Mann, ist der aber fromm!

Einfach mal am späten Nachmittag auf die Einschalttaste an der Fernbedienung gedrückt: Da ist so ein älterer Mann mit ulkiger Frisur und ganz viele Menschen, die ihn anhimmeln. Was ist das? Folge 17 von „Sturm der Liebe“? Nein, die war vorher. Die wahrscheinlich wie üblich vom Band eingespielten Jubelstürme deuten auf eine Comdeyshow. Die Funkzeitung sagt: „Inauguration“. Das klingt spannend. Tatsächlich schießen sie auch. Aber sie verfehlen den dümmlich wirkenden Mann, obwohl er mit der rechten Hand deutlich Zeichen gibt.
Ach, was? Wirklich? Ja, klar, das ist die Vereidigung des neuen Präsidenten der USA? Den kennt man doch aus dem Fernsehen („You are fired!“).
Ooohhhh! Ganz große Show! Die Amerikaner – von Demokratie verstehen sie ja herzlich wenig, aber was Show angeht … Great! Da kann es nie genug sein. Da kann natürlich bei der Vereidigung auch eine einzige Bibel nicht genügen – die genügt allenfalls für einen Vize – , zumal wenn man ein unglaublicher, geradezu schon überdimensionaler Christ ist. Also packt man auf die schicke himbeerrot gefärbte Bibel noch eine andere etwas zerlesene – man liest ja andauernd darin – Bibel 1 Von weiteren Bibeln, geplant in midnightblue und chartreuse, hatte Frau Melania gebeten, die diesmal leider sehr prüde sogar Hände und Hals bedeckt hielt 2, Abstand zu nehmen; schließlich sollte sie ja den ganzen Haufen tragen.

  1. Dass gerade die ersten Seiten so zerlesen sind, rührt daher, dass hier die Entstehung des Menschen geschildert wird, und zwar viel anrührender als in der Evolutionstheorie.
  2. siehe dagegen http://www.gq-magazine.co.uk/article/donald-trump-melania-trump-knauss-first-lady-erections

Goldkalb

Kennen Sie Wilhelm Hoegner?
Nein.
Er war mal ein sozialdemokratischer bayrischer Ministerpräsident, obwohl er der damals noch linken SPD angehörte.
Nein.
Doch.
Heute steht die SPD in Bayern in Wählerumfragen bei 14%.
Nein. Das glaube ich nicht.
Doch, so ist es. Es gibt eben immer noch SPD-Wähler. Die vierzehn Prozent wählen noch immer stur SPD, weil sie in ihrer Verblendung glauben, die SPD sei immer noch die Partei, die sich für Gerechtigkeit auch gegenüber den Schichten einsetze, denen es fortwährend schlechter geht.
Man kann das geradezu als bösartig ansehen, da doch die SPD wie die anderen sozialdemokratischen Parteien gerade energisch ihre Selbstauflösung betreibt.
Nein, der politische Selbstmord gründet nicht darin, dass sie mutig die Umfragewerte ihres Vorsitzenden Gabriel ignoriert und ihn zum Kanzlerkandidaten küren will – es könnte durchaus vernünftig sein, an einem Kandidaten festzuhalten, der für das Richtige eintritt, wenn auch die Wähler es nicht erkennen wollen. Bösartig ist es vielmehr, dass sie in ihrer Verblendung die europäischen Sozialdemokraten daran hindern wollen, zielstrebig an ihrem Untergang zu arbeiten. Ob Blair, ob Schröder, ob Hollande – „sie ließen sich von ihrem politischen Gegner aufsaugen … Anstatt das System herauszufordern, haben sie sich zum aktiven Teil dieses Systems gemacht. Deswegen besteht kaum Hoffnung, dass die europäische Sozialdemokratie überlebt. Sie ist nicht mehr zu retten,“ sagt die belgische Politologin Chantal Mouffe und steht mit ihrer Meinung nicht allein. 1
Die Tendenzen ähneln sich weltweit: Bernie Sanders hätte in den USA  – das sagten Umfragen – bei den Wahlen gute Chancen gehabt, aber warum um Himmels willen sollte jemand Hilary Clinton wählen? Da haben sie lieber gleich direkt die Wall Street gewählt.

  1. in der SZ 29.12.16

Darf es etwas mehr sein?

Da lauscht man in der S-Bahn einem erschreckend dummen Gespräch zwischen zwei jungen Leuten, und am Ende stellt sich heraus, dass es angehende Lehrer waren.
„Du bist so töricht geworden, weil du Kinder unterrichtest! Du gibst ihnen dein bisschen Verstand, und sie lassen bei dir ihre ganze Dummheit. Ein Lehrer bist du, Mendel, ein Lehrer!“ Mit diesen wenig netten Worten beschimpft seine Frau den Lehrer Mendel
Singer. 1

Über Schulpolitik reden? Gefährlich!
Plötzlich muss man in der Ecke stehen, und zwar in der rechten.

Trotzköpfe leben gefährlich. Doch die Gefahr lässt uns das Leben intensiver wahrnehmen. Hat das nicht schon der Krieger Ernst Jünger gesagt oder sonst einer?Als in einer mündlichen Prüfung zum Hamburger Abitur die gut vorzensierten Schüler aus dem Leistungskurs sich als äußerst schwach erwiesen, wurde der verantwortliche Fachlehrer zur Rede gestellt und konterte: „Die waren so schlecht, dass ich ihnen gute Noten geben musste.“

  1. Joseph Roth: Hiob. In. Ders. Romane, Erzählungen, Aufsätze. Köln, Berlin 1964 . S. 204
  2. Auch beim Abitur hatte die Hamburger Behörde zunächst vorgesehen, dass ein Lehrer der eigenen Schule und zwei  fremder Schulen über die Note des Schülers entscheiden sollten. Naiv! Hui, wie schnell sie das  wieder zurückgenommen haben!
  3. https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Zentral-Abi-Aerger-um-miese-Probe-Klausur,abitur282.html

Pssst, geheim!

Der IWF meint: „Griechenlands Verschuldung ist in hohem Maße untragbar und kein noch so großes Paket von Strukturreformen kann die Schuldenlast tragbar machen ohne einen signifikanten Schuldenerlass.“
Wissen wir.
Aber wollen und sollen wir doch nicht wissen.
Insofern ist es unverschämt, dass der IWF sein Urteil auch öffentlich äußert.
Ein Sprecher des Euro-Rettungsfonds zeigt sich entsprechend empört: „Wie hoffen, dass wir zu der Praxis zurückkehren können, Verhandlungen mit der griechischen Regierung vertraulich zu führen.“
Da hilft es natürlich auch nichts, wenn der IWF mit seiner Aussage nur auf eine öffentliche Forderung der EU nach einer noch schärferen Sparpolitik Griechenlands reagiert hat.

Brasilien, nun mach schon!

Was haben wir uns gefreut, als in Brasilien Michel Temer putschte, indem er Dilma Roussef in einem zugegeben dubiosen Amtsenthebungsverfahren absetzte und an ihre Stelle trat: Olympisches Gold im Klassenkampf!
Zwar wussten wir, dass er und seine Leute reichlich korrupt waren – so musste er sechs seiner Minister in den ersten Monaten wegen Korruptionsvorwürfen entlassen und er selbst wird auch von einem wegen Korruption verurteilten Bauunternehmer schwer belastet -; zwar wird er momentan von weniger als zehn Prozent der Bevölkerung unterstützt, aber das alles wiegt wenig angesichts seiner wirtschaftsfreundlichen Reformansätze (Haushaltsbremse auf Kosten der Bildungs-, Gesundheits- und Sicherheitssysteme, also auf Kosten der Armen 1), die das Land wieder für Spekulanten bzw. Investoren interessant machen sollen. Wenn sich bisher die Krise leider nur verschärft (Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um 0,8% gesunken)hat, so besagt das überhaupt nichts, weil laut dem neoliberalen Naturgesetz sich am Ende todsicher alles zum Guten wenden wird.

  1. Ein Berater der UNO soll von einer „Verletzung der Menschenrechte“ gesprochen haben. Ts, ts!