Drachenbrut und Hundescheiße

Friedhofsgärtner Emil K. (53) war fassungslos: „Dass es so etwas gibt, hätte ich nie für möglich gehalten. Über 30 Jahre arbeite ich nun schon auf Friedhöfen; aber das hat mich im wahrsten Sinne des Wortes umgeworfen.“ Seine Geschichte klingt aber auch wirklich unglaublich: Über einem Grab des Ohlsdorfer Friedhofs in Hamburg hatte es am 7. November 2014 plötzlich einen so enormen Windstoß gegeben, dass es ihn zu Boden riss.
Was war geschehen? Würde man Emil K. nicht kennen, würde man diese Spukgeschichte für die Erfindung eines kranken Geistes halten: Ein in dem Grab rotierender Leichnam hatte das ungeheuerliche Phänomen ausgelöst. Laut Grabstein liegt hier eine weibliche Person namens Meume begraben. Anscheinend handelt es sich um die Großmutter einer relativ prominenten Person namens Wolf Biermann, die allerdings noch nicht im Dschungelcamp bei RTL aufgetreten ist.[dropdown_box]
Soweit die Meldung.
Oh, Wölflein, – wir wollen dich hier einmal so nennen, wie es deine liebe Oma Meume tat – ist es immer nur die Eitelkeit, das Liebesbedürfnis, die Sehnsucht nach Aufgehobensein im warmen Schoß der Mehrheit, die dich treibt? Was für eine schreckliche Kindheit hattest du denn? Warst du sehr einsam?
„Aus lauter Bescheidenheit kann ich ja nicht blöd werden. Oder blind.“[ref]Alle nicht poetisch gemeinten Aussagen aus http://www.abendblatt.de/kultur-live/article826825/Der-Affenfelsen-von-dem-wir-kommen.html[/ref]
Nein, Wölflein, du Drachentöter, Bescheidenheit hat dir doch noch niemand vorgeworfen.
Ich bin „so eitel, dass es mich anstachelt, gute Arbeit zu machen, und so uneitel, dass ich nicht auf mich selbst hereinfalle.“
Naja, da könnte man anderer Meinung sein.
Was hat dich in die Arme der Christdemokraten getrieben, dich zum Merkel-Wähler gemacht, welcher Geist hat dir die Metapher von der “Drachenbrut” eingegeben? Der nachtigallsüße Klang der heiteren Blockflöten? Die Tatsache, dass es dir im Westen, wie du sagst, „unglaublich schlecht“ ging, „weil ich hier keine eigene Erfahrungssubstanz hatte. Ich lief herum wie ein Neugeborener“? Oder dass du hier vor allem Freunde fandest bei denen, die schon immer gegen alles waren, was „links“ schien?
Warst du wenigstens endlich glücklich, als du den Deutschen Nationalpreis 1998 nach einer Laudatio von Helmut Schmidt und von Arnold Vaatz, dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU Fraktion, erhalten hast?
„Dies Deutschland ist ein Rattennest
Mein Freund, wenn du dich kaufen lässt
Egal, für Ostgeld oder West
Du wirst gefressen.“
Vorsicht! Nicht so einen starken Tobak! Man könnte hüsteln!
Dein Arnold Vaatz war es, der auf die Aussage Gysis im Bundestag, nach der es in der DDR neben all dem Schrecklichen auch einiges Gute gab, erwiderte, auch wichtige Dinge wie Essen und Schlafen seien nichts ohne Freiheit.
Na, schön, Freiheit ist gewiss im Allgemeinen nicht schlecht, es sei denn, sie wird ideologisch verabsolutiert. So meldet sich denn auch passend dazu der Vertreter des freien Kapitals, Christian Lindner von der FDP, zu Wort und wird natürlich gerne zitiert: Bürgerlich-liberale Tugenden wie Freiheit, Verantwortung und Risikobereitschaft, nach denen sich die Menschen 1989 gesehnt hätten, seien heute in der Defensive. Ach, du arme FDP, so ein Pech! Da haben sie sich nach dir gesehnt, und nun gibt es dich nicht mehr!
Vielleicht sollte man eine Aussage Friedrich Schorlemmers, eines prominenten Protagonisten der Opposition in der DDR, anführen, den niemand der „Drachenbrut“ zurechnen wird und der die hohe Kunst der Differenzierung beherrscht. Er verweist – bei allem Horror vor dem „Repressions- und Spitzelsystem“ – auch auf das Familien- und Arbeitsrecht, das Recht auf Bildung und Kultur der DDR und bemerkt, dass das „Freiheitspathos“,das über dem Gedenken an den Mauerfall liegt, ihm Bauchschmerzen bereite. „Die Mehrheit derer, die aus der DDR flohen, wollten besser leben, verständlicherweise. Nur sollte man da nicht das Etikett ,Freiheit’ verwenden. Und so manche, die in den Blockparteien auf der Schleimspur der SED rutschten, reißen nun den Mund weit auf, nachdem sie ihn so lange tapfer zugepresst hatten, die Freiheit heimlich liebend.“[ref]F. Schorlemmer: Es gab Lücken in der Mauer. SZ 25.10.14 www.sueddeutsche.de/politik/ddr-es-gab-luecken-in-der-mauer-1.2189246[/ref]
Aber Differenzierung ist schwierig für den einfachen Geist. Und der einfache „Künstler“ neigt mehr zur Emotionalität als zur Rationalität, zumal wenn er die Gitarre zupft, singt und Biermann heißt. Das Wölflein merkt nicht, wie die Mauerfallfeier zur Propaganda für das herrschende System missbraucht wird, oder es ist ihm recht.
Ob er immer noch die Nähe zu Heine und zu Brecht sucht oder inzwischen doch lieber die zu Merkel, Lindner und Steinmeier?
Aber selbst die Suche nach Heine ließ ihn einst, wie seinen dichterischen Bemerkungen zu entnehmen ist, ausrutschen – in der Scheiße:

„Auf dem Friedhof von Mont Matre, weint sich aus der Winterhimmel,
und ich spring mit dünnen Schuhen über Pfützen, darin schwimmen
Kippen, die sich langsam öffnen, Köttel von Pariser Hunden,
und ich hatte nasse Füße, als ich Heine’s Grab gefunden.“

Da ist gründliches Schuheputzen angesagt.[/dropdown_box]

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