Was der Blinde sieht

Frank Castorf bekennt1: Er wurde ,von den schicken Klamotten sozialisiert‘, weil seine Mutter Modedesignerin war. Das erklärt in der Tat einiges. Wie schön, es aus seinem eigenen Munde zu hören! Wenn er von der „Erotik des Verrats“ spricht und das sehr wohl positiv meint, dann weiß man: Der Meister sitzt wieder einmal, eine männliche Pythia, auf seinem Dreifuß, berauscht von benebelnden Dämpfen, die aus irgendwelchen Abwasserrohren hervordringen, und äußert hingebungsvoll Dunkles, als wäre er Klaus von Dohnanyi. So rettet er nebenbei die Ehre der Parkas: „Die Parkas waren im Vietnam-Krieg, sie waren aber auch praktisch und gut. Und sie haben etwas etwas von einer Militanz, die man haben muss, gerade wenn man Kunst macht.“ Oder ist er ein blinder Seher, ein neuer Teiresias? Hach, wie die Gedanken strömen: „Ich halte übrigens auch die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht für einen Fehler.“ Allerdings, tat den Jungs doch mal ganz gut: stramm stehen, exerzieren, Schrank und Bett in Ordnung halten, körperliche Ertüchtigung, romantische Lieder singen, schöne Erinnerungen usw. Und nicht zu vergessen: „Man lernt andere Menschen und Lebensmodelle kennen. … Man muss sich miteinander beschäftigen.“ Teiresias!

  1. Süddeutsche Zeitung 28.9.17 []

Endlich: neue Ausrichtung der SPD!

fpa „Wir jagen Gauland, Seehofer und Tillich: Ab jetzt wird es keinen Millimeter mehr rechts von der SPD geben!“ Mit diesen Worten kündigte gestern auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz Johannes Kahrs, Rüstungslobbyist und Sprecher des Seeheimer Kreises in der SPD, einen weiteren Rechtsruck der SPD in der Opposition an. Eine Reihe von prominenten aktuellen und ehemaligen Mitgliedern sowie Freunden, wie u.a. Wolfgang Clement, Franz Müntefering, Horst Mahler, Arnulf Baring, Gerhard Schröder, kündigte bereits ihre Unterstützung an. Entsetzt zeigte sich hingegen der sächsische Ministerpräsident Tillich: „Das sollen die ruhig mal versuchen! Wir sind die Partei der ,rechtschaffenen Leute, die an Recht und Ordnung glauben‘; uns wird niemand rechts überholen, weder die AfD noch die SPD noch die NPD!“

Herzliches Beileid!

Fast 90 Jahre und kein bisschen weise,
Zerfallen nur zum leicht debilen Greise.
In Talkshows sitzt er gern mit arrogant gespitztem Mund.
Die Hände vor der Brust gefaltet
zum Dreieck à la Merkel, seiner Freundin,
mit hoch gezog’nen Augenbrauen;
die Mundwinkel herabgezogen,
doziert er, Schreckbild eines „weisen Staatsmanns“,
mit viel ähem und ähhh die Thesen seiner Wirtschaftsfreunde1 :
Er heißt nicht Kai, hingegen Klaus.
Er heißt nicht Pflaume, wie er sollte,
sondern Dohnányi, einst Mitglied in der SPD.
Er hat nun – wenig überraschend – die FDP gewählt,
so sein Geständnis, und zwar, ohne Bestechung,
ganz einfach so  – und nicht mal CDU.

Das reimt sich ja gar nicht?
Doch.

  1. vom Verein „Neue Soziale Marktwirtschaft“ []

Wahlen: Sieg der Radikalen

Da haben es sich diese Schrebergärtner auf den spitzen Zinken ihrer Mistforken bequem gemacht und fühlen sich wohl. Ihre ledernen Hinterteile schmerzen sie nicht, und was eine Blutvergiftung bedeutet, wollen sie auch gar nicht wissen. Sie wählen FDP, weil sie „Erfolg“ wählen wollen, d.h. im Lotto auf sechs Richtige hoffen; wenigstens die, die von den Linken zur FDP geschwenkt sind.
Und die wundermächtigen Anarchisten haben diesen gespenstischen Haufen, der wie Trump L. die absolute Freiheit des Marktes wünscht, tatsächlich von den Toten auferweckt. Ist es nicht verlockend? Man muss ja nur einen Haufen Teller waschen, um im Nu Milliardär zu werden. Man kann, wenn die FDP die Finanzpolitik bestimmt, nämlich seinen ganzen Verdienst als Tellerwäscher ohne steuerliche Abzüge sofort in einen lukrativen Start-Up investieren. Und schon hat man genau so einen Porsche wie der Christian Lindner und kann sich auch noch den gleichen Friseur leisten.
Dass die FDP geradezu selbstmörderisch mehr Bildung fordert, hat niemanden abgeschreckt, weder im bürgerlichen noch im kleinbürgerlichen Lager.
Aber ach, der arme retardierte Volksstamm der Sachsen!

Na, denn: Prost!

Es war einmal ein Kaiser …
– Ach, Sie wollen uns Märchen erzählen? Das lassen Sie mal lieber bleiben.
– Nun warten Sie doch erstmal ab. Na, gut. Ich fange noch einmal neu an.
Ein Herrscher hatte einst …
– Ach, „einst“ – wie das schon klingt! Könnten Sie nicht lieber etwas erzählen, was in unserer Zeit spielt?
– Ihnen kann man es aber nur schwer recht machen. Ich fange nochmal an:
Ein Herrscher – nenne wir ihn Erwin – verfügte vor nicht allzu langer Zeit über einen erstklassigen Friseur und einen eigenen Schneider. Erwin war sehr eitel, und jeden Abend besah er sich in einem kleinen goldenen Spiegel – er konnte sich goldene Spiegel leisten, denn er war ja ein mächtiger Herrscher – und bewunderte sich. Aber der Spiegel zeigte nicht nur ihn, sondern im Hintergrund auch eine Wand seines Wohnzimmers mit einem Foto von seiner Frau und einen Tisch mit einem Kaktus in einem Blumentopf.1 Erwin war damit gar nicht zufrieden; er fand das popelig. Da er ein Naturfreund war, ließ er in einem Naturschutzgebiet einen sehr großen Palast erbauen. Er sollte wirklich gigantisch sein, größer als alle anderen Herrscherpaläste auf der ganzen, ganzen Welt. Deshalb hatte er seine Diener viele Bilderbücher kaufen lassen mit Bauwerken mächtiger Herrscher, die sich Duce, Führer, Stalin u.ä. nannten. Dann ließ er für 600 Millionen US Dollar von seinen Untertanen einen Palast bauen mit 1100 Zimmern. Und als er fertig war und Erwin eingezogen war, wanderte er jeden Abend über teure weiche Teppiche von einem mit Seidentapeten verzierten Zimmer in das andere, besah sich das eine oder andere von seinen vielen Schwimm- und Dampfbädern und stellte sich schließlich, wenn er müde wurde, vor eine der vielen Treppen, sah dann in seinen goldenen Spiegel und ließ sich von einem seiner zahlreichen Diener fotografieren. Dann betrachtete er versonnen sein Foto und murmelte: „Es ist unglaublich, wie großartig ich bin. Na, Spiegel, was sagst du nun? Gar nichts mehr, was?“ – und zufrieden lächelnd begab er sich sodann auf die Suche nach einem seiner vielen Schlafgemächer.

  1. Von dem Kaktus und der Frau wird im Folgenden nicht mehr die Rede sein. []
  2. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Recep_Tayyip_Erdo%C4%9Fan_Mahmoud_Abbas.jpg#/media/File:Recep_Tayyip_Erdo%C4%9Fan_Mahmoud_Abbas.jpg []