Ende gut, alles gut

Es ist schon eine vertrackte Situation: Annette Ramelsberger, die für das Feuilleton der „Süddeutschen“ schreibt und sich für einen kultivierten und sensiblen Menschen hält, der für Nazis nichts übrig hat und voller Mitgefühl ist für die Opfer der NSU, geht ins Theater, genauer gesagt ins Münchner Residenztheater, um sich noch einmal aufklären und rühren und bestätigen zu lassen von einem Stück über die NSU-Morde, genauer gesagt dem „dokumentarischen Stück ,Urteile’“.
Sie sieht dort im Bühnenbild einen großen Baum mit Wurzel, der auf dem Kopf steht, und erkennt auf der Stelle, dass dieser symbolisch Entwurzelung darstellen soll, entweder der Migranten oder der Nazi-Mörder oder beider, jedenfalls Entwurzelung. Klare Sache!
Diese Erkenntnis macht sie und alle anderen genauso intelligenten Zuschauer zunächst einmal sehr stolz auf ihre analytischen Fähigkeiten. Nun ist aber diese Entwurzelung für Frau Ramelsberger nichts Neues, denn sonst hätte sie ja dem entwurzelten Baum nicht die symbolische Bedeutung zugeschrieben, sondern womöglich einfach gedacht: ,Was macht denn der Baum da? Der steht ja auf dem Kopf! Das ist ja vielleicht verrückt. Hat man denn so etwas schon gesehen?!'[dropdown_box]
Obwohl sie die Fakten des dokumentarischen Stücks weitgehend kennt und ihr humanitäres Engagement über jeden Zweifel erhaben ist, erwartet sie vom Stück unbedingt etwas Neues, das sie irgendwie betroffen macht. So findet sie es z.B. gut, wenn gezeigt wird, dass die Schule, die die Tochter eines der Mordopfer besuchte, angeblich meinte, der Mörder ihres Vaters könnte die ganze Familie hassen und deshalb auf den Schulhof kommen und dort alle Kinder erschießen, und dass die Schule angeblich aus diesem Grunde, und nicht etwa wegen der Noten, die Tochter von der Schule abmeldete. Das war gut, denn Frau Ramelsberger kommentiert: „Man muss sich nur ganz kurz vorstellen, dass das eigene Kind auf diesem Schulhof spielt – und das hämische Lächeln über die im Nachhinein falschen Verdächtigungen gefriert.“ Alle Achtung: Wenn auch nur “ganz kurz”, das ist wahrhaft fein gefühlt!
Doch so erfreulich dieser Moment für die Zuschauer war, die „abendfüllende Selbstanklage“, nach der die deutsche Gesellschaft „ressentimentgeladen, rassistisch, vorurteilsbefangen“ sei, misslingt nach Meinung der Rezensentin.
Das ist natürlich traurig, denn da kommt ein Publikum ins Theater, das, weil es gegen Ressentiments, Rassismus, Vorurteile ist, sich durch eine Anklage gegen Ressentiments, Rassismus, Vorurteile rühren lassen möchte, und wird so enttäuscht.
Die Rezensentin selbst allerdings konnte nicht ohne Genugtuung nach Hause gehen. Es kommen in der Aufführung nämlich zwei Polizisten vor, die genau so sind, „wie man sich dumme und bornierte Polizisten vorstellt“. Und so hat Frau Ramelsbergers Spürsinn bei den „Theatermachern“ Vorurteil und Ressentiments erkannt: „Wie konnte man auch annehmen, dass Theatermacher keine Vorurteile haben und keine Ressentiments pflegen?“
Na, also, geht doch.[/dropdown_box]

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