Christine Dössel triumphiert erneut

In Feuilletonbeiträgen kann der Geist seinen Hang zur asketischen Selbstverleugnung  hemmungslos ausleben. Besondere Verdienste erwirbt sich da immer wieder die zarte Christine Dössel[ref]Vgl. Beitr. vom 16.6.13, 21.10.14, 9.1.16,[/ref], die sich völlig ihren vagen Gefühlen hinzugeben vermag, ohne dabei aber jemals zu vergessen, wer oder was gerade „in“ ist. So gefällt ihr an der „Räuber“-Inszenierung im Münchner Residenztheater[ref]Süddeutsche Zeitung 26.9.16 S.9[/ref]: „Den Ego-Shooter (sie ist immer auch in ihrer Wortwahl „in“) Franz mit einer Frau zu besetzen ist in diesem augenfälligen Männertheater (es fällt wirklich ins Auge: fast nur Männer, kaum Frauen zu sehen) ein guter Griff.“ Ja, da hat sie natürlich Recht: Wenn ab und zu mal eine Frau einen Mann spielt; das bringt ein wenig Abwechslung hinein und ist irgendwie weniger öde, als wenn da irgendwie immer nur Männer rumlaufen und die Verse mehr oder minder sternenklar funkeln lassen. Zumal die Rolle eine „Wahnsinns-Schauspielerin“ spielt, die trotz allem Wahnsinn Schillers Verse „sternenklar“ funkeln lässt. Allerdings wäre es – das muss man hier schon deutlich sagen –  übertrieben, nun etwa plötzlich alle Räuber in Frauenkleider zu stecken; aber ab und zu eine Frau ist doch irgendwie viel schöner als nur Männer. Nun mal echt! Und wenn die Fränzin in der bekleideten Männerwelt nackt auftreten würde, das wäre doch auch ein guter Einfall gewesen – so zur Abwechslung, und überhaupt hätte sich das gut gemacht: Man hätte was für die Optik, zum Gucken. Zur Freude vor allem des männlichen Publikums lässt dann aber wenigstens Nora Buzalka als Karls Verlobte „plötzlich die Hüllen fallen“, was aber der zarten Dössel doch irgendwie missfällt, weil es „dann doch eher der Optik als der Dramatik geschuldet“ sei, obwohl sie sonst die Optik sehr zu schätzen weiß.
Es handelt sich, so schreibt sie, um „titanisches Beeindruckungs- und Überwältigungstheater“. Titanisch überwältigt wurde die zarte Rezensentin vor allem durch das „Bühnenungetüm“, „zwei kolossale Laufbänder“, „ausgerüstet mit Elektromotoren und aufwendiger Hydraulik“, die sich heben und senken können und an denen sage und schreibe ein Jahr lang gebaut wurde. Es kann eine Frau aber auch wirklich titanisch beeindrucken, was Männer mit ihrer Technik so alles auf die Beine stellen. Und dann die Symbolik: Die Laufbänder „zwingen den darauf marschierenden, laut deklamierenden Menschen die Laufrichtung auf“: „Der Mensch in seiner Dauerbewegung befindet sich hier buchstäblich (!) im Räderwerk einer Maschinerie, die er selber nicht (mehr) im Griff hat.“ Da hat sich die einjährige Arbeit ja wirklich gelohnt, wenn die zarte Christine Dössel den symbolischen Gehalt so gut erkennen konnte!

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