Die Jagd beginnt

Zunächst hatte Armin Laschet Friedrich Merz in die Parteikommission der CDU „Zusammenhalt stärken – Bürgergesellschaft gestalten“ berufen. Zusammenhalt – wer ist da besser geeignet als jemand vom Großkapital. So wertete bereits der Wirtschaftsrat der CDU Laschets Wahl frohlockend als „Signal gegen die die sozialen Wohltaten der CDU“ (Handelsblatt). Bei der CDU  – oh, ihr naiven Linken! – wissen sie es nämlich: Der Wähler liebt die sozialen Wohltaten nicht. Der Wähler will – darum wählt er in Ungarn Orbans Fidesz – , dass die Regierung nach dem Vorbild der Nazis die Armen bzw. die Obdachlosen als asoziale Elemente einsperrt1 und – darum wählt er in Brasilien Bolsonaro – dass das Militär regiert mit Waffen und Folter und so die Mächtigen vor der gefährlichen Mehrheit der Armen schützt.
Nun erlebt der Merz seinen zweiten Frühling: Er schießt – aus seinen Startlöchern und bewirbt sich um den Parteivorsitz. Da freut sich der Bosbach (dpa). Und auch die Banker: Ein zukünftiger Finanzminister oder Kanzler, zwar nicht von Goldman-Sachs, aber immerhin von der HSBC und von der wohl mächtigsten und reichsten (6,4 Billionen) Fondsgesellschaft Blackrock2 – etwas Besseres kann es für das Großkapital nicht geben. Wenn es dann heißt: „Merz bestreitet Interessenkonflikte“, dann glauben wir ihm sofort. Seine Interessen sind klar; auch sie passen auf einen Bierdeckel. Und Christian Wagner vom (ultra)konservativen Berliner Kreis in der CDU glaubt, Merz „könnte auch der AfD Stimmen abjagen“, denn er vermag frische Heimatgefühle zu wecken bei Banken und Multis. Die Vermögenden schonen, Erbschaftssteuer abschaffen – das will ja auch die AfD. Um die AfD zu schwächen, möchte man – das steht bisher allerdings pssst, pssst nur auf der Rückseite eines ganz kleinen Bierdeckels – auch Björn Höcke für die CDU gewinnen. (Die Wirtschaft sammelt bereits großzügig Geld für diesen guten Zweck.)
Aber auch wenn die Kandifdatur des Merzen nicht erfolgreich sein sollte, weil möglicherweise irgendwelche dunklen Machenschaften ans Licht kommen sollten, so können an seiner Stelle auch leicht andere vom Kreis der „FDPler in der CDU“ wie Jens Spahn – oder Uli Hoeness? – mit ihrer Kandidatur das Ruder herumreißen und den goldenen Kahn in die deregulierte Weite des Geldmeeres entführen. Für Spahn, der sich als Schwuler natürlich zu dem ebenfalls schwulen  US Botschafters Grenell hingezogen fühlen muss und folglich auch zum Trump, würden auch gern die Russen Wahlkampfhilfe leisten.
Weg mit den sozialen Wohltaten! Es reicht!
Der Wähler wird es danken.

 

  1. Orbans Fidesz-Regerung hat im neuen Absatz 3 des Artikels 22 der Verfassung den „gewöhnlichen“ Aufenthalt im öffentlichen Raum für verboten erklärt. Wer sich an öffentlichen Orten „gewöhnlich“ aufhält, kann dem entsprechend in einem Schnellverfahren zu gemeinnütziger Arbeit oder gar zu Haft verurteilt werden, und sein Eigentum kann beschlagnahmt und vernichtet werden. []
  2. Steuervermeidung, bis die Steuern noch genügend Platz auf dem Bierdeckel lassen, das war und ist und das Ziel von Blackrock und HSBC, bei denen Merz bisher tätig war. „Investoren, die mit solchen Modellen Steuern sparen, sind große amerikanische Fonds wie Vanguard, Fidelity Investments oder BlackRock oder auch der norwegische Staatsfonds Norges. BlackRock nutzt ein eigenes Wertpapierleiheprogramm … Nicht nur die Commerzbank verdient an sogenannten Cum/Cum-Geschäften, auch die SEB, Barclays, HSBC, JPMorgan, Goldman Sachs, UBS, Morgan Stanley, Citigroup und Deutsche Bank sind beteiligt.“ (https://www.br.de/nachricht/inhalt/wall-street-100.html []

Schauergeschichten

„Sehen Sie zum Beispiel mich, wie ich mich anpasse. Angenommen die Erde dreht sich morgen auf einmal andersrum. Und was tue ich? Na, ich passe mich an. Und zwar sofort! Und wissen Sie auch wie? Ich würde einfach mal schnell zwölf Stunden zusätzlich schlafen, und schon wäre die Sache erledigt! Fertig ab! Zack, zack! Das ist nicht mal besonders schlau! Und schon ist’s geschafft … Hab ich nicht Recht? Aber es gibt Menschen wie den Josef, wenn die Erde sich auf einmal andersrum dreht, dann schläft er gar nicht mehr!… Das würde der irgendwie als persönliche Ungerechtigkeit auffassen! … Zu viel Ungerechtigkeit! … Die Ungerechtigkeit ist sowieso seine Marotte! … Was hat der mir alles über Ungerechtigkeiten erzählt, als er noch mit mir zu reden geruhte… Und glauben Sie nicht, dass der sich mit Gejammer begnügt. Das wäre ja nur halb so schlimm! Neinnein! Der würde sich sofort eine Sache ausdenken, mit der er die ganze Erde in die Luft jagen könnte. Und das Schlimmste, ich werd Ihnen sagen, was das Schlimmste ist … Aber das bleibt bitte unter uns … Und zwar wäre das, dass er so eine Sache auch finden würde! … Ich versprechs Ihnen! Ach! Merken Sie sich’s gut, was ich Ihnen jetzt erkläre, ja … Es gibt einfache Narren, und außerdem gibt es noch ganz andere Narren, diejenigen, die von der fixen Idee der Weltverbesserung zerfressen werden …“ (nach Céline, Reise ans Ende der Nacht. Reinbek 2004 S. 546)
Schaurig?
Schauergeschichten sollen realistisch sein, aber nicht real. Der Holocaust ist z.B. nur grässlich, und man kann nicht darüber schreiben, es sei denn man ist ein Jurek Becker und schreibt den unglaublich guten Roman „Jakob der Lügner“ oder man schreibt sich etwas von der Seele wie Tadaeusz Borowski in „Die steinerne Welt“.
Es soll nicht das Grässliche, es soll das Böse sein, das uns in den Fiktionen schaudern macht. Daher kann der Schriftsteller – wie Stevenson – den Menschen aufspalten in einen halbbösen Dr Jekyll und Mr Hyde, oder er lässt ihn – wie Frankenstein bei Shelley – ein Monster bauen, das dem Menschen nur gleicht, das man aber sofort als „nicht normal“ erkennen kann.

Frankensteins Monster

Aber schrecklich schaudern machen kann uns ja doch auch der banale Mensch: Er hat tatsächlich zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase , einen Mund, auch wohl ein Hirn. Aber er liest die BILD-Zeitung und will, dass die Fremden, die fremden Mädchen, Jungen, Säuglinge, Frauen, Männer, im Mittelmeer ersaufen. Und dafür würde er sich auch dem Terror von Nazis unterwerfen. Oder er will, wenn er Brasilianer ist, einen Herrscher nach Art des Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro, der über Pinochets Diktatur sagt, dass sie den ,Fehler gemacht habe, „mehr gefoltert als getötet“ zu haben, dass „Menschenrechte der Dung für Verbrecher“ seien, und der bei dem zweifelhaften Verfahren zur Absetzung der Präsidentin Dilmar Roussef im Parlament verkündete, dass er seine Stimme ihrem Folterer unter der Militärdiktatur, dem Colonel Albertpo Brilhante Ustra, widme. Ustra, so muss man sagen, ist irgendwie schon ein gruseliger Kerl. Nachdem er z.B. die politische Gefangene Amélia Teles u.a. nackt durch Elektroschocks an Vagina, Brüsten und Anus gefoltert hatte, so dass sie blau angelaufen und besudelt war von ihrem Urin und Erbrochenem, ließ er ihre vier- und fünfjährigen Kinder holen und führte ihnen ihre Mutter vor.1 Ob Bolsonaro auch so selbstlos im Dienste des Vaterlandes foltern durfte, ist nicht bekannt. Aber er propagiert Sterilisation als Mittel gegen Armut und Verbrechen. Als echter Kerl genießt er seine Bösartigkeit auch, indem er einer Politikerin an den Kopf warf: „ Ich werde dich nicht vergewaltigen. Du hast es nicht verdient.“

Bolsonaro

Denn sie sei „zu hässlich“. Dunkelhäutige brasilianische Fußballer wie Cafu oder Ronaldinho werben für ihn, obwohl er geäußert hat, dass seine Töchter keinen Schwarzen heiraten würden, weil sie wohlerzogen seien. Sowohl Cafu als auch Ronaldinho haben übrigens zwei Augen usw. und sollen auch über Hirn verfügen.
Man muss zugeben: Wenn es nicht wahr wäre, wäre es gut erfunden. Der besondere Effekt dabei: Das schaurig böse Monster ist i
m Aussehen von normalen Menschen kaum zu unterscheiden. Und darum wird Bolsonaro auch zum zukünftigen brasilianischen Präsidenten gewählt.

  1. So berichtet Eliane Brum in der „Süddeutschen“ vom 25.10.2018. []

Lechts odel rinks?

Wofür Seehofer, Söder, Maaßen und Meuthen stehen, wissen wir, obwohl wir es lieber nicht wüssten. Aber wer weiß, wo oder wofür die SPD steht?
Das wollen wir, verdammt noch mal, endlich mal wissen. Es wird ja Zeit. Aber …
Eijeijei! Großes Problem, ganz ganz schwierig!
Ist sie konservativ? Ist sie rechts oder – gar links?
Fragen wir einen von der FDP, der in der SPD ist, z.B. den Rüstungslobbyisten Johannes Kahrs?!
Nein, um Himmels willen!
Besser wir fragen eine Ikone, einen, der erstens verehrt wird in der SPD als Weiser („elder statesman“), der zweitens im Gegensatz zu Gerhard Schröder sogar schon tot ist und der drittens mit einer echten Loki verheiratet war. Fragen wir Helmut Schmidt. Wem seine Aussagen von 1963 etwas bemoost erscheinen mögen, der sei darauf verwiesen, dass das Godesberger Programm noch älter ist, ohne dass man sagen dürfte, dass dessen Aussagen heute nicht mehr aktuell wären, auch wenn sie das in der SPD vielleicht nicht mehr sind.
Oh nein! Nicht Schmidt!
Doch! Doch!
Schmidt gibt bei der Beantwortung der Frage: „Was bedeutet heute eigentlich ,rechts‘?“ eine Standortbestimmung1.
Als wahrer Weiser weiß er um das menschliche Unvermögen und weist zunächst einmal auf ein Problem hin: Die geisteswissenschaftlichen Begriffe sind nämlich nicht klar definiert. Was ist schon rechts, was ist schon links? Macht Florian Silbereisen Kunst oder schnulzt er nur? Lässt sich das sagen? Gibt es einen Unterschied zwischen E und U? Was ist gut, was ist böse? Die Grenzen, ach, sie sind fließend. Dürfen wir urteilen, dass ein sadistischer Mord an einem Kind nicht gut, sondern böse ist, auch wenn das Kind nicht immer artig war?
Schmidt, der Weise, stellt also zunächst einmal grundsätzlich fest: „,Rechts‘ und ,links‘ sind offensichtlich sehr relative Begriffe.“2
Und daher ist die Frage: „Was bedeutet heute eigentlich rechts?“ für Schmidt natürlich nur „schwer zu beantworten“: „Wenn ich mich selbst frage, ob ich ein Linker bin – so müsste ich sagen: wahrscheinlich“.

 

  1. Helmut Schmidt: Was bedeutet heute eigentlich „rechts“? politik und zeitgeschichte. beilage zur wochenzeitung das parlament B 4/63 23. Januar 1963 S. 8-12 []
  2. Die pedantische Anmerkung sei gestattet, dass es sich bei „rechts“ und „links“ „offensichtlich“ nicht um „Begriffe“ handelt. Fraglich ist auch, ob man „relativ“ durch den Zusatz „sehr“ steigern kann. []

Irgendwann fällt der Vorhang

Das Bühnenbild ist karg. Eigentlich ist da gar nichts. Nur drei Haufen mit Autoteilen liegen da herum. Aha, wahrscheinliche eine moderne Adaption von irgendwas Altem. Sophokles? Aischylos? Aber auch der Zuschauerraum ist eher leer. Nanu? Kein Castorp? Dann betritt eine unbekleidete junge Frau die Bühne. Doch Castorp? Nein, Zuschauerraum zu leer. Die Nackte beginnt lauter Purzelbäume zu schlagen. Geiles Theater. Warum ist es so leer? „Europa“ heißt das Stück. Das heißt gar nichts.
Da betritt ein junger Mann die Bühne. Er blickt wütend in den Zuschauerraum. Die Nackte scheint er nicht zu bemerken. Was ist mit dem los? Er tritt an die Rampe und brüllt seinen Namen. „Ich heiße Giovanni!“ Aha, freuen sich die wenigen Zuschauer: „Das ist wahrscheinlich der Bruder von der Nackten. Sie heißt Europa, er heißt Giovanni. Beides Italiener. Gleich wird er sich über sie her machen. Es geht bestimmt um Inzest. Oh, je, so ein Sodom und Ghomorra! Spannend!“
Aber statt dessen erscheint nur ein weiterer junger Mann die Bühne. „Noch einer? Schon wieder so eine Orgie? Langweilig!“ Enttäuschung greift um sich. Oder wird es doch eher ein Gedankendrama? Hoffentlich macht der Regisseur den gedanklichen Gehalt auch recht deutlich! Es ist so unbefriedigend, wenn man nach Hause geht und nicht weiß, wie das ganze zu deuten ist.
Auch der zweite junge Mann tritt an die Rampe, guckt verzweifelt und brüllt seinen Namen. Er heißt aber nicht etwa auch Giovanni, sondern Jean. „Ich heiße Jean!“ Eine Dreiecksbeziehung? Die Nackte schlägt ununterbrochen Purzelbäume. Ganz schön anstrengend. Ob sie gut bezahlt wird? Alle drei reden nicht mit einander. Keiner von beiden würdigt die Nackte eines Blickes. Das ist sehr verwunderlich, finden die Zuschauer.

Donald stellt richtig

Danke, Donald, wir lieben dich. Da du es immer wieder beteuert hast, und zwar als ganz wunderbarer amerikanischer Präsident, dass ein Treffen mit den Russen, in dem es um die Beeinflussung des amerikanischen Wahlkampfes zu deinen Gunsten gegangen sein soll, nicht stattgefunden hat, aber außerdem dies nicht existierende Treffen, wie du sagst, nur ein Treffen war, bei dem dein „wunderbarer Sohn“ und dein wunderbarer Schwiegersohn sich mit ein ein paar wunderbaren Russen nett über ein „Adoptionsgesetz für russische Waisenkinder“, für ganz süße, kleine, wunderbare Waisenkinder weißer Hautfarbe, unterhalten haben, und da dein wunderbarer Wahlkampfmanager Manafort dem Gespräch natürlich nur beigewohnt hat, weil er schon immer zu gerne vielleicht einmal in nicht allzu naher Zukunft so ein wunderbares russisches Waisenkind adoptieren wollte, so ist es nur zu verständlich, wenn du nun verärgert bist angesichts andauernder Kritik besonders an deinem „wunderbaren Sohn“ und als besorgter Vater – wir lieben dich – twitternd richtig stellst: „Es war ein Treffen, um Informationen über einen Gegner zu erhalten, völlig legal und immer wieder gemacht in der Politik“ – russische Waisenkinder können schreckliche Gegner sein – , zumal du – ganz wichtig – über das Gespräch mit gutem Gewissen und ohne einen Anflug von Enttäuschung hinzufügen kannst: „Und es hat nichts gebracht.“ Vor allem aber erfahren wir angesichts dieser Details erfreut: „Ich habe davon nichts gewusst.“ Mehr Unschuld geht wirklich nicht!1

  1. „Trump verstrickt sich in neue Widersprüche“. Süddeutsche Zeitung 7.8.18 []