Oh je, die Börse weint!

Alle sind traurig; die Börse weint:
Die Börse weint – können wir jubeln? Rrrrraus!! Sie sind raus! Die ewig quengelnden neoliberalen Hooligans von der Insel sind raus! Lasst sie weiter über die Wellen herrschen. Das Meer ist viel zu salzig, als dass die gefräßigen und durstigen Briten es ganz austrinken könnten!
Warum das Geheule? Werden die Briten all das, was sie aus Deutschland importierten, jetzt selbst produzieren?
Das Bankenzentrum Frankfurt freut sich. Die Frankfurter fürchten dagegen Auswirkungen auf dem Wohnungsmarkt, wenn jetzt lauter nette zahlungskräftige Börsianer von London nach Frankfurt wechseln wollen. Büroraum ist ausreichend vorhanden. Wohnraum könnte allerdings teuer werden. Dafür erhält Frankfurt durch den Zulauf junger, ehrgeiziger, weltgewandter Bänker ein noch schöneres Flair. Dass Geld nicht stinkt, versteht sich. Es sind die Menschen mit dem Geld, die oftmals stinken. Aber sie haben genug Geld, um sich Eau de Cologne zu kaufen.
Die Börse weint – können wir jubeln? Ach, dass sich nur niemand einbildet, die Kontrolle der internationalen Finanzmärkte hätte jetzt eine Chance. Da gibt es ja noch Luxemburg und … und … . Wer will sie denn ernsthaft?
Blöd, dass die Fremdenfeindlichkeit vorherrschendes Motiv für den Entscheid war. Nun müssen die englischen Nationalisten, die potenziellen („no, never, never!“) Sklaven der „Polacken“, ihre Unionjackkleider aus dem Wahlkampf beschmutzen und selbst ihren schmerzenden Rücken beugen, um die Früchte des Feldes zu ernten. Dann mal los, ihr freien Briten! Frisch ans Werk für frische Früchte!
Die Börse weint – können wir jubeln? Wenn sich jetzt, wie angedroht, die EU-freundlichen Schotten von den Engländern trennen und in der EU bleiben, würde sich dort vielleicht das Übergewicht der Neoliberalen etwas vermindern?!
Aber dann weint ja Schäuble. Er ist so schon schwer geschockt, dass er nun ohne seinen Kampfgenossen Cameron auskommen muss, weil der den Briten zu wenig thatcheresk war. Dabei waren sie ihrem Kumpel in der EU doch so entgegengekommen mit all den Sonderregeln für die Briten. Wären die Briten in der EU geblieben, hätten sie noch mehr davon gefordert und bekommen, was auch die anderen Egoisten in dieser wunderbaren ,Gemeinschaft‘ zu noch mehr Forderungen an den Selbstbedienungsladen motiviert hätte. Am Ende hätte der Euxit gestanden, der Austritt der EU aus der EU.

Sensibel

Manchmal muss ein Politiker, auch wenn er Schäuble heißt, sehr sensibel sein. Die nächsten Wahlen kommen trotz AfD.  Also muss der arme Schäubele den unvermeidlichen Schuldenschnitt für Griechenland, den ja der verehrte IWF fordert, aber gegen den Schäuble die Deutschen aufgehetzt hat, bis nach den Wahlen hinausschieben.
Die Wähler werden es bis zu den nächsten Wahlen schnell vergessen haben. Aber vor den Wahlen lieber noch einen Köder auslegen: Steuersenkungen sind sehr, sehr populär –  obwohl der Staat momentan viel Geld für Investitionen benötigt. Denn Steuersenkungen finden die BILD-Leser immer gut, Steuererhöhungen finden sie immer schlecht. Für Steuersenkungen würden sie glatt auf Schulen und Straßen verzichten. Wer Steuern senkt, ist ein ganz Lieber.
Aber, so fragt sich Schäuble insgeheim, Steuersenkungen müssen her, aber für wen? Am besten sollte man  den „Leistungsträgern“, die ja nur von ihren Kapitalerträgen leben müssen, – als Gegenleistung für ihre Unterstützung im Wahlkampf – noch ein wenig mehr Entlastung verschaffen. GeldMit den Erleichterungen bei den Erbschaftssteuer ist es möglicherweise nicht getan. Sie sind sehr anspruchsvoll. Jedenfalls eine übertriebene Sensibilität gegenüber den Unterprivilegierten angesichts steigender Armut kommt nicht in Frage: Oh, um Himmels willen, bitte nicht, nein, nein!  Er hat einen Ruf zu verlieren. Er heißt nicht Neudecker.

Des Künstlers Wegweiser zum Erfolg

Aufgepasst, ihr aufsteigenden Künstlerkometen am Markthimmel!
Wer sich als Künstler am Markt behaupten will, muss im Gespräch bleiben. Er muss nichts Originelles, aber Ungewöhnliches tun, damit die Leute sagen: Aha, der nun wieder. Hoho, typisch Künstler!
Ach, das wusstet ihr nicht? Glauben wir nicht! Wir fahren also fort mit unserer kleinen Einführung ins Künstlerdasein.
Man sollte sich ungewöhnlich kleiden,
um Himmels willen möglichst nicht seriös mit Anzug und Krawatte rumlaufen. Das ist langweilig!!!! Jeder echte Künstler weiß das. Nehmen wir z.B. Jonathan Meese: „Im Grunde ist auch er selbst, seine ganze Erscheinung, ein Bild. Das lebende Porträt eines Künstlers namens Jonathan Meese.“ 1Das ist schon mal großartig. Das peppt die Werke um ein paar tausend  Euro auf.
Es hilft auch, wenn man sich zudem ungewöhnlich verhält. Tabus (Hitlergruß) brechen zieht immer.
Aber ein Tabu darf man auf keinen Fall brechen: in Bezug auf seine Kunst von Geld zu sprechen, gar 
zuzugeben, dass man mit seinen Werken ein bohemienhaftes Dasein finanzieren möchte. Einen Künstler darf Geld nicht interessieren; er tut alles nur selbstlos im Dienste der heiligen Kunst. 2
Als Vorbild kann hier wieder Jonathan Meese dienen.
Interviewfrage an den Künstler Meese:
Viele Künstler sprechen über Geld, als sei es etwas Schlimmes, Schmutziges.
Meese: Das sagt man ganz oft, wenn man erfolglos ist. Das habe ich auch gesagt. Wenn man das Geld dann verdient, merkt man, dass es egal ist.


Wer forscht, der findet.

Forscherschweiß bringt immer wieder wertvolle Erkenntnisse hervor. Wie kommt es, dass ein simples Kunstwerk Millionen Euro kostet?
„Aber dass ein in Formaldehyd gepackter Hai von Damien Hirst zwölf Millionen Dollar wert ist, das lässt sich weder mit der teuren Herstellung erklären noch damit, dass er den Leuten so gut gefällt.“ Dieses erstaunliche Faktum ist dem Wirtschaftssoziologen Jens Beckert aufgefallen.
Problem erkannt, Problem gebannt! Seine Erkenntnis lautet, dass der Preis eben ein soziales Konstrukt sei, entstanden durch die Kommunikation von einzelnen Akteuren auf dem Markt, Galerien, Kuratoren, Kunstkritikern, Kunden. 1
Ach so!

  1. Süddeutsche Zeitung 14.6.16 S.16

Ach, Mensch!

Wenn da so ’ne Oma mit dem Fahrrad umgekippt ist und nun hilflos auf der Straße liegt und ihre Einkaufstasche neben ihr auf dem Boden mit herausgefallenem, gut gefülltem Portemonnaie liegt und du gerade zufällig vorbei kommst und vorher gerade überlegt hattest, wohin du mit deiner Familie in den Ferien fahren sollst, ohne dass es zu teuer werden darf, dann gebietet es doch die Vernunft, ja, es ist geradezu deine Pflicht gegenüber der Familie, die Gelegenheit, die dir das Schicksal bietet, zu ergreifen. Oder meinst du, es wird dir im Jenseits gelohnt, dass du das Geld liegen lässt?
Oder wenn einer besiegt am Boden liegt, das zeigen uns die Hooligans bei der Fußball EM, dann ist das eine herrliche Gelegenheit, ihm auf den Kopf und in den Bauch zu treten. Das wissen auch Politiker wie Herr Schäuble.
Die Pflicht gebietet es den Politikern, auf moralische Gefühlsduselei zu verzichten und alles Geld, das ihnen die EU bietet, zu kassieren, ohne Rücksicht auf irgendwelche versprochenen Gegenleistungen. Und wenn einige Politiker im Interesse der Gemeinschaft die Steuerschlupflöcher verstopfen wollen, von denen einige andere Länder gerade deswegen profitieren, weil sie mit ihren gewährten Steuervorteilen die anderen unterbieten und auf deren Kosten Geld verdienen, dann ist es die Pflicht von Luxemburg, Irland o.ä., ihr Veto einzulegen. Sonst könnten die Shareholder bzw. die Wähler klagen.
Der Brexit ,droht‘; die Briten sind nämlich nur die Opfer. Die armen müssen immer nur zahlen. Da zählt es kaum, dass sie mit ihrem Veto alles verhindert haben, was in irgendeiner Weise die Finanzindustrie einschränken könnte, weil das ja ihrem Finanzplatz London geschadet hätte, mit dem sie soviel Geld verdienen.
Es gibt Menschen, die sich mit Mitmenschen solidarisieren, sich aufopfern für sie, ihnen in ihrer Not beistehen, ja ihre Bestimmung, ihren Lebenszweck darin finden. Und es gibt Menschen, die das bewundern. Aber würden sie so jemanden als Politiker wählen?!
Ein solches humanes Verhalten zu fordern ist weltfremd. Das tut aber Heribert Prantl, der bei den Rechts“populisten“ „die Missachtung der Humanitas“ beklagt, „die sich auf der Anerkennung der Würde des Menschen gründet, ohne Unterschied von Herkunft, Rasse und Religion“. Die ,Rechtspopulisten‘ eine „ein hedonistischer , nationaler Egoismus“. 1
Was hat er denn nur gegen Egoismus? Sollen wir alle Rupert Neudecks sein?
Die Antwort überlassen wir dem Schutzmann aus Franz Kafkas Erzählung:
„Gib’s auf, gib’s auf“, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

  1. Süddeutsche Zeitung 18.6.16