Wer schießt? Kahrs oder Ronaldo?

– Na, Kleiner, was möchtest du denn werden, wenn du mal groß bist? Weltraumpilot oder Christiano Ronaldo?
– Oh, ich möchte Krankenpfleger werden oder Sanitäter oder Arzt oder Politiker.
– Ohje, also Samariter? Und Politiker zählst du auch dazu?
– Ja, wollen die denn nicht auch den Menschen etwas Gutes tun und setzen sich mit aller Kraft dafür ein?
–  Naja, ich bin da nicht so sicher. Aber schlag dir zunächst einmal das mit dem Krankenpfleger oder Sanitäter aus dem Kopf. Du willst ja wohl später mal im Rentenalter nicht so arm sein, dass du nicht weißt, wie du deine Miete bezahlen sollst. Arzt oder Politiker ist schon besser, wenn du im Alter nicht auf der Straße sitzen, sondern einen dicken Sportwagen fahren und eine Luxusvilla besitzen willst mit vielen Säulen und eine Yacht, auf der man Bunga Bunga spielen kann. Aber als Arzt … Wenn du als Arzt dich um Leidende kümmern willst, z.B. in Gebieten, wo Krieg oder Seuchen herrschen, kann es sein, dass du schon tot bist, bevor du den Menschen richtig helfen konntest. Das kann dir als Schönheitschirurg, möglichst mit deiner eigenen Klinik, natürlich nicht passieren. Aber wunderbar kann es auch der Politiker haben![htsP anchor_text = “Weiterlesen”] Da bist du jeden Tag im Fernsehen und in der Bild-Zeitung zu sehen, wenn du so ein Söder, Schröder, Dobrindt, Trump oder Berlusconi bist. Das ist eine feine Sache. Ja, man muss Ehrgeiz haben, man muss sich Ziele setzen für die Menschen: Sie sollen dich bewundern, neidisch sein. Nur nicht so ein grauer Alltagsmensch! Es ist deprimierend, wenn du so ein Joschka bist und ganz allein dich für ungemein wichtig hältst. Verdammt nochmal, die ganze Welt muss dein Genie bewundern. Das Spieglein, Spieglein an der Wand, das sind die Medien. Und so ein Joschka hätte nicht viel Aufmerksamkeit erhalten, wenn er nicht ständig umher gerannt wäre und mit der sanften Stimme des Überlegenen allen erzählt hätte, dass er ein toller Kerl wäre, obwohl er doch nur 1,70 m misst und etwas dicklich von Statur ist und deshalb trotz fünf Ehen ganz und gar nicht der Schönste im ganzen Land. Oder der Gerhard mag sich die dickste Zigarre in den breiten Mund stecken und eine sonore Stimme haben, aber er singt eben doch nicht so schön wie Caruso oder die Callas. Sein Bild auf der Titelseite der “Bunten” – da ist man wer.
– Ich dachte, Politiker müssen etwas Gutes wollen für die Menschen, nicht nur für sich.
– Klar, man muss als Politiker schon irgendwie für irgendwas sein: Der Gerhard hat sich zunächst bei den Jusos gegen die Macht des Kapitals engagiert (darüber hat er sich später halb totgelacht), aber dann doch lieber –  wie der Christian Lindner – für die Wirtschaftsunternehmen . Und der Joschka war mal wütender Linker gegen Atomkraft, dann aber lieber Lobbyist für RWE, Siemens, BMW. Das war auf jeden Fall lukrativ.
Einen Standpunkt haben – das kommt teuer und ist etwas für halbwüchsige Idealisten. Man kann auch einfach nur für die Interessen einer mächtigen Clique, Schicht, Klasse eintreten. Laut Warren Buffett – das ist einer der reichsten Männer der Welt – befinden wir uns ja im Klassenkampf ((“Es herrscht Klassenkampf, meine Klasse gewinnt, aber das sollte sie nicht.”)), und da kann man sich mehr oder minder heimlich oder auch ganz offen wie z.B. der CDU-Abgeordnete Michael Fuchs als Präsident des Bundesverbandes des deutschen Groß- und Außenhandels für die Sieger in diesem Kampf einsetzen. Das ist normalerweise nicht ganz unprofitabel; so sind z.B. auch Rüstungsfirmen wie Rheinmetall zwar für den Iealisten ein Horror, aber gerade deshalb sehr spendabel. Das kannst du den SPD-Abgeordneten Johannes Kahrs fragen – jaja, Kahrs, den Burschenschaftler vom rechten Seeheimer Kreis, dem auch unser Finanzminister angehört.
Im Grunde geht es ja nur um eines im Leben: Kohle machen. Du wirst es schon noch schnell lernen. Wenn man aber so wie viele Politiker in Afrika oder Lateinamerika ganz offen nur die Vervielfachung seines Vermögens als einziges Ziel verfolgt, so gewinnt man damit keine Anhänger, dann muss man zur Gewalt greifen, man braucht Waffen und Soldaten. Man sollte es daher nicht an die große Glocke hängen, dass man sich nur für sich selbst interessiert.Im Gegenteil ist äußerste Vorsicht geboten, sonst kommt es ans Licht. Gerade jetzt erfährt man von der rechten Lega Nord in Italien: Es fehlen 49 Millionen aus der Parteikasse, und man weiß, dass die „Family“ – ein Ordner mit dieser Aufschrift fand sich im Safe des Schatzmeisters der Partei – des Vorsitzenden Umberto Bossi sie wie einen Bankomaten nutzte. Nun soll er ins Gefängnis. Papa Umberto war dabei gar nicht nur egoistisch, denn er sorgte ja für die ganze Familie. So bezahlte er u.a. immerhin 77 000 € aus der Parteikasse für die Urkunde eines erfolgreichen Betriebswirtschaftsstudiums seines Sohnes an einer albanischen Universität in Tirana, die dieser nie besucht hat. Dafür hätte er sich auch ein Kraftfahrzeug der gehobenen Klasse kaufen können. Es war aber ziemlich blöde, dass sein Chauffeur von alldem wusste und ihn deshalb anzeigen konnte.
– Hör auf! Ist schon gut! Ich werde doch einfach lieber Ronaldo. Da müssen mir alle den Ball geben, und ich muss ihn nur häufig ins Tor schießen. Ansonsten tue ich alles nur für Ronaldo, also mich. Abends mache ich es mir gemütlich, zähle mein Geld und überlege, wie ich es ausgeben kann. Und wenn ich den Verein wechseln will, dann wechsle ich den Verein, und zwar ganz offen. Und niemand verlangt von mir irgendeinen Standpunkt.[/htsP]

Kunstverständige BILD-Leser

Die BILD-Zeitung? Hoho! Unterschätzt mir nicht ihre Leser, nur weil sie häufig wie biedere Analphabeten aussehen. Es kann ja nicht jeder ein Markus Söder sein. Sie sind gebildet, und zwar universal! Und das bezieht – klar! – sich auf alles, alles Böse (den Trucker, der die Tramperin Sophia getötet haben soll), alles Runde (das makellose Hinterteil des Models Doutzen Krues (88-62-88) und alles Schöne (Intim-Waxing “Mein Anlass für eine erotische Verschönerung war der schnuckelige neue Nachbar mit den verwuschelten Haaren und dem Schlafzimmer-Blick.”)!
Sie interessieren sich daher nicht nur für Sophia Thomalla beim Nackt-Schach, sondern auch für – der Atem stockt – Kunst. Am schönsten wäre natürlich ein dreidimensionales Foto der nackten Schach-Sophia als Kunstobjekt, mit interesselosem Wohlgefallen betrachtet, und zwar gründlich (“jeder Zentimeter ein optischer Genuss“). Aber der BILD-Leser begnügt sich, wenn es sein muss, auch mit einem Kunstwerk, das nicht Sophia heißt, wenn es denn von einem echten Genie stammt, z.B. von Julian Schnabel („geniales Multitalent, als Künstler vertreten in den wichtigsten Museen der Welt“) . Das Genie, der Julian, hat – vermutlich mit nichts an, d.h. nur mit einem Malerkittel bekleidet, unter dem es aber absolut (!) nichts (weder Höschen noch BH) trug, ein Foto, das zwar nicht eine dreidimensionale Doutzen (88-62-88) oder Sophia, aber immerhin das Brandenburger Tor (20-65-11) (enthält Kranz aus sagenhaften 90 Eicheln!) mit jubelnder Menge am Tag der Wiedervereinigung zeigt, für alle BILD-Leser vaterländisch expressiv in ein fantastisches Rosa getaucht, die jubelnden Massen mit jubelnd leuchtendem Blau übermalt und dann sogar noch mit ca 25  Tupfern in der Lieblingsfarbe aller BILD-Leser, nämlich Himbeersahneeis, versehen. Als krönende Zugabe findet sich sowas wie ein riesenhafter Vogel, wohl so eine Art Phoenix, dieser in der sommerlich erfrischend anmutenden Farbe von Engelblaueis (mhmh!). Der farblose Himmel wird durchzogen von einigen erdbeereisroten Streifen, die wie riesige Scheinwerfer wirken und last, but not least von einem feuerwerkartig explodierenden grauen Wuselwasel. Mann!!  „Man spürt“, sagt der geniale Künstler, „dass da etwas Kosmisches passiert.“ Oh, jaaa! Kosmisch! Und das ist noch untertrieben. Dazu ein Titel, der in seinem Witz an Paul Klee erinnert: „Happy Thursday“.
So muss der kunstverständige BILD-Leser das Werk einfach lieben. (Sicherheitshalber haben wir trotzdem noch den ganz entzückenden runden Busen einer Nackt-Schach-Spielerin eingefügt.)

Wo das Denken ist

“Denn wo das Denken ist, kann nichts anderes stattfinden.” (Joseph Beuys)
Der Tyrann Geßler schenkt Wilhelm Tell das Leben, wenn dieser seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schießt.
Ja, was ist denn das? Was soll denn das nun schon wieder bedeuten? Wie muss ich das denn verstehen? Was hat sich der Schiller bloß dabei gedacht? Warum stellt Geßler dem Tell nicht die Aufgabe, auf dem vereisten Greyerzersee einen doppelten oder dreifachen Rittberger fehlerfrei und mit einer 6,0 für den künstlerischen Ausdruck hinzulegen? Oder wenn es unbedingt etwas sein soll, was Tells Sohn in Gefahr bringen soll, warum lässt er ihn nicht dessen linkes Ohrläppchen durchbohren, so dass er dort bei Erfolg einen großen modischen Ohrring mit dem Wappen Geßlers einhängen könnte?
Da kommt man ins Grübeln und kommt dann gar nicht wieder heraus aus dem Grübeln. Was sich der Künstler bloß dabei schon wieder gedacht hat, weiß man nicht, denn er hat es nicht dazugeschrieben. Und da man Schiller aufgrund seines Ablebens leider auch nicht mehr interviewen kann, hilft dem Forscher bei solchen schwierigen und zutiefst beunruhigenden Problemen einzig ein Blick in die Biographie, weil die nämlich sofort alles erklärt, was sonst ewig ein Rätsel bliebe. So würde der kunstaffine Grübler in diesem Fall erfahren, dass der Schiller ja in seiner Schreibtischschublade stets einen weich fauligen Apfel aufbewahrte, dessen Duft er einatmete. Und schon fällt es dem Forscher wie Schuppen von den Augen: Aha! Na, klar!
Bei Joseph Beuys ist es genauso.[htsP anchor_text = “Weiterlesen”] Woher diese ungewöhnliche Vorliebe für Filz und Fett? Nur wegen der Alliteration? Nein, das wäre zu kurz gedacht. Die Biographie erklärt wieder einmal alles.
Er war ja – so sagen alle – als Kampfflieger im Dienste des Führers bei der Eroberung des Ostens ebendort abgestürzt, und irgendwelche tatarischen Naturburschen haben ihn mit Filz und Fett vor dem Erfrieren gerettet. Aha! Na, klar! Da verstehen wir dann natürlich: seinen Kampf gegen den Rationalismus, seinen Hang zur Esoterik, seine Nähe zu Altnazis ((Karl Fastabend Boys Sekretär hatte für ihn in den 70er Jahren fast alle Texte formuliert, er war ein Nazi der ersten Stunde, SA-Mann, SS-Mann. Beuys Mitstreiter Johannes Stüttgen veröffentlichte nationalrevolutionäre Texte in einem rechtsextremen Verlag.)) und seine Kandidatur für eine mehr als nationalistische Partei, seine “Born” und “Boden” Rhetorik, seine Teilnahme – noch in den 70er Jahren – an Kameradschaftstreffen von Stuka-Fliegern. Der Absturz im Dienste des Gröfaz hat ihn tief erschüttert – im doppelten Sinne des Wortes. Ja, er hat ihn sogar, wie es sich für ein Genie gehört, nahe an den Wahnsinn gebracht, so dass er sich einbildete, er habe Naturwissenschaften studiert. Aber wie jeder sofort erkennt, war ihm dies natürlich völlig unmöglich. Es mag sein, dass er neidisch auf alle jene blickte, die über die Gabe des Denkens verfügten, aber die Naturwissenschaften waren für jemanden, der den Rationalismus bekämpft, ein kommunistisch rot leuchtendes Tuch.
Doch die Biographie verrät uns noch mehr: Seine unsanfte Landung verleitete ihn dazu, den Aufprall überall wiederzufinden: „Die abendländische Wissenschaft“, so sagt Beuys in seinem wunderbaren Deutsch, „hat es erbracht (…) sich an der Materie zu stoßen.“
Er machte aus der Not, nämlich den durch die Erschütterung verursachten dauerhaften Hirnschäden, eine Tugend und lehnte fortan Klarheit und zwingende Logik auch in der Verwendung wissenschaftlicher Begriffe ab. Da darf dann auch einmal das Kaninchen ein Hase sein, weil er gerne das geläufige Fruchtbarkeitssymbol „Hase“ als „Symbol für die Reinkarnation“ mit weiterem Tiefsinn versehen möchte und zur Begründung (ach, ach! weh!) – hier begibt er sich auf schwankenden Boden, in dem er dann auch ohne weiteres versinkt – anführt, dass der Hase ja in enger Verbindung mit dem Mutterboden stünde, weil er darin „Gänge und Höhlen“ bauen würde. Diese Begründung hat in Hasen- und Kaninchenkreisen für große Heiterkeit gesorgt.
Ob es sich bei dem Apfel auf dem Kopf des jungen Walter Tell um einen Boskoop oder einen leckeren Herbstprinzen handelte, ist nicht bekannt; auch über den Reifegrad des Apfels erfährt man nichts. Jedenfalls war es – so sagen die Quellen – ein weicher Apfel und keine weiche Birne.
Aber jeder Versuch, eine weiche Birne mit dem Pfeil scharfer Rationalität zu treffen und zu zerschneiden, endet zwangsläufig in einem abstoßenden bräunlichen Matsch.
Da wir mit Hilfe der Biographie erklären können, dass der junge Boys (hoho!) aufgrund seines Erlebnisses mit den menschenfreundlichen Tataren Filz und Fett lieben lernte, verstehen wir auch, dass er die Materialien für sich zum Symbol für sein Überleben und die Kraft der Natur erhob, auch wenn es natürlich demjenigen, der nicht von Tataren mit Hilfe von Filz und Fett gerettet (gefettet!!) wurde, eine solche Überhöhung dieser Materialien verständlicherweise etwas kurios vorkommen wird. Der Schamane Beuys  versucht nun dieser möglichen Skepsis dadurch zu begegnen, dass er (oh je! halt ein!) messerscharf analysiert : „Das Fett nimmt den Weg von einer chaotischen zerstreuten, energieungerichteten Form zu einer Form.“ Da Beuys – wir wollen ihn hier Wahnfried nennen –  mit der Vernunft auf dem Kriegsfuß stand, ist das natürlich Poésie pure. Gut, es kann ja sein, dass da so ein Fett „einen Weg nimmt“, wenn es flüssig ist. Kann sein. Mit Skepsis begegnen wir jedoch der Behauptung, dass sein Weg von einer speziellen Form zu einer unspeziellen Form führt. Vollends problematisch erscheint uns, dass das Fett wunderschön „energieungerichtet“ und auch zerstreut sein soll, gerade auch wenn wir nicht selbst zerstreut sind. Endlich kommt aber auch noch der große Auftritt des Fettes: „Dann tritt es auf in der berühmten Fettecke, die jetzt den menschlichen Körper in einer Gegend anschneidet, wo gewisse emotionale Kräfte zu Hause sind.“ Dass das Fett den menschlichen Körper anschneidet, und gar an einer Stelle, wo gewisse (?) emotionale Kräfte zu Hause (!) sind, die nun nicht nur zutiefst verletzt werden, sondern höchstwahrscheinlich auch noch ihr Zuhause verlieren werden, ist schon ganz schön erschütternd. Obwohl … das blutige Bild nachzuvollziehen erfordert eine mächtige Vorstellungskraft und ein schwaches, weil ungesundes Volksempfinden könnte es glattweg für Birnenmus halten. Aber Wahnfried Beuys sagt ja: „Da wo das Denken sich betätigt, bin ich nicht konfrontiert mit einer Sache.“ Sachlich ist eben etwas anderes. Sachlich mochte Beuys gar nicht.
Da sind übrigens noch so andere Sachen, die unseren heftigen Widerspruch herausfordern:
Beuys glaubt: „Der Mensch ist gar kein Erdenwesen.“ Hoppla! Naja.
Aber was um Himmels willen sollen wir davon halten, dass Beuys sagt: Der Mensch ist praktisch (!) ein Bienenschwarm“. Das kann man doch so nicht stehen lassen. Jedenfalls erkläre ich für mich: Ich bin praktisch gar  kein Bienenschwarm. Wirklich nicht.
Ob Beuys einer war, weiß ich nicht, aber
ich glaube, dass er nicht mal eine einzige Biene war und selbstverständlich auch kein Hase in irgendeinem unterirdischen Bauwerk.
Beuys meint auch, Sinn des Denkens sei es, „die Materie zu erweichen“. Ob ihm das wohl gelungen ist? Selbst bei Uri Geller war schließlich alles nur Trickserei.
Wenn Beuys allerdings lehrt, dass Fett und Honig Wärme und Kälte verkörpern bzw. das Chaotisch-Willensmäßige, die Polarität von Natur und Geist, dann heißt es endlich einmal zugeben: klare Sache! Genau! Und dem ist absolut nichts hinzuzufügen![/htsP]

Unwiderstehlich

Meist fragt man sich ja, warum man seine Zeit damit vergeuden soll, das gespreizte Blabla des Feuilletons zu lesen. Manchmal aber erhellt es Probleme, von denen man vielleicht gar nichts wusste. So fragt z.B. Joseph Haniman in der „Süddeutschen Zeitung“: „Warum nehmen die Franzosen den Streik der Eisenbahner so gelassen hin?“, und es ist das große Verdienst Joseph Hanimans und der „Süddeutschen“ das Problem nicht nur aufgezeigt, sondern auch gelöst zu haben. Denn Haniman stellt nicht nur die richtige Frage, als Connaisseur der französischen Seele weiß er auch die Antwort, eine Antwort, die es uns wie Schuppen von den Augen fallen lässt: „Weil der Lokführer eine heroische, unwiderstehliche Figur der französischen Kunst ist.“
Ach ja, die Franzosen und ihre Kunst.
Im Zusammenhang mit einer Buchrezension erfahren wir auch: “Viele Bücher tragen ein ,und’ im Titel. Lange wurde die Konjunktion wenig beachtet. Dabei könnte sie wichtiger kaum sein.” – “Die zunächst aberwitzig belanglos erscheinende Frage, welche besondere Bedeutung dem ,und’ in dem jeweiligen Werk zukommt, führt auf direktem Wege zum Verständnis des Werks.” Ein Beispiel ist Tolstois “Krieg und Frieden”: “Wer das ,und’ im Titel nicht versteht, kann auch das Buch nicht begreifen.” (Mit “Buch” ist hier der Roman gemeint.)
Das ist nur allzu wahr: Machen wir das Experiment und lassen das ,und’ weg, bleibt nur “Krieg Frieden”. Welche Entstellung! Oder noch schlimmer: Ersetzen wir das “und” durch ein “weder – noch”: Weder Krieg noch Frieden! Wie so ein banales Bindewort hier eine Verbindung zwischen Gegensätzen herstellt, das ist echt der Hammer”!

Von Piefern und Genies

Die deutsche Seele liebt das Genie, d.h. den gottähnlichen Schöpfergeist.
Ein Gott kann sich alles erlauben. Das weiß man schon von Zeus, der u.a. Hera vergewaltigt hat, indem er arglistig, so sagt es zumindest ein vertrauenswürdiger Zeuge, sich zunächst in ein verletztes Vögelchen verwandelt hatte, das Hera – ach, wie süß! – mitleidig auf den Schoß genommen hatte. Dort angekommen hatte sich jedoch Zeus blitzschnell vom Piepmatz wieder in seine gestählte männliche Gestalt zurückverwandelt und an der vor Überraschung starren Schwester (!) trotz deren Gegenwehr seine Lust gestillt. Auch dass er die Frauen als scheinbar friedlicher Schwan, muskelstrotzendes Rindvieh (!) oder in der Gestalt von deren Ehegatten verführte, wären an sich unverzeihliche Übeltaten, wenn sie nicht einen Super-Gott als Urheber gehabt hätten.
A propos Vergewaltigung: Der Regisseur Dieter Wedel hat nicht nur seine ihm unterstellten Mitarbeiter übel behandelt, sondern er soll sich auch beim Casting im Hotelzimmer von einem Vögelchen in einen Stier verwandelt und die eine oder andere Mitarbeiterin vergewaltigt haben. Übel! Köńnte man denken, aber da stellt sich nun natürlich zunächst einmal die Frage, ob er ein gottähnliches Genie ist oder nicht. Denn danach richtet sich das Urteil des schöngeistigen Deutschen.
Fassbender „hat sein Team gern (!) gequält“ ((Suzan Vahabzadeh Süddeutsche Zeitung 16.2.18)). Aber da er schwul war und deshalb keine Frauen vergewaltigen mochte und da er zudem selbstverständlich ein Genie war, verzeihen wir ihm alles.[htsP anchor_text = “Weiterlesen”]
Alexander Grokow ((Alexander Gorkow Süddeutsche Zeitung  3.2.18)) hält Wedel hingegen für den „Pontius Pilatus des deutschen Mehrteilerwesens“, also irgendwie für keinen Regiegott. ((Bloß nicht nachfragen, was er genau gemeint haben könnte – jedenfalls nichts Gutes! Grokow kennt anscheinend leider nur die populären Mehrteiler von ihm.)) Der Fall Wedel sei „im Wortsinne unheimlich interessant“, denn er spiele „nicht in Holywood oder in (!) einer Theaterbühne, wo mal wieder Grenzen ausgelotet werden, so dass der Intendant leider seine erste Schauspielerin vergewaltigen muss, weil er nicht weiß, wohin mit seinem Genie.“
Das ist dann zwar auch nicht schön vom Intendanten, aber irgendwie, irgendwo für Grokow doch auch wieder ein wenig verständlich? Aber leider sei Wedel nicht so ein irres Genie; er habe nämlich nur so getan. Das rächt sich nun: Er hätte natürlich auf gar keinen Fall vergewaltigen dürfen: „Es war eine spießige Welt damals, als Wedel seine Fernsehmehrteiler herstellte. Wedel gab das irre Genie und schuf keine große Kunst, sondern handelsübliche Kartonware, die zum Event aufgeblasen wurde.“ Der große Grokow – so wird er allgemein genannt – weiß Bescheid. Er erklärt auch in einer souveränen Abrechnung mit allen angeblichen Größen der Film- und vor allem der Fernsehbranche, wie es zu dem Missverständnis in Bezug auf Wedel kommen konnte: „Die deutsche Film- und Fernsehbranche muss (?) man sich als karg und übersichtlich vorstellen, sogar als strukturell so piefig, wie sie seit dem Untergang der Ufa und der Austreibung des Glamours durch die Nazis nun mal wurde und wesentlich immer noch ist.“
Ach ja, die guten alten Ufa-Zeiten unter Alfred Hugenberg! Welch ein Glanz! Da waren noch Genies für richtige Vergewaltigungen zuständig. Aber: kein Genie – kein Pardon! Außer Fassbender gab es leider fast gar keine Genies („Die paar genialen Jahre mit Fassbender … vergessen wir mal eben.“ Grokow) – und natürlich außer – hat er doch glatt vergessen, so dass wir ihn hier daran erinnern müssen – dem irren Genie Klaus Kinski, der immerhin seine Tochter laut deren Aussage missbraucht haben soll.
Das war was anderes als piefig!
Suzan Vazabadeh meint: „Ob nun widerwärtige Menschen bessere Filme machen, wie immer wieder in Diskussionen um die Abgründe der Genies behauptet wird, das lässt sich schwer sagen.“
Ach was, warum lange darum herumreden: Faustisch diabolisch und am Rande des Wahnsinns hat der Künstler zu sein. Armer Thomas Mann, armer Goethe, armer Heine, armer Lessing – alle piefig.[/htsP]