Alles verstehen …

Autisten, so heißt es, verstehen keine Aussagen im übertragenen Sinn. Und umgekehrt?
Kommt ein sehr höflicher Regenwurm in den Laden des überaus gebildeten (Akademiker!) Altspechts, nimmt seinen sommerlich hellen Strohhut ab, zerrt ein Blatt Papier aus der Hosentasche, wirft einen flüchtigen Blick auf das Gekrickel, und nachdem er den Altspecht mit den Worten „Guten Tag, Herr Altspecht“ gegrüßt hat, fragt er ihn in drängendem Ton: „Haben Sie ein Werk, in dem die Zerbrechlichkeit der Zeit durchscheint?“ Und fügt dann hastig hinzu: „Ein solches hätte ich nämlich gern, wenn es nicht allzu viel kostet.“
Darauf guckt ihn der Altspecht zunächst ca 30 Sekunden in stummer Verwunderung an und erwidert dann: „Sagen Sie mal, haben Sie nicht alle Tassen im Schrank, Sie …  Wurm?!“
Und nun zu den hermeneutischen Problemen, die diese Erzählung auftut: Wofür stehen z.B. die Tassen? Und haben die Protagonisten ein Verhältnis zu bzw. mit einander? Und wo ist überhaupt der verdammte Subtext? Ja, können wir Menschen uns überhaupt noch verständigen? Oder sind wir schon in Babelsberg?

Scheeerrrz! Oder doch ernst?

In der Hoffnung, dass sie ein wenig Heiterkeit erzeugen, sind im Folgenden Jeff Koons Deutungen seiner – und im Fall des Weißbiers auch fremder – Werke wiedergegeben. Zu denken, dass sie satirisch gemeint sind und das Geschwätz des Kunstmarktes parodieren, liegt nahe angesichts der vielen prätentiösen Aussagen von unfreiwilliger Komik auf dem Kunstmarkt.
Da Jeff Koons als Aktienhändler begonnen hat, fragen sich kritische Geister zuweilen, ob er nur ein „opportunistischer Marketingkünstler sei, der Ego-Fetische und Statuskrücken für Plutokraten und zwielichtige Oligarchen produziert“. Da wäre es eigentlich doch wohl eher kontraproduktiv, wenn er sich über sich selbst oder den Kunstbetrieb, von dem er so großartig profitiert, lustig machte. Es sei denn, er kann sich auf die Hörigkeit blinder Kunstspekulanten (43.460.000 € für seinen Balloon Dog (Orange)) verlassen. Jedenfalls entbehren Koons Werke, so z.B. seine – teils monumentalen – Wauwis, wie sein majestätischer Pudel (http://www.jeffkoons.com/artwork/made-in-heaven/poodle), die lustigen Yorkshire Terrier (http://www.jeffkoons.com/artwork/made-in-heaven/yorkshire-terriers), sein knuffiger Bobtail (http://www.jeffkoons.com/artwork/made-in-heaven/bob-tail)  oder die drei Puppies (http://www.jeffkoons.com/artwork/made-in-heaven/three-puppies) , nicht einer – wenn auch eher einfachen –  Ironie.
Also: Scherz oder doch tiefere Bedeutung?
In beiden Fällen hoffentlich erheiternd:

Für die Luxusmarke Louis Vuitton (Koons: „Meine Werke sind anti-elitär, massenkompatibel und demokratisch.“) hat er Taschen entworfen, die Reproduktionen alter Meister zeigen, von Rubens‘ Tigerjagd bis zu Leonardos Mona Lisa.
Dazu jedoch zunächst eine allgemeine Deutung zum Wesen und zur Funktion seiner Kunst:
„In meinem Werk sollen Werte aufscheinen, an die ich glaube und denen ich eine Zukunft wünsche. Diese Werte sind meine Gegenbilder zur politischen Realität. Sie haben die Kraft die Welt zu verändern. Nichts wirkt stärker, als mit Aufrichtigkeit konfrontiert zu werden. Deshalb hat die Kunst am meisten Kraft, die am wahrhaftigsten ist.“
Koons sagt zum tieferen Sinn seiner Taschenarbeit für Louis Vuitton:
„Indem diese Handtaschen Meisterwerke der Kunstgeschichte aus dem Museum herausholen und auf die Straße tragen, werden sie selbst zur Kunst. Wer mit einer dieser Taschen unterwegs ist, wird für seine Mitmenschen zu einem Katalysator metaphysischer Meditationen.“

Zum Bilderzyklus „Baby und Eimer“: „Wenn ich an Postkartenständern vorbeilief, spürte ich meine Empfänglichkeit für Fotos mit Babys, die in Eimern sitzen. Der Eimer war ein Symbol für Gebärmutter, Taufbecken, Rettungsboot.“                                 

Hokuspokus

Oh, ihr Bildungsbürger, seid ihr denn total bescheuert? Ihr meint, euch über den gewöhnlichen Alltag zu erheben, über diese ganzen Alltagsprobleme, in denen fast immer nur von Geld die Rede ist, und davon, wer mehr hat oder weniger, ihr wollt euch etwas „Höherem“ zuwenden. Und dann opfert ihr einige eurer Mußestunden auf dem Altar der „Kunst“, d.h., ihr geht in eine Ausstellung oder zu einem Event zeitgenössischer Künstler. Ach, warum, zum Teufel? Was wollt ihr da? Ihr strebt nach der vom Alltag irgendwie geschiedenen Aura der Kunst? Und wie blöde seid ihr eigentlich, nicht zu merken, dass ihr wieder nur auf einem Basar gelandet seid!
Ja, was ist denn heutzutage überhaupt Kunst? Der Galerist Simon de Pury zitiert Andy Warhol: Kunst ist alles, womit man durchkommt. Und er sagt über sich, den „Experten“ bzw. Anlageberater: „Kunden erwarten von mir, meine Urteile mit bedeutsam klingenden Begriffen zu begründen. Deshalb ist es notwendig, einen bestimmten Jargon zu beherrschen. Aber im Grunde ist alles Hokuspokus.“
Es ist ja eigentlich seit dem Dadaismus keineswegs mehr originell, die eigenen Exkremente auszustellen. Was einst spaßige Provokation war, ist heute, sollte man meinen, nur noch albern. Trotzdem wurde die Merda d’artista – der Italiener Piero Manzoni hatte 1961 seine Scheiße in 90 Weißblechdosen verschlossen – zu einer „Ikone des Ikonoklasmus“ (hihi!), und eine seiner Dosen erzielte bei Sotheby’s immerhin 124 000€. Ein Liebhaberstück?! Der Galerist äußert sich über die Marktchancen dieser Geldanlage: „Würde ich eine Dose geschenkt bekommen, wäre ich glücklich, sie einzulagern und in zwanzig Jahren zu sehen, welchen Marktpreis sie hat.“

  1. alle Zitate: Süddeutsche Magazin 31.3.17 []

Kafkaesk

Es war am Morgen, ich war lange gelaufen und die feuchte Kälte biss mir ins Gesicht. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte. Meine Botschaft drängte. Zwischen den mächtigen Säulen des großen weißen Hauses stand das verschlossene Tor. Gebeugt von meiner schweren Last stieg ich die Stufen hinauf. Ein Mann trat mir in den Weg, ein schiefes Lächeln auf dem von einer Welle blonden Haares überwölbten Gesicht. „Was suchst du an diesem Ort?“ fragte er und deutete mit seinem Finger auf mich. Und sein Grinsen wurde breiter, als wären wir nicht allein, sondern stünden vor einer unerhört riesigen Menge von hemmungslos jubelnden Menschen. „Ich muss eine wichtige Botschaft überbringen dem Herren, der dieses Haus bewohnt“, sagte ich. Er schüttelte sich heftig, als leide er an einer Nervenkrankheit, und schob mich weit fort mit seiner Rechten. „Mir willst du eine Botschaft bringen, eine wichtige? Du glaubst also, mich belehren zu können, als wenn du die Wahrheit besäßest und nicht ich?“ Ein lautloses Lachen schüttelte den Mann mit dem von einer Welle blonden Haares überwölbten Gesicht. „Gib’s auf! Ich kenne deine Botschaft. Gehe fort, weit fort, und behalte sie für dich, deine Lügen, nichts als Lügen.“ Und dann wandte er sich ab mit einem großen Schwunge, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Geisteswerk

Mauer! Allein das Wort! Der lange wohlklingende Diphtong und dann als kleine Pointe das kurze ä: MAUAUAU …är. Versteht ihr? A big beautiful wall! W – A – L – L !! Nicht „War“, nicht Krieg, aber doch ähnlich. Für den Chinesen kaum unterscheidbar: r und l.
Es gibt primitive Urvölker, Indianer, wie den Stamm der Tohono O’Odham – die wissen nicht, was eine Mauer ist1. Die wissen das einfach nicht. Die haben kein Wort dafür. Die wissen auch nicht, welch unglaubliche Schönheit einer Mauer innewohnen kann2 – wenigstens auf der einen Seite. Auch bei uns mögen dem einen oder anderen die Worte fehlen, wenn er nicht Rainer Maria mit Vornamen heißt. Die Mauer ist also nicht nur für den Indianer real und irreal zugleich, sondern wir alle, die wir die Kunst lieben und folglich auch die  Paradoxa, wussten es und wissen es: Das Grenzmauerprojekt wirkt nicht eingrenzend, sondern erweiternd, und zwar nicht nur für den sprachlichen Horizont der Indianer vom Stamm der Tohono O’Odham, deren Gebiet die Mauer durchziehen soll und die einst mit offenen Mündern vor dem monumentalen Werk (3200 km lang, bis 9 m hoch) stehen und ganz gewiss ein wunderschönes Wort für dieses Werk des waisen Mannes finden werden, sondern sie weitet auch unser Bewusstsein als Ästheten, die wir in dieser sinnfreien Konstruktion eine Projektionsfläche finden dürfen für angemessen geistreiche, ja wundervoll konstruierte, aufregend feinsinnige, spannend phantasievolle Deutungen. Das Feuilleton jubelt schon jetzt und reserviert seine Spalten dem Trumpismus. Aber auch zukünftige Generationen werden noch lange Kunde erhalten von Donald Trumps geschichtsträchtigem Werk; die Geschichtsbücher sollen, so bestimmt es ein erst gestern erneut mehrfach unterzeichnetes Dekret des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, mit ehernen Lettern künden vom Zeitalter von Trumptower und Trumpmauer.

  1. Süddeutsche Zeitung 20.3.17 S.7 []
  2. übrigens auch dem Krieg, wie wir von Ernst Jünger wissen []