Die Armen

Ach, was ist denn Armut?
Es war einmal ein Mädchen, das wollte „gut und gerne leben“, aber es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.
Klarer Fall: Armut! Das würde sogar Christian „Porsche“ Lindner so nennen.
Aber was ist mit dem Mädchen, das ein Kämmerchen hat, darin zu wohnen, mit einem Bettchen, darin zu schlafen, und sogar mehrere Textilchen von Kik, dfarin in die Schule zu gehen? Ist es auch arm?
Es besteht nicht wie beim Mädchen mit den Schwefelhölzchen die Gefahr, dass es erfrieren könnte. Aber das Inkassounternehmen bedrängt die Mutter, weil die Tochter mehrmals am Schulessen teilgenommen hat, obwohl die Mutter es abgemeldet hatte, weil sie es nicht bezahlen kann. Die Mutter mag auch nicht so recht mit dem Kind schimpfen: „Pfui! Schäm dich gefälligst!“ Nicht nur das Kind, auch die Mutter mag nicht offen aussprechen, dass sie so wenig Geld hat, also – sprechen wir es aus – arm ist. Sie schämt sich.
Armut ist relativ. Wenn Bernd einen Euro mehr hat als Björn, dann ist Bernd reicher und Björn ärmer. Da kann Björn noch so reich sein.
Erwin arbeitet viel und gewissenhaft und bekommt dafür aber so wenig Geld, dass er noch einen zweiten Job benötigt, um Miete, Heizung, Strom, Kleidung, Essen usw. bezahlen zu können. Aber er geht nicht umher und tönt überall, dass er wenig Geld hat.