Von Piefern und Genies

Die deutsche Seele liebt das Genie, d.h. den gottähnlichen Schöpfergeist.
Ein Gott kann sich alles erlauben. Das weiß man schon von Zeus, der u.a. Hera vergewaltigt hat, indem er arglistig, so sagt es zumindest ein vertrauenswürdiger Zeuge, sich zunächst in ein verletztes Vögelchen verwandelt hatte, das Hera – ach, wie süß! – mitleidig auf den Schoß genommen hatte. Dort angekommen hatte sich jedoch Zeus blitzschnell vom Piepmatz wieder in seine gestählte männliche Gestalt zurückverwandelt und an der vor Überraschung starren Schwester (!) trotz deren Gegenwehr seine Lust gestillt. Auch dass er die Frauen als scheinbar friedlicher Schwan, muskelstrotzendes Rindvieh (!) oder in der Gestalt von deren Ehegatten verführte, wären an sich unverzeihliche Übeltaten, wenn sie nicht einen Super-Gott als Urheber gehabt hätten.
A propos Vergewaltigung: Der Regisseur Dieter Wedel hat nicht nur seine ihm unterstellten Mitarbeiter übel behandelt, sondern er soll sich auch beim Casting im Hotelzimmer von einem Vögelchen in einen Stier verwandelt und die eine oder andere Mitarbeiterin vergewaltigt haben. Übel! Köńnte man denken, aber da stellt sich nun natürlich zunächst einmal die Frage, ob er ein gottähnliches Genie ist oder nicht. Denn danach richtet sich das Urteil des schöngeistigen Deutschen.
Fassbender „hat sein Team gern (!) gequält“ ((Suzan Vahabzadeh Süddeutsche Zeitung 16.2.18)). Aber da er schwul war und deshalb keine Frauen vergewaltigen mochte und da er zudem selbstverständlich ein Genie war, verzeihen wir ihm alles.[htsP anchor_text = “Weiterlesen”]
Alexander Grokow ((Alexander Gorkow Süddeutsche Zeitung  3.2.18)) hält Wedel hingegen für den „Pontius Pilatus des deutschen Mehrteilerwesens“, also irgendwie für keinen Regiegott. ((Bloß nicht nachfragen, was er genau gemeint haben könnte – jedenfalls nichts Gutes! Grokow kennt anscheinend leider nur die populären Mehrteiler von ihm.)) Der Fall Wedel sei „im Wortsinne unheimlich interessant“, denn er spiele „nicht in Holywood oder in (!) einer Theaterbühne, wo mal wieder Grenzen ausgelotet werden, so dass der Intendant leider seine erste Schauspielerin vergewaltigen muss, weil er nicht weiß, wohin mit seinem Genie.“
Das ist dann zwar auch nicht schön vom Intendanten, aber irgendwie, irgendwo für Grokow doch auch wieder ein wenig verständlich? Aber leider sei Wedel nicht so ein irres Genie; er habe nämlich nur so getan. Das rächt sich nun: Er hätte natürlich auf gar keinen Fall vergewaltigen dürfen: „Es war eine spießige Welt damals, als Wedel seine Fernsehmehrteiler herstellte. Wedel gab das irre Genie und schuf keine große Kunst, sondern handelsübliche Kartonware, die zum Event aufgeblasen wurde.“ Der große Grokow – so wird er allgemein genannt – weiß Bescheid. Er erklärt auch in einer souveränen Abrechnung mit allen angeblichen Größen der Film- und vor allem der Fernsehbranche, wie es zu dem Missverständnis in Bezug auf Wedel kommen konnte: „Die deutsche Film- und Fernsehbranche muss (?) man sich als karg und übersichtlich vorstellen, sogar als strukturell so piefig, wie sie seit dem Untergang der Ufa und der Austreibung des Glamours durch die Nazis nun mal wurde und wesentlich immer noch ist.“
Ach ja, die guten alten Ufa-Zeiten unter Alfred Hugenberg! Welch ein Glanz! Da waren noch Genies für richtige Vergewaltigungen zuständig. Aber: kein Genie – kein Pardon! Außer Fassbender gab es leider fast gar keine Genies („Die paar genialen Jahre mit Fassbender … vergessen wir mal eben.“ Grokow) – und natürlich außer – hat er doch glatt vergessen, so dass wir ihn hier daran erinnern müssen – dem irren Genie Klaus Kinski, der immerhin seine Tochter laut deren Aussage missbraucht haben soll.
Das war was anderes als piefig!
Suzan Vazabadeh meint: „Ob nun widerwärtige Menschen bessere Filme machen, wie immer wieder in Diskussionen um die Abgründe der Genies behauptet wird, das lässt sich schwer sagen.“
Ach was, warum lange darum herumreden: Faustisch diabolisch und am Rande des Wahnsinns hat der Künstler zu sein. Armer Thomas Mann, armer Goethe, armer Heine, armer Lessing – alle piefig.[/htsP]

Dieser Nuhr, der hat vielleicht Humuhr!

Die Bundesrepublik ist „ein Land, in dem wir gut und gerne leben“. Warum also sind die Menschen „übel gelaunt“?
Das fragt sich der Träger der Wolfgang-Schäuble-Verdienst-Medaille für extreme Witzigkeit im Dienste der Bundesregierung, Dieter Nuhr, in seinem Jahresrückblick in der ARD. Er gilt als Kabarettist, obwohl Satire zwar alles darf, aber nicht den Mainstream verherrlichen.
Nuhr meint, die üble Laune könne nur am Wetter liegen, denn neunzig Prozent der Bevölkerung in der BRD sagen von sich, dass es ihnen gut oder sehr gut gehe. Und der wirtschaftsweise Komiker behauptet, dass ihr Gefühl nur allzu berechtigt sei, weil es In Deutschland alles für alle gebe, Bildung, Nahrung, Wohnung – eben alles; und die an sich schon geringe Arbeitslosigkeit werde zukünftig noch weiter zurückgehen.
Er sieht also nicht den geringsten Grund zum Nörgeln. Vielmehr lässt er sein Publikum abheben in einem bunten Heißluftballon, denn “über den Wolken sagt man alle Ängste, alle Sorgen blieben darunter verborgen”. Im Traumschiff ergreift das Publikum, das sich ohnehin beschwert über die vielen schlechten Nachrichten in den Informationssendungen, dann ein rauschhaftes Glücksgefühls. Tralali, tralala! Man muss nur das Negative ausblenden: Dass in Deutschland die 45 reichsten Haushalte 214 Milliarden besitzen, d.h. ebensoviel wie 50 Prozent aller Deutschen (DIW) oder zehn Prozent der Reichsten sechzig Prozent des gesamten Vermögens der Bundesrepublik (EZB) besitzen, Dass die Hälfte dieser Vermögen nur ererbt ist. Dass zunehmend die Oberschicht nicht mehr von Arbeit lebt, sondern von Einkünften aus Geldanlagen und dass ihre Vermögen ungebremst wachsen, weil Helmut Kohl die Vermögenssteuer abgeschafft hat und der Spitzensteuersatz gesenkt wurde. Sie lebt tatsächlich “gut und gerne” in diesem Land. Warum auch nicht?[htsP anchor_text = “Weiterlesen”] Mit dem überströmenden Reichtum kauft sie hierzulande wie anderswo die öffentliche Meinung. Die Reallöhne dagegen stagnieren. “Fast jeder zweite Arbeitnehmer verdient heute unterm Strich nicht mehr als vor 20 Jahren.” ((Alexander Hagelüken SZ 27.1.18)) In Umfragen wollen viele zur Mittelschicht gehören, obwohl sie es schon nicht mehr sind. “Die Mitte schrumpft, nach manchen Studien stellt sie nicht mehr die Mehrheit.” ((ebd.)) Und viele mögen in Umfragen nicht zugeben, dass sie schon lange nicht mehr “gut leben”. Denn für Unter- und Mittelschicht ist es wie beim Monopoly-Spiel: Irgendwann kann man nicht mehr gewinnen. Die Lage erscheint hoffnungslos. Die Gesellschaft wird refeudalisiert. Die Realität lässt sich nicht ganz verdrängen; die Wolken verdecken sie ja nur. Dass Nuhr sich einfach sauwohl fühlt, ist allerdings verständlich, da viel Geld in die Unterhaltungs- oder Ablenkungsindustrie investiert wird und Nuhr, aller materiellen Sorgen frei, die Gefühle der Oberschicht teilen kann.
Angesichts dieser in seiner Sicht grenzenlos paradiesischen Zustände wundert es Nuhr , dass extreme Parteien „am Rand“, also tatsächlich nicht die CSU oder die FDP oder die CDU, so viele Stimmen erhalten haben. Als Träger der der Wolfgang-Schäuble-Verdienst-Medaille ist es ihm allerdings untersagt, sich über die angesichts der oben angeführten und freudig ignorierten Zahlen erstaunliche Tatsache zu wundern, dass andererseits die Regierung soviel Zustimmung erhalten hat und nicht eine linke Partei.
Dabei könnte er aus der Erklärung doch einen tollen Gag machen: Die Unterschicht ist zu dick – weil sie sich von Junk-Food ernährt. Da fällt es schwer, auf die Straße zu gehen und gegen den sozialen Abstieg zu demonstrieren. Selbst die Wahlkabine ist vielen zu weit. Und eine Partei zu wählen, die ihre Interessen vertritt, das geht ja gar nicht, denn dann wäre man ja Kommunist oder sowas wie die SPD, als es die noch gab, oder gar wie die Ludwig Erhard Partei der 50er Jahre. Man sieht die Zuhörer sich die Schenkel schlagen vor lauter Lustigkeit.
Und außerdem sehnt sich die brave Unterschicht ja so sehr danach, dazu zu gehören, so zu leben wie die, von denen man in der „Bunten“ liest, z.B. wie Günzel Graf von Müllhausen-Zotterburg und seine bezaubernde Gattin, Edelgard. Nein, haha, sie haben ihr Hirn in die Kartoffelsuppe gerührt. Statt fordernd nach oben schaut man lieber argwöhnisch nach unten: Gibt es unter den Armen welche, die einen vom vorletzten auf den letzten Rang in der sozialen Hierarchie herunterziehen könnten? Aufpassen muss man nicht auf die da oben, auch wenn sie einem die ganze Steuerlast aufbürden – das sind ja keine Konkurrenten – , sondern auf die da unten. Und wenn einige dann doch aktiv werden, dann brüllen sie Parolen von Pegida, AfD, Front national usw. Was für eine Pointe! Man lacht bis zum Erstickungsanfall!
Und die Mittelschicht, zu der angeblich 64 Prozent der Bevölkerung zählen, die aber ständig abnimmt, weil in den letzten Jahren Millionen (6 Prozent) zu den Armen abgesunken sind? Auch sie leidet unter sinkenden oder stagnierenden Reallöhnen, während das große Geld sich weiter ungehindert vermehrt. Ulrike Hermann, Wirtschaftsjournalistin der taz, meint, dass die Mittelschichtler womöglich auf die Barrikaden gehen würden, wenn sie wüssten, wie sich der Reichtum dank der Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte ausschließlich weiter bei den Superreichen konzentriert, während es immer mehr von ihnen schlecht geht. Der vornehme Superreiche protzt ja nicht damit, sondern ist sehr diskret, wenn es um sein Vermögen geht. (Dass er seine Wohnstatt, durch Säulen und steinerne Löwen verziert und so in eine Art feudalen Palast zu verwandeln sucht, steht auf einem anderen Blatt.) Aber wir sind Europameister – im Bereich Vermögensungleichheit. So fordern die Kirchen, im Gegensatz zu den christlichen Parteien, eine sozialpolitische Inventur. Oha, muss man vielleicht Angst haben, dass die Mittelschicht etwa böse werden könnte, wenn sie sich dessen bewusst würde, dass sich die Oberschicht auf ihre Kosten bereichert, oder weiter FDP wählen und auf eine Einladung zu den großartigen Gartenparties beim Grafen von Müllhausen-Zotterburg hoffen, bei denen Geld keine Rolle spielt und wo gepflegte Hecken das Gelände vor dem Anblick drohender Armut schützen? Nein, das ist wie beim Lottospielen: Wollte man die Hoffnung auf den Jackpot aufgeben, dann wäre das Leben öd und leer. Aber ganz verdrängen können auch sie die Tatsachen nicht, und so teilt auch die sogenannte bürgerliche Mitte, d.h. Menschen mittlerer Bildung, Facharbeitern und Angestellten mit Lehre, die halbbewussten Abstiegsängste : AfD und Nichtwähler machen hier 40 Prozent aus.
Unbeschwert und gut gelaunt dagegen genießen es hingegen nur die Dagobert Ducks, im Geld zu schwimmen. Sie müssen nichts verdrängen, denn Gefühle können sie sich ohnehin nicht leisten. Wo käme man da womöglich hin?! Die angeblich unrentable Produktion von Gasturbinen ,zwingt’ Siemens zwar zur Schließung der Werke in Görlitz, kann aber plötzlich wieder wunderbar rentabel sein, wenn sie in Trumps (“Glückwunsch, Herr Trump, zu dieser grandiosen Steuerreform!”) USA zieht. Und wenn man Joe Dagobert Kaeser und Konsorten den Satz vorhält: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, dann antworten sie kurz angebunden und ordinär: „Von wem kommt denn schon wieder so eine Scheiße?! Wenn das wahr wäre, dann müsste ja unsere Regierung etwas davon wissen! Schwachsinn!“
Nuhr, der Regierungsclown, sieht es auch als „Bullshit“ an, dass die Menschen an Feinstaub und Stickoxyd sterben. Er habe, so meint er witzig, noch nicht röchelnde Menschen durch unsere Straßen kriechen und verenden gesehen. Ja, er glaubt eine Verschwörung am Werk: Die Behauptungen über die Schädlichkeit der von Diesel-Autos hervorgerufenen Luftverschmutzung seien ein „Geschäftsmodell“ der deutschen „Umwelthilfe“, denn einer ihrer Spender sei Toyota, weil Toyota keine Dieselfahrzeuge produziere. Und als hätte er zwei Identitäten, ruft Nuhr als Mr Hyde, alias Matthias Wissmann, ehemaliger CDU-Vewrkehrsminister und dann Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA): Sind wir wirklich alle durch Abgas und Feinstaub vom Tode bedroht? Und: Muss man die Autoindustrie gleich vernichten? Wir leben doch auch von der Autoindustrie!
Hohoho, lachen da alle SUV-Besitzer im Saal, und hoffen als Aktionäre von Rheinmetall auf Nuhrs nächste Pointe: vielleicht eine – wieder sehr ulkige – Ehrenrettung der Rüstungsindustrie? Wegen der Arbeitsplätze!
Die Sorgen um die Luftverschmutzung – ist eben alles nur Quatsch! Der Politclown macht das am Beispiel der Kreuzfahrtschiffe deutlich: Die sollen als große Luftverschmutzer künftig mit Gas betrieben werden. Ha, fragt der schlaue Witzbold, und alle im Saal lachen sich schief: Woher kriegen die Schiffe auf dem Meer denn ihr Gas? Da müssen ja wohl immer von Diesel getriebene Schiffe hinter ihnen herfahren, um sie mit Gas zu versorgen! Die Leute lachen Tränen über so einen Irrsinn und freuen sich dann erschöpft, dass es wenigstens einen ganz Schlauen gibt, nämlich diesen Nuhr.
Allein der Herr in der 15. Reihe links auf Platz 452 fragt sich, ob eigentlich hinter den Diesel getriebenen Schiffen auch Diesel getriebene Schiffe herfahren müssen, um sie mit Diesel zu versorgen.
Aber so erreicht Nuhr den “kleinen” Mann, der, wie jeder Politiker weiß, schlauer ist, als man denkt. Hatte nicht Trump L. Donald, ein anderer Politclown, einen Schneeball in der Hand gehalten und gefragt: Wo bitte ist der Klimawandel?
Und so macht Nuhr immer weiter: Die Kriege auf der arabischen Halbinsel seien „arabische Folklore“. Ob er wohl auch den Hunger in Afrika als Folklore sieht? Und Polizisten, hat Nuhr erkannt, seien auch nur Menschen, und daher müsse man sie voller Verständnis in die Arme schließen, wenn einige in ihrer Wut beim G20-Gipfel wild drauflos geprügelt hätten. Wer sich darüber aufrege, sei „bekloppt“. Nuhrs Menschenverachtung bezieht sich eben nur auf Teile der Menschheit. Die im Auditorium sind davon nicht betroffen, und deshalb lachen sie vergnügt.
Und auch zu „Metoo“ lässt er den Stammtisch sprechen: Heutzutage sei es ja schon schlimm, eine Frau auch nur anzusehen. Man müsse Angst vor Verfolgung haben, wenn man einer Frau helfe, ihr Gepäck aus dem Zug zu befördern.
Dazu passt dann auch, wenn Nuhr die Untätigkeit der Bundesregierung gegenüber Erdogan kritisiert und ihr das Vorbild USA entgegen hält, weil Trump allen Türken einfach keine Visa mehr erteilt hatte, als in der Türkei ein Mitarbeiter ihres Konsulats festgenommen worden war. Hat hier vielleicht doch ausnahmsweise das ansonsten so unsinnige Schimpfwort „Populismus“ einen Sinn?
Aber auch wenn der Kabarettist auf klebrig niederem Niveau haften bleibt, erheben den Comedian doch seine Scherze zu einem Mario Barth oder Chris Tall, also einem echten Komik-Watzmann, wenn er zum Beispiel die mangelnde Sauberkeit der Damentoiletten folgendermaßen erklärt: Die Frauen wüssten nicht, dass “im Stehen nicht ihr Ding” sei, kletterten mit ihren Schuhen auf dem Porzellan rum, verkanteten sich in der Kabine, dann lassen sie’s laufen – wie so ne verkalkte Brause geht es so oder ein außer Kontrolle geratener Feuerwehrschlauch.
Schenkelklatschen, Juchzen! Der hat vielleicht Humor!
(Wer es nicht glaubt, kann die “Kabarettsatire” bisher hier noch weiter genießen: http://www.ardmediathek.de/tv/NUHR-im-Ersten-Der-Satiregipfel/Nuhr-2017-Der-Jahresr%C3%BCckblick/Das-Erste/Video?bcastId=1858312&documentId=48638850)[/htsP]

Kunstfälscher sind böse

Gerhard Richter, „der als bedeutendster lebender Maler gilt“ ((SZ 30.12.17)) , fabriziert gelegentlich auch mal Stahlkugeln und macht sie dadurch, dass er sie als seine Werke zu erkennen gibt, zu Kunst.
„Oh“, sagte verzückt Frau Ames zu Herrn Ames. als es bei Sotheby’s eine glänzend polierte Kugel aus Edelstahl zu kaufen gab, „oh, die ist aber schön! So völlig rund und so schön glänzend poliert und ganz aus Stahl! Wie das dieser geniale Richter wieder hingekriegt hat! Donnerwetter!“ Und Herr und Frau Ames kauften „ein Exemplar des Multiples ,Kugel 1′ von 1989“ für 35000 Dollar. Aber es war „gar kein Kunstwerk, sondern einfach nur eine Stahlkugel aus einem Kugellager, wie es in der Industrie Verwendung findet.“ „Der Experte hat sie gewogen, und sie war leichter und etwas kleiner als das Original. Außerdem waren nicht Name, Datum und Nummer eingraviert.“ ((ebd.)) (Er hatte sich eigens für diesen Zweck eine Waage besorgt.) „Scheiße!“ rief da Frau Ames ganz gegen ihre sonst sehr gehobene Redeweise. Und auch Herr Ames fand die Kugel plötzlich gar nicht mehr schön, obwohl es immer noch dieselbe war, rund, stählern und glänzend poliert – und voll mystischer Ausstrahlung.
Uns allen tun die Kunstfreunde Ames Leid, denn sie waren selbstverständlich am Boden zerstört – wegen der 35000 Dollar, aber auch sonst.
Der Kunstexperte meint dazu: „Aus guten Gründern sind Sammler zuweilen unsicher, ob die teuer erstandenen Grafik, die kleine Abstraktion oder die Stahlkugel ihren Preis wert sind.“
Ach, lieber Herr Kunstexperte, was meinen Sie mit „ihren Preis wert“? Ist der Wert mit dem Kaufpreis identisch? Aber dieser ändert sich doch! Oder ist es die Aura, die ein Werk eines göttlichen Genies oder von dem eines gewöhnlichen Menschen unterscheidet? Aber dann müsste man doch die Fälschung als solche sofort erkennen!
Was lässt den Kunstfreund den Wert des Werkes in Zweifel ziehen, wenn das gefälschte Werk doch genauso aussieht wie das von Gerhard Richter?!
Wir erfahren: Besonders beliebt sind bei den Fälschern abstrakte Werke in der Art Richters, also nicht Kopien, sondern nachempfundene Originale. „Abstrakte Bilder werden von den Fälschern bevorzugt, weil sie vermeintlich leicht zu produzieren sind.“
Vermeintlich! Weil ihnen ja die Aura fehlt?
So ging ein abstraktes, graues Ölgemälde – raffiniert mit der Widmung „Für Armin (K20)“ versehen – glatt für einen Richter durch. Bis der vermutete Adressat der Widmung versicherte, ein solches Gemälde nicht zu kennen.
Da wollte der Kunstfreund es nicht mehr haben. Er hatte diese grauen Striche und Linien so bewundert: herrlich! Aber was für eine abgefeimte Höllengeburt muss es gewesen sein, die so schöne graue Linien und Striche, in überwältigender Anordnung und Menge kombiniert, auf die Leinwand geworfen hat, und dann hieß die Höllengeburt aber gar nicht Gerhard Richter!
Jetzt kann der Kunstfreund das schöne Gemälde nur noch – blutenden Herzens? – auf den Müll werfen.
In dringenden Fällen kann man sich aber auch an Richter selbst wenden, der dann bestätigen kann, dass er das Bild nicht gemalt habe.

Vorzeigbarer Edelkäse?

Ist er – wie Gerhard Hauptmann – gar ein Goethe? Oder vielleicht doch nur ein ganz ganz kleines Wölfchen (Biermann)? Man könnte ihn den Theo Waigl der deutschen Literatur nennen, zumindest was die Augenbrauen betrifft, allerdings wäre er vielleicht doch lieber in der AfD. Der beim Schreiben zum Kitsch und beim Denken zum Minimalismus neigende Martin Walser hatte, in seiner Eitelkeit gekränkt, einst mit dem Roman „Tod eines Kritikers“ ein „übles“ (Ruth Klüger), weil antisemitisch wirkendes (Jan-Phlipp Reemtsma) Buch geschrieben und sich in seiner Rede zum Friedenspreis über die “Moralkeule” beschwert, die die Deutschen wegen der Verbrechen im Hitler-Nazi-Reich niederknute. Trotzdem kommt die Literaturkritikerin Iris Radisch „aus dem Staunen nicht heraus“,[htsP anchor_text = “Weiterlesen”] als Walser in einem von ihr belauschten Gespräch Walsers mit seinem Sohn Jakob Augstein ((Die Zeit 29.11.17)) den Nazismus als gar nicht so übel kennzeichnet: Er sieht die Hitlerjugend als „Fortsetzung der Wandergruppen der zwanziger Jahre, keine Spur von Nazi, im Gegenteil ,reine Gesangsstunden’“, und er empfindet seine Wehrmachtszeit als Gebirgsjäger als „wunderbar“, in der man nachts auf den Berghütten „das weiße Licht der Stille’ genoss“ (so spricht wahrlich nur ein ganz dichter Dichter). Der rüde Befehlston der der Wehrmacht ließ sich mit edler Stefan-George-Lektüre (!) bekämpfen. Der massenhafte Eintritt der Deutschen in die Nazi-Partei erklärt sich dadurch, dass man den Bankrott der Wirtschaft abwenden wollte. Überhaupt treffe die Schuld am Nazismus das Diktat von Versailles.
Typisch Walser: Am Schluss erfährt man, seine Einsamkeit – nanu? – komme „aus der ,Unvorzeigbarkeit’ der tiefsten Wahrheit eines Menschen“. An dieser Stelle ist sowohl ein aha! als auch ein oha! angebracht. Ja, wir können nicht anders als Donnerschlag! rufen, denn das ist wahrhaft tiefst!
Solch verschimmelten Stinkekäse könnte man unaufgeregt entsorgen; doch Frau Radisch kann das nicht, denn sie hält Walser für Edelkäse, nämlich für „den vielleicht bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegsliteratur“.
Arme Frau Radisch, da muss es sie natürlich hart treffen.[/htsP]

Proust, nicht Pust. Ein Poesiekurs

Das ist Maria Rilke.

Das ist Rainer Rilke.

Das ist Proust.

Das ist Pust.

Es ist hohe Zeit, dass der Bildungsbürger endlich lernt, was außer Rainer und Maria Rilke noch wahre Poesie ist, und dadurch befähigt wird, zwischen Pust und Proust zu unterscheiden.
Einige wenige Beispiele aus Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ((Frankfurt a.M. 1979. Bd 2. S.885 ff. „A la recherche du temps perdu. A l’ombre des jeunes filles en fleur. 2e partie. Gallimard 1919. p.91)) sollen uns als Muster dienen, wie wir Banales mit dem Glitzerzauber der Poesie verbrämen können.
So beschreibt Marcel, das erzählende Ich, z.B. das offenbar hurtige Verspeisen zweier wohlschmeckender Seezungen durch ihn und seine Großmutter sowie vor allem die Reste dieses Mahles, die auf dem Teller verbliebenen Gräten, in folgender Weise:
„(…)während (…) wir aus einer ledernen Kalebasse einige goldene Tropfen Zitrone auf zwei Seezungen verteilten, die bald auf unseren Tellern nur den Federbusch ihrer Gräten, wie eine Feder gekräuselt und wie eine Zither tönend übrig ließen” („das flatternde, gleich einer Feder gelockte und wie eine Zither summende Gerüst der Gräten“ – so lautet die Übersetzung von Eva Rechel-Mertens).
Der Fisch wurde im Hotel Central in Balbec offenbar unter Hinzufügung weniger Tropfen Zitronensaft verspeist. Damit dieses Detail nicht banal erscheint, ist hier bereits wichtig die Erwähnung der besonderen Art des den Zitronensaft bergenden Gefäßes, das zunächst einmal keinesfalls nur eine einfache, die Phantasie kaum beschäftigende Flasche sein darf, sondern eine Kalebasse (“gourde de cuir”), dann aber auch die Farbe des Zitronensaftes, die nicht etwa nur unansehnlich milchig hell sein darf, sondern auf den nicht nur die Farbe der Fruchtschale übertragen wird, sondern der auch durch das Steigern von „gelb“ zu „gold“ zu einer edlen Kredenz gerät. Wahrhaft meisterlich ist jedoch die Poetisierung der abgenagten Essensreste, also der auf dem Teller verbliebenen Fischgräten des Plattfisches, die einerseits zum Bild eines kriegerischen Kopfschmucks (panache – Federbusch auf einem Helm) – Krieg der Seezunge? –  zusammengefügt werden, andererseits aber eine Zartheit bewahren, die einer gekräuselten Feder gleicht, und – sich schließlich sogar in Musik verwandelt, zum Singen gebracht wird. Unfassbarer Zauber der Poesie! Das alles geschieht einem einfachen Teller Gräten, den der Kellner zum Glück für den Leser bis dahin abzuräumen versäumt hat. ((tandis que (…) de la gourde de cuir d’un citron, nous répandions quelques gouttes d’or sur deux soles qui bientôt laissèrent dans nos assiettes le panache de leurs arêtes, frisé comme une plume et sonore comme une cithare ))[htsP anchor_text = “Weiterlesen”]
Und dann das Meer, der blanke Hans. Man weiß, das ist viel, ja sehr viel Salzwasser, oftmals heftig bewegt, dann auch wieder nur monoton eine Welle nach der anderen an das Ufer brandend. Insgesamt immer wieder ganz schön beeindruckend, so dass Ausrufe wie: „Schön, die Natur!“ oder: „Ach, schau mal, diese unendliche Weite!“ wie von selbst den staunend geöffneten Mündern entfahren. Insofern ist das Meer also an sich schon ein poetischer Gegenstand. Und so muss sein Anblick natürlich auch ein poetisches Gemüt wie Marcel verzücken. „Welche Freude, das blanke Meer zu sehen!“ ruft er aus ((quelle joie (…) de voir (…) la mer nue)), und er stellt dann einen Vergleich an, auf den wir nie gekommen wären und der das Ganze – schwups! – in ein ungewöhnliches, sehr poetisches Licht taucht: „Die Wellen warfen sich eine nach der anderen auf wie Trampolinspringer“. ((„et de suivre des yeux les flots qui s’élançaient l’un après l’autre comme des sauteurs sur un tremplin“)) Haben Sie das sportliche Bild vor Augen? Schön!!
Da das Meereswasser stark salzhaltig ist – man sollte lieber nicht zuviel davon verschlucken! – schäumt es, wenn es bewegt wird, an vielen Stellen, was seinem Betrachter die adlige Metapher von den „Schaumkronen“ in den Mund legt. Marcel nun schweift von der See ins Gebirge, spricht von Schneegipfeln ((„sommets neígeux de ses vagues“)), ein Bild, das ihm aber nicht edel genug erscheint, so dass er die Wellen zugleich aus hier und da durchscheinendem und glänzendem Smaragd ((„en pierre d’émeraude çà et là polie et translucide“)) bestehen lässt: ein kostbares Nass! Damit darf reine Poesie sich aber immer noch nicht begnügen: Die schneeigen Smaragdwellen lassen ihre Hänge auslaufen, und zwar sich vollendend mit sanfter Heftigkeit und einem Stirnrunzel wie das eines Löwen ((„lesquelles avec une placide violence et un froncement léonin laissaient s’accomplir et dévaler l’écoulement de leurs pentes“)). Na, etwas verwirrend ist das schon, aber irgendwie doch ganz wunderbar. Stirnrunzelnder Löwe, Schnee, Smaragd, sanfte Gewalt! Holla! Darauf kommt wahrlich nicht jeder.
Es heißt weiterhin von diesen Meereshügeln bzw. Wellen bzw. Smaragden, dass sie tanzen und dass sie, bevor sie tanzend zurückkehren ((„ces collines de la mer qui, avant de revenir vers nous en dansant“)), in der Ferne bläulich verschwommen schimmern, wie die Gletscher, die man auf dem Hintergrund früher toskanischer Gemälde sieht ((„dans un lointain transparent, vaporeux et bleuâtre comme ces glaciers qu’on voit au fond des tableaux des primitifs toscans“)). Herrlich! Mit einem einzigen Sprung bei den Gletschern und in der Toskana! Sollte jemand mit den Gletscherhintergründen früher toskanischer Gemälde nicht so vertraut sein, kann er die Möglichkeit zur Fortbildung ergreifen und entsprechende Literatur studieren, wird dann aber garantiert das Meer mit quasi erleuchteten Augen wahrnehmen.
Manchmal, so erfährt der Leser weiter, war das Meer von einem zarten Grün. Mit einer so banalen Aussage, das vermutet der Dichter mit Recht, kann kein Leser zufrieden sein. Wenn er sich genauer vorstellen möchte, wie zart das Grün war, dann muss seine Phantasie vom Dichter schon ein wenig gekitzelt werden: Es ist das zarte Grün, das ihm von den Almen vertraut sein müsste, wenn sich dort nämlich in den Bergen die Sonne hier und da wie ein Riese ausbreitet, der mit fröhlich ungleichen Sprüngen die Hänge hinabspringt. Hat der Leser dieses zarte Grün vor Augen und ist dann mit fröhlich ungleichen Sprüngen von der Alm wieder im Meer gelandet, so hat er jedoch vielleicht noch immer keine so vollkommene Vorstellung von dem zarten Grün, wie es der Dichter sich wünscht. Und so erhält er weitere  Informationen und erfährt, dass das zarte Grün ein solches ist, das weniger von der Bodenfeuchtigkeit als vielmehr von der fließenden Beweglichkeit des Lichtes bewahrt wird ((„D’autres fois, c’était tout près de moi que le soleil riait sur ces flots d’un vert aussi tendre que celui que conserve aux prairies alpestres (dans les montagnes où le soleil s’étale çà et là comme un géant qui en descendrait gaiement, par bonds inégaux, les pentes) moins l’humidité du sol que la liquide mobilité de la lumière.“)). Da fällt es ihm natürlich wie Schuppen von den Augen!
Es ist eben ein wahrhaft exquisites Meeresgrün!
Marcels Naturerlebnis ist so poetisch fein gefiltert, dass er sich angesichts des Sonnenlichts, das „in diesem Augenblick“ das Meer “aufflammen” ließ wie einen (kostbaren!) “Topaz” und zugleich (?) gären, blond und milchig wie Bier und schäumend wie Milch ((„ en ce moment brûlait la mer comme une topaze, la faisait fermenter, devenir blonde et laiteuse comme de la bière, écumante comme du lait“)) werden ließ – sie sitzen im Speisesaal, daher wohl die Vergleiche mit flüssigen Nahrungsmitteln -, zwangsläufig fragen muss, ob Baudelaires „Sonne, die auf dem Meer erstrahlt“, nicht die gleiche sei wie die von ihm wahrgenommene und insofern wiederum auch ganz verschieden sei von dem „schlichten Abendschein, der wie ein goldener zitternder Pfeil an der Oberfläche steckenblieb“ ((„je me demandais si son «soleil rayonnant sur la mer» ce n’était pas — bien différent du rayon du soir, simple et superficiel comme un trait doré et tremblant — celui qui en ce moment brûlait la mer“)).
Das fragt sich Marcel, und diese Frage nagt auch am Leser wie ein zartgrüner hungriger Papagei aus Aitutaki. Da die Antwort sich aber wie ein schwarzer Granat, von amarantrosanen Langusten umtanzt, auf dem unergründlichen Meeresboden wiegt, hin und her gerissen von der zarten Gewalt Walzer tanzender Wellen, sehen wir mit löwenhaftem Stirnrunzeln an dieser Stelle nur einen goldenen zitternden Pfeil an der Oberfläche.[/htsP]