Vorzeigbarer Edelkäse?

Ist er – wie Gerhard Hauptmann – gar ein Goethe? Oder vielleicht doch nur ein ganz ganz kleines Wölfchen (Biermann)? Man könnte ihn den Theo Waigl der deutschen Literatur nennen, zumindest was die Augenbrauen betrifft, allerdings wäre er vielleicht doch lieber in der AfD. Der beim Schreiben zum Kitsch und beim Denken zum Minimalismus neigende Martin Walser hatte, in seiner Eitelkeit gekränkt, einst mit dem Roman „Tod eines Kritikers“ ein „übles“ (Ruth Klüger), weil antisemitisch wirkendes (Jan-Phlipp Reemtsma) Buch geschrieben und sich in seiner Rede zum Friedenspreis über die „Moralkeule“ beschwert, die die Deutschen wegen der Verbrechen im Hitler-Nazi-Reich niederknute. Trotzdem kommt die Literaturkritikerin Iris Radisch „aus dem Staunen nicht heraus“,

  1. Die Zeit 29.11.17 []

Proust, nicht Pust. Ein Poesiekurs

Das ist Maria Rilke.

Das ist Rainer Rilke.

Das ist Proust.

Das ist Pust.

Es ist hohe Zeit, dass der Bildungsbürger endlich lernt, was außer Rainer und Maria Rilke noch wahre Poesie ist, und dadurch befähigt wird, zwischen Pust und Proust zu unterscheiden.
Einige wenige Beispiele aus Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“1 sollen uns als Muster dienen, wie wir Banales mit dem Glitzerzauber der Poesie verbrämen können.
So beschreibt Marcel, das erzählende Ich, z.B. das offenbar hurtige Verspeisen zweier wohlschmeckender Seezungen durch ihn und seine Großmutter sowie vor allem die Reste dieses Mahles, die auf dem Teller verbliebenen Gräten, in folgender Weise:
„(…)während (…) wir aus einer ledernen Kalebasse einige goldene Tropfen Zitrone auf zwei Seezungen verteilten, die bald auf unseren Tellern nur den Federbusch ihrer Gräten, wie eine Feder gekräuselt und wie eine Zither tönend übrig ließen“ („das flatternde, gleich einer Feder gelockte und wie eine Zither summende Gerüst der Gräten“ – so lautet die Übersetzung von Eva Rechel-Mertens).
Der Fisch wurde im Hotel Central in Balbec offenbar unter Hinzufügung weniger Tropfen Zitronensaft verspeist. Damit dieses Detail nicht banal erscheint, ist hier bereits wichtig die Erwähnung der besonderen Art des den Zitronensaft bergenden Gefäßes, das zunächst einmal keinesfalls nur eine einfache, die Phantasie kaum beschäftigende Flasche sein darf, sondern eine Kalebasse („gourde de cuir“), dann aber auch die Farbe des Zitronensaftes, die nicht etwa nur unansehnlich milchig hell sein darf, sondern auf den nicht nur die Farbe der Fruchtschale übertragen wird, sondern der auch durch das Steigern von „gelb“ zu „gold“ zu einer edlen Kredenz gerät. Wahrhaft meisterlich ist jedoch die Poetisierung der abgenagten Essensreste, also der auf dem Teller verbliebenen Fischgräten des Plattfisches, die einerseits zum Bild eines kriegerischen Kopfschmucks (panache – Federbusch auf einem Helm) – Krieg der Seezunge? –  zusammengefügt werden, andererseits aber eine Zartheit bewahren, die einer gekräuselten Feder gleicht, und – sich schließlich sogar in Musik verwandelt, zum Singen gebracht wird. Unfassbarer Zauber der Poesie! Das alles geschieht einem einfachen Teller Gräten, den der Kellner zum Glück für den Leser bis dahin abzuräumen versäumt hat.2

  1. Frankfurt a.M. 1979. Bd 2. S.885 ff. „A la recherche du temps perdu. A l’ombre des jeunes filles en fleur. 2e partie. Gallimard 1919. p.91 []
  2. tandis que (…) de la gourde de cuir d’un citron, nous répandions quelques gouttes d’or sur deux soles qui bientôt laissèrent dans nos assiettes le panache de leurs arêtes, frisé comme une plume et sonore comme une cithare []
  3. quelle joie (…) de voir (…) la mer nue []
  4. „et de suivre des yeux les flots qui s’élançaient l’un après l’autre comme des sauteurs sur un tremplin“ []
  5. „sommets neígeux de ses vagues“ []
  6. „en pierre d’émeraude çà et là polie et translucide“ []
  7. „lesquelles avec une placide violence et un froncement léonin laissaient s’accomplir et dévaler l’écoulement de leurs pentes“ []
  8. „ces collines de la mer qui, avant de revenir vers nous en dansant“ []
  9. „dans un lointain transparent, vaporeux et bleuâtre comme ces glaciers qu’on voit au fond des tableaux des primitifs toscans“ []
  10. „D’autres fois, c’était tout près de moi que le soleil riait sur ces flots d’un vert aussi tendre que celui que conserve aux prairies alpestres (dans les montagnes où le soleil s’étale çà et là comme un géant qui en descendrait gaiement, par bonds inégaux, les pentes) moins l’humidité du sol que la liquide mobilité de la lumière.“ []
  11. „ en ce moment brûlait la mer comme une topaze, la faisait fermenter, devenir blonde et laiteuse comme de la bière, écumante comme du lait“ []
  12. „je me demandais si son «soleil rayonnant sur la mer» ce n’était pas — bien différent du rayon du soir, simple et superficiel comme un trait doré et tremblant — celui qui en ce moment brûlait la mer“ []

Rettet die deutsche Wurst

-Entschuldigung, können Sie mir vielleicht sagen, wo ich die deutsche Leitkultur finde?
– Ist sie weggelaufen?
– Hören Sie: Sie ist bedroht. Sie wird uns gerade geraubt.
– Ach, sagen Sie mal, das ist ja unerhört. Wer sind denn die Übeltäter?
– Diese Kosmopoliten, die Multikultis, z.B. diese Integrationsbeauftragte Özoguz. Die hat schon so einen Namen, den man sich  kaum merken kann – statt Schröder oder Krause zu heißen oder Wiesengrund Adorno oder Rainer Maria Rilke. Und diese Özdings  behauptet, das Deutschtum, also das, was uns zu Deutschen macht, wäre nur die Sprache! Empörend! Was wird dann z.B. aus der deutschen Wurst, der Krakauer, dem Wiener Würstchen? Oder aus dem Zigeunerbraten? Oder der geilen Haxe mit Kraut? Sie sind doch mit der deutschen Seele verwachsen, und zwar seit dunkler Vorzeit – so wie das Reinheitsgebot des deutschen Bieres. Es geht doch um deutsches Brauchtum:
Die Schnecke nicht noch Frosch
schmecket dem Boche.
Doch isst er auch das letzte Fitzel
von dem Zigeunerschnitzel.
Oder was soll z.B. aus ihm werden, dem deutsche Kehrbesen? Düstre Verzweiflung presst mir den deutschen Busen. Schon halb erstickt entringt sich ihm der Ruf: Erwachet!

  1. in der Sendung vom 17.09.17 []

Was der Blinde sieht

Frank Castorf bekennt1: Er wurde ,von den schicken Klamotten sozialisiert‘, weil seine Mutter Modedesignerin war. Das erklärt in der Tat einiges. Wie schön, es aus seinem eigenen Munde zu hören! Wenn er von der „Erotik des Verrats“ spricht und das sehr wohl positiv meint, dann weiß man: Der Meister sitzt wieder einmal, eine männliche Pythia, auf seinem Dreifuß, berauscht von benebelnden Dämpfen, die aus irgendwelchen Abwasserrohren hervordringen, und äußert hingebungsvoll Dunkles, als wäre er Klaus von Dohnanyi. So rettet er nebenbei die Ehre der Parkas: „Die Parkas waren im Vietnam-Krieg, sie waren aber auch praktisch und gut. Und sie haben etwas etwas von einer Militanz, die man haben muss, gerade wenn man Kunst macht.“ Oder ist er ein blinder Seher, ein neuer Teiresias? Hach, wie die Gedanken strömen: „Ich halte übrigens auch die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht für einen Fehler.“ Allerdings, tat den Jungs doch mal ganz gut: stramm stehen, exerzieren, Schrank und Bett in Ordnung halten, körperliche Ertüchtigung, romantische Lieder singen, schöne Erinnerungen usw. Und nicht zu vergessen: „Man lernt andere Menschen und Lebensmodelle kennen. … Man muss sich miteinander beschäftigen.“ Teiresias!

  1. Süddeutsche Zeitung 28.9.17 []

Alles verstehen …

Autisten, so heißt es, verstehen keine Aussagen im übertragenen Sinn. Und umgekehrt?
Kommt ein sehr höflicher Regenwurm in den Laden des überaus gebildeten (Akademiker!) Altspechts, nimmt seinen sommerlich hellen Strohhut ab, zerrt ein Blatt Papier aus der Hosentasche, wirft einen flüchtigen Blick auf das Gekrickel, und nachdem er den Altspecht mit den Worten „Guten Tag, Herr Altspecht“ gegrüßt hat, fragt er ihn in drängendem Ton: „Haben Sie ein Werk, in dem die Zerbrechlichkeit der Zeit durchscheint?“ Und fügt dann hastig hinzu: „Ein solches hätte ich nämlich gern, wenn es nicht allzu viel kostet.“
Darauf guckt ihn der Altspecht zunächst ca 30 Sekunden in stummer Verwunderung an und erwidert dann: „Sagen Sie mal, haben Sie nicht alle Tassen im Schrank, Sie …  Wurm?!“
Und nun zu den hermeneutischen Problemen, die diese Erzählung auftut: Wofür stehen z.B. die Tassen? Und haben die Protagonisten ein Verhältnis zu bzw. mit einander? Und wo ist überhaupt der verdammte Subtext? Ja, können wir Menschen uns überhaupt noch verständigen? Oder sind wir schon in Babelsberg?