Es ist so aaaanstrengend!

In der ziemlich vollen S-Bahn war gerade noch ein Platz frei, naja, frei war er insofern nicht, als eine an sich schon etwas füllige junge Frau ihre Einkaufstasche auf den Sitz neben sich gestellt hatte. Als ich jedoch Anstalten machte, mich darauf zu setzen, erntete ich zwar einen wütenden Blick, der Platz wurde aber frei geräumt. Dann verschwand sie hinter ihrer Bild-Zeitung, und ich konnte nur noch ihre kurzen, aber fülligen nackten Beine sehen. Sie las gerade auf der Sportseite von irgendwelchen Weltmeisterschaften im Hochsprung, die eine schlanke langbeinige Deutsche gewonnen hatte. „Wir sind Weltmeister!“ Triumphierend schweifte ihr Blick durch den Waggon. Dann vertiefte sie sich wieder in „ihre“ Zeitung. Und obwohl ihr Mario Barth und Chris Tall vertrauter sind als Sigmar Gabriel oder Peter Altmaier, schnalzte sie vor Vergnügen so heftig mit der Zunge, dass ihr fast das Kaugummi aus dem Mund schnellte, als sie las, dass „wir“ auch Exportweltmeister sind. Das ist ihr nämlich jedes Mal eine große Freude. Denn darum sind „wir“ reich, obwohl sie mit dem, was sie verdient, nur so gerade über die Runden kommt. Denn „wir“ sind dann natürlich fleißig und intelligent, alle anderen dagegen faul und doof. Darum müssen wir reich und die arm bleiben. So ist es ja nur gerecht. Sonst wären ja die anderen Weltmeister, oder nicht? Die geistig zurückgebliebenen Schwarzen und die Griechen usw.
Doch plötzlich hörte sie einen lautes Singen wie von tausend Chören und die S-Bahn hob sich von den Gleisen und schwebte schwerelos in den Lüften und eine leuchtende Gestalt, ein „Es“, halb Sarah Wagenknecht, halb Immanuel Kant, senkte sich herab zu ihr und die Chöre verstummten und das „Es“ sprach also:[htsP anchor_text = “Weiterlesen”]
„Chantal, höre, was ich dir verkünde. Nutze deinen Verstand, den der Herr dir gegeben, und wehre dem Trug der BILD-Zeitung. Lausche meiner Stimme, denn ich spreche zu dir nur dies einzige Mal. Sage mir: Wenn es Exportweltmeister gibt, muss es dann nicht auch Importweltmeister geben? Ist es nicht so, dass, wenn auf der einen Seite ein Überschuss entsteht, auf der anderen sein muss ein Mangel? Kaufest du etwas, hast du nicht, wenn du hernach dein Geld zählest, weniger? Verkaufest du aber etwas, siehe, dann hast du nach dem Kauf mehr Geld. Wenn aber einer seine Ware zu besserem Preise verkaufen kann, weil seine Leute sie für wenig Geld gefertiget, kann er sie dann nicht zu besserem Preise verkaufen als der, der seinen Leuten mehr Geld gibt? Und meinest du nicht, dass auch du einen Lohn verdient hättest, der höher wäre als der deinige? Lass also ab von deinem Weltmeisterstolz! Und bedenke auch: Wenn einer arm ist und hat nichts, wie soll er dann etwas verkaufen? Ist er darob dumm und faul?“
Wieder setzte der Gesang ein wie von tausend Chören. Die Gestalt aber hob den Arm zum Gruße, und während der Gesang immer leiser wurde, verblasste sie und löste sich schließlich ganz auf.
Einen Augenblick lang hatte auch die Chantal Gerufene die Zeitung sinken lassen und  offenen Mundes ins scheinbar Leere gestarrt. Ich glaube, nur wir beide waren Zeugen des wunderbaren Geschehens geworden. Oder war nur ich es allein? Denn schon wandte sie sich wieder ihrer Bild-Zeitung zu.
Sie las vom Leben der Aristokratie, von ihren Parties, ihren Brillanten, ihren exquisiten Autos und Kleidern, den Zweitwohnsitzen in Saint-Tropez und auf Sylt, und sie träumte, dass sie am festlich gedeckten Tisch des Drei-Sterne-Restaurants im tief ausgeschnittenen Abendkleid dem Industriemagnaten Heribald Ehrenfried Freiherr von Bockelbrink mit Ihrem Glas voll sündhaft teurem Champagner zuprosten würde. Und sie las voll Neid von den cleveren Reichen, die die Steuern so listig zu vermeiden und damit ihren Reichtum zu bewahren wissen. Denn durch Steuern werden wir ärmer, und das ist nicht schön.
Erneut aber ertönten die Gesänge, doch diesmal viel lauter als vorher, so dass es kaum zu ertragen war. Der Zug hob sich zunächst sanft, dann immer schneller. Und wieder verstummten plötzlich die Gesänge und wieder erschien das „Es“ und sprach mit donnernder Stimme zu Chantal: „Chantal, du bist störrisch wie der Esel. Mahnte ich dich nicht, deinen Verstand zu nutzen? Auch versprach ich, nur ein einziges Mal dich aufzusuchen. Doch nun gebietet mein Zorn mir, meine Rede ein zweites Mal an dich zu richten. Hörest du aber wieder nicht, so möge dieser Zug entgleisen! Lass dir also sagen: Nimmt der Staat weniger Steuern ein, kann er weniger Geld ausgeben. Du verstehst? Wenn der Staat die Steuern und seine Ausgaben senkt, müssen die Bürger die eingesparten staatlichen Ausgaben aus eigener Tasche zahlen. Hörest du? Ich sage es noch einmal: Wenn der Staat seine Einnahmen – durch die Steuerflucht der Reichen – mindert, muss er den Beitrag der Armen vermehren. Sei taub gegen die Sirenengesänge der Mächtigen. Bedenke – du kennst das Monopoly-Spiel -, es gewinnt der immer mehr, der schon am meisten hat.“
Während die Erscheinung sich wieder auflöste und die S-Bahn im Begriff war, in die nächste Station einzufahren, saß die Chantal Gerufene wieder eine Zeitlang mit offenem Mund da. Dann hörte ich sie leise murmeln: „Verdammt, ich will sowas nicht hören. Es ist so aaanstrengend!“ ((Denken, so sagt der Hirnforscher, sei anstrengend. Der Mensch ist aber bequem. „Es ist so bequem, unmündig zu sein”, sagte schon Kant.))
Da bremste die Bahn kurz vor der Einfahrt so heftig, dass einige Fahrgäste von ihren Sitzen geschleudert wurden. Kurz darauf erfolgte eine Durchsage; es habe eine Notbremsung gegeben, da sich eine bahnfremde Person unbestimmten Geschlechts auf den Gleisen befunden habe. Man hoffe die Fahrt in Bälde fortsetzen zu können.
Von einer Entgleisung war keine Rede.[/htsP]

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