Wo das Denken ist

“Denn wo das Denken ist, kann nichts anderes stattfinden.” (Joseph Beuys)
Der Tyrann Geßler schenkt Wilhelm Tell das Leben, wenn dieser seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schießt.
Ja, was ist denn das? Was soll denn das nun schon wieder bedeuten? Wie muss ich das denn verstehen? Was hat sich der Schiller bloß dabei gedacht? Warum stellt Geßler dem Tell nicht die Aufgabe, auf dem vereisten Greyerzersee einen doppelten oder dreifachen Rittberger fehlerfrei und mit einer 6,0 für den künstlerischen Ausdruck hinzulegen? Oder wenn es unbedingt etwas sein soll, was Tells Sohn in Gefahr bringen soll, warum lässt er ihn nicht dessen linkes Ohrläppchen durchbohren, so dass er dort bei Erfolg einen großen modischen Ohrring mit dem Wappen Geßlers einhängen könnte?
Da kommt man ins Grübeln und kommt dann gar nicht wieder heraus aus dem Grübeln. Was sich der Künstler bloß dabei schon wieder gedacht hat, weiß man nicht, denn er hat es nicht dazugeschrieben. Und da man Schiller aufgrund seines Ablebens leider auch nicht mehr interviewen kann, hilft dem Forscher bei solchen schwierigen und zutiefst beunruhigenden Problemen einzig ein Blick in die Biographie, weil die nämlich sofort alles erklärt, was sonst ewig ein Rätsel bliebe. So würde der kunstaffine Grübler in diesem Fall erfahren, dass der Schiller ja in seiner Schreibtischschublade stets einen weich fauligen Apfel aufbewahrte, dessen Duft er einatmete. Und schon fällt es dem Forscher wie Schuppen von den Augen: Aha! Na, klar!
Bei Joseph Beuys ist es genauso.[htsP anchor_text = “Weiterlesen”] Woher diese ungewöhnliche Vorliebe für Filz und Fett? Nur wegen der Alliteration? Nein, das wäre zu kurz gedacht. Die Biographie erklärt wieder einmal alles.
Er war ja – so sagen alle – als Kampfflieger im Dienste des Führers bei der Eroberung des Ostens ebendort abgestürzt, und irgendwelche tatarischen Naturburschen haben ihn mit Filz und Fett vor dem Erfrieren gerettet. Aha! Na, klar! Da verstehen wir dann natürlich: seinen Kampf gegen den Rationalismus, seinen Hang zur Esoterik, seine Nähe zu Altnazis ((Karl Fastabend Boys Sekretär hatte für ihn in den 70er Jahren fast alle Texte formuliert, er war ein Nazi der ersten Stunde, SA-Mann, SS-Mann. Beuys Mitstreiter Johannes Stüttgen veröffentlichte nationalrevolutionäre Texte in einem rechtsextremen Verlag.)) und seine Kandidatur für eine mehr als nationalistische Partei, seine “Born” und “Boden” Rhetorik, seine Teilnahme – noch in den 70er Jahren – an Kameradschaftstreffen von Stuka-Fliegern. Der Absturz im Dienste des Gröfaz hat ihn tief erschüttert – im doppelten Sinne des Wortes. Ja, er hat ihn sogar, wie es sich für ein Genie gehört, nahe an den Wahnsinn gebracht, so dass er sich einbildete, er habe Naturwissenschaften studiert. Aber wie jeder sofort erkennt, war ihm dies natürlich völlig unmöglich. Es mag sein, dass er neidisch auf alle jene blickte, die über die Gabe des Denkens verfügten, aber die Naturwissenschaften waren für jemanden, der den Rationalismus bekämpft, ein kommunistisch rot leuchtendes Tuch.
Doch die Biographie verrät uns noch mehr: Seine unsanfte Landung verleitete ihn dazu, den Aufprall überall wiederzufinden: „Die abendländische Wissenschaft“, so sagt Beuys in seinem wunderbaren Deutsch, „hat es erbracht (…) sich an der Materie zu stoßen.“
Er machte aus der Not, nämlich den durch die Erschütterung verursachten dauerhaften Hirnschäden, eine Tugend und lehnte fortan Klarheit und zwingende Logik auch in der Verwendung wissenschaftlicher Begriffe ab. Da darf dann auch einmal das Kaninchen ein Hase sein, weil er gerne das geläufige Fruchtbarkeitssymbol „Hase“ als „Symbol für die Reinkarnation“ mit weiterem Tiefsinn versehen möchte und zur Begründung (ach, ach! weh!) – hier begibt er sich auf schwankenden Boden, in dem er dann auch ohne weiteres versinkt – anführt, dass der Hase ja in enger Verbindung mit dem Mutterboden stünde, weil er darin „Gänge und Höhlen“ bauen würde. Diese Begründung hat in Hasen- und Kaninchenkreisen für große Heiterkeit gesorgt.
Ob es sich bei dem Apfel auf dem Kopf des jungen Walter Tell um einen Boskoop oder einen leckeren Herbstprinzen handelte, ist nicht bekannt; auch über den Reifegrad des Apfels erfährt man nichts. Jedenfalls war es – so sagen die Quellen – ein weicher Apfel und keine weiche Birne.
Aber jeder Versuch, eine weiche Birne mit dem Pfeil scharfer Rationalität zu treffen und zu zerschneiden, endet zwangsläufig in einem abstoßenden bräunlichen Matsch.
Da wir mit Hilfe der Biographie erklären können, dass der junge Boys (hoho!) aufgrund seines Erlebnisses mit den menschenfreundlichen Tataren Filz und Fett lieben lernte, verstehen wir auch, dass er die Materialien für sich zum Symbol für sein Überleben und die Kraft der Natur erhob, auch wenn es natürlich demjenigen, der nicht von Tataren mit Hilfe von Filz und Fett gerettet (gefettet!!) wurde, eine solche Überhöhung dieser Materialien verständlicherweise etwas kurios vorkommen wird. Der Schamane Beuys  versucht nun dieser möglichen Skepsis dadurch zu begegnen, dass er (oh je! halt ein!) messerscharf analysiert : „Das Fett nimmt den Weg von einer chaotischen zerstreuten, energieungerichteten Form zu einer Form.“ Da Beuys – wir wollen ihn hier Wahnfried nennen –  mit der Vernunft auf dem Kriegsfuß stand, ist das natürlich Poésie pure. Gut, es kann ja sein, dass da so ein Fett „einen Weg nimmt“, wenn es flüssig ist. Kann sein. Mit Skepsis begegnen wir jedoch der Behauptung, dass sein Weg von einer speziellen Form zu einer unspeziellen Form führt. Vollends problematisch erscheint uns, dass das Fett wunderschön „energieungerichtet“ und auch zerstreut sein soll, gerade auch wenn wir nicht selbst zerstreut sind. Endlich kommt aber auch noch der große Auftritt des Fettes: „Dann tritt es auf in der berühmten Fettecke, die jetzt den menschlichen Körper in einer Gegend anschneidet, wo gewisse emotionale Kräfte zu Hause sind.“ Dass das Fett den menschlichen Körper anschneidet, und gar an einer Stelle, wo gewisse (?) emotionale Kräfte zu Hause (!) sind, die nun nicht nur zutiefst verletzt werden, sondern höchstwahrscheinlich auch noch ihr Zuhause verlieren werden, ist schon ganz schön erschütternd. Obwohl … das blutige Bild nachzuvollziehen erfordert eine mächtige Vorstellungskraft und ein schwaches, weil ungesundes Volksempfinden könnte es glattweg für Birnenmus halten. Aber Wahnfried Beuys sagt ja: „Da wo das Denken sich betätigt, bin ich nicht konfrontiert mit einer Sache.“ Sachlich ist eben etwas anderes. Sachlich mochte Beuys gar nicht.
Da sind übrigens noch so andere Sachen, die unseren heftigen Widerspruch herausfordern:
Beuys glaubt: „Der Mensch ist gar kein Erdenwesen.“ Hoppla! Naja.
Aber was um Himmels willen sollen wir davon halten, dass Beuys sagt: Der Mensch ist praktisch (!) ein Bienenschwarm“. Das kann man doch so nicht stehen lassen. Jedenfalls erkläre ich für mich: Ich bin praktisch gar  kein Bienenschwarm. Wirklich nicht.
Ob Beuys einer war, weiß ich nicht, aber
ich glaube, dass er nicht mal eine einzige Biene war und selbstverständlich auch kein Hase in irgendeinem unterirdischen Bauwerk.
Beuys meint auch, Sinn des Denkens sei es, „die Materie zu erweichen“. Ob ihm das wohl gelungen ist? Selbst bei Uri Geller war schließlich alles nur Trickserei.
Wenn Beuys allerdings lehrt, dass Fett und Honig Wärme und Kälte verkörpern bzw. das Chaotisch-Willensmäßige, die Polarität von Natur und Geist, dann heißt es endlich einmal zugeben: klare Sache! Genau! Und dem ist absolut nichts hinzuzufügen![/htsP]

Unwiderstehlich

Meist fragt man sich ja, warum man seine Zeit damit vergeuden soll, das gespreizte Blabla des Feuilletons zu lesen. Manchmal aber erhellt es Probleme, von denen man vielleicht gar nichts wusste. So fragt z.B. Joseph Haniman in der „Süddeutschen Zeitung“: „Warum nehmen die Franzosen den Streik der Eisenbahner so gelassen hin?“, und es ist das große Verdienst Joseph Hanimans und der „Süddeutschen“ das Problem nicht nur aufgezeigt, sondern auch gelöst zu haben. Denn Haniman stellt nicht nur die richtige Frage, als Connaisseur der französischen Seele weiß er auch die Antwort, eine Antwort, die es uns wie Schuppen von den Augen fallen lässt: „Weil der Lokführer eine heroische, unwiderstehliche Figur der französischen Kunst ist.“
Ach ja, die Franzosen und ihre Kunst.
Im Zusammenhang mit einer Buchrezension erfahren wir auch: “Viele Bücher tragen ein ,und’ im Titel. Lange wurde die Konjunktion wenig beachtet. Dabei könnte sie wichtiger kaum sein.” – “Die zunächst aberwitzig belanglos erscheinende Frage, welche besondere Bedeutung dem ,und’ in dem jeweiligen Werk zukommt, führt auf direktem Wege zum Verständnis des Werks.” Ein Beispiel ist Tolstois “Krieg und Frieden”: “Wer das ,und’ im Titel nicht versteht, kann auch das Buch nicht begreifen.” (Mit “Buch” ist hier der Roman gemeint.)
Das ist nur allzu wahr: Machen wir das Experiment und lassen das ,und’ weg, bleibt nur “Krieg Frieden”. Welche Entstellung! Oder noch schlimmer: Ersetzen wir das “und” durch ein “weder – noch”: Weder Krieg noch Frieden! Wie so ein banales Bindewort hier eine Verbindung zwischen Gegensätzen herstellt, das ist echt der Hammer”!

Von Piefern und Genies

Die deutsche Seele liebt das Genie, d.h. den gottähnlichen Schöpfergeist.
Ein Gott kann sich alles erlauben. Das weiß man schon von Zeus, der u.a. Hera vergewaltigt hat, indem er arglistig, so sagt es zumindest ein vertrauenswürdiger Zeuge, sich zunächst in ein verletztes Vögelchen verwandelt hatte, das Hera – ach, wie süß! – mitleidig auf den Schoß genommen hatte. Dort angekommen hatte sich jedoch Zeus blitzschnell vom Piepmatz wieder in seine gestählte männliche Gestalt zurückverwandelt und an der vor Überraschung starren Schwester (!) trotz deren Gegenwehr seine Lust gestillt. Auch dass er die Frauen als scheinbar friedlicher Schwan, muskelstrotzendes Rindvieh (!) oder in der Gestalt von deren Ehegatten verführte, wären an sich unverzeihliche Übeltaten, wenn sie nicht einen Super-Gott als Urheber gehabt hätten.
A propos Vergewaltigung: Der Regisseur Dieter Wedel hat nicht nur seine ihm unterstellten Mitarbeiter übel behandelt, sondern er soll sich auch beim Casting im Hotelzimmer von einem Vögelchen in einen Stier verwandelt und die eine oder andere Mitarbeiterin vergewaltigt haben. Übel! Köńnte man denken, aber da stellt sich nun natürlich zunächst einmal die Frage, ob er ein gottähnliches Genie ist oder nicht. Denn danach richtet sich das Urteil des schöngeistigen Deutschen.
Fassbender „hat sein Team gern (!) gequält“ ((Suzan Vahabzadeh Süddeutsche Zeitung 16.2.18)). Aber da er schwul war und deshalb keine Frauen vergewaltigen mochte und da er zudem selbstverständlich ein Genie war, verzeihen wir ihm alles.[htsP anchor_text = “Weiterlesen”]
Alexander Grokow ((Alexander Gorkow Süddeutsche Zeitung  3.2.18)) hält Wedel hingegen für den „Pontius Pilatus des deutschen Mehrteilerwesens“, also irgendwie für keinen Regiegott. ((Bloß nicht nachfragen, was er genau gemeint haben könnte – jedenfalls nichts Gutes! Grokow kennt anscheinend leider nur die populären Mehrteiler von ihm.)) Der Fall Wedel sei „im Wortsinne unheimlich interessant“, denn er spiele „nicht in Holywood oder in (!) einer Theaterbühne, wo mal wieder Grenzen ausgelotet werden, so dass der Intendant leider seine erste Schauspielerin vergewaltigen muss, weil er nicht weiß, wohin mit seinem Genie.“
Das ist dann zwar auch nicht schön vom Intendanten, aber irgendwie, irgendwo für Grokow doch auch wieder ein wenig verständlich? Aber leider sei Wedel nicht so ein irres Genie; er habe nämlich nur so getan. Das rächt sich nun: Er hätte natürlich auf gar keinen Fall vergewaltigen dürfen: „Es war eine spießige Welt damals, als Wedel seine Fernsehmehrteiler herstellte. Wedel gab das irre Genie und schuf keine große Kunst, sondern handelsübliche Kartonware, die zum Event aufgeblasen wurde.“ Der große Grokow – so wird er allgemein genannt – weiß Bescheid. Er erklärt auch in einer souveränen Abrechnung mit allen angeblichen Größen der Film- und vor allem der Fernsehbranche, wie es zu dem Missverständnis in Bezug auf Wedel kommen konnte: „Die deutsche Film- und Fernsehbranche muss (?) man sich als karg und übersichtlich vorstellen, sogar als strukturell so piefig, wie sie seit dem Untergang der Ufa und der Austreibung des Glamours durch die Nazis nun mal wurde und wesentlich immer noch ist.“
Ach ja, die guten alten Ufa-Zeiten unter Alfred Hugenberg! Welch ein Glanz! Da waren noch Genies für richtige Vergewaltigungen zuständig. Aber: kein Genie – kein Pardon! Außer Fassbender gab es leider fast gar keine Genies („Die paar genialen Jahre mit Fassbender … vergessen wir mal eben.“ Grokow) – und natürlich außer – hat er doch glatt vergessen, so dass wir ihn hier daran erinnern müssen – dem irren Genie Klaus Kinski, der immerhin seine Tochter laut deren Aussage missbraucht haben soll.
Das war was anderes als piefig!
Suzan Vazabadeh meint: „Ob nun widerwärtige Menschen bessere Filme machen, wie immer wieder in Diskussionen um die Abgründe der Genies behauptet wird, das lässt sich schwer sagen.“
Ach was, warum lange darum herumreden: Faustisch diabolisch und am Rande des Wahnsinns hat der Künstler zu sein. Armer Thomas Mann, armer Goethe, armer Heine, armer Lessing – alle piefig.[/htsP]

Dieser Nuhr, der hat vielleicht Humuhr!

Die Bundesrepublik ist „ein Land, in dem wir gut und gerne leben“. Warum also sind die Menschen „übel gelaunt“?
Das fragt sich der Träger der Wolfgang-Schäuble-Verdienst-Medaille für extreme Witzigkeit im Dienste der Bundesregierung, Dieter Nuhr, in seinem Jahresrückblick in der ARD. Er gilt als Kabarettist, obwohl Satire zwar alles darf, aber nicht den Mainstream verherrlichen.
Nuhr meint, die üble Laune könne nur am Wetter liegen, denn neunzig Prozent der Bevölkerung in der BRD sagen von sich, dass es ihnen gut oder sehr gut gehe. Und der wirtschaftsweise Komiker behauptet, dass ihr Gefühl nur allzu berechtigt sei, weil es In Deutschland alles für alle gebe, Bildung, Nahrung, Wohnung – eben alles; und die an sich schon geringe Arbeitslosigkeit werde zukünftig noch weiter zurückgehen.
Er sieht also nicht den geringsten Grund zum Nörgeln. Vielmehr lässt er sein Publikum abheben in einem bunten Heißluftballon, denn “über den Wolken sagt man alle Ängste, alle Sorgen blieben darunter verborgen”. Im Traumschiff ergreift das Publikum, das sich ohnehin beschwert über die vielen schlechten Nachrichten in den Informationssendungen, dann ein rauschhaftes Glücksgefühls. Tralali, tralala! Man muss nur das Negative ausblenden: Dass in Deutschland die 45 reichsten Haushalte 214 Milliarden besitzen, d.h. ebensoviel wie 50 Prozent aller Deutschen (DIW) oder zehn Prozent der Reichsten sechzig Prozent des gesamten Vermögens der Bundesrepublik (EZB) besitzen, Dass die Hälfte dieser Vermögen nur ererbt ist. Dass zunehmend die Oberschicht nicht mehr von Arbeit lebt, sondern von Einkünften aus Geldanlagen und dass ihre Vermögen ungebremst wachsen, weil Helmut Kohl die Vermögenssteuer abgeschafft hat und der Spitzensteuersatz gesenkt wurde. Sie lebt tatsächlich “gut und gerne” in diesem Land. Warum auch nicht?[htsP anchor_text = “Weiterlesen”] Mit dem überströmenden Reichtum kauft sie hierzulande wie anderswo die öffentliche Meinung. Die Reallöhne dagegen stagnieren. “Fast jeder zweite Arbeitnehmer verdient heute unterm Strich nicht mehr als vor 20 Jahren.” ((Alexander Hagelüken SZ 27.1.18)) In Umfragen wollen viele zur Mittelschicht gehören, obwohl sie es schon nicht mehr sind. “Die Mitte schrumpft, nach manchen Studien stellt sie nicht mehr die Mehrheit.” ((ebd.)) Und viele mögen in Umfragen nicht zugeben, dass sie schon lange nicht mehr “gut leben”. Denn für Unter- und Mittelschicht ist es wie beim Monopoly-Spiel: Irgendwann kann man nicht mehr gewinnen. Die Lage erscheint hoffnungslos. Die Gesellschaft wird refeudalisiert. Die Realität lässt sich nicht ganz verdrängen; die Wolken verdecken sie ja nur. Dass Nuhr sich einfach sauwohl fühlt, ist allerdings verständlich, da viel Geld in die Unterhaltungs- oder Ablenkungsindustrie investiert wird und Nuhr, aller materiellen Sorgen frei, die Gefühle der Oberschicht teilen kann.
Angesichts dieser in seiner Sicht grenzenlos paradiesischen Zustände wundert es Nuhr , dass extreme Parteien „am Rand“, also tatsächlich nicht die CSU oder die FDP oder die CDU, so viele Stimmen erhalten haben. Als Träger der der Wolfgang-Schäuble-Verdienst-Medaille ist es ihm allerdings untersagt, sich über die angesichts der oben angeführten und freudig ignorierten Zahlen erstaunliche Tatsache zu wundern, dass andererseits die Regierung soviel Zustimmung erhalten hat und nicht eine linke Partei.
Dabei könnte er aus der Erklärung doch einen tollen Gag machen: Die Unterschicht ist zu dick – weil sie sich von Junk-Food ernährt. Da fällt es schwer, auf die Straße zu gehen und gegen den sozialen Abstieg zu demonstrieren. Selbst die Wahlkabine ist vielen zu weit. Und eine Partei zu wählen, die ihre Interessen vertritt, das geht ja gar nicht, denn dann wäre man ja Kommunist oder sowas wie die SPD, als es die noch gab, oder gar wie die Ludwig Erhard Partei der 50er Jahre. Man sieht die Zuhörer sich die Schenkel schlagen vor lauter Lustigkeit.
Und außerdem sehnt sich die brave Unterschicht ja so sehr danach, dazu zu gehören, so zu leben wie die, von denen man in der „Bunten“ liest, z.B. wie Günzel Graf von Müllhausen-Zotterburg und seine bezaubernde Gattin, Edelgard. Nein, haha, sie haben ihr Hirn in die Kartoffelsuppe gerührt. Statt fordernd nach oben schaut man lieber argwöhnisch nach unten: Gibt es unter den Armen welche, die einen vom vorletzten auf den letzten Rang in der sozialen Hierarchie herunterziehen könnten? Aufpassen muss man nicht auf die da oben, auch wenn sie einem die ganze Steuerlast aufbürden – das sind ja keine Konkurrenten – , sondern auf die da unten. Und wenn einige dann doch aktiv werden, dann brüllen sie Parolen von Pegida, AfD, Front national usw. Was für eine Pointe! Man lacht bis zum Erstickungsanfall!
Und die Mittelschicht, zu der angeblich 64 Prozent der Bevölkerung zählen, die aber ständig abnimmt, weil in den letzten Jahren Millionen (6 Prozent) zu den Armen abgesunken sind? Auch sie leidet unter sinkenden oder stagnierenden Reallöhnen, während das große Geld sich weiter ungehindert vermehrt. Ulrike Hermann, Wirtschaftsjournalistin der taz, meint, dass die Mittelschichtler womöglich auf die Barrikaden gehen würden, wenn sie wüssten, wie sich der Reichtum dank der Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte ausschließlich weiter bei den Superreichen konzentriert, während es immer mehr von ihnen schlecht geht. Der vornehme Superreiche protzt ja nicht damit, sondern ist sehr diskret, wenn es um sein Vermögen geht. (Dass er seine Wohnstatt, durch Säulen und steinerne Löwen verziert und so in eine Art feudalen Palast zu verwandeln sucht, steht auf einem anderen Blatt.) Aber wir sind Europameister – im Bereich Vermögensungleichheit. So fordern die Kirchen, im Gegensatz zu den christlichen Parteien, eine sozialpolitische Inventur. Oha, muss man vielleicht Angst haben, dass die Mittelschicht etwa böse werden könnte, wenn sie sich dessen bewusst würde, dass sich die Oberschicht auf ihre Kosten bereichert, oder weiter FDP wählen und auf eine Einladung zu den großartigen Gartenparties beim Grafen von Müllhausen-Zotterburg hoffen, bei denen Geld keine Rolle spielt und wo gepflegte Hecken das Gelände vor dem Anblick drohender Armut schützen? Nein, das ist wie beim Lottospielen: Wollte man die Hoffnung auf den Jackpot aufgeben, dann wäre das Leben öd und leer. Aber ganz verdrängen können auch sie die Tatsachen nicht, und so teilt auch die sogenannte bürgerliche Mitte, d.h. Menschen mittlerer Bildung, Facharbeitern und Angestellten mit Lehre, die halbbewussten Abstiegsängste : AfD und Nichtwähler machen hier 40 Prozent aus.
Unbeschwert und gut gelaunt dagegen genießen es hingegen nur die Dagobert Ducks, im Geld zu schwimmen. Sie müssen nichts verdrängen, denn Gefühle können sie sich ohnehin nicht leisten. Wo käme man da womöglich hin?! Die angeblich unrentable Produktion von Gasturbinen ,zwingt’ Siemens zwar zur Schließung der Werke in Görlitz, kann aber plötzlich wieder wunderbar rentabel sein, wenn sie in Trumps (“Glückwunsch, Herr Trump, zu dieser grandiosen Steuerreform!”) USA zieht. Und wenn man Joe Dagobert Kaeser und Konsorten den Satz vorhält: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, dann antworten sie kurz angebunden und ordinär: „Von wem kommt denn schon wieder so eine Scheiße?! Wenn das wahr wäre, dann müsste ja unsere Regierung etwas davon wissen! Schwachsinn!“
Nuhr, der Regierungsclown, sieht es auch als „Bullshit“ an, dass die Menschen an Feinstaub und Stickoxyd sterben. Er habe, so meint er witzig, noch nicht röchelnde Menschen durch unsere Straßen kriechen und verenden gesehen. Ja, er glaubt eine Verschwörung am Werk: Die Behauptungen über die Schädlichkeit der von Diesel-Autos hervorgerufenen Luftverschmutzung seien ein „Geschäftsmodell“ der deutschen „Umwelthilfe“, denn einer ihrer Spender sei Toyota, weil Toyota keine Dieselfahrzeuge produziere. Und als hätte er zwei Identitäten, ruft Nuhr als Mr Hyde, alias Matthias Wissmann, ehemaliger CDU-Vewrkehrsminister und dann Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA): Sind wir wirklich alle durch Abgas und Feinstaub vom Tode bedroht? Und: Muss man die Autoindustrie gleich vernichten? Wir leben doch auch von der Autoindustrie!
Hohoho, lachen da alle SUV-Besitzer im Saal, und hoffen als Aktionäre von Rheinmetall auf Nuhrs nächste Pointe: vielleicht eine – wieder sehr ulkige – Ehrenrettung der Rüstungsindustrie? Wegen der Arbeitsplätze!
Die Sorgen um die Luftverschmutzung – ist eben alles nur Quatsch! Der Politclown macht das am Beispiel der Kreuzfahrtschiffe deutlich: Die sollen als große Luftverschmutzer künftig mit Gas betrieben werden. Ha, fragt der schlaue Witzbold, und alle im Saal lachen sich schief: Woher kriegen die Schiffe auf dem Meer denn ihr Gas? Da müssen ja wohl immer von Diesel getriebene Schiffe hinter ihnen herfahren, um sie mit Gas zu versorgen! Die Leute lachen Tränen über so einen Irrsinn und freuen sich dann erschöpft, dass es wenigstens einen ganz Schlauen gibt, nämlich diesen Nuhr.
Allein der Herr in der 15. Reihe links auf Platz 452 fragt sich, ob eigentlich hinter den Diesel getriebenen Schiffen auch Diesel getriebene Schiffe herfahren müssen, um sie mit Diesel zu versorgen.
Aber so erreicht Nuhr den “kleinen” Mann, der, wie jeder Politiker weiß, schlauer ist, als man denkt. Hatte nicht Trump L. Donald, ein anderer Politclown, einen Schneeball in der Hand gehalten und gefragt: Wo bitte ist der Klimawandel?
Und so macht Nuhr immer weiter: Die Kriege auf der arabischen Halbinsel seien „arabische Folklore“. Ob er wohl auch den Hunger in Afrika als Folklore sieht? Und Polizisten, hat Nuhr erkannt, seien auch nur Menschen, und daher müsse man sie voller Verständnis in die Arme schließen, wenn einige in ihrer Wut beim G20-Gipfel wild drauflos geprügelt hätten. Wer sich darüber aufrege, sei „bekloppt“. Nuhrs Menschenverachtung bezieht sich eben nur auf Teile der Menschheit. Die im Auditorium sind davon nicht betroffen, und deshalb lachen sie vergnügt.
Und auch zu „Metoo“ lässt er den Stammtisch sprechen: Heutzutage sei es ja schon schlimm, eine Frau auch nur anzusehen. Man müsse Angst vor Verfolgung haben, wenn man einer Frau helfe, ihr Gepäck aus dem Zug zu befördern.
Dazu passt dann auch, wenn Nuhr die Untätigkeit der Bundesregierung gegenüber Erdogan kritisiert und ihr das Vorbild USA entgegen hält, weil Trump allen Türken einfach keine Visa mehr erteilt hatte, als in der Türkei ein Mitarbeiter ihres Konsulats festgenommen worden war. Hat hier vielleicht doch ausnahmsweise das ansonsten so unsinnige Schimpfwort „Populismus“ einen Sinn?
Aber auch wenn der Kabarettist auf klebrig niederem Niveau haften bleibt, erheben den Comedian doch seine Scherze zu einem Mario Barth oder Chris Tall, also einem echten Komik-Watzmann, wenn er zum Beispiel die mangelnde Sauberkeit der Damentoiletten folgendermaßen erklärt: Die Frauen wüssten nicht, dass “im Stehen nicht ihr Ding” sei, kletterten mit ihren Schuhen auf dem Porzellan rum, verkanteten sich in der Kabine, dann lassen sie’s laufen – wie so ne verkalkte Brause geht es so oder ein außer Kontrolle geratener Feuerwehrschlauch.
Schenkelklatschen, Juchzen! Der hat vielleicht Humor!
(Wer es nicht glaubt, kann die “Kabarettsatire” bisher hier noch weiter genießen: http://www.ardmediathek.de/tv/NUHR-im-Ersten-Der-Satiregipfel/Nuhr-2017-Der-Jahresr%C3%BCckblick/Das-Erste/Video?bcastId=1858312&documentId=48638850)[/htsP]

Kunstfälscher sind böse

Gerhard Richter, „der als bedeutendster lebender Maler gilt“ ((SZ 30.12.17)) , fabriziert gelegentlich auch mal Stahlkugeln und macht sie dadurch, dass er sie als seine Werke zu erkennen gibt, zu Kunst.
„Oh“, sagte verzückt Frau Ames zu Herrn Ames. als es bei Sotheby’s eine glänzend polierte Kugel aus Edelstahl zu kaufen gab, „oh, die ist aber schön! So völlig rund und so schön glänzend poliert und ganz aus Stahl! Wie das dieser geniale Richter wieder hingekriegt hat! Donnerwetter!“ Und Herr und Frau Ames kauften „ein Exemplar des Multiples ,Kugel 1′ von 1989“ für 35000 Dollar. Aber es war „gar kein Kunstwerk, sondern einfach nur eine Stahlkugel aus einem Kugellager, wie es in der Industrie Verwendung findet.“ „Der Experte hat sie gewogen, und sie war leichter und etwas kleiner als das Original. Außerdem waren nicht Name, Datum und Nummer eingraviert.“ ((ebd.)) (Er hatte sich eigens für diesen Zweck eine Waage besorgt.) „Scheiße!“ rief da Frau Ames ganz gegen ihre sonst sehr gehobene Redeweise. Und auch Herr Ames fand die Kugel plötzlich gar nicht mehr schön, obwohl es immer noch dieselbe war, rund, stählern und glänzend poliert – und voll mystischer Ausstrahlung.
Uns allen tun die Kunstfreunde Ames Leid, denn sie waren selbstverständlich am Boden zerstört – wegen der 35000 Dollar, aber auch sonst.
Der Kunstexperte meint dazu: „Aus guten Gründern sind Sammler zuweilen unsicher, ob die teuer erstandenen Grafik, die kleine Abstraktion oder die Stahlkugel ihren Preis wert sind.“
Ach, lieber Herr Kunstexperte, was meinen Sie mit „ihren Preis wert“? Ist der Wert mit dem Kaufpreis identisch? Aber dieser ändert sich doch! Oder ist es die Aura, die ein Werk eines göttlichen Genies oder von dem eines gewöhnlichen Menschen unterscheidet? Aber dann müsste man doch die Fälschung als solche sofort erkennen!
Was lässt den Kunstfreund den Wert des Werkes in Zweifel ziehen, wenn das gefälschte Werk doch genauso aussieht wie das von Gerhard Richter?!
Wir erfahren: Besonders beliebt sind bei den Fälschern abstrakte Werke in der Art Richters, also nicht Kopien, sondern nachempfundene Originale. „Abstrakte Bilder werden von den Fälschern bevorzugt, weil sie vermeintlich leicht zu produzieren sind.“
Vermeintlich! Weil ihnen ja die Aura fehlt?
So ging ein abstraktes, graues Ölgemälde – raffiniert mit der Widmung „Für Armin (K20)“ versehen – glatt für einen Richter durch. Bis der vermutete Adressat der Widmung versicherte, ein solches Gemälde nicht zu kennen.
Da wollte der Kunstfreund es nicht mehr haben. Er hatte diese grauen Striche und Linien so bewundert: herrlich! Aber was für eine abgefeimte Höllengeburt muss es gewesen sein, die so schöne graue Linien und Striche, in überwältigender Anordnung und Menge kombiniert, auf die Leinwand geworfen hat, und dann hieß die Höllengeburt aber gar nicht Gerhard Richter!
Jetzt kann der Kunstfreund das schöne Gemälde nur noch – blutenden Herzens? – auf den Müll werfen.
In dringenden Fällen kann man sich aber auch an Richter selbst wenden, der dann bestätigen kann, dass er das Bild nicht gemalt habe.