Der Wundervogel im Merzen

Als einst der Friedrich Merz im Frühjahr durch das lichte Grün eines Buchenwaldes wandelte, da wurde ihm auf einmal so leicht und wunderlich ums Herz, dass er meinte, er könnte als ein Wundervogel (“ein Vogel von gar wunderlicher Gestalt: Ständer gleich einem Storch, Kopf und Schnabel wie ein Lämmergeier, große Fittiche wie ein Fregatvogel und ein Schwanz wie der Sekretair” 1) davonfliegen und alle seine Sorgen um das Kapital und die hohen Steuern unter sich zurücklassen.
Doch dann … geschah es wieder einmal: Ihn überkam plötzlich, völlig ungelegen ein dringendes Bedürfnis, so dass er eilends hinter einer Hecke verschwand, um sich dort zu erleichtern.
Danach aber war er wieder ganz der alte, blickte mit krauser Stirn  ernüchtert auf seine Uhr, zog sein iPhone aus der Tasche seines adretten Jackets und beorderte eines seiner Flugzeuge auf die nahe gelegene Waldwiese, damit er ja noch rechtzeitig zur nächsten Talkshow bei Markus Lanz fliegen konnte.
Die Luft aber wurde erfüllt von einem heftigen Brausen – das war das Seufzen und Jammern aller Tiere, in Wald und Flur, in Flüssen und Seen, von Hase und Igel, vom sanften Lämmergeier und dem scheuen Luchs. Ja, selbst die muntere Forelle vergoss salzige Tränen.
Und auch uns alle ergreift eine andauernde tiefe Melancholie.

Gotthilf Markus Bimbam

Laut einer Umfrage des Pew Research Center von 2018 behaupten rund 90 Prozent der Christen in den USA, sie seien mit Gott im Dialog. 35 Prozent geben an, sie erhielten eine göttliche Antwort. Unter Evangelikalen erklären sogar 45 Prozent, regelmäßig Zwiegespräche mit Gott zu führen.
Bei einem solchen Andrang von Amerikanern ist es kein Wunder, dass wir anderen, wenn wir dem Herrn mal etwas mitteilen, z.B. über akute Missstände, Krieg, Hungersnöte usw. usw., oder ihn etwas fragen wollen, uns in der Warteschleife ständig Geharfe und irgendwelche Engelschöre mit ihrem Hallelujah-Gesumse anhören müssen, bis wir resigniert aufgeben.
Trump habe Gott in einem Zwiegespräch gefragt, ob er gute Arbeit geleistet habe, verriet er bei einem Wahlkampfauftritt in Mankato im US-Bundesstaat Minnesota. Wie man sich denken kann, hat der Herr Gott sich mit seiner Antwort nicht lumpen lassen.  Seine Begeisterung für den Trump war so groß, dass er ihn für seine Frage gescholten habe; denn Trump habe zuvor die “beste Wirtschaft in der Weltgeschichte aufgebaut”; nun müsse er es nach der Corona-Krise erneut tun.
Wird Trump nun heilig gesprochen? Wird er ein zweiter Heiliger Donald? Ist er gar der wahre Heiland?

Paula White, laut “Welt” wichtigste spirituelle Beraterin Trumps 1, hat immerhin festgestellt: „Wenn ich auf dem Boden des Weißen Hauses gehe, geht Gott auf dem Boden des Weißen Hauses. Ich hatte jedes Recht, den Boden des Weißen Hauses heiligzusprechen, weil ich dort stand. Und wo ich stand, ist es heilig.“ Das bezieht sich natürlich auf Trump, nicht auf

Paula White mit dem Heiligen

Obama, dennsie weiß: “Wer Nein zu Trump sagt, sagt Nein zu Gott.” Und immerhin hat er ja schon mit dem Covid-Virus das Böse besiegt, was für seine gläubigen Anhänger war wie die Wiedergeburt Jesu2, und zudem hat er das Wunder vollbracht, dass psychisch gestörte Evangelikale ihrem Leben einen Sinn geben, indem sie als Gotteskrieger grimmig ihre Colts und Gewehre schwingen, um freudig als Märtyrer im Kampf gegen Schwarze und Linke zu sterben, nachdem sie  den altbösen Feind möglichst blutig auf dem sternenbanner-geschmückten Altar geschlachtet haben.
Es ist zum Wahnsinnig-Werden: Nicht nur kommen wir mit unserem Gesprächswunsch nie durch, weil so viele sich ausgedehnt mit diesem Herrn Gott über dies und das, z.B. Steuererleichterungen für die Wohlhabendsten, also Frömmsten, austauschen, sondern es werden anscheinend auch noch irgendwelche geschniegelte Heilige bevorzugt behandelt und erhalten von diesem Herrn Gott Wahlkampfhilfe statt Feuer und Schwefel.
Wenn nun auch der Söder, der sich ohnehin beim Herrn einzuschleimen versucht, indem er überall rumrennt und Kreuze aufhängt  … Oh, heiliger Bimbam!

Lobet, preiset, singet!

„Deine Nase ist hässlich, sie ist krumm und gefällt mir nicht“, sagt Wilfried, der trotz seinem Namen partout nicht friedlich sein will. Vladimir, dem seine Nase über alles, über alles in der Welt geht, kontert nicht etwa mit dem Hinweis darauf, dass sie immerhin bei dem Concours International du Plus Beau Nez (CIPBN) in Antibes die Bronzemedaille gewonnen hat, sondern mischt Nowitschok in Wilfrieds Tee, damit er das mit der Nase nie, nie wieder sagt. Das nennt man Zensur; es ist allerdings eine sehr extreme Methode der Zensur, die von vielen Menschen als unfair abgelehnt wird. Donald ist da subtiler. Er wehrt sich gegen den Angriff auf seine Nase, indem er einfach vor die Kameras von Fox News tritt, seinen Kopf schief legt und behauptet, dass die Statur seiner Nase – ebenso wie seine Haare – schon im Hohelied Salomos besungen wurde. Dagegen kommt dann keiner an.

Möglich ist natürlich auch, einfach zu behaupten, dass ein Angriff auf die Nase nur einem teuflischen Komplott entstammen kann, und zwar ausgehend vom stets übel gesonnenen Ausland, speziell natürlich den Juden, z.B. George Soros. Und man kann seine Soldaten alle einsperren lassen, von deren Nase jemand behauptet, dass sie noch viel schöner sei als die eigene (Schneewittchen-Methode).
Wenn es aber zu viele sind, die man einzusperren oder umzubringen hat, dann muss man dafür sorgen, dass man mehr Claqueure auf sich zieht, die die eigene Nase bejubeln. Wenn z.B. das Fernsehen einen Pickel auf der Nase entdeckt, dann ist das unschön. Man kann dann Soldaten hinschicken und alle Mitarbeiter verhaften lassen. Oder man wiegelt den Pöbel auf und lässt ihn die Gebäude in Brand stecken. Oder wenn man in der CDU ist, gründet man ein zweites Konkurrenz-Fernsehen, das Pickel auf Nasen als Schönheitsideal propagiert. So wollte es einst ein Kanzler Adenauer tun. Es wurde ihm allerdings vom Verfassungsgericht untersagt. Was bleibt einem übrig? Man kann sich und anderen auch die Ohren zuhalten. CSU-Chef Franz-Josef Strauß sorgte einst dafür, dass sich der Bayrische Rundfunk aus dem Programm der ARD ausschaltete, wenn ihm eine Sendung nicht passte. Auf Dauer ist dies Vorgehen allerdings sehr anstrengend und daher aus der Mode gekommen. Es gibt schließlich auch hier subtilere Methoden: Man kann Nasenkritiker z.B. mit einer Gehaltskürzung bedrohen. So macht die CDU/CSU – das eint sie mit der AfD – immer wieder einmal gerne Druck, wenn ihr eine Sendung missfällt, indem sie wie Boris Johnson das Volk gegen den Gebührenzwang für das öffentlich-rechtliche Fernsehen aufwiegelt. Wenn z.B. einzelne Großmütter dafür kritisiert werden, dass sie wenig umweltfreundlich im Hühnerstall Motorrad fahren, oder ein möglicherweise rassistisches Verhalten einzelner Polizisten – es wird fälschlich behauptet, im Gegensatz zur restlichen Bevölkerung wären nicht alle Polizisten gute Menschen – satirisch angeprangert wird, dann ist das natürlich ein Anlass zur Empörung. Da muss dann der Generalsekretär der CDU in Sachsen-Anhalt namens Schulze drohen, es werde „nicht nur deshalb“ die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrages nicht kommen: „Die CDU in Sachsen-Anhalt wird das verhindern.“ Und auch einer der Parlamentarischen Geschäftsführender der Unionsfraktion im Bundestag aus der CSU namens Müller sicherte Sachsen-Anhalt seine „volle Unterstützung“ zu. Man muss ehrlich sagen, diese Methode ist immerhin viel feiner als Nowitschok.

Victor ist traurig

Sei freigebig und öffne dein Herz, so denkt doch jeder halbwegs anständige Rittersmann. Und es lässt ihn nicht kalt, wenn er wie der heilige Martin im Winter am Wegesrand auf einen „armen, unbekleideten Mann“ stößt. Auch wenn es kalt ist und er selbst außer seinem Opinel Taschenmesser mit Kohlenstoffstahlklinge nur seinen Mantel zur Verfügung hat – seine Bedienstete hatte am Abend seine frisch gewaschene Unterwäsche mal wieder an einem ihm unbekannten Ort versteckt -, so zögert ein Martin keine zwei Sekunden, zieht sein Opinel Taschenmesser mit Kohlenstoffstahlklinge aus der Scheide und trennt seinen Mantel geschickt in zwei etwa gleich große Hälften, deren eine Hälfte er der nun auch wie Martin etwas komisch gekleideten Zufallsbekanntschaft zukommen lässt. Da Geben seliger ist denn Nehmen, kann sich indes der Ritterliche freuen, als sofort nach seiner heroischen Tat ein größeres Ensemble von Blechbläsern in ein ohrenbetäubendes Triumphgetute ausbricht und ihm unversehens Flügel wachsen, auch wenn der nächste Hemdenkauf wegen der rückwärtigen Ausbuchtung problematisch sein dürfte.
Eine ähnlich schöne und vor allem laute Ehrenbekundung hatte sich auch der noch nicht ganz so heilige Viktor Orbán gewünscht. Er ließ zwar nicht irgendeinem Wegelagerer, der womöglich nicht einmal der der alles übertragenden ungarischen Rasse angehörte, die Hälfte seines dunklen Anzugs zukommen, unter dem er übrigens sexy Unterwäsche der Marke Bresciani trug. Aber er machte den kurz vor dem Bankrott stehenden Klempner Lorinc Mészàros, seinen Freund aus Jugendtagen in der kleinen Stadt Felcsût, mittels Regierungsaufträgen binnen zehn Jahren zum reichsten Mann Ungarns (geschätzte 1,2 Milliarden Dollar) – auch wenn der dankbare Mészàros neben Orbán noch Gott als Quelle seines Reichtums erwähnt. Orbáns gottgefällige Großzügigkeit beschränkte sich nicht auf einen einzigen Bedürftigen, sondern umfasste auch die Baustofffirma Dolomit seines Vaters und die Firma Elio seines Schwiegersohns Istvá Tiborz. Man versteht, dass nach solchen guten Taten, die ja quantitativ die des Heiligen Martin in jeder Hinsicht übertrafen, Victrors Enttäuschung riesig war, als Triumphgetute und Flügel ausblieben. Statt dessen nörgeln Olaf (Europäisches Amt für Betrugsbekämpfung) und Transparency International Ungarn, weil sie den Wegelagerern die überaus großzügigen, wenn auch z.T. aus EU Subventionen stammenden Almosen nicht gönnen. Das macht den Victor traurig. Da hilft es auch nur wenig, dass seine Landsleute ihm ganz, ganz viele Fahnen schenkten und seine Freunde von der Europäischen Volkspartei ihm die Philipp Amthor Medaille mit goldenem Band verleihen wollen.
(Bild: Elekes Andor – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=87177950)

Der Moderat

„Die Mitte ist nicht in der Mitte“ hatten wir einmal in einem Beitrag geschrieben (23.7.2017). Das war verwirrend. Denn es ist doch klar: Die Mitte des Universums ist die Erde, und Sonne, Mond und Sterne, überhaupt alles, dreht sich um sie bzw. um Markus Söder oder hat es gefälligst zu tun. Wenn man das weiß – und im Grunde wussten Sie es schon immer -, dann weiß man auch, wo das Universum anfängt und aufhört, dass ganz links hinten die Hölle beginnt und ein ganzes Stück weiter rechts das Paradies. Man verliert nicht den Boden unter den Füßen. Man hat einen Maßstab und daher auch gar keine Probleme mit Einordnungen wie „gemäßigt“ oder „moderat“. Wenn der Teufel nicht allzu sehr stinkt, dann ist er moderat. Kundige Journalisten lieben daher diese wertenden Stempel „gemäßigt“ bzw. „moderat“.

Sie klingen moderater als deren Antonyme „maßlos“ oder „extrem“, „radikal“. Jemanden, der in allzu kompromissloser Weise für die Demokratie eintritt oder Lügen bekämpft, kann man leider nicht moderat nennen. Wer dagegen die Menschen belügt, indem er, wie z.B. die Demokraten bei den letzten US-Wahlen, die Ergebnisse der Vorwahlen fälscht, ist moderat. Kompromisslos darf man übrigens auch schon deshalb nicht sein, weil man dann zwangsläufig Wahlen verliert. Denn die Wähler mögen das nicht. Michael Moore führt zwar in seinem Dokumentarfilm Fahrenheit 11/9 lauter Umfragen an, nach denen die US-Amerikaner u.a. für eine staatliche Krankenversicherung (70%), strengere Umweltgesetze (74%), die Aufspaltung der großen Banken (58%), Kürzung der Militärausgaben (61%), Recht auf Abtreibung (71%), gleiche Bezahlung für Frauen (82%) sind. Wenn aber jemand solche Forderungen vertritt, wie Bernie Sanders, ist er selbstverständlich – das weiß der Journalist – nicht moderat, sondern naiv. Das zeigt sich auch schon daran, dass das scheue Reh des Kapitals vor so jemandem panisch die Flucht ergreift, seine Ersparnisse großzügig den Moderaten überweist und den Medien, auf dass sie  gegen ihn Stimmung machen und drohende Steuern verhindern. Wer dagegen Vorwahlen fälscht und sich von Goldman Sachs und anderen Vertretern des großen Gelds lenken lässt, wie die Clintons, Obama, Biden, ist auf jeden Fall korrupt moderat.
Man nennt einen Gemäßigten manchmal auch Realo. Ein Realo zeichnet sich dadurch aus, dass er so kompromissbereit ist, dass ein eigener Standpunkt nicht mehr zu erkennen ist, so dass eigentlich niemand mehr etwas gegen ihn einwenden kann und er deshalb zwangsläufig alle Wahlen gewinnen muss. Wenn er dann endlich die Macht hat, dann kann er das tun, was er ursprünglich auf keinen Fall tun wollte, falls er nicht ohnehin nichts wollte außer der Macht.