Listenreich

Nicht nur einige Journalisten der „Welt“ verfügen über eine mächtige Urteilskraft1, auch die „Süddeutsche“ lässt sich nicht lumpen. So hat Hubert Wetzel2 bei den Demokraten in den USA das folgende „Rezept gegen Trump“ gefallen: Sie haben listig bei den Gouverneurswahlen in Virginia zu gewinnen gewusst, indem sie den Republikanern einen konservativen Kandidaten, Militärveteran und ehemaliger Bush-Wähler, also einen Demokraten, der im Geiste ein Republikaner ist, entgegenstellten. „Jeden Kandidaten in ein enges linksliberales Korsett zu zwängen, erfreut vielleicht die ideologischen Puristen in der Partei, bringt aber keine Wahlsiege ein.“ Nach dem gleichen Rezept hat die SPD einst Gerhard Schröder antreten lassen, der dann all das durchgesetzt hat, was die FDP und CDU sich nicht trauten. Mit Wolfgang Clement ginge das leider nicht mehr; er ist ja inzwischen in der FDP. Schade auch, dass die Alt-Nazis in der CDU und FDP inzwischen altersbedingt ihren Geist aufgegeben haben. Sonst hätte man sie gut Im Osten gegen die Höckes antreten lassen können. Denn: So gewinnt man Wahlen!

  1. siehe Beitrag „Ach, schnöde Welt“ []
  2. Süddeutsche Zeitung 9.11.17 []

Ach, schnöde Welt!

Es ist gut, dass es Steueroasen gibt. Wenn es Steueroasen nicht schon gäbe, müssten sie dringend erfunden werden“, sagt Trump, L. „Ich, der mächtigste und intelligenteste Präsident, werde die ganze Welt zu einem einzigen Steuerparadies machen. Wenn die Steuern endlich alle abgeschafft sind“, fuhr der amerikanische Präsident fort unter begeistertem Hurra! seiner Anhänger, „dann werdet auch ihr alle wie ich zwangsläufig Milliardäre oder Multimilliardäre sein. Und wenn ihr gar nicht mehr wisst, wohin mit dem ganzen Geld, dann werden wir – wir sind ja alle keine Unmenschen, oder? – es ein wenig down triplen lassen und auch den Hungerleidern, von denen es ja immer welche geben muss, damit wir unseren Reichtum auch richtig genießen können, gern ab und an, wenn sie sich zu benehmen wissen, ein einfaches, gesundes – wegen Gefahr der Adiposität – nicht zu reiches Mahl spendieren.“
Nicht nur Trump L. oder Porsche Lindner wissen um den Charme des möglichst unermesslichen Reichtums. Aber unermesslich kann er ja nur sein, wenn der Teufel in Gestalt des Staates bzw. seiner Finanzbehörden ihn nicht messen und schon gar nicht etwas davon wegnehmen darf, um damit Straßen und Schulen zu bauen oder Vorsorge für die gesellschaftlichen Versager, d.h. die Armen und Kranken, zu treffen.
„Was du ererbt von deinen Vätern hast, besitz es, um es zu genießen.“ So ähnlich hat es ja schon Goethe gesagt. Er hat aber nicht gesagt: Gib anderen von deinem nicht verdienten Reichtum ab! Er war ja auch schließlich kein Kamel im Nadelöhr, sondern ein Dichterfürst.

  1. am besten 500€ []
  2. Doch, doch! Immer gerne! []
  3. Die kursiv gedruckten Zitate entstammen einem Kommentar von einem gewissen Olaf Gersemann in der „Welt“ www.welt.de/debatte/kommentare/article170381454/Es-ist-gut-dass-es-Steueroasen-gibt.html. Übrigens zeigte sich die Hälfte der Leser dieses Kommentars von ihm angetan. []

Betrug

Es ist ein Skandal: Die Macher der Polit-Talkshows wollen auf ihren Dauerteilnehmer Wolfgang Bosbach nicht verzichten. Aber wie sollten sie seine ständige weitere Anwesenheit rechtfertigen? Er hatte sich ja aus dem Dasein als aktiver Politiker zurückgezogen. Und die Position des „Elder Statesman“ war besetzt von Klaus von Dohnanyi. Die geniale Idee: dieselbe Person mit anderer Identität. Eine bloße Namensänderung würde nicht genügen. Bosbach musste also zum Chirurgen, denn ein neues Gesicht sollte er schon haben. Und mit einem Adelstitel ragt er aus dem gewöhnlichen Volk hervor. Mindestens ein „von“, oder super wäre Prinz Wolfgang, Freiherr von und zu oder Graf. Dann hatten sie die zündende Idee: Seitdem sitzt Wolfgang Bosbach als Graf Lambsdorf in den Talkshows. Es funktioniert. Bisher hat es niemand bemerkt.

Die Mitte ist nicht in der Mitte

Die Politiker sagen gern: Der Wähler ist nicht dumm.
Naja.
Der Wähler wählt die Mitte. Meistens. Glaubt man.
Schröder führt die SPD nach rechts, Richtung CDU. Und die Wähler wählen CDU.
Tillich und Seehofer führen die CDU nach rechts, Richtung AfD. Und die Wähler wählen AfD.
In Österreich reden SPÖ und ÖVP wie die FPÖ. Und immer mehr Wähler wählen FPÖ.
Das ist konsequent.
Die Politiker sagen gern: Wir sind ja nicht dumm.
Naja.
Sie haben zumindest Orientierungsprobleme: Sie suchen die Mitte, aber sie finden sie nicht.
Er habe manchmal den Eindruck, dass „die gesellschaftliche Mitte mittlerweile rechts von der CDU liegt“, sagte Ex-Bänker Jens Spahn von der CDU der Wochenzeitung DIE ZEIT.
Die Mitte nämlich beginnt rechts und sie endet rechts. Andernfalls ist die Mitte ist ganz einfach falsch lokalisiert. Es ist ein Irrtum, sie in der Mitte zu suchen. Da ist sie nicht. Sie ist eben nicht mittig, sondern rechts.
„Wir haben Platz gelassen rechts von der Mitte,“ sagte der CDU-Politiker Tillich gegenüber der Funke-Mediengruppe. Die Mitte ist ja nicht die Mitte, sondern die CDU. Aber wenn die CDU nur die Mitte ist, dann gibt es – was nicht schön ist – Platz links und rechts von der CDU, vor allem aber rechts. Denn links zählt nicht, weil da, wie jeder, z.B. Bild, RTL1, Schäuble, der Focus usw. usw., weiß, ganz einfach niemand sein darf  – Vorsicht, Populismus! – und deshalb auch kaum jemand ist. Aber rechts von der Mitte, d.h. von der CDU, d.h. von der Mitte, darf kein Raum sein. Das sagt auch Alexander Dobrindt, indem er den riesengroßen Strauß zitiert, es dürfe „rechts von der Union keine demokratisch legitimierte Partei geben“. Denn sonst ist ja die Mitte gefährdet: Völkische, Faschisten und Nazis gehören in die Mitte! Man darf sie nicht ausgrenzen, muss sie an die eigene Brust reißen, damit sie sich dort aufgehoben fühlen – in der Mitte. Sie müssen dann nicht mehr heimlich NPD oder AfD wählen, sondern wie alle anderen auch die Mitte, also Björn (Bernd?) Höckes CSU/CDU.
Wo ist die Mitte? Ist die Mitte in der Mitte? Unsinn! Weit entfernt!

Rechts sind Bäume, links sind Bäume,
und dazwischen Zwischenräume.
In der Mitte fließt ein Bach!
Ach!2
Ach?

  1. „Wir erreichen auf unseren Nachrichten die Mitte unserer Gesellschaft.“ RTL Chefin Anke Schäferkordt Süddeutsche Zeitung 24.10.17 []
  2. Kurt Tucholsky: Rechts und links []

Rettet die deutsche Wurst

-Entschuldigung, können Sie mir vielleicht sagen, wo ich die deutsche Leitkultur finde?
– Ist sie weggelaufen?
– Hören Sie: Sie ist bedroht. Sie wird uns gerade geraubt.
– Ach, sagen Sie mal, das ist ja unerhört. Wer sind denn die Übeltäter?
– Diese Kosmopoliten, die Multikultis, z.B. diese Integrationsbeauftragte Özoguz. Die hat schon so einen Namen, den man sich  kaum merken kann – statt Schröder oder Krause zu heißen oder Wiesengrund Adorno oder Rainer Maria Rilke. Und diese Özdings  behauptet, das Deutschtum, also das, was uns zu Deutschen macht, wäre nur die Sprache! Empörend! Was wird dann z.B. aus der deutschen Wurst, der Krakauer, dem Wiener Würstchen? Oder aus dem Zigeunerbraten? Oder der geilen Haxe mit Kraut? Sie sind doch mit der deutschen Seele verwachsen, und zwar seit dunkler Vorzeit – so wie das Reinheitsgebot des deutschen Bieres. Es geht doch um deutsches Brauchtum:
Die Schnecke nicht noch Frosch
schmecket dem Boche.
Doch isst er auch das letzte Fitzel
von dem Zigeunerschnitzel.
Oder was soll z.B. aus ihm werden, dem deutsche Kehrbesen? Düstre Verzweiflung presst mir den deutschen Busen. Schon halb erstickt entringt sich ihm der Ruf: Erwachet!

  1. in der Sendung vom 17.09.17 []