Blutdurst und Camembert

Erdogan ist sehr, sehr sensibel. Kritik löst bei ihm Jähzorn aus. Dann stampft er heftig mit dem rechten Bein auf, bringt seine Frisur durcheinander, indem er sich die Haare rauft, so dass er aussieht wie Boris Johnson, sieht Sterne und brüllt schmutzige Fünfbuchstabenwörter, so dass seine Gattin Emine in seinem Palast heftig am goldverzierten Band der Glocke zieht, um einen seiner Hofärzte herbeizurufen, der für Haare und seelische Gesundheit zuständig ist (dreimal läuten, Pause, zweimal läuten). Solche Empfindlichkeit findet sich oft bei Menschen, die nur von Hofschranzen umgeben sind und zu denen schon die Mama einst immer wieder gesagt hat, dass sie das schönste und klügste Kind der ganzen Welt seien und ob sie noch einen Bonbon möchten.

Das hätte Frankreichs Präsident wissen müssen, als er geäußert hat, der Islam stecke weltweit in einer Krise. Wahrscheinlich dachte Macron, dass der Islam sich ja früher durchaus sehr tolerant gezeigt habe. Erdogan, der sich immer häufiger mit dem Propheten verwechselt und daher Karikaturen von sich verabscheut, reagierte darauf natürlich zutiefst erzürnt, und da er nicht mit Macron raufen konnte, musste er ihn beschimpfen. Er hat da auch eine Reihe schmutziger Fünfbuchstabenwörter zur Verfügung, aber seine Frau Emine versucht dann, ihn ein wenig zu besänftigen („Aber teurer Sultan Recep Tayyip, mächtiger Herrscher des osmanischen Weltreiches, gefürchtet nah und fern, so beruhige dich doch!“), bevor er ganz außer sich ist. Manchmal gelingt es.

Auch diesmal hatte sie einen kleinen Erfolg.
Ein wenig ruhiger hat er daher auf die Kritik mit dem Ratschlag reagiert, dass sich Macron in der Psychatrie dringendst auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen sollte. Der Ratschlag rührte aber keineswegs, wie ein naiver Beobachter meinen könnte, aus der Sorge um einen guten Freund her. Sorge um andere ist Erdogan fremd. Erdogan musste sich aber – wenigstens verbal – abreagieren, sonst hätte er heulen müssen und vielleicht mit seinem großen Bruder drohen, der Mohamed Ali heiße, aber nicht wie Mohamed aussehe und eigentlich auch nicht wie Ali. (Der Mohamed Ali lebt ohnehin auch gar nicht mehr.)
Dann hat er überlegt, wie er sich an diesem üblen französischen Präsidenten noch weiter rächen könnte: Ihm etwas wegnehmen und es verstecken oder es ihm ganz beschmutzt zurückgeben? Der Brigitte, Macrons Frau, in den Po kneifen und so tun, als wäre er es nicht gewesen? Das alles kam kaum auch deswegen in Frage, weil der Macron ja so weit weg wohnt und er die Gelegenheit erst beim nächsten Staatsbesuch hätte.
Daher entschied er, den französischen Präsidenten und alle seine Landsleute dadurch zu bestrafen, dass alle Anhänger des Islams – zumindest in der Türkei – ab sofort keinen französischen Käse mehr essen dürfen. Das, fand er, sei doch eine geniale Idee. (Sie sollten auch nicht mehr in französischen Pfannen braten uäm.)
An der Genialität dieser Idee gibt es aber Zweifel, weil nämlich die meisten Moslems, besonders die, die nie ohne Messer und Bombe aus dem Haus gehen, keine großen Genießer sein sollen und ohnehin nur den langweiligen, bei Kindern wegen des lustigen Bildes auf der Packung beliebten Schmelzkäse „La vache qui rit“ gegessen haben. Denn wen nach Blut dürstet, verzichtet gern auf ein Glas Roten mit einem Stück zart auf der Zunge zerschmelzendem Camembert.

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