Grauen gefällig

– Hat nicht ein jeglicher Mensch Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als jeder andere? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?
– Ja, alles gut und schön, aber die Hautfarbe, die Kleidung, die Sprache! Das ist doch irgendwie anders. Letztlich gar nicht vergleichbar. Es ist ja auch nicht so, dass wir gar kein Herz hätten. Und wenn wir euch stechen, vergiften, anzünden, in die Luft sprengen, dann tun wir das mit Bedauern, denn wir sind ja keine Unmenschen.
Oder doch?
„Wenn Abends beim Feuer Geschichten erzählt wurden, wobei einem die Haut schaudert, so sprachen die Zuhörer manchmal: ,Ach, es gruselt mir!‘ Der jüngste Sohn saß in einer Ecke, und hörte das mit an, und konnte nicht begreifen, was es heißen sollte“, so erzählt es das Märchen „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“.
Das Grauen vor dem Menschen kennt ihr nicht? Ihr glaubt an das Gute im Menschen und meint, dass wir doch alle Menschen, d.h. menschlich, sind, ob wir nun Meyer heißen, Schulze oder Höcke. Dann soll euch ,die Haut schaudern‘.

 

Die deutsche Neidkultur ist eine Plage

„Neid richtet beachtlichen Schaden an. Er vergiftet nicht nur die eigene Seele; er führt auch zu unerträglichen Diffamierungen. Wie soll man etwa Beschimpfungen des ehemaligen SPD-Vorsitzenden, Oskar Lafontaine, bewerten, der reiche Bürger pauschal als ,Vaterlandsverräter‘ apostrophiert, die ,den Staat durch Steuerhinterziehung und Kapitalflucht untergraben‘? Oder wie hat man Forderungen von SPD-Ministerpräsidenten einzuordnen, die wohlhabenden Bürgern eine Vermögenssteuer aufzwingen und damit die Substanz der Vermögen angreifen wollen?“ So fragt der Präsident des Industrie- und Handelstages Georg Ludwig Braun.1
Ja, sag mir doch mal einer, so fragt das FDP-Mitglied Braun, den das Manager Magazin „überraschend spontan und progressiv“ nennt, „wie soll die Wirtschaft funktionieren, wenn durch eine Vermögenssteuer sogar die „Substanz der Vermögen“ angegriffen wird? Wo doch das Vermögen „der Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen“ dient. Denn wenn die Unternehmer arm sind, bleibt kein Geld für Investitionen. Und das dann noch aus dem Mund von Lafontaine, also jemandem, der selbst vermögend ist.

  1. „Die deutsche Neidkultur ist eine Plage“. In: Welt N24. www.welt.de/print-welt/article323244/Die-deutsche-Neidkultur-ist-eine-Plage.html []
  2. Süddeutsche Zeitung 9.2.17 []

Köstlich, dieser Trump!

Hihi! Manchmal geht es doch auch ganz lustig zu in der Politik. Schon allein dieser Trump. Wie er – noch als Präsidentschaftskandidat – Stunden nach einem Besuch beim mexikanischen Präsidenten über den Mauerbau verkündete: „Sie wissen es noch nicht (hihi!), aber sie werden zahlen.“ Da möchte man doch am liebsten sich und allen möglichen anderen auf die Schenkel schlagen, außer Melania, deren Schenkel wir nur sanft tätscheln würden. Und wenn man diesen ölig glatt gekämmten Schönling von mexikanischem Präsidenten namens Nieto (so heißt er wirklich) sieht, der dank mafioser Unterstützung an die Macht gekommen war und zunächst Trump in einem „herzlichen, freundlichen, respektvollen Gespräch“ („a cordial, friendly and respectful conversation“) zur Wahl gratuliert hatte und der dem Gespräch entnommen hatte: „We both agreed that we must work towards a relationship of trust“ und der selbst 200 000 Menschen, Honduraner, Haitianer, Guatemalteken, Honduraner, im Jahr 2016 ausgewiesen hatte, dann kann es schon geschehen, dass einem im tiefsten geheimen (pssst!) Inneren ein schadenfrohes Glucksen entfährt bei der Lektüre von Trumps Twitter-Botschaft über die Mexikaner: „They are killing us at the border and they are killing us on jobs and trade. Fight!“ High Noon! John Wayne gegen Enrique Nieto. Hihi, kann sein, dass Nietos elegante, maßgeschneiderte Hose nicht ganz trocken bleibt. Hihi.

Geheimnisvoll verrakelte Zonen

Aufregung in der Kulturszene! Breaking News von Gerhard Richter, „der als bedeutendster lebender Maler gilt“: „Richter hat früher die Bildflächen geteilt, als könne er den Himmel aufreißen lassen – jetzt darf Farbe herabregnen.“ 1
Aber was die Sache noch spannender macht, ist wieder mal das, was nicht zu sehen
ist 2. Das ist im Grunde das, worum es geht, das geheimnisvolle Nichts. Hatte die Expertin Cathrin Lorch schon ehrfürchtig gestaunt über die Birkenau-Bilder 3, in denen von Birkenau nichts zu sehen war, aber möglicherweise Fotos vom Vernichtungslager über- oder, wie sie sagt, „ver-malt“ waren, so soll auch hier das mit religiöser Inbrunst verehrte Malgenie Mystisches geäußert haben: „Richter selbst (!) soll während der Arbeit im Museum vergnügt (!) erzählt haben, unter den Farbgewittern gäbe (sie meint hier natürlich: „gebe“) es noch einiges, das jetzt wie weggewaschen ist. Landschaften beispielsweise, tiefe Horizonte, Lanzarote“, und zwar in fotorealistischer Malweise. Oha! Da kann die Lorch natürlich ohne weiteres prophezeien: „Das Publikum wird nach solchen Ansagen vor allem die tiefer liegenden, in Lila und Grau verrakelten Zonen erforschen“. Denn es ist ja einfach „unmöglich, jetzt solche Panoramen mir Blicken zu durchwandern, ohne an das zu denken, was dort womöglich verborgen ist.“ Sie verweist dann auch selbst auf die Birkenau-Bilder, von denen sie nun 4 behauptet, dass hier Fotografien „schlussendlich von ihm wieder mit Abstraktionen zugemalt worden“ waren: „Sie waren da – blieben (bleiben?) aber unsichtbar.“ Huhuu, huhuuuu!

  1. Süddeutsche Zeitung 9.2.17
  2. vgl. auch Beitrag vom 3.2.16 „Nein, ist das aber fein!!“, in dem Cathrin Lorch wieder nach dem Nicht-Abgebildeten im Bild sucht
  3. vgl. Beitrag vom 25.3.15 „JP Morgans Anlagetipp: Kämme im Kommen“
  4. Vorsichtiger hatte sie in der Rezension vom 13.3.15 noch gemeint: „Nun stellt sich die Frage, ob er die vier Fotografien überhaupt je auf die ,weißen Leinwände‘ übertrug.“

Lothar de Dodola

Von der Stirn des kaiserlichen Rates Dodola (aus der Siebensterngasse) heißt es, dass sie „Schauplatz eines nicht alltäglichen Naturschauspieles“ war: „In den Momenten höchster Erregung bildeten seine geschwollenen Zornesadern ganz deutlich das inhaltsschwere Wörtchen ,WAUWAU‘.“ 1
Da bei Lothar de Maizière ein gleiches Naturschauspiel jede Aura der kostbar-unerhörten Seltenheit verloren hat, kann man nur wieder einmal über den allgemeinen Niedergang klagen.

  1. Fritz von Herzmanovky-Orlando: Rout am Fliegenden Holländer. In: Ders. Sämtliche Werke Bd 2. Salzburg, Wien 1984. S. 21