Lasst uns in Ruhe!

„Hö, hö, höööö!“
Haltet ein, oh, haltet ein, welch fürchterlich Gelächter!
Wer lacht da, wer? Worüber?
Ist es denn aber nicht traurig, gruslig gar?
Man sieht und hört, – und das Blut gerinnt einem in den Adern1 – von jungen Leichen, Schülern, die schon in ihrem Alter dumpf und lustlos, ohne jede Neugier auf das, was ihnen das Leben bei etwas Anstrengung bieten könnte, durch die Welt schlurfen. Diese toten Seelen zeigen in der Schule allenfalls dann Anzeichen von Leben, wenn sie im Unterricht ein Mikrofon in die Hand gedrückt bekommen und irgendwelche leblosen Abziehbilder imitieren dürfen, z.B. von ihren rappenden Idole, oder beim Ausflug – kennen sie von Fußballfeiern im Fernsehen – ihre bis zur Selbstaufgabe engagierten Lehrer mit Wasser übergießen. Das ist nämlich Spaß!
Sie und ihre blutleeren Eltern weigern sich, erwachsen zu werden und ein eigenes, aktives Leben zu wagen, weil es anstrengend ist. So bleiben sie Schatten von  Kleinstkindern: Irgend ein großer Papa oder eine große Mama sorgt schon für sie; sie selbst sorgen sich dagegen um Unwirkliches, wie Germany’s Next Topmodel. Sie setzen sich ihre Kopfhörer auf und lassen sich volldröhnen: „BILD dir eine Meinung.“ Mit BILD, Bild und Frau, Bild und Funk, Auto Bild, Sport Bild, Bildwoche, RTL I, RTL II, RTL III, RTL IV … Und wenn sie doch eine Heilserwartung haben, dann richtet sie sich auf einen lustigen Clown wie den Berlusconi oder den Trump L. oder auf einen allmächtigen Erdogan oder Orban oder auch nur irgend so einen erbärmlichen kleinen Schreihals namens Göbbels oder war es Höckels? oder so ähnlich (Höcke?), der ihre Minderwertigkeitsgefühle kompensieren soll.
Was, Herrgott, ist da eigentlich geschehen? Welch unerhörte Verdumpfung von sozialen Schichten! Wann hat die Menschheit jemals so etwas gesehen? Wer oder was hat sie so gemacht und warum?
„Hö, hö, höööö!“
Da, sie haben schon wieder gelacht!
„Was? Haben wir gelacht? I wo, das kann gar nicht sein“, sagt der feine Herr Goldmann in seinem Gucci Zweiteiler und verdeckt mit dem Handrücken vornehm seinen noch vom Lachen verzogenen Mund, und Herr Sachs blickt mit leisem Lächeln über den Rand seiner Cartier-Brille: „Wir sind völlig humorlos. Mit Lachen kann man doch kein Geld verdienen.“
„So ist es. Und ja, wir müssen noch viel mehr Geld verdienen, alles Geld. Lasst uns doch einfach in Ruhe und  F r e i h e i t !“ rufen die Brüder Koch.
Und mit glänzenden Augen und leichtem Sabbern hört man den Trump L.: „Mit Geld kannst du alles kaufen – du weißt schon, wirklich alles.“

Übrigens in ihrem neuen Weltentwicklungsbericht fordert die Weltbank „niedrigere Arbeitskosten“, Deregulierung auf dem Arbeitsmarkt, weil Regulierungen „die Dynamik der Wirtschaft reduzieren“, wendet sich gegen den Mindestlohn und hält grundsätzlich das System der Sozialversicherung für veraltet und daher ein Übel: Es sei „zunehmend ungeeignet für eine sich ändernde Welt der Arbeit, in der traditionelle Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen nicht mehr so verbreitet sind.“2 Fortschritt, so lernen wir, ist das, was der Mehrung des Kapitals dient. Nur die Gewerkschaften sind anderer Meinung, aber die braucht ja bald niemand mehr ernst zu nehmen. Trump L. und die Lindners haben schon viel erreicht.3

  1. neulich in Frontal 21 Horror-Filmbeitrag über das Engagement von Lehrern in einer Sekundarschule in Berlin-Neukölln []
  2. Süddeutsche Zeitung 7.8.18 []
  3. Lindners Zwillingsbruder Westerwelle hatte die Gewerkschaften beschuldigt, an den Millionen von Arbeitslosen mitschuldig zu sein . „Jeder der draußen mit roten Fahnen vorüberzieht, steht für Tausende von Arbeitslosen.“ Da die Gewerkschaftsfunktionäre nicht mehr für die Interessen der Arbeitnehmer einstünden, müssten sie entmachtet werden. https://www.merkur.de/politik/fdp-gewerkschaften-entmachten-140079.html []

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