch dass die jungen Leute, „weil niemand in dem Ort war, an den sie sich hätten wenden können, in einem Gasthof“ einkehrten. Oder dass die Mutter den Leiter der psychiatrischen Anstalt um die „Gefälligkeit“ bat, ihr „einen prüfenden Zutritt zu gestatten“. Nicht nur vom Leid der Hauptfiguren erfahren wir, auch das Leid einiger Nebenfiguren, wie der ehemaligen Freunden der Brüder, erregt unser Mitgefühl, wenn ihnen die Nahrungsaufnahme vergällt wird, weil die „für eine zahlreiche Gesellschaft zubereiteten Speisen, mit dem Salz ihrer bitterlichen Tränen gebeizt“ sind. Rührend ist es nicht zuletzt auch, wenn die bekehrten Brüder sich ein Kreuz binden, „sinnreich und zierlich von Birkenreisern“.
Man kann es wahrhaftig nicht anders als äußerst eindrucksvoll nennen, wenn die Art und Weise geschildert wird, wie die Brüder „das gloria in excelsis intonieren“. Ihre Stimmen sind ziemlich furchterregend, wie man dem doppelten Attribut „mit einer entsetzlichen und grässlichen Stimme“ unschwer entnehmen kann. Wem das zu vage ist, dem erläutert die erzählende Figur höchst anschaulich, ja mit dichterischer Sprachgewalt: „So mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen, wenn sie zur eisigen Winterzeit, das Firmament anbrüllen.“ Wer das – wie der Erzähler – noch nicht gehört hat, kann es sich trotzdem sehr gut vorstellen, besonders bei einer Lektüre bei sternenklarem Himmel im Winter. Angesichts „dieses schauderhaften und empörenden Gebrülls, das, wie von den Lippen ewig verdammter Sünder, aus dem tiefsten Grund der flammenvollen Hölle, jammervoll um Erbarmung zu Gottes Ohren heraufdrang“, kann die Wirkung auf die Zuhörer natürlich nur eine ,entsetzliche und grässliche’, ja „grausenhafte“ sein: „Bei diesem grausenhaften Auftritt stürzen wir besinnungslos, mit sträubenden Haaren auseinander; wir zerstreuen uns, Mäntel und Hüte zurücklassend, durch die umliegenden Straße.“ Da möchte man nicht dabei gewesen sein! Ob sie die Mäntel und Hüte übrigens schon vorher abgelegt hatten oder erst in diesem Moment ablegten, damit sie sie nicht bei der Flucht behinderten, bleibt offen. Beides ist jedoch vorstellbar. Manchmal, das sei zugestanden, erscheint die Beschreibung des Gesangs etwas übertrieben: „die Pfeiler des Hauses, versichere ich Euch, erschütterten, und die Fenster, von ihrer Lungen sichtbarem Atem getroffen, drohten klirrend, als ob man Hände voll schweren Sandes gegen ihre Flächen würfe, zusammen zu brechen.“ Der Erzähler, gibt allerdings durch die Beteuerung seiner Wahrheitsliebe („das versichere ich Euch“) indirekt doch zu erkennen, dass er ein wenig aufgeschnitten haben könnte. Aber nichtsdestoweniger kann es nicht verwundern, dass die Mutter „durch den Bericht des Tuchhändlers, auf den Gedanken gekommen war, es könne wohl die Gewalt der Töne gewesen sein, die, an jenem schauerlichen Tage, das Gemüt ihrer armen Söhne zerstört und verwirrt habe.“
Plausibel erscheint es auf diesem Hintergrund auch, dass die Mutter, als sie beim Zusammensein mit der Äbtissin, der einstigen Eventmanagerin, „ welches eine edle Frau, von stillem (!) königlichen Ansehn war“, die Noten des wegen seiner Heiligkeit besonders wirksamen Oeuvres ausgerechnet auf der Seite des gloria in excelsis aufgeschlagen sieht, sehr stark betroffen war: „Es war ihr, als ob das ganze Schrecken der Tonkunst, das ihre Söhne verderbt hatte, über ihrem Haupte rauschend daherzöge; sie glaubte, bei dem bloßen Anblick ihre Sinne zu verlieren“. Da erfreut es den Leser, dass, „nachdem sie schnell, mit einer unendlichen Regung von Demut und Unterwerfung unter die göttliche Allmacht, das Blatt an ihre Lippen gedrückt hatte, sie sich wieder auf ihren Stuhl zurück setzte“.
Angesichts dieser überwältigenden Sprachkunst bei der Schilderung eines stark emotional anrührenden Geschehens dürfen kleinere Mängel nicht ins Gewicht fallen und gehören ignoriert. So ist man überrascht von der Frage: „Wer beschreibt das Entsetzen der armen Frau, als sie ihre Söhne erkannte?“ Wenn sich nun keiner meldet?! Zum Glück erfahren wir jedoch, dass sie „den schauderhaften Anblick dieser Unglücklichen nicht ertragen konnte und sich darauf, auf wankenden Knieen, wieder hatte zu Hause führen lassen“. Menschlich ist, dass auch die Figur Gotthelf in der Erzählung sich mit einem ähnlichen Problem an die Mutter der Söhne wendet: “wie schildere ich Euch mein Entsetzen, edle Frau?“ Dass die edle Frau hier keinen Rat wusste, brauchen wir hier ebenfalls nicht besonders zu erwähnen.
Alles in allem. Hut ab, Heinrich![/dropdown_box]

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