Unwiderstehlich

Meist fragt man sich ja, warum man seine Zeit damit vergeuden soll, das gespreizte Blabla des Feuilletons zu lesen. Manchmal aber erhellt es Probleme, von denen man vielleicht gar nichts wusste. So fragt z.B. Joseph Haniman in der „Süddeutschen Zeitung“: „Warum nehmen die Franzosen den Streik der Eisenbahner so gelassen hin?“, und es ist das große Verdienst Joseph Hanimans und der „Süddeutschen“ das Problem nicht nur aufgezeigt, sondern auch gelöst zu haben. Denn Haniman stellt nicht nur die richtige Frage, als Connaisseur der französischen Seele weiß er auch die Antwort, eine Antwort, die es uns wie Schuppen von den Augen fallen lässt: „Weil der Lokführer eine heroische, unwiderstehliche Figur der französischen Kunst ist.“
Ach ja, die Franzosen und ihre Kunst.
Im Zusammenhang mit einer Buchrezension erfahren wir auch: „Viele Bücher tragen ein ,und‘ im Titel. Lange wurde die Konjunktion wenig beachtet. Dabei könnte sie wichtiger kaum sein.“ – „Die zunächst aberwitzig belanglos erscheinende Frage, welche besondere Bedeutung dem ,und‘ in dem jeweiligen Werk zukommt, führt auf direktem Wege zum Verständnis des Werks.“ Ein Beispiel ist Tolstois „Krieg und Frieden“: „Wer das ,und‘ im Titel nicht versteht, kann auch das Buch nicht begreifen.“ (Mit „Buch“ ist hier der Roman gemeint.)
Das ist nur allzu wahr: Machen wir das Experiment und lassen das ,und‘ weg, bleibt nur „Krieg Frieden“. Welche Entstellung! Oder noch schlimmer: Ersetzen wir das „und“ durch ein „weder – noch“: Weder Krieg noch Frieden! Wie so ein banales Bindewort hier eine Verbindung zwischen Gegensätzen herstellt, das ist echt der Hammer“!

O süßer, O freundlicher, O gütiger Herr Söder

Ooooh, Mann, ist der aber fromm! Zwar betet die bayrische CSU-Prominenz gerne vor Kameras in der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Tuntenhausen, und Seehofer feierte gar mit Papst Ratzepepi (Benedikt XVI.) dessen 90. Geburtstag; aber Söder übertrifft natürlich alle: ER, Söder, ließ sich neben IHM betend in der Grabeskirche in Jerusalem ablichten1. Denn die beiden verstehen sich. Mit IHM und seinem Intimfeind Seehofer vereint Söder u.a. auch die Liebe zu Kindern: „Lasset die Kinder zu mir kommen!“ Davon kann man gar nicht genug bekommen, und ein gütiger Söder freut sich, wenn die Potenz nicht nur für die vier ehelichen, sondern auch für ein uneheliches Kind reicht. Das ist gut für die Renten, und man ist ja kein Pharisäer. Allerdings möchte der freundliche Mann, dass Eltern weniger Sozialhilfe und Kindergeld bekommen sollen, wenn sie sich erkennbar nicht um ihre Kinder kümmern. Da ficht es den süßen Söder, der keine Sozialhilfe bekommt, nicht an, wenn die Mutter seiner unehelichen Tochter in der „Bunten“ klagt, dass er seine Tochter so wenig besuche. Denn erstens hat ein Söder nun wirklich viel zu tun, weil er z.B. überall Kreuze aufhängen muss, und daher erkennbar wenig Zeit, und zweitens ist die Frau vielleicht gut gebaut, aber wahrscheinlich genauso wenig fromm wie die ganze unheilige Flüchtlingsbagage. Es ist ein Kreuz.

  1. http://www.sueddeutsche.de/bayern/jerusalem-markus-soeder-ein-frommer-lehrling-der-internationalen-politik-1.2918738 []

Wir müssen das differenziert anschauen.

Hurra! Wir haben eine neue Landwirtschaftsministerin. Es ist – schmackel, schmackel bunz, bunz!! – Julia Klöckner, die ehemalige Weinkönigin (oder war sie nur Prinzessin?). Sie ist nicht nur von Traubenadel, sondern auch äußerst kompetent, denn – hört! hört! -: „Ich bin auf einem Hof groß geworden.“ Zwar hat sie mit Gülle und Kuhscheiße wenig zu tun gehabt, es war ein Winzerbetrieb, aber auf dem Foto, das die „Süddeutsche Zeitung“ ihrem Interview beifügte1, sieht man sie mit zwei ausgesucht prächtigen Kuhärschen auf einem Hof der Milchwirtschaft. Sie ist zwischen den Ärschen in der Mitte die Blondine, die Gummistiefel trägt und sich gerade, auf eine Art Mistforke gestützt, einen Augenblick von schwerer Arbeit erholt. Das Foto lässt uns hoffen. Denn sie muss äußerst akkurat gearbeitet haben: Sowohl die rosa Bluse mit weißem Kragen als auch die frisch gewaschene Jeans strahlen vor Sauberkeit. Alle Achtung!
Frau Klöckner, die sehr fotogen zu lächeln weiß und auch ihre intellektuelle Qualität einst als Quizprinzessin bewies2, offenbart im Interview eine geradezu unheimlich anmutende strahlende Weisheit.

  1. Foto Tobias Koch/CDU Rheinland-Pfalz []
  2. http://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_79645842/-wer-wird-millionaer-julia-kloeckner-blamiert-sich-bei-jauch.html []

Gefährliche Linie

Die Meldung lautete: Die israelische Arbeiterpartei Awoda „suspendiert die Beziehungen“ zu Jeremy Corbyn von der Labour Party
Was fangen Journalisten damit an?
Dieser Schritt sei von „hoher Symbolkraft“, meinen Alexandra Föderl-Schmid und Cathrin Kahlweit meinen zu müssen1.
Hoch symbolisch wofür? Natürlich für den – unterschwelligen? – Antisemitismus Corbyns.
Corbyn habe, so Avi Gabbay, der Vorsitzende von Awoda, die „gefährliche Linie zwischen legitimer Kritik an der israelischen Politik und Antisemitismus überschritten“.
Ach, kann es das wirklich geben: legitime Kritik an der israelischen Politik? Gibt es tatsächlich so eine Linie, die Kritik an Netanjahus Politik von Antisemitismus unterscheidet?2 Wann ist es „gefährlich“? Es kommt ja immer wieder vor, dass jemand in einem friedlichen Zusammenleben von Palästinensern und Israelis die Garantie für die Zukunft der Einwohner Israels sieht, dann aber erkennen muss, dass die Sorge um das Schicksal der Juden in Israel leider Antisemitismus war. Wie bzw. wo hat Corbyn diese gefährliche Linie überschritten?

  1. Süddeutsche Zeitung. 12.4.18 []
  2. Wir leben schließlich auch schon in der ständigen Furcht, dass uns Spott über die Frisur von Donald Trump als Antiamerikanismus ausgelegt wird. []

Und er sah, dass es gut war

Es lebte einst und lebt noch heut ein Jüngling fortgeschrittnen Alters (insofern also kein Jüngling mehr) mit blondem Haar (ob das Haar wirklich blond war oder gefärbt, weiß man allerdings nicht so genau)  in einem Haus, das groß mit einem exquisit ovalen Zimmer mit Vorhängen wie Gold und lauter bunten Fahnen. Auch hatte er einen ziemlich großen Tisch mit einer riesigen Mappe und in der Mappe riesige Bögen kostbaren Papiers, auf die er jeden Tag in riesigen Lettern seine Unterschriften setzte, was eine riesige Menge Menschen, mit offenem Mund von riesiger Bewunderung betrachten durften.

Doch der alte Junge fühlte sich einsam. Er blickte in den Spiegel. Und wen sah er dort? Sich selbst! Super! Sich selbst! Super! Aber immer nur sich selbst. Das war nicht mehr super, sondern sehr, sehr traurig. Gab es denn in der großen weiten Welt niemanden, der einen ähnlich großen Schreibtisch in einem ebenso schönen Haus mit goldenen Vorhängen und bunten Fahnen besaß?

 

  1. Laut Süddeutscher Zeitung (Christian Zaschke 4.4.18) erzählen Trumps Mitarbeiter, Putin, Erdogan und Xi Jingping seien Trumps Lieblingspolitiker. []