Ein Essay unter dem Dächlein der Weisheit

Der Essay (seltener das Essay; Plural: Essays), auch: Essai, ist eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. So lautet die Definition bei Wikipedia, und daran ist eigentlich nichts auszusetzen.
In der “Süddeutschen” gibt es den “Samstagsessay”, den zuletzt (23.1.16) Claus Hulverscheidt mit dem Titel “Es lebe das Vorurteil” geschrieben hat. Darin vertritt er die Meinung, dass “TTIP Verschwörungs- und Untergangsszenarien geboren hatte, die dem jahrzehntelangen Geraune über die Hintergründe des Kennedy-Attentats in nichts nachstehen”. Denn: “Von einer Aushöhlung der Demokratie (…) kann genausowenig  die Rede sein wie von der befürchteten Durchlöcherung von Umwelt-, Sozial- und Verbraucherschutzstandards.” Schon ein Blick nämlich in das veröffentlichte 6000 Seiten umfassende TTP, das Claus Hulverscheidt in seiner ohnehin knapp bemessenen Freizeit genau studiert hat, auch wenn er uns fast alle seine Erkenntnisse vorenthält, zeige beispielsweise: “Alle Eingaben (an die “so heftig umstrittenen Schiedsgerichte”) und Beschlüsse müssen veröffentlicht, alle Anhörungen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zudem darf jedwede Organisation, die sich berufen fühlt, bei Gericht Stellungnahmen einreichen.”
Das macht uns frohgemut, und deshalb wollen wir singen: Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag, danke, lieber Claus Hulverscheidt, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag. Danke!
Aber “ehrabschneidend sind die aggressiven Pauschalvorwürfe vieler selbsternannter Globalisierungskritiker.” Oha! Bruder Caterpillar! Globalisierung ist nämlich “schlicht das Zusammenwachsen der Menschheit”. Sie hat “Hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit”, indem ,der kleine Mann’ den “Wohlstand” nicht mehr wie früher den anderen vorenthält”. Außerdem: “Was anderes ist es als Globalisierung, wenn ein Berliner Jugendlicher beim Internetdienst YouTube das Video eines amerikanischen Popstars anschaut?” Den Kritikern geht es “in ihrem mittlerweile oft stark ritualisierten Protest” nämlich “längst nicht mehr um einen konkreten Handelsvertrag”, sondern um “eine Generalabrechnung mit ,denen da oben'”, und natürlich leben sie ihren “wütenden Antiamerikanismus” aus. “Nutznießer dieses schalen Gemischs sind Rattenfänger am rechten wie am linken Rand des politischen Spektrums, die den ungestümen Zorn der Menschen missbrauchen und instrumentalisieren.” [dropdown_box]
Sein sarkastischer Ausruf: “Es lebe das Vorurteil!” zeugt von Claus Hulverscheidts tiefer Verzweiflung. Der Skandal um die Abgaswerte von VW in den USA, so meint er, hätte den Kritikern doch zeigen müssen, dass die Umweltauflagen in den USA sogar vielfach strenger sind als in Europa!  – Nun gut, er müsste wohl zugeben, dass die strengen Auflagen nur bei den weniger als 3 Prozent Dieselfahrzeugen[ref]in Europa 55 Prozent[/ref] gelten, nicht so bei den Benzinern, die im Schnitt 30 Prozent CO2 im Jahre 2010 bzw. 25 Prozent im Jahre 2015 mehr ausstoßen dürfen als die europäischen
Pkws.[ref]vgl. SZ 17.10.10 und 25.1.13[/ref]
Und – hört! hört! – Human Rights Watch habe gelobt, dass TTIP den Rechtlosen “in Vietnam oder Brunei bald mehr Rechte und einen besseren Arbeitsschutz” gewähren werde, aber auch “weitergehendere (!) Veränderungen gefordert”. “So sollte Kritik aussehen, gerade in einer lärmenden, mit Vor- und Pauschalurteilen überfrachteten Welt: differenziert, konkret, konstruktiv”, schreibt Claus Hulverscheidt.
Lieber (?) Claus Hulverscheidt, es ist phantastisch, wie Sie geistreich und differenziert gegen die Vorurteile zu Felde ziehen. Bei Ihnen zeigt sich eben die biblische Wahrheit:
“Wohl dem, der der Weisheit immer weiter nachforscht und schleicht ihr nach, wo sie hingeht, und guckt zu ihrem Fenster hinein und horcht an der Tür, sucht Herberge nahe bei ihrem Hause und richtet an ihrer Wand seine Hütte auf. Er bringt seine Kinder auch unter ihr Dächlein und bleibt unter ihrer Laube. Darunter wird er vor der Hitze beschirmt und ist ihm eine herrliche Wohnung.” (Sirach 14, 22-27) [/dropdown_box]

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